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Wirbelstürme sind keine Ausnahme mehr. © Des Syafrizal / WWF
Füttern die Briten bald eine neue Vogelspezies?


von Carina
16.01.2012
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Es ist Herbst und die Vogeldame Elli sitzt mit aufgeplustertem Gefieder auf einem Ast. Gedankenverloren sieht sie ihren Artgenossen hinterher, die fröhlich zwitschernd in Richtung Süden ziehen. Manche werfen ihr fragende Blicke zu, als wollten sie sagen: „Wo bleibst du denn?“ Doch Elli versteht die ganze Aufregung nicht. So kalt wird es in den Wintern doch gar nicht mehr – und da soll sie extra den ganzen Weg bis Spanien oder Marokko fliegen? Danke nein. Der Weg nach Groß Britannien ist viel kürzer und die netten Briten füttern außerdem so gut. Bei dem Gedanken an die leckeren Körner kann Elli kaum noch still sitzen. Sie schüttelt einmal die Flügel aus und erhebt sich in die Luft – allerdings in die entgegengesetzte Richtung, die ihre Verwandten eingeschlagen haben.

Elli ist übrigens eine Mönchsgrasmücke und – zugegeben – von mir frei erfunden. Doch so wie sie dürften einige ihrer realen Artgenossen tatsächlich denken. Denn obwohl die süddeutschen und österreichischen Mönchsgrasmücken normalerweise im Winter in den Mittelmeerraum fliegen, wurden seit den 60er Jahren immer mehr Vögel dieser Art in England gesichtet.

Und der Biologe Martin Schaefer weiß auch warum: „Singvögel werden von den vogelvernarrten Engländern gut gefüttert. Wir wissen, dass in jedem dritten englischen Garten, in dem Vogelfutter ausgebracht wird, auch Mönchsgrasmücken sind. Außerdem sparen sie sich etwa 600 Kilometer, also rund ein Drittel der eigentlichen Zugstrecke. Und sie kommen im Frühjahr früher in den Brutgebieten an. So können sie die besseren Territorien besetzen.“

Ein anderer großer Grund ist die globale Klimaerwärmung. Mittlerweile sind auch die englischen Winter so mild, dass es für die Mönchsgrasmücken nicht mehr unbedingt nötig ist, in wärmeren Ländern zu überwintern. Generell stellen die veränderten klimatischen Bedingungen viele Zugvögel vor große Probleme. Bei Elli und ihren Geschwistern ist das jedoch etwas anders: Die Mönchsgrasmücke ist sehr anpassungsfähig und ihre Bestände wachsen überall.

Doch jetzt wird es erst wirklich interessant: Denn aufgrund dieses veränderten Zugverhaltens können wir die Entstehung einer neuen Art quasi live mit verfolgen. Während die Mönchsgrasmücken aus Süddeutschland und dem westlichen Österreich nämlich immer mehr dazu übergehen in England zu überwintern, ziehen die norddeutschem Mönchsgrasmücken weiterhin in den Süden. Das liegt vermutlich daran, dass die Änderung der Zugrichtung für sie noch größer wäre. Auf jeden Fall kann man schon jetzt beobachten, dass diese beiden „Ökotypen“ anfangen, sich voneinander zu unterscheiden.

Martin Schaefer erläuterte in einem Interview mit der Geo: „Sie unterscheiden sich genetisch, aber auch in ihrer Gestalt. Das betrifft die Flügel- und die Schnabelform und die Gefiederfärbung. Der wichtigste Unterschied ist wohl die Flügelform. Die Vögel, die in England überwintern, haben rundere Flügel. Das kommt der Manövrierfähigkeit auf kurzen Strecken zugute. Für den Langstreckenflug sind sie dagegen nicht besonders gut geeignet.“

Heißt das Ellis Urururenkel werden bald völlig anders aussehen als die ihrer nach Süden fliegenden Artgenossen? Da ist sich Martin Schaefer nicht so sicher. Denn „wir sehen heute einen generellen Trend hin zu immer kürzeren Zugstrecken“. Aber spannend bleibt es sicher trotzdem.

Quellen:
http://www.geo.de/GEO/natur/tiere/thema/69881.html
http://www.nabu.de/aktionenundprojekte/stundederwintervoegel/voegel/13049.html
http://www.natur-lexikon.com/Texte/HWG/003/00257-Moenchsgrasmuecke/HWG00257-Moenchsgrasmuecke.html

Foto: Frank Vassen via flickr cc
 

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Kommentare (8)
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31.01.2012
regentag hat geschrieben:
das ist ja echt krass :) Und dein Bericht ist wirklich gut geschrieben :) aber LSternus hat recht, das ist komisch.
28.01.2012
gelöschter User hat geschrieben:
Wow, coole Nachricht ;D
23.01.2012
Joslinde hat geschrieben:
Cooler Artikel =) echt interessant
17.01.2012
LSternus hat geschrieben:
Schöner Artikel, auch wenn mir nach wie vor nicht ganz klar ist warum die süddeutschen mönchsgrasmücken in die entgegengesetzte Richtung fliegen.

Wahrscheinlich ist das das Clubgeheimnis der Mönchsgrasmücken, oder so ähnlich.
Auf jeden Fall würde ich mir ernsthafte Gedanken machen, wenn die afrikanischen Ibise nach Europa kommen, weil es ihnen am Nil zu warm wird.

Spaß bei Seite, der Klima wandel bringt die Ökosystheme überall auf der Welt durcheinander und das ist vermutlich eines der harmloseren Symptome.
17.01.2012
Carina hat geschrieben:
Ich kann eure Verwirrung verstehen, mir selbst ging es ganz ähnlich. Hier ist ein Auszug aus dem Interview mit Martin Schaefer - vielleicht bringt das etwas Klarheit. Mehr Infos konnte ich dazu leider nicht auftreiben:

Und was ist mit den norddeutschen Mönchsgrasmücken?
Die fliegen weiterhin nach Südwesten.

Warum das?
Vermutlich, weil die Änderung der Zugrichtung für einen norddeutschen Vogel größer ist als für einen süddeutschen. Die norddeutschen starten ja im Herbst direkt in südwestliche Richtung.
16.01.2012
micah hat geschrieben:
Cooler Bericht :)

Aber ich schließe mich Uli an mit der Richtungsverwirrung. Liegt für die norddeutschen Vögel England nicht viel eher auf dem Weg nach Süden als für die süddeutschen?
16.01.2012
midori hat geschrieben:
Juppidu! Endlich wieder ein Artikel von Carina! x3

Also das Thema ist schon echt spannend. Erinnert mich an die Darwinfinken! :o)
Allerdings verstehe ich nicht, warum die Mönchsgrasmücken aus Süddeutschland und Österreich nach England fliegen. Die aus Norddeutschland hätten es doch viel kürzer?!

Und vor allem frage ich mich, welche allererste Mönchsgrasmücke überhaupt auf die Idee gekommen ist, nach England zu fliegen. Eigentlich lernen die Vögel die Flugrouten doch, indem sie den Artgenossen der älteren Generationen folgen. Da müssen sich einige ja mal tüchtig verflogen haben!

Spannend spannend! Carina.. ich bitte um Fortsetzung, wenn es Neuigkeiten gibt! ;o)
16.01.2012
Nivis hat geschrieben:
Haha, das ist echt interessant, aber auch logisch. Wären wir Zugvögel, würden wir uns wahrscheinlich irgendwann auch sagen: In den Süden ziehen? Wieso denn, ist doch warm genug hier!

Carina, wirklich ein toller, lebendiger Bericht. Ich liebe deinen Schreibstil, wirklich! :)
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