Bleib aktuell!


Was gibt's


Neues?


Wirbelstürme sind keine Ausnahme mehr. © Des Syafrizal / WWF
Anthropozän - das Zeitalter der Menschen


von Franzi
14.04.2014
5
0
78 P

Wir leben in einer Welt, die sich konstant wandelt - nichts bleibt lange wie es ist. Ständig gibt es Neuheiten, Updates, Trends und wir versuchen hinterher zu kommen, am Ball zu bleiben, zu wissen und zu verstehen was los ist und wohin wir uns bewegen. Da ist es wohl ganz natürlich, dass immer mehr Menschen eine Sehnsucht nach der Natur verspüren, nach dem Urzustand, nach Stille und Gelassenheit, nach Ruhe und Genügsamkeit. Wir möchten entfliehen und entschleunigen, für einige Zeit den stressigen Alltag mit all seinen Mails, SMS und To-do-Listen vergessen. Was ist da idealer als eine Flucht in die abgeschiedene Natur? Ein Rückzugsort, an dem die Welt noch so ist wie sie sein sollte, rein und unberührt.
Aber gibt es diese Orte tatsächlich noch? Wenn man genau hinschaut erkennt man, dass unsere Erde schon lange kein von den Menschen unabhängiges Ökosystem mehr darstellt. Selbst an den abgelegensten Orten dieses Planeten finden sich zumeist Spuren menschlicher Zivilisation. Und ein neuer Begriff spricht sich unter den Wissenschaftlern herum: das Zeitalter des Anthropozän hat begonnen.

Die korrekte Bezeichnung unserer derzeitigen weltgeschichtlichen Epoche ist das Holozän, welches vor etwa 11 700 Jahren mit dem Ende der letzten Eiszeit begann. „Anthropozän“, was in etwa so viel heißt wie „Erdepoche des Menschen“, ist eine neue Bezeichnung, die von dem Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen stammt. Der Wissenschaftler forscht schon lange an den von Menschen verursachten Umweltveränderungen und fasst seine Ergebnisse in diesem einen, prägnanten Begriff zusammen. Denn wie wir es auch drehen und wenden - es gibt sie nicht mehr, DIE Natur und DEN Menschen. Wir sind eins, untrennbar miteinander verbunden. In den großen Städten dieser Welt mag das noch einleuchten, aber mittels moderner Technik kann man heute auch nachweisen, dass sich selbst im tiefsten Amazonas unter diversen Bodenschichten Spuren einer Infrastruktur finden lassen, Straßennetze und Siedlungen von längst untergegangenen Völkern. Was heute unberührt aussieht, hat sich die Vegetation einfach über die Jahrtausende zurück erobert. Viele der Wüsten und Halbwüsten unserer Erde sind das Ergebnis von jahrhundertelanger Abholzung und Übernutzung und wo die Europäer bei ihrer „Entdeckung“ Nordamerikas weite, scheinbar leere Steppen vorfanden, hatte andere Völker bereits eine lange Zeit über gelebt und ihre Umwelt verändert. Selbst das Weltklima ist von den Menschen nicht unangetastet geblieben und das nicht erst seit wir jedes Jahr bewusst Milliarden Tonnen CO2 in die Luft pusten. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass bereits zwischen 800 vor Christus und 1400 die Konzentration des Treibhausgases Methan um 17% gestiegen ist, was bereits damals zu einer leichten Erderwärmung geführt hat. Als Erklärung haben die Wissenschaftler herausgefunden, dass zu dieser Zeit der Reisanbau in Asien enorm angestiegen ist, wodurch in den feuchten Reisfeldern große Mengen an Methan frei geworden sind. Der Geograf Erle Ellies beschreibt es so: „Es ist veraltet, die Erde als natürliches Ökosystem zu sehen, das von Menschen gestört wird. Vielmehr ist die Erde bereits ein Humansystem mit eingebetteten natürlichen Ökosystemen geworden.“

Nichtsdestotrotz sind all diese längst vergangenen Veränderungen natürlich nichts im Vergleich zu dem, was wir heutzutage mit unserem Planeten anstellen. Und genau da möchte auch Crutzen ansetzen, da es ihm keinesfalls darum geht, eine Rechtfertigung oder Entschuldigung für unser gegenwärtiges Handeln zu finden. Er sieht die Lösung unserer Probleme aber im allerersten Schritt darin, unsere Haltung gegenüber unserer Umwelt zu verändern. „Wir müssen dringend zu Hütern und Bewahrern des Erdsystems heranreifen.“, sagt er. Denn wir uns Menschen nicht als Störer, sondern als Teil und Akteur in unserem System wahrnehmen, können wir mehr daran setzen den Planeten - und damit auch uns - zu erhalten. Es ist nicht genug die „schützenswerten“ Gebiete zu umzäunen und abzuschotten, im Anthropozän wird letztendlich unsere gesamte Erde zu einem einzigen, lebendigen Biosphärenreservat, wobei Städte, Nutzwälder, Felder und Industriegbiete eine Einheit bilden. Die Natur wird zu unserer grünen Infrastruktur und damit auch zu einer Art Sicherheitssystem für unser aller Überleben. Diese Sichtweise ist radikal, aber auch ermutigend. Oft leben in von Menschen besiedelten Gebieten heutzutage sogar schon mehr Arten als in menschenleeren Landstrichen, vielerorts haben sich Tiere bereits an uns Menschen angepasst. Dazu zählt der Mauersegler, der nun statt an Klippen an Hochhäusern nistet und der Wanderfalke, der zum Überwintern in den Turm des Rathauses zieht und die grelle Sicherheitsbeleuchtung zum Jagen nutzt.

Wenn man begreift, dass sich die Natur und die darin lebenden Tiere ständig und unabänderlich in einem Veränderungs- und Evolutionsprozess befinden, dann ist es auch möglich, diese Prozesse nicht mit Schrecken und Trauer zu sehen, sondern ihr Potenzial zu entdecken. Unsere Generation ist nicht die erste, die den Planeten verändert und gerade weil wir es so radikal und natürlich zumeist schädlich tun, sind wir besonders dazu aufgefordert Verantwortung zu übernehmen. Wenn es kein „Innen“ und „Außen“ gibt dann wird klar, dass jede Zerstörung unseres Lebensraumes unweigerlich auch zu einer Zerstörung von uns selbst führen wird. Wenn die Natur nicht mehr das „fremde Gegenüber“ ist und auch ein lebendiger Regenwald und nicht übersäuerte Meere eine Ressource darstellen, kann es auch der Wirtschaft gelingen nachhaltig zu agieren.

Was damit bleibt, ist die berührte Natur. Unsere Aufgabe ist es das zu erhalten, was da ist und das zu erneuern, was scheinbar verloren ist. Bereits heute gibt es unzählige freilebende Arten, die nur durch gezielte Zuchtprogramme noch existieren, wie zum Beispiel das Przewalski-Pferd, die Kihansi-Kröte oder das Arabische Oryx. Pflanzensamen werden von Forschern gesammelt und konserviert, um sie für lange Zeit in einer Datenbank haltbar zu machen. Und eine neue Disziplin unter Biologen, die Restorations-Ökologen beschäftigt sich damit, wie man ausgebeutete und verarmte Lebensräume durch gezielte Eingriffe wieder beleben kann. Wir können viele Fehler die begangen wurden nicht mehr rückgängig machen, aber wir können versuchen aus ihnen zu lernen und es in Zukunft besser zu machen. Einzig die Vorstellung wieder eine „unberührte Natur“ schaffen zu können, ist utopisch. Mit vereinten Kräften können innovative Ideen und Kreativität aber dafür sorgen, dass das Anthropozän nicht zum kürzesten Zeitalter der Weltgeschichte wird.

„Die Zukunft der Erde wird nicht mehr von angeblichen Grenzen der Natur abhängen, sondern von dem, was Menschen ersinnen und gemeinsam leisten können.“
(Erle Ellis)

 

Quelle:

ZEIT Wissen Nr. 2, Februar 2014 S. 20 ff.

Weiterempfehlen

Kommentare (5)
Um einen Kommentar zu schreiben einfach registrieren oder einloggen.
Sortieren nach Aktualität:
24.04.2014
Akatsuki hat geschrieben:
Ich bin voll der Meinung von FabianN ich finde es auch komisch mir vorzustellen in einer neuen Erdepoche zu leben wie man so will. 0_o
19.04.2014
Johannisbeere1502 hat geschrieben:
Vielen Dank für den super geschriebenen Bericht. Wirklich super. Das denke ich auch schon immer; Wir Menschen sehen und immer als einzelne Gruppe, gegenüber sozusagen von der Natur usw. Dabei gehören wir doch genauso zu der Erde, zum Ökosystem. Nur...irgendwie haben wir es übertrieben, inzwischen schaden wir auch unserem Planeten. Der Bericht regt zum Nachdenken an, danke.
15.04.2014
FabianN hat geschrieben:
Ein Bericht, der zum Nachdenken anregt…

Vom Begriff „Anthropozän“ habe ich bislang noch nichts gehört. Und jetzt, da ich seine Bedeutung kenne, wirkt er auf mich sehr befremdlich. Man versucht sich immer noch davon zu überzeugen, dass eben wie Ellis vom Gegenteil schreibt, die Erde ein natürliches Ökosystem sei.

Dass diese Vorstellung vollkommen falsch ist, fällt mir schwer zu glauben. Es mag zwar sein, dass überall Spuren des Menschen zu finden sind (das Klima ist das überzeugendste Beispiel), doch die Tatsache, dass noch vom Menschen unbewohnte Naturregionen existieren, lässt mich erleichtert aufatmen. Obwohl sie nicht unberührt sind, ist es doch ein Fleck ruhiger Natur, in der man abschalten kann. (Denn es gibt sie, die Stellen, an denen man keinen Handyempfang hat! ;) ) Dennoch glaube ich auch, das wir bereits so viel Spuren hinterlassen haben, dass unberührte Natur etwas extrem seltenes und unschaffbares ist…

Der Behauptung, dass wir uns als Teil des Systems sehen sollen, stimme ich ganz klar zu. Und genau dann müssen wir lernen, mit mehr Feingefühl auf die Erde einzugehen.
Vielen Dank für diesen toll geschriebenen Bericht mit einem Thema, über das man sich unbedingt Gedanken machen muss!
15.04.2014
gelöschter User hat geschrieben:
gelöscht
14.04.2014
gelöschter User hat geschrieben:
Boah, ich zücke meinen Hut...
Wahnsinnig toller Bericht ehrlich!
Login
E-Mail


Passwort


Kostenlos registrieren
Mitglied werden
Könnte dir auch gefallen
Du bist Planet Erde
Du bist Planet Erde
Menschen – was ein unglaubliches Wort Man nennt uns die intelligenteste Spezies des Pla... weiter lesen
Nach der Feier beginnt die Arbeit
Nach der Feier beginnt die ...
Paris - viele von uns denken bei diesem Wort nicht mehr nur an den Eiffelturm und Notre Dame, s... weiter lesen
Klimaschutz spannend vermitteln! Multiplikator*innenausbildung: Werde Klimagent*in
Klimaschutz spannend vermit...
Klima, Klimawandel und dessen Folgen. Dinge von denen viele Bescheid wissen. Doch nur die weni... weiter lesen
Was bedeutet Trump für den Klimaschutz?
Was bedeutet Trump für den...
Kurz nachdem die UN-Klimakonferenz in Marrakesh zuende gegangen ist, hat sich nun Donald Trump... weiter lesen
Living Planet Report 2016 - Planet am Limit
Living Planet Report 2016 -...
Der neue Living Planet Report ist da! Der regelmäßig vom WWF erarbeitete Report ist... weiter lesen
Deine Ansprechpartner
Marcel
Marcel Gluschak
WWF Jugend Community Manager
zum Profil
Luise
Luise Neßler
WWF Jugend Community Moderatorin
zum Profil
MarcelB
Marcel Brüssow
WWF Jugend Redaktion
zum Profil
Ronja96
Ronja Post
WWF Jugend Aktionsteamer
zum Profil
HannahFee
Hannah Fesseler
hilft dir bei technischen Fragen
zum Profil
AndreaRentschler
Andrea Rentschler
hilft dir bei Fragen zur WWF Jugend Mitgliedschaft
zum Profil
NicoleB
Nicole Barth
hilft dir bei Fragen rund um die WWF Jugend Camps
zum Profil