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Wirbelstürme sind keine Ausnahme mehr. © Des Syafrizal / WWF
Guatemala und der Klimawandel


von TaniaTukan
07.06.2013
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Land der Bäume – das bedeutet der Name Guatemala. Aus dem Namen Cuauhtemallan, wie die prekolumbianischen Tolteken ihr Land bezeichneten, machten die Spanier Goathemala und schließlich Guatemala. Als diese hier ankamen, war dieser Name noch berechtigt – und heute?

Ich mache gerade einen Freiwilligendienst in diesem zentralamerikanischen Staat. Nach 2 Monaten ist mein Spanisch gut genug, um mich mit den Menschen hier über den Alltag, die Politik und auch Umweltthemen unterhalten zu können. In diesen ersten 2 Monaten habe ich so einiges gehört, gesehen, gelesen und gelernt – Zeit, euch daran teilhaben zu lassen.

Umweltschutz wurde in Guatemala lange als Hemmungsfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung angesehen: Viele Menschen leiden unter Hunger, der erst 1996 beendete, 36 jährige Bürgerkrieg bietet auch heute noch politischen Sprengstoff, soziale und humanitäre Missstände sind wichtige zu beseitigende Probleme.

Da hatte der Gedanke an Naturschutz lange keinen Platz in der Öffentlichkeit.
Bis 2005.
Spätestens der Wirbelsturm Stan, der das Land über die Maßen stark traf, machte bewusst: Der Klimawandel trifft auch Guatemala, und wird es in Zukunft noch stärker tun.

Hier liegt eine große Ungerechtigkeit: Obwohl diese winzige Region quasi nicht zum Klimawandel beträgt (Lateinamerika als Ganzes verursacht gerade mal 7% des weltweiten Treibhausgas-Ausstoßes), werden in Zentralamerika die Folgen mit am stärksten sein, denn es liegt in ungeschützter geografischer Lage zwischen den zwei Ozeanen Atlantik und Pazifik.
Nach Studien des im Jahr 2000 gegründeten Umweltministeriums MARN (Ministerio de Ambiente y Recursos Naturales) werden die Temperaturen in Guatemala allein bis 2020 um 1,7°C steigen!
Die Folgen: Weitere Ausbreitung der Infektionskrankheiten Malaria und Dengue-Fieber, schon heute Todesursache Nummer 1 in den tropischen Landesteilen. Extreme Dürreperioden im Hochland, wo der Großteil der rund 12 Millionen Guatemalteken beheimatet ist und von Subsistenzwirtschaft lebt. Schon heute ist die guatemaltekische Regierung nicht in der Lage, über Hungersnöte hinwegzuhelfen, die staatlichen Nahrungsreserven sind leer.

Dabei ist Guatemala ein unglaublich üppiges Land. Wenn ich zu Anfang über die Märkte geschlendert bin, konnte ich meinen Augen kaum trauen ob der riesigen Obststände, den Mangotürmen und den keulengroßen Papayas. Mais, das Hauptnahrungsmittel, wird hier mehrmals jährlich geerntet. Durch die landschaftliche Vielfalt von tropischem Tiefland, Kiefernsavannen bis hin zu Berg- und Nebelwäldern im milden Hochland und das ganzjährig warme Klima (mit 2 Regenzeiten in Frühling und Herbst) ist die Auswahl an (Feld-) Früchten groß und von zu Region zu Region verschieden.

Was da völlig absurd erscheint ist leider Realität: Hunger trotz Überfluss.
Das Warum ist schnell gefunden: 2/3 der landwirtschaftlichen Flächen befinden sich in der Hand von 2% der Bevölkerung. Viele Bauern sind landlos und müssen durch das Land ziehen, um zu schlechten Bedingungen und Löhnen (die die fünf-, sechs-, sieben- zehnköpfigen Familien nicht ernähren können) auf den Plantagen der Großgrundbesitzer und Konzernen zu arbeiten. Was hier produziert wird – Kaffee, Bananen und Zucker hauptsächlich – wird exportiert. Die geringen Gewinne für landwirtschaftliche Erzeugnisse sind interessanter als die Bekämpfung des Elends im eigenen Land.

Von den einstmals das gesamt Land überziehenden Wäldern sind nur noch 35% übrig. Der Löwenanteil musste zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Bananenplantagen der US-amerikanischen Fruit-Company weichen, heute Chiquita. Heute befindet sich das widerrechtliche oder zu betrügerischen Spottpreisen angeeignete Land zwar nicht mehr im Besitz dieses feinen Konzerns (über den ihr auf WWF-Jugend so einiges nachlesen könnt), trotzdem geht die Rodung weiter.
Auch die Fleischnachfrage ist daran nicht unschuldig. Fleisch und Futtermittel zum Export brauchen Platz, aber auch in Guatemala, dessen indigene Bevölkerung vor Ankunft der Spanier vegetarisch lebte, ist die Fleischanfrage und die Fastfood-Ketten-Dichte stark gestiegen.
Die ca. 35 000 km² guatemaltekischer Wald sind nicht unbedeutend für den internationales Klimaschutz: In einem Zyklus von 5 Jahren neutralisieren sie momentan ca. 14 Millionen Tonnen CO². Wirklich interessant ist das Aufforstungspotenzial: 89 Millionen Tonnen könnten es werden!

Dieses Wertes ist man sich inzwischen auch auf politischer Ebene deutlich bewusst. In Art. 67 und Art. 97 ist der Schutz der Umwelt verfassungsrechtlich festgeschrieben. Insbesondere der Schutz der Wälder und die Aufforstung werden hervorgehoben (Art. 126). 1996 wurde auch explizit die Bedeutung der Wälder in Bezug auf den Klimaschutz ins Forstgesetz aufgenommen.
Nicht nur an diesen Maßnahmen könnte sich so manches Industrieland ein Beispiel nehmen: Obwohl Guatemala wie bereits beschrieben viele andere Probleme hat und zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, hat es Kyoto unterschrieben und ist seinen daraus resultierenden Verpflichtungen nachgekommen. Außerdem richtete es 2005 ein Büro für saubere Entwicklung ein.

Aufforstung: Der Wald des Vulkans Tajumulco wurde brandgerodet. Allerdings nicht aus landwirtschaftlichen Interessen, sondern während des Bürgerkrieges vom US-amerikanisch-guatemaltekischen Militär, um die Guerilla aufzuspüren - erfolglos.

Das grundlegende Problem sind die finanziellen Mittel, die an allen Ecken für die Umsetzung fehlen.
Aber das kann nicht alles entschuldigen, denn selbst an grundlegenden, einfachen Sachen im Land schlampert die rechte Regierung unter Otto Pérez: Im Katastrophenschutz hat sich immer noch nicht viel getan. Obwohl Müll inzwischen vielerorts recycelt wird, fehlt es offenbar an einer staatlichen Aufklärungskampagne zu mehr Umweltbewusstsein. So ist es für mich leider zum alltäglichen Bild geworden, dass Müll einfach dort weggeschmissen wird, wo er anfällt – also auch mitten in der Natur. Dort, wo es ausreichend Wasser gibt, kümmern sich die Leute weniger um den Verbrauch, denn die Wasserrechnung wird pauschal und nicht gemessen am Verbrauch bezahlt.

Andere Dinge wiederrum sind positiv hervorzuheben, auch wenn sie nicht immer aus Umweltbewusstsein sondern auch aus den landestypischen Gegebenheiten entstehen: So wird in den ländlichen Gebieten auf einem sehr lange die Wärme speichernden Holzofen gekocht (und in meiner Familie so gleichzeitig das Duschwasser erwärmt). Auch sieht man anders als in Deutschland eigentlich nie ein Auto, wo nur eine Person drinsitzt. Aufgrund der niedrigen Buspreise ist hier der öffentliche Personenverkehr mehr als ausgelastet – voll ist der Bus erst, wenn 3 Personen auf einer 2er-Bank sitzen und der Gang dazwischen so voll, dass nicht mal mehr der Fahrgeldeintreiber richtig durchkommt.

Lokaler und persönlicher geht’s im nächsten Bericht weiter.
Bis dahin – Liebe Grüße aus Guatemala!

 

© Tania Tukan

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Kommentare (5)
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09.06.2013
TaniaTukan hat geschrieben:
@KrksUla: mein projekt hier ist gegensatnd des nächsten artikels ;)
09.06.2013
gelöschter User hat geschrieben:
Sehr sehr interessanter Artikel. Eine Freundin von mir war in Ecuador, konnte meine Fragen zum Thema Umwelt- und Naturschutz da aber nicht beantworten. Deswegen danke für deinen gut recherchierten Artikel und noch eine tolle Zeit in Guatemala! Erzählst du uns noch wo genau du arbeitest?
08.06.2013
Marcel hat geschrieben:
Genial! Vielen Dank für diesen wirklich interessanten Bericht, und das Du uns auf Deine Reise quasi mitnimmst.. Wir freuen uns schon sehr auf Deinen nächsten Artikel!
07.06.2013
TaniaTukan hat geschrieben:
Mal sehen wie viele ich noch schaffe in den letzten 4 Wochen, die ich noch hier bin - einer kommt mindestens noch :)
07.06.2013
Kerstin hat geschrieben:
Wow, der Bericht ist echt interessant. Ich werde die Folgenden auf jeden Fall auch lesen!!!
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