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© Wild Wonders of Europe / Konrad Wothe / WWF
Auf den Spuren der Urwälder Europas


von Peet
18.06.2014
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Vielleicht muss das Biosphärenreservat im Südwesten der Ukraine von oben betrachtet werden, um einen genaueren Eindruck von der Größe und der Wichtigkeit dieses einzigartigen Schutzgebietes zu bekommen. Denn immer höher und höher ging es auf den rund 1.800 Meter hohen Gora Chërnaya Berg am Rande des Biosphärenreservats.

Trotz wolkenverhangenen Bergen, Regen und dem kühlen Wind ging es an diesem Sonntag hinauf in die Wildnis der Karpaten. Meter für Meter schleppten sich die Exkursionsteilnehmer der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) durch die Berge. Die HNEE, ein Kooperationspartner des Carpathian Biosphere Reserve (CBR), veranstaltet seit einigen Jahren regelmäßig die einwöchige Exkursion in den Südwesten der Ukraine. Direkt an der rumänischen Grenze liegend eröffnet sich den Besuchern einer der letzten noch intakten Buchenurwälder Europas. Das Erbe Europas, verteilt auf Deutschland, die Slowakei und die Ukraine, ist seit 2007 UNESCO Weltnaturerbe und beherbergt eine schier unglaubliche Anzahl an Pflanzen- und Tierarten, wovon mittlerweile 72 Tierarten im roten Buch der Ukraine eingetragen und somit vom Aussterben bedroht sind.

Mit über 54.000 Hektar ist das CBR eines der größten Schutzgebiete in Europa. Knapp 80 Prozent davon sind bewaldet und beherbergen die letzten ursprünglichen Rotbuchen-Wälder. Alle Natur- und Klimazonen sind hier vereint und enden im höchsten Berg der Ukraine. Mit 2061 Metern wacht der Howerla wie ein Hüter der Natur über sein Reich. Und ein Hüter wird dringend benötigt. Denn das Biosphärenreservat weckt Begehrlichkeiten, Hoffnungen, Ängste und Missgunst zugleich. Die Interessen der Bevölkerungen, von Investoren, der Regierung und Umweltexperten müssen hier unter einen Hut gebracht werden. Freilich keine leichte Aufgabe.

Seit der Unabhängig der Ukraine im Jahr 1991 gab es bis heute drei Revolutionen, die allesamt in einer Schwächung der Wirtschaft und somit einer Schwächung der Bevölkerung endeten. Auch heute, 24 Jahre nach der Unabhängigkeit, steht die Ukraine wieder vor gigantischen Herausforderungen. Der drohende Bürgerkrieg im Osten des Landes lähmt die Regierung und Wirtschaft. Das Land ist ein Spielball der Weltmächte geworden. Kaum verwunderlich, dass Umweltschutz hier an Priorität verliert. Selbst wenn der drohende Bürgerkrieg im Westen scheinbar weit weg ist, so ist der Druck auf die örtlichen Bevölkerung des CBR zu spüren.

Auf den Straßen von Kvasi und der größten Stadt in der Umgebung Rachiw lässt sich erahnen, mit welchen Sorgen die Menschen hier Tag für Tag zu kämpfen haben. Pferdekutschen gehen Hand in Hand mit uralten Lastwagen und Autos aus sowjetischer Zeit. Die Infrastruktur bröckelt vor sich hin und die Versorgung mit Lebensmittel wird größtenteils durch Eigenversorgung sichergestellt. Zu teuer ist der Einkauf im Supermarkt.

Ein Haus mit Ackerfläche, Hühnern, einer Ziege, einer Kuh und herumstreunden Katzen oder Hunden erscheint uns als Idyll. Hier in der Ukraine ist es der knallharte Überlebenskampf. Denn das durchschnittliche Einkommen im Südwesten der Ukraine liegt bei rund 200€ im Monat, wenn es denn Arbeit gibt. Der reichere Osten des Landes, mit seiner Schwerindustrie, und die weit entfernte Hauptstadt Kiev haben kaum einen Einfluss auf die Region. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 40%, die Dunkelziffer ist wohl weitaus höher. Junge Menschen gehen für Lohn und Brot nach Tschechien, die Slowakei oder auch nach Deutschland, um wenigstens ein bisschen zu verdienen. Zurück bleiben die Alten. Eine Mittelschicht gibt es de facto nicht. Reich oder arm. Großes Haus und Einkauf im Supermarkt oder kleines Haus mit Eigenversorgung. So ist die Gegend geprägt.

In einer solch schwierigen Lage werden Alternativen gesucht, um den Menschen eine Zukunft zu geben und gleichzeitig der Natur ihren Platz einzurichten und sie zu bewahren. Das Biosphärenreservat will genau hier ansetzen.



Die Idee entstand 1974.
Eingeteilt in vier Zonen (Kernzone, Pufferzone, Entwicklungszone und die inoffizielle Zone des regulierten Schutzes - letztere gibt es nur in der Ukraine) wird hier der ideale Weg der nachhaltigen, wirtschaftlichen Entwicklung sowie des Naturschutzes gesucht. Die Zonen versuchen zum effizienten Management beizutragen, indem beispielsweise die Kernzone von jeglicher menschlichen Nutzung ausgeschlossen ist, wohin gehend die Entwicklungszone vom Menschen für den Tourismus oder die Landwirtschaft genutzt werden kann. Es scheint wie das Spiel mit dem Feuer zu sein. Wirtschaftliche Entwicklung, also eine Perspektive für die Menschen bieten zu wollen, und gleichzeitig das Naturerbe Europas zu bewahren. Und ein Beispiel was alles schieflaufen kann, zeigt sich keine zehn Kilometer Luftlinie entfernt im Skiort Bukovel.

Bukovel, das Disneyland der Ukraine, will zum größten Skigebiet der Welt wachsen. Bettenburgen werden aus dem Nichts gestampft, neue Skiabfahrten fressen sich immer weiter in die Wälder hinein und ein künstlicher See nach dem anderen entsteht Von bisherigen 45 Kilometer Skistrecke kommen jährlich zehn Kilometer hinzu – 500 Kilometer sollen es werden. Skilifte, Schneekanonen, Straßen, Shoppingmeilen – ein Stück Westen im Osten. Pferdekutschen sucht man hier vergebens. Der Ort suggeriert Freiheit, Spaß und wirtschaftlichen Wohlstand, den sich wohl nur die wenigsten aus der Region leisten können. Die Zielgruppe ist aber auch eine andere. Reiche Europäer, Russen oder eben die obere Schicht der Ukrainischen Bevölkerung sollen mit günstigen Flugtickets von gerade einmal umgerechnet 30 oder 40€ an den rund 150 Kilometer entfernten Flughafen geflogen werden. Von da aus gehen die Busse direkt nach Bukovel und wieder zurück.

Hier und da zeigt sich: Bukovel war nicht immer so. Alte Holzhütten mit kleinen Feldern rings herum zeugen von einer vergangenen Welt. Jetzt steht Olympia und somit Geld vor der Tür. Es ist nicht zu übersehen, dass die Ukraine hier ein Prestigeobjekt aus dem Boden stampft. Innerhalb der letzten zehn Jahre sind ganze Berge versetzt worden, um einen Ort zu schaffen, der Wünsche wahr werden lässt.

Freilich liegt Bukovel nicht im Biosphärenreservat, dennoch zeigt sich: Nachhaltige, wirtschaftliche Entwicklung ist aktuell noch ein Mythos. Etwas, dass es nicht gibt. Ganz oder gar nicht, so scheint die Message von Bukovel zu sein – den drohenden Problemen zum Trotz. Dabei verwundert die Haltung wenig. Denn seit dem Schutzstatus um die Region Kvasi herum, hat sich für die Bevölkerung vor Ort wirtschaftlich nicht viel getan. Im Gegenteil. Die Wage zwischen Naturschutz und wirtschaftliche Entwicklung scheint nur einen Gewinner zu kennen: Den Naturschutz. Die eigentliche Idee, dass das CBR für die Bevölkerung ein Gewinn ist, scheint hier verloren gegangen zu sein.

Das Sammeln von Pilzen in den Wäldern, die Jagd oder das Einschlagen von Holz für den Eigenbedarf sind im gesamten CBR verboten. Wer Feuerholz will, muss nun einen Antrag bei der Leitung des CBR stellen und für ukrainische Verhältnisse viel Geld bezahlen. Geld, das die Bevölkerung nicht hat. Was als Schutz für den Wald und dessen Flora und Fauna gelten sollte, hat sich allerdings in die Gegenrichtung entwickelt. Illegaler Holzeinschlag und Wilderei haben nachweislich zugenommen. Die 150 Ranger sind hier machtlos. Die benötigte Ausrüstung ist nicht oder nur kaum vorhanden. Auf fünf Ranger kommt eine Waffe und die Bezahlung ist selbst für ukrainische Verhältnisse schlecht, sodass Korruption und Vetternwirtschaft keine Ausnahmen sind. Einen Schuldigen für das Problem gibt es auch schon. Kiev, die Hauptstadt des Landes. Denn die lokale Politik kann an den Missständen des CBR kaum bis gar nichts ändern. Alle Entscheidungen, selbst der Einschlag von Holz, laufen über die Hauptstadt und verfehlen jegliche realistische Wahrnehmung. Dabei sind den Experten des CBR, allen voran dem Leiter der zoologischen Abteilung, Dovhanych, die Lösungen bekannt. Stattdessen müssen Dovhanych und sein Team an sinnlosen Berichten für Kiev arbeiten und jedes Jahr ein Buch mit rund 500 Seiten an die Regierung schicken, in dem die aktuelle Lage aber auch die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse aufs Genauste beschrieben sind. Wer hier Effizienz sucht, der sucht vergebens. Immerhin: Der neu gewählte Präsident Poroschenko will hier Abhilfe schaffen. Dezentralisierung und somit Rechteabgabe Kievs an die Region des CBR sollen die Lösung des Problems sein. Dann endlich kann ohne bürokratischen Aufwand entschieden und die Probleme ein Stück weit gelöst werden.

Aktuell ist mit dem CBR der Bevölkerung die Lebensgrundlage ohne jegliche Entschädigung entzogen worden, so scheint es. Aber ganz so schlecht ist die Lage doch nicht. Vorbei an Kiev werden auf lokaler Ebene Lösungen gesucht und die Bevölkerung scheint aufgeschlossen gegenüber dem Schutzgebiet zu sein. Sie sehen eine Chance im Tourismus. Was jetzt fehlt, ist Infrastruktur und Geld. Beides scheint nicht aus Kiev zu kommen und die Hoffnungen sind groß, dass sich das Land nach Europa hin öffnet und Investoren anlockt. Sollte das geschehen, kann das CBR beweisen, wie nachhaltige Entwicklung und Naturschutz Hand in Hand gehen können und die Wage ins Gleichgewicht gebracht werden kann. Bis dahin werden über Kooperationen mit ausländischen Institutionen, wie der HNEE aber auch aus der Schweiz und anderen Ländern, weitere Projekte für eine nachhaltige Entwicklung fortgeführt. Mittlerweile soll auf der rumänischen Seite der Karpaten das Biosphärenreservat erweitert werden. Es scheint fast so, als ob der Schritt in Richtung Europäische Union nicht mehr weit ist. Und ein Passant auf den Straßen Rachiws sieht es so: „Wenn das Schutzgebiet nicht wäre, wäre hier auch kein Wald. Und ohne Wald gibt es kein Leben mehr. Das Schutzgebiet ist unsere Chance, wir müssen sie nur nutzen.“ / © Bilder: Peter Jelinek

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Kommentare (8)
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23.06.2014
Morgentau hat geschrieben:
Auch ich schließe mich an: Wow.
Der Bericht ist richtig gut geschrieben und total verständlich - danke dafür! :)
22.06.2014
FranziL hat geschrieben:
Super Bericht! Du hast dieses komplizierte Problem sehr verständlich erklärt ;D Echt toll!
21.06.2014
Jessika hat geschrieben:
Toller Bericht! Sehr informativ und lebensnah. Schlimm das es dort so viele Probleme gibt. Dein Schreibstil ist total gut, da schließe ich mich der Uli zu 100% an :)
20.06.2014
Johannisbeere1502 hat geschrieben:
Danke für den sehr informativen Bericht und die schönen Bilder. Es ist schon eine schwierige Problematik, die es da gibt... Aber, echt, super geschrieben :)
19.06.2014
Alisenturk hat geschrieben:
Gelunger Beitrag !
19.06.2014
Peet hat geschrieben:
Liebe Uli,
danke für das große Lob. Ob es für die GEO Redaktion reicht, wag ich mal zu bezweifeln aber wer weiß. Eines Tages vielleicht...
19.06.2014
Makanie hat geschrieben:
Toller Artikel und natürlich klasse Fotos! Skigebiete sind wirklich große Probleme, an den Olympischen Winterspielen hat man das auch gut gesehen.
19.06.2014
midori hat geschrieben:
Peter... Du solltest Dich bei der GEO Redaktion oder dergleichen bewerben. Du hast über die Jahre einen Schreibstil entwickelt, der Deine Reportagen absolut professionell klingen lässt! Das wollte ich nur mal loswerden! :o)

ps.: Tolle Bilder, vor allem das mit der Kuh! :o)
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