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© Wild Wonders of Europe / Konrad Wothe / WWF
Welt.Macht.Europa – Mit Tipps zum Aktivwerden


von Sunlight
06.04.2015
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Europa als Klimaretter oder Umweltsünder? Als Chancengeber oder Ausbeuter? Als Heimatgeber oder Heimatnehmer?

All dies waren Fragen, die bei der 19. Landeskonferenz des Eine Welt Netz NRW zum Thema „Welt. Macht.Europa“ von ca. 300 Menschen aus verschiedensten Organisationen am 13./14.März bewegt wurden: in Vorträgen, Workshops und auch in den vielen kleinen Gesprächen in den Pausen.

Bereits beim ersten Impulsreferat von Suzan Cornelissen (Foundation Max van der Stoel) mit der Leitfrage „Alles kohärent in Brüssel?“ wird deutlich, dass Europas Rolle in der Welt ziemlich ambivalent ist. Einerseits trägt Europa 60% der weltweiten Entwicklungszusammenarbeit und gleichzeitig treibt es Freihandel und Rohstoffausbeutung voran. Als Mitverfasserin des jährlichen zivilgesellschaftlichen Kohärenzberichtes zur EU-Entwicklungspolitik betont Frau Cornelissen, dass vor allem Europas Strategie, mit einer Hand zu geben und mit der anderen Hand zu nehmen, problematisch ist. Beispiele dafür gibt es genug: Konfliktmineralien, Bio-Diesel, Landgrabbing & Co. sind in aller Munde. Um solch inkohärentem Handeln entgegenzuwirken, gibt es den European Consensus on Development, welcher die EU verpflichtet, Armut zu bekämpfen und eine fairere und stabilere Welt zu schaffen. Inwieweit dies gelingt, ist aber die Frage und vor allem fehlen dabei Nachhaltigkeitskriterien... Um dies zu ändern, appelliert Frau Cornellisen an die Stimme der Zivilgesellschaft, denn es fehle vor allem der politische Wille, welcher angesprochen werden müsste, um den sogenannten Entwicklungsländern auch eine faire Chance zur Entwicklung zu bieten!

(1) Eine Welt für alle

Sehr emotional berührt mich dann das zweite Impulsreferat von Dr. Boniface Mabanza (Kirchliche Arbeitsstelle südliches Afrika) mit der Überschrift „Freier Handel = Fairer Handel?“. Spannend ist dabei vor allem die afrikanische Perspektive auf Europa. Vor seinem Vortrag hatte er einem Freund in Südafrika erzählt, dass er zu uns sprechen würde und dieser hatte ihm folgende Botschaft für uns mitgegeben: „In Afrika sehen wir die EU nicht nur negativ. Sie kann ihre Interessen sehr gut und effizient durchsetzen, obwohl Europa so wenige Ressourcen (Bodenschätze) hat. Dafür bewundern wir die EU. Wir wünschen uns nur, unsere eigenen Eliten hätten die gleiche Macht und Effizienz, um unsere Interessen zu vertreten. Wir wünschen uns nur einen gerechten Platz in dieser Welt“.

Herr Boniface legt den Fokus auf EPAs, das sind Freihandelsabkommen zwischen der EU und ihren ehemaligen Kolonien in Afrika, der Karibik und dem Pazifik. Er betont, dass diese Regelwerke auf WTO-Ebene gescheitert sind, da sie diskriminierend sind und Wettbewerbsregeln widersprechen, und deswegen bilateral verhandelt werden. Die Kerninhalte der EPAs sind immer ähnlich: sie bedeuten eine progressive Martköffnung für die EU und mindestens 80% der Exportzölle, Einfuhrsteuern sollen gesenkt oder abgeschafft werden und Handelsvorteile, die die Staaten anderen Ländern gewähren (sog. Süd-Süd-Kooperationen), sollen auch für die EU gelten. Für jedes Handelsabkommen setzt die EU ein Datum als Frist und bis dahin müssen die betreffenden Staaten unterzeichnet haben, ansonsten wird ihnen angedroht, dass sie den Zugang zum europäischen Markt verlieren. So befinden sich die Staaten im Konflikt zwischen Export und Binnenmarkt und entscheiden sich meist gezwungenermaßen für die Unterzeichnung.

Insgesamt kritisiert Herr Boniface die Heuchelei der EU: „Angeblich sollen die Freihandelsabkommen die Integration Afrikas in europäische Märkte verbessern, in Wahrheit geht es aber nur um die Erschließung günstiger Rohstoffmärkte!“ Sowieso sei es problematisch, dass oft Europäer oder Amerikaner meinen zu wissen, was für Afrika „gut“ sei. So schließt er mit den Worten: „ Wir Afrikaner wissen am besten selber, was für uns gut ist und können unsere Interessen am besten selbst formulieren!“

(2) Podiumsdiskussion

Heiß diskutieren die beiden bei der anschließenden Podiumsdiskussion mit Elmar Brok (Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Europaparlamentes, CDU), Ute Koczy (Leiterin des Regionalbüros Westfalen/OWL, Grüne), Dr. Stefan Koppelberg (Vertreter der Europäischen Kommission in Bonn) und Dr. Angelica Schwall-Düren (Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa & Medien, NRW, SPD).

Einig ist man sich darin, dass vor allem die Zivilgesellschaft umdenken und umhandeln müsse, z.B. durch den Kauf von fair gehandelten Produkten und durch die Stimmgebung bei der Wahl. Kontrovers wird es allerdings bei der Frage, warum der Entwicklungsauschuss (also die Vertretung der Entwicklungsländer im EU-Parlament) den wenigsten Einfluss habe und stattdessen die Maßstäbe für den Umgang mit Entwicklungsländern (also die Ressourcenausbeutung) im Handelsausschuss gesetzt werden. Außerdem wird thematisiert, dass die Umwelt- und Sozialkosten eines Produktes nicht externalisiert werden dürften, denn so ständen die Entwicklungsländer in dem Konflikt, dass mehr Firmen in ihrem Land produzieren, je geringer sie die Umwelt- und Sozialstandards setzen.

(3) Kabarett

Unterhaltsam wird es beim satirischen Kabarett „Singen können die alle“ von und mit Marius Jung zum gleichnamigen Buch. Viele Klischees werden auf’s Korn genommen, die „Political Correctness“, die eigentlich nur noch größere Ausgrenzung der Betroffenen bedeutet, wird ad absurdum geführt und vor allem wird der Zuschauer immer wieder vor die Frage gestellt: Darf ich hier eigentlich lachen? Gut verpackt Marius Jung seine Kritik am vielseitig vorhandenen Rassismus, ganz nach dem Motto „Lachen verbindet“. Seine Botschaft: „Wir müssen von dem ‚Mensch mit’ (mit Migrationshintergrund, Behinderung, was auch immer) wegkommen, als ob das ‚Menschsein’ nicht selbstverständlich wäre.“ Ob man ihn als „farbig“, „schwarz“ oder mit den Floskeln der Political Correctness bezeichne, sei doch egal, solange man ihm respektvoll begegne.

Am nächsten Tag wird jeder in seinen Workshops selbst aktiv. Mein erster Workshop hat den Titel „Investitionsimpuls für Transformation und gegen Jugendarbeitslosigkeit“ und wird von Vertretern der Umwelt- und Entwicklungs-NGO Germanwatch aus Bonn und einer Vertreterin des Global Climate Forum Berlin geleitet. Nach kurzen Input-Referaten diskutieren wir vor allem folgende Thesen:

- Es bräuchte einen „grünen“ Investitionsschub, um eine Transformation hin zu einer treibhausgasarmen Gesellschaft erzielen zu können (z.B. in den Bereichen Energiererzeugung, Transport, Gebäude etc.)

- Dieser Investitionsschub würde auch den Kampf gegen (Jugend-)Arbeitslosigkeit unterstützen

- Kurzfristig käme es zu einem Einbruch, da „alte“ Jobs wegfallen würden, langfristig würden aber noch mehr „grüne“ Jobs geschaffen

- Die sowieso anstehenden Investitionen in eine grüne Richtung zu lenken ist sinnvoll, trotzdem kann dies nur eine Übergangslösung sein und sollten parallel Postwachstums- und Gemeinwohlökonomie-Konzepte entwickelt und umgesetzt werden

(4) Schmetterling im Grünen als Symbol für eine grüne Transformation

Nach der Mittagspause geht es für mich weiter mit einem englischsprachigen Workshop mit dem Titel „COP 21 – Midnight in Paris?“, der ebenfalls von Vertretern von Germanwatch und einer Vertreterin vom Climate Action Network France (via Skype) geleitet wird. Vermutlich sind ja allen WWFlern die Hintergründe der Klimakonferenzen mehr oder weniger bekannt (zumindest in Kurzfassung, dass Kyoto als Erfolg und alle anderen als gescheitert betrachtet werden können und wir jetzt endlich ein neues verbindliches Klimaschutzabkommen in Paris brauchen ).

Deswegen möchte ich hier viel lieber ein paar Möglichkeiten, die wir diskutiert haben, wie jeder einzelne bis Dezember das Geschehen in Paris Einfluss nehmen kann, mit euch teilen (die Daten kommen alle auch noch in den Kalender ;)):

10.-12. April: „Kampf ums Klima“ – Konferenz in Köln. Hier geht es zum Kalendereintrag mit weiteren Infos!  

18. April: Globaler Aktionstag gegen TTIPP & Co. „Für Zuhause“ geht es hier zur Petition!

25. April: Anti-Kohle-Kette in Garzweiler 

7.-8. Juni: G7-Gipfel in Bayern und parallel dazu Internationaler Gipfel der Alternativen 

9.-14. August: Degrowth-Summerschool 

14.-16. August Massenaktion gegen Braunkohle im Rheinland 

Ab Oktober: Pilgern für Klimagerechtigkeit (zu Fuß oder per Fahrrad)  

Wochenende vor der COP: „International call to action“ (Demos, Märsche)

Während der COP: Versuchen in Paris zu sein ;)

 

Und falls man bei einer der Aktionen nicht dabei sein kann, hier die altbekannten Tipps, wie z.B.:

- Stromanbieter und Bank wechseln (z.B. zu Lichtblick, GLS etc.)

- Weniger Fleisch konsumieren, vegetarisch/vegan leben

- ÖPNV nutzen, Auto verkaufen

- nicht/weniger Fliegen, mehr Radfahren ;)

- einmal im Monat für’s Klima fasten mit „Fast for the Climate“ 

Und für ganz Eilige: z.B. der Klimaretter-Newsletter (einfach runterscrollen zum Anmelden)

So hat mir dieses Wochenende vor allem einen großen Motivationsschub gegeben und ich habe von ganz vielen Kampagnen und Organisationen erfahren, die ich vorher nicht kannte. Außerdem ist mir einmal mehr deutlich geworden, wie sehr doch Entwicklungspolitik und Klimaschutz zusammenhängen und wie wichtig es ist, dass wir uns in Klimafragen nicht nur auf unsere westliche Sicht stützen. Besonders toll waren dabei natürlich der Austausch mit Gleichgesinnten verschiedensten Alters und die tolle Atmosphäre! Und das Ganze sogar immer mit veganem Essensangebot, sodass ich gar nicht, wie befürchtet, mein Klimafasten unterbrechen musste ;)

Du möchtest nächstes Jahr auch bei der Landeskonferenz dabei sein?

Dafür gibt’s hier immer den aktuellen Newsletter vom Eine Welt Netz NRW mit ganz vielen tollen Tipps!

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Bilder:

Titelbild: http://pixabay.com/de/europa-fahne-flagge-stern-blau-633475/

(1) http://pixabay.com/de/erde-planeten-welt-einem-haus-home-158678/

(2) & (3) eigene Aufnahmen (leider etwas unscharf, sorry!)

(4) http://pixabay.com/de/schmetterling-monarch-insekt-flügel-18313/

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Kommentare (2)
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07.04.2015
KikiFi hat geschrieben:
Die Auflistung der kommenden Aktionen ist echt super.
07.04.2015
FenyaM hat geschrieben:
Danke für den ausführlichen Bericht, von dem Eine Welt Netz NRW hatte ich vorher noch nie gehört, und ich finde es toll, dass du Einblicke in die Themen, die bei der Konferenz diskutiert wurden, gegeben hast. Auch die Liste am Ende, mit den Aktionen an denen man teilnehmen kann finde ich sinnvoll, weil das eine super Übersicht für die nächste zeit ist und noch einmal darauf aufmerksam macht.
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