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Ein Besuch im Kohlekraftwerk Walsum


von BlackLion
07.09.2011
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Die Sommerferien sind fast vorbei und dann startet das 13. Schuljahr für mich und was danach kommt, weiß ich noch nicht so genau. Da kam mir das Angebot von der Universität Duisburg-Essen gerade recht. S.U.N.I. (Sommer Universität für Frauen in Natur- und Ingenieurswissenschaft), heißt ihr Programm. Sie bietet ein Woche lang einen Überblick in naturwissenschaftlichen und ingenieurwissenschaftlichen Studienfächern und man bekommt die Chance auch ein Unternehmen in dieser Branche kennenzulernen. Als ich dann einige Wochen später meinen Stundenplan für diese Woche in den Händen hielt, war ich wenig begeistert. Ich sollte in die Firma von Steag gehen, besser bekannt noch unter dem Namen Evonik. Das war nicht das Problem. Das Problem war, dass ich ein Kohlekraftwerk besichtigen sollte.
Leider konnte ich dieses Kontaktikum nicht wechseln, und so nahm ich mir jedenfalls vor, denn Leuten vor Ort ein wenig auf die Füße zu treten.
Dann war es soweit und ich stand mit meiner Gruppe vor einem riesigen Gelände. Der Kühlturm ist so groß das er alle anderen Gebäude in der ganzen Umgebung überragt. Vor dem Eingang stand eine zierliche Frau die einen sehr freundlichen und sympathischen Eindruck hinterlässt. Anna Suslovas Aussehen und ihr Akzent erinnert ein wenig an eine Holländerin, doch später erfahren wir, dass sie aus Russland stammt und mit 22 Jahren nach Deutschland kam und später Umwelttechnik und Ressourcenmanagement studiert hat, bevor sie dann Ingenieurin bei Steag wurde.
Sie begrüßt uns herzlich und führt uns in eine Art Wohncontainer in dem für uns Tische, Stühle und jede Menge Getränke schon bereitstehen. An jedem Platz steht außerdem eine Tüte bereit in der wir eine Präsentation, ein Heft über das Kraftwerk Walsum 10 und eines über Evonik Energy Services finden und außerdem ein paar sehr reizende Werbegeschenke wie eine kleine Taschenlampe in Glühbirnenform. Ich fühlte mich ein wenig um den Finger gewickelt, denn ich hatte doch vorgehabt ihnen ein wenig auf die Finger zu hauen und war auf diese offene Freundlichkeit nicht wirklich vorbereitet. Steag legte sehr viel wert darauf sich von seiner besten Seite zu zeigen, und das spürte man.
Es folgte eine kurze Begrüßung von ihrem Vorgesetzten und dann fing die Präsentation die wir schon in unserer Tüte gefunden hatten an. Wir erfuhren, dass es Evonik so nicht mehr gibt. Denn das Evonik umfasste nicht nur ein Energiefirma, sondern auch Immobilen-Firmen und weitere Unternehmen. Diese Fusion war aber nach der Weltwirtschaftskrise nicht mehr lukrativ genug und so koppelte sich die Firma Steag von Evonik ab und befasst sich nun nur noch mit Energie Service. Steag hat in Deutschland und weltweit insgesamt 14 Kraftwerkstandorte, die von 162 MW bis 2.234 MW erzeugen können und machen allein in Deutschland 103,5 Mio. € Umsatz (Stand von 2010).
Aber Steag ist viel mehr. Sie haben eine Abteilung für Atomkraftwerke, aber wir sollen keine Angst haben, sagte man uns, denn diese beschäftigt sich nur mit der Stilllegung und Beseitigung von kerntechnischen Anlagen. Wirklich beruhigt war ich davon nicht, zumal in einem Nebensatz fiel, dass es sich in Deutschland nur um eine Zwischenlagerung handle und die Endlagerung in Russland in Atom-U-Boote stattfinde. Nun das würde vermutlich erklären warum es noch immer verrostete Atomfässer in den Ozeanen gibt. Aber sie arbeiten auch an erneuerbaren Energiequellen, wie Windkraftprojekten in Europa und in der Türkei und an solarthermischer Stromerzeugung (CSP) und deren Kopplung an bestehenden Kraftwerken.
Wir bekommen ein Film zu Steag zusehen:
http://www.steag-energyservices.com/media+M54a708de802.html
Früher hätte man dazu wahrscheinlich Propaganda gesagt, heute heißt es schlicht Werbung.
Und dann bekommen wir einen weiteren Film zu sehen: http://www.steag.com/kraftwerksfilme.html
Indem man anschaulich beschreibt wie ein Kohlekraftwerk aufgebaut und wie umweltfreundlich er am Beispiel Walsum ist. Von CO₂ werde ich in dem Film nichts hören. Das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. "Wie viel CO₂pustet Walsum pro Jahr in die Atmosphäre?", fragte ich Frau Suslova direkt heraus. Sie schaute mich einen Augenblick nachdenklich an und meinte: "Das weiß ich nicht. Aber das ist eine gute Frage. Ja wirklich ein sehr gute Frage." Aber die genaue Zahl kann sie mir nicht sagen. Vielleicht würde ihr Vorgesetzter es wissen. Sie würde ihn fragen. Doch der konnte mir die Fragen auch nicht beantworten. Er meinte nur zu Frau Suslova: "Weiß ich nicht. Sie sind doch die Ingenieurin hier." Damit hatte ich gerechnet. Klar, wer wollte denn schon die wirklichen Fakten auf den Tisch haben.
Wir bekamen noch mehr Informationen über verschiedene Projekte und noch einmal einen Aufbau eines Kohlekraftwerks. Doch ich hörte schon nicht mehr richtig zu. Frau Suslova tippte etwas mit ihrem Taschenrechner.
Dann hieß es Helme aufsetzen und festes Schuhwerk anziehen, dass uns Steag schon freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte. Denn nun könnten wir uns die Anlage ansehen nach einer kleinen Sicherheitsunterweisung. Walsum ist nämlich immer noch eine Baustelle. Ein Stahl hätte den Belastungen im Dampfkessel nicht standgehalten und Risse bekommen, die ungefährlich sind aber trotzdem behoben werden müssen, bis dahin steht das Kraftwerk still.
Und dann stand plötzlich Frau Suslova vor mir und meinte, sie hätte gerade ausgerechnet, dass die CO₂ Emission etwa bei 1.200 im Kohlekraftwerk Walsum 10 lege. Klar das ist keine schöne Zahl aber ich war ziemlich erstaunt, dass ich überhaupt eine Zahl bekommen hatte, dass ich nicht wusste was ich sagen sollte. Verlegen bedankte ich mich einfach nur. Und dann ging es los, durch die Anlage. Nach endlosen Rohren und großen Hallen kamen wir dann in den Kühlturm rein. Ein wirklich beeindruckender Anblick bot sich mir. Ein leerer Raum in dem man sogar den blauen Himmel sieht und der ein wahnsinniges Echo wirft und in der Mitte führt ein gigantisches Rohr nach oben, dort kommt also das CO₂ mit dem Wasserdampf in die Atmosphäre. Und dann kam ein Teil der Gruppe ins Gespräch mit Annas Vorgesetztem, (dessen Namen ich leider vergessen habe). Besser gesagt in eine Diskussion. Es ging um Gewinn und Moral. Steag bezieht seine Steinkohle International. Es fielen Worte wie Kinderarbeit. Wenn diese Kinder nicht arbeiten würden, dann hätten ihre Familien kein Geld. Es fiel dem Vorgesetzten schwer über das zu reden, denn er gestand dass er Kinderarbeit mit seinen eigenen Augen gesehen hatte und er das nicht schön finden würde. Und dann geriet das Gespräch zur nächsten Streitfrage. Könnte man weniger CO₂ produzieren, wenn die Auflagen strenger wären. "Machen könnte man immer was", sagte er. Er würde das Ganze auch nicht gut finden, doch wer würde bereit sein dafür zu zahlen? Und in Deutschland sehe der CO₂ Ausstoß noch mal ganz anders aus wie in anderen Ländern. Und außerdem erzeugte man für die Herstellung von Windkrafträdern auch CO₂. Man bräuchte aber eine Problemlösung und vielleicht würden wir ja als anzugehende Studentinnen etwas finden. Das Gespräch fing an sich im Kreis zu drehen. Er sagte später er sei auch für umweltfreundlichere Techniken, denn schließlich sei er auch beim WWF Mitglied und mir wurde schlecht. Vielleicht dachte ich, bin ich einfach zu naiv.
Als wir in unserem Wohncontainer ankamen war schon ein leckeres Buffet hergerichtet worden. Kurz bevor wir gegangen sind kam Frau Suslova zu mir und überreichte mir ein Blatt auf dem in fetten Buchstaben stand: "Durch den Einsatz effizienterer Kohlekraftwerke könnten weltweit über 3 Mrd. Tonnen CO₂ eingespart werden". Der Durchschnittliche Wert weltweit heute lege bei 1.200 gCO₂/kWh das bedeutet 8,2 Mrd. t CO₂ (Basis 2005). Das Kraftwerk Walsum hat eine Effizienz von 45% und das bedeutet, dass sie -2,7 Mrd. t CO₂ erzeugt im Vergleich zum weltweiten Durchschnitt. Wenn man aber die Hochöfen auf 700°C erhitzt, hätte man eine Effizienz von über 50% und damit einen CO₂ Ausstoß von 4,9 Mrd. t CO₂, d.h. 670 gCO₂/kWh. (Quelle: Evonik Industries, Februar 2008, Standardvortrag CO2)
Das hört sich erst mal gar nicht so schlecht an aber das mit den Statistiken ist so eine Sache. Wie schon ein berühmter Mann gesagt hatte: "Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe…“
Als wir dann auf dem Rückweg waren fragte meine Freundin. "Das war doch jetzt mal echt cool, oder?". Ich brachte ein eher gezwungenes Lächeln zustande.
Und was blieb war ein mulmiges Gefühl im Bauch.

 

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Kommentare (4)
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11.09.2011
gelöschter User hat geschrieben:
P.s. Für das näöchste mal vl. übersichtlicher schreiben und noch mit mehr Bildern ;)
Sonst gut ;)
11.09.2011
gelöschter User hat geschrieben:
Einfach um den Finger gewickelt^^ Und das 100pro mit Absicht! Immer alles schön reden und wenn mal was passiert lügen/schön reden/fälschen^^
10.09.2011
Ossi hat geschrieben:
da fahr ich gleich wieder hin : ) eine aus meiner greenpeace- gruppe wohnt in Walsum, überschattet von dem Kühlturm. Wenn du zeigen möchtest, was du von dem Kohlekraftwerk hältst, dann kannst du gerne zu meiner Fahrraddemo "Moving Planet" am 24 kommen. Wir fahren um 11 Uhr am Kraftwerk Walsum los und fahren dann zum Kohlekraftwerk Voerde.
lg alex
08.09.2011
midori hat geschrieben:
Oh. Das war ein sehr interessanter und gut geschriebener Bericht. Danke dafür. Bin grad auch ein wenig sprachlos und weiß nicht so recht, wie ich das auffassen soll. Leider habe ich von diesen technischen Sachen und ihren Konsequenzen nicht viel Ahnung. Deshalb kann ich darüber auch nicht wirklich diskutieren und lehne mich da nicht zu weit aus dem Fenster. Aber Du hast schon recht.. die werden immer versuchen Dir Honig ums Maul zu schmieren.. Wenigstens gibt es Leute wie Dich, die eben nicht so naiv sind, sondern hinterfragen. Danke Dir für den Bericht! :o)
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