Bleib aktuell!


Was gibt's


Neues?


© Wild Wonders of Europe / Konrad Wothe / WWF
Das Schweizer Quartett der Raubtiere


von LaLoba
13.03.2016
1
8
75 P

Die Rote Liste der bedrohten Tiere und Pflanzen in der Schweiz wächst unaufhörlich: 40 Prozent aller Brutvögel und 80 Prozent aller Amphibien sind bedroht. Durch Wasserkraftwerke und Begradigung von Flüssen sind Sümpfe und Auen bis auf traurige Überbleibsel verschwunden. Es wird emotional diskutiert. Aber nicht etwa darüber. Denn Emotionen weckt keine aussterbende Singvogelart. Emotionen weckt der Wolf, der Bär, der Luchs.

1876 gab es in der Schweiz erste Gesetze zum Schutz der Wälder und der Regulierung der Jagd. Damals waren Hirsche, Steinböcke, Wildschweine und Rehe verschwunden. Weiterhin stark bejagt wurden aber die Raubtiere. Als 1904 im selben Jahr der letzte Bär geschossen und der letzte Luchs gesichtet wurden, kannte man Wölfe schon nur noch von Geschichten. Der Fischotter – das letzte Mitglied im Schweizer Quartett der Raubtiere – war durch staatliche Prämien zur Ausrottung freigegeben.

Der Nachhall dieser düsteren Zeiten fand im letzten Jahr endlich einen historischen Abschluss: Am Fluss Aare ging einem Wildbiologen eine Fischotterfamilie in die Fotofalle. Damit sind sie wieder komplett: Wölfe, Bären, Luchse und Fischotter durchstreifen erneut die Schweizer Wildnis.

Aber beim Begriff Alpenräume denken viele Menschen heute nicht mehr an Wildnis. Sie denken an Tourismus – an Skifahren und Wandern. Der Luchs hat es inzwischen geschafft, ohne große Schlagzeilen auf seinen leisen Pfoten durch die Wälder zu streifen. Er war der erste Rückkehrer und der einzige "unfreiwillige". 1971 wurde er in den Alpen ausgesiedelt und sein Bestand ist seitdem auf 200 erwachsene Tiere gewachsen.

Den vereinzelten Bären dagegen, die seit 2005 ab und zu durch die Bündner Berge wandern, wird mit Angst und skandalösen Nachrichten begegnet. Und der Wolf, unser Lieblings-Märchen-Antagonist, hat sogar die Gründung von Anti-Vereinen bewirkt. Ein solcher Verein namens „Lebensraum Schweiz ohne Großraubtiere“ setzt sich für den Austritt der Schweiz aus dem Artenschutzabkommen der Berner Konventionen ein, das die Jagt auf den Wolf verbietet. Besonders die Herdenschutzhunde, die Schafe vor den Wölfen beschützen, erzürnen die Gemüter des Vereins. Es geistert das Bild von kampferprobten Hunden, die furchterregend knurrend den Touristen den Weg versperren, durch die Köpfe der Menschen. Der Vereinspräsident behauptet: „Unsere Kinder wachsen mit dem Computer auf und können nicht plötzlich wieder den Umgang mit Wildtieren finden.“ Folglich könne der Wolf auch nicht in die Schweiz zurückkehren.

Der Wildtierbiologe Reinhard Schnidrig hält die Diskussion dagegen für abstrakt und unfair gegenüber Schafhaltern. Er ist Chef der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität im Bundesamt für Umwelt und meint, die Option, die Schweiz frei von Großraubtieren zu halten, existiert nicht mehr. Der Wolf ist hier heimisch. „Wir teilen einen gemeinsamen Lebensraum, in dem wir solidarisch für den Schutz der Arten einstehen wollen, die in ihrem angestammten Lebensraum ein Lebensrecht haben“, sagt Schnidrig über die Rückkehr des Wolfes. „Findet er in der Schweiz Lebensraum, hat er auch Lebensrecht.“ Das Verhalten von Vereinen wie dem „Lebensraum Schweiz ohne Großraubtiere“ schadet nur den Schäfern, indem sie die Illusion verbreiten, die Rückkehr der Wölfe könnte man verhindern. Stattdessen muss man den Schäfern frühzeitig helfen, die Wölfe zu akzeptieren und sich anzupassen.

Auch der World Wildlife Fund setzt sich in der Schweiz für die Verbesserung und Akzeptanz des Herdenschutzes ein. Zusammen mit der Nationalen Koordinationsstelle für Herdenschutz hat der WWF eine Website entwickelt, auf der Wanderer und Biker die aktuell geschützten Alpen finden. So können sie ihre Touren besser planen und, wenn gewünscht, Herdenschutzhunden aus dem Weg gehen. Auch gibt es dort Verhaltenstipps für Begegnungen mit Herdenschutzhunden.

Umweltschützer sind sich einig, dass die Rückkehr der Raubtiere eine wichtige, positive Wirkung auf die heimische Flora und Fauna hat. „Werden die Hirsche wegen der Präsenz des Wolfes wieder scheuer, verhalten sie sich artgerechter. Das wirkt sich positiv auf den Jungwald aus“, erklärt Martina Lippuner vom WWF. Und die Bergwälder, die unter den zu hohen Hirschbeständen leiden, sind schließlich wichtiger Schutz gegen Lawinen.

Reinhard Schnidrig ist sich sicher, dass Wolf und Luchs in Zukunft die Schweiz relativ flächig besiedeln werden und auch die Populationen von Geiern, Bibern und Fischottern weiter steigt. Die Schweizer Natur wird wieder wilder und die Menschen müssen lernen, ihr mit neuer Demut zu begegnen. Weniger Chancen gibt er Elchen und Wisenten in der Schweiz. Für sie gibt es nicht mehr genug weite Flusslandschaften. Auch bei der Rückkehr der Bären kann man noch nicht sagen, wie sie sich entwickeln wird. Dieses Abenteuer hat gerade erst begonnen.

In Zukunft wird es dafür einen neuen Bewohner der schweizer Fauna geben: den Schakal. Durch den Klimawandel und die lange Abwesenheit von Wölfen wandert er in den nördlichen Alpenraum ein und wird bald in der Schweiz eintreffen.

 


Quellen Text:

Lettau, Marc: „Das räuberische Quartett ist wieder komplett“ und „Die Grossraubtiere erinnern uns daran, woher wir kommen“ in Schweizer Revue – Die Zeitschrift für Auslandschweizer, November 2015 / Nr.6, S. 8-11 (auch Zitate)

http://www.wwf.ch/de/projekte/schweiz/herdenschutz/

Fotos:

Titelbild Wolfsrudel; Wolf hinterm Dickicht; Luchse: © Ralph Frank / WWF

Fischotter: Gunnar Ries [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)] via Wikimedia Commons

Herdenschutzhund: Dobermannp [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

 

Weiterempfehlen

Kommentare (1)
Um einen Kommentar zu schreiben einfach registrieren oder einloggen.
14.03.2016
Cookie hat geschrieben:
„Unsere Kinder wachsen mit dem Computer auf und können nicht plötzlich wieder den Umgang mit Wildtieren finden.“ - Was für eine traurige Einstellung ist das denn bitte? Lasst uns die Natur abschaffen, weil unsere Computer-Kinder damit nicht mehr klarkommen?! Über solche Aussagen kann man nur den Kopf schütteln. Ein Glück, dass auch Leute dagegen halten und es für die Raubtiere in der Schweiz wieder besser aussieht! :)

Danke für den superinteressanten Bericht, Ines! :)
Login
E-Mail


Passwort


Kostenlos registrieren
Mitglied werden
Mitglied des Monats
teaser_220.png


Deine Ansprechpartner
Marcel
Marcel Gluschak
WWF Jugend Community Manager
zum Profil
Luise
Luise Neßler
WWF Jugend Community Moderatorin
zum Profil
MarcelB
Marcel Brüssow
WWF Jugend Redaktion
zum Profil
Ronja96
Ronja Post
WWF Jugend Aktionsteamer
zum Profil
HannahFee
Hannah Fesseler
hilft dir bei technischen Fragen
zum Profil
AndreaRentschler
Andrea Rentschler
hilft dir bei Fragen zur WWF Jugend Mitgliedschaft
zum Profil
NicoleB
Nicole Barth
hilft dir bei Fragen rund um die WWF Jugend Camps
zum Profil
Folgen und mit Freunden teilen