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Mensch und Tier – Gibt es Kultur im Tierreich? (2/4)


von Madamsel
23.11.2015
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Eine große Vielfalt an Kulturen ist kennzeichnend für uns Menschen. Kulturen formen
unsere Gesellschaft und tragen an die Identität jedes Einzelnen bei. Aber sind Kulturen auch ein Kennzeichen für die menschliche Identität an sich? Mit anderen Worten, unterscheiden sich Menschen und Tiere durch die Anwesenheit von Kulturen? Um dies zu beantworten, müssen wir erst einmal klären, was ‚Kultur‘ eigentlich ist. Danach können wir schauen, ob wir irgendwo im Tierreich Kulturen ausfindig machen können. Sollten wir auf Kulturen stoßen, dann wäre dies ein Argument, um vom graduellen Unterschied zwischen Mensch und Tier zu sprechen. Falls wir auf keine stoßen, bedeutet dies, dass Menschen und Tiere sich was die Fähigkeit zur Kulturformung betrifft fundamental voneinander unterscheiden.

 

Kultur – Was ist das überhaupt? Kultur ist die nicht-erbliche Weitergabe von Fähigkeiten, Wissen und Gewohnheiten durch soziales Lernen. Wir können bei Menschen und Tieren bestimmte Verhaltensweisen beobachten. Häufig kommen diese Verhaltensweisen durch die Umgebung, in der wir leben, zu Stande oder durch genetische Komponenten. Es ist zum Beispiel auffällig, dass Menschen, die dichter an den Polen wohnen, grundsätzlich andere Kleidung tragen als Menschen, die dichter am Äquator leben. Aber ist das Kultur? Genaugenommen nicht, denn die verschiedenen Kleidungstraditionen sind vom Klima der jeweiligen Region abhängig. Bei Menschen wird diese Grenze, was Kultur ist und was nicht, manchmal ein bisschen schwammig gesehen. Kein Wunder, wir wissen ja auch sehr sicher, dass wir zu sozialem Lernen fähig sind. Sobald wir jedoch nach Tieren schauen, müssen wir ausschließen können, dass das Verhalten weder von der Umgebung noch genetisch bestimmt ist, bevor wir von Kulturen sprechen können. Es ist wichtig, dass wir von hier an dieser Definition sehr genau folgen, denn ansonsten laufen wir Gefahr menschliche Traditionen bei Tieren zu suchen, die eigentlich von der Umgebung oder dem Erbgut abhängig und damit keine Kulturen sind. Wir müssen also nach den folgenden Indikatoren Ausschau halten, die erbliche oder umgebungs-abhängige Übertragung unwahrscheinlich machen: Finden wir eine Tradition bei einer Tierart, die lediglich bei einer einzigen (oder sehr wenigen) Population (en) vorkommt? Wird die Verhaltensweise an jedes individuelle Tier sozial beigebracht? Nimmt die Anzahl an Tieren, die die Verhaltensweise zeigen, mit der Zeit zu?  

Eine kulturelle Tradition bei Tieren wurde zum ersten Mal im Jahr 1978 festgestellt. Zu dieser Zeit wurde viel Verhaltensforschung bei Schimpansen betrieben. Die Wissenschaftler Jane Gooddall und William McGrew untersuchte
verschiedene Gruppen Schimpansen, deren Territorien in relativ dicht beieinander lagen. Bei einer dieser Gruppen konnte beobachtet werden, dass sich lausende Affen stets die Gewohnheit hatten, einander an den Händen festzuhalten, wobei sie die Arme vertikal in die Luft streckten. Damals war noch kein anderer Fall dieses sogenannten „grooming handclasp“ bekannt, was eine erblich-übertragene Eigenschaft ausschloss. Weil im gleichen Gebiet noch andere Schimpansengruppen lebten, die dieses Verhalten nicht an den Tag legten, konnten auch Umgebungsfaktoren als Ursache hinter dem Verhalten ausgeschlossen werden. Daher wurde der „grooming handclasp“ als erste kulturelle Tradition im Tierreich anerkannt. Als später das gleiche Phänomen bei einigen Schimpansen in Gefangenschaft beobachtet werden konnte, schien es zunächst, dass die Bestätigung für tierliche Kulturen doch nicht gültig war. Neuste Untersuchungen haben aber ergeben, dass der „grooming handclasp“ zwar bei mehreren Schimpansenstämmen auftritt, jeder Stamm jedoch seinen eigenen Style entwickelt. Manche Gruppen fassen sich bei den Händen, andere berühren sich mit den Handgelenken, wieder andere legen Handgelenk an Ellenbogen. Diese bevorzugten Styles sind scheinbar weder ökologisch noch genetisch bedingt, was ihnen erneut den Status einer kulturellen Tradition gegeben hat.  

Einmal mit den Forschungen nach kulturellen Traditionen in Tierreich begonnen, konnte man weitere Beispiele ausfindig machen. 2014 konnte zum ersten Mal beobachtet werden, wie sich eine kulturelle Tradition in einer Schimpansengruppe festigte. Ein Weibchen begann plötzlich damit sich einen langen Grashalm ins Ohr zu stecken und damit den Rest des Tages herumzulaufen. Sehr langsam, über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren, haben stets mehr Schimpansen der Gruppe dieses Verhalten kopiert. Auffällig war, dass zunächst die Familie des Weibchens sowie ihre engsten Freunde (also die Schimpansen mit denen sie am meisten Zeit verbrachte), die Gras-im-Ohr Tradition übernahmen. Dieses Beispiel ist besonders deutlich, da alle Indikatoren erfüllt werden: Die Tradition kommt nur bei einer einzigen Population vor, das Verhalten wird sozial weitergegeben und die Anzahl an Tieren, die das Verhalten übernehmen, nimmt mit der Zeit zu.

Neben diesen zwei Beispielen bei Schimpansen sind noch weitere kulturelle Traditionen im Tierreich bekannt. So konnte man inzwischen bei auch bei Kapuzineraffen, Meerkatzen, Orcas, Vögeln und weiteren kulturelle Traditionen feststellen.

Die Beispiele lassen deutlich sehen, dass Kultur nicht auf den Menschen beschränkt ist. Jedoch fallen einige Unterschiede auf: Warum können sich bei Tieren Traditionen nur sehr, sehr langsam in einer Population festigen, wie wir es beim Gras-im-Ohr-Verhalten gesehen haben? Und wie kommt es, dass menschliche Kulturen offensichtlich viel diverser sind dann tierliche? Eine mögliche Erklärung hierfür ist ein Phänomen namens Überimitation, das nur bei Menschenkindern, nicht aber bei jungen Primaten festgestellt werden konnte. Überimitation ist das Kopieren von Verhaltensweisen, die nicht zielführend sind.  Hierbei wurde ein Versuch durchgeführt, bei dem sowohl Menschen- als Affenkindern die Aufgabe hatten, eine Süßigkeit aus einem Apparat zu holen. Der erste Apparat sah aus wie eine schwarze Kiste. Ein Erwachsener machte einen Handlungsablauf vor: An einem Rad drehen, mit einem Stock in ein Loch stechen, zwei Stäbe verschieben, bevor er unten eine Klappe öffnete und die Süßigkeit herausholte. Sowohl Menschen- als Affenkinder im Alter von drei Jahren machten alle diese Handlungen nach und holten sich letztendlich die Süßigkeit. Interessant wurde es, als die schwarze Kiste mit einer durchsichtigen vertauscht wurde. Jetzt konnte man sehen, dass das Rädchen, der Stock im Loch und die Stäbe  gar keine Funktion hatten – die Süßigkeit lag die gesamte Zeit schon hinter der Klappe. Im zweiten Anlauf nahmen die Affenkinder sich schlicht die Belohnung und ließen alle unnützen Handlungen weg. Die Menschenkinder jedoch  machten weiterhin ganz genau das nach, was der Erwachsene ihnen gezeigt hatte und nahmen sich erst ganz am Ende die Süßigkeit. Aus dieser Studie scheint, dass Menschen viel mehr dazu neigen, Verhalten zu kopieren, das keinen offensichtlichen Nutzen mit sich bringt. Hierdurch wird das Verhalten einer Menschengruppe schneller und in größerem Maße homogen als in einer Gruppe Tieren. Das ist eine mögliche Erklärung dafür, warum so gut wie jede eigene Lebensgemeinschaft Menschen eigene kulturelle Traditionen hat, was zu einer großen Vielfalt an Kulturen führt im Gegensatz zu Tieren.

Du willst noch mehr zum Verhältnis zwischen Mensch und Tier wissen? Dann gehts hier zum ersten Bericht der Reihe!

 

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Quellen: 

McGrew, W. C., & Tutin, C. E. G. (1978). Evidence for a Social Custom in Wild Chimpanzees? Man, 13(2), 234. doi:10.2307/2800247

Nielsen, M., & Tomaselli, K. (2010). Overimitation in Kalahari Bushman Children and the Origins of Human Cultural Cognition. Psychological Science, 21(5), 729–736. doi:10.1177/0956797610368808

Perry, S., Baker, M., Fedigan, L., Gros‐Louis, J., Jack, K., MacKinnon, K. C., … Rose, L. (2003). Social Conventions in Wild White‐faced Capuchin Monkeys: Evidence for Traditions in a Neotropical Primate. Current Anthropology, 44(2), 241–268. doi:10.1086/345825

Van Leeuwen, E. J. C., Cronin, K. A., & Haun, D.B. M. (2014). A group-specific arbitrary tradition in chimpanzees (Pan
troglodytes). Anim Cogn, 17(6), 1421–1425. doi:10.1007/s10071-014-0766-8

Van Leeuwen, E. J. C., Cronin, K. A., Haun, D. B. M., Mundry, R., &
Bodamer, M. D. (2012). Neighbouring chimpanzee communities show different preferences in social grooming behaviour.
Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 279(1746), 4362–4367.
doi:10.1098/rspb.2012.1543

Bilder:

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/55/Carnival_of_cultures_Berlin_2005_h.jpg

https://pixabay.com/static/uploads/photo/2014/09/14/11/52/rock-art-444867_640.jpg

https://pixabay.com/static/uploads/photo/2014/04/18/16/42/capuchin-327366_640.jpg

 

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Kommentare (6)
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Sortieren nach Aktualität:
14.12.2015
Hummelelfe hat geschrieben:
Toll erklärt :)
Lustiges Video.
10.12.2015
HelptheWorld hat geschrieben:
Schimpansen sind so intelligent, warum sehen das die Leute nicht, warum werden diese Tiere so missbraucht? Die Schimpansen sollen in Ruhe und in Frieden leben!
01.12.2015
Madamsel hat geschrieben:
Danke fuer die Kommentare! Zu deinen Fragen Uli:

Du hast Recht, der Grooming Handclasp an sich ist keine kulturelle Tradtition, genau weil er bei verschiedenen Populationen auftritt, die unabhaengig voneinander leben. Das bedeutet, dass es um ein erblich bedingtes soziales Verhalten geht. Jedoch hat man bei genaueren Nachforschungen gesehen, dass jede Gruppe einen eigenen Style des Grooming Handclasps hat. Dieser Style wird neuen Mitgliedern der Gruppe beigebracht und ist nicht genetisch bedingt. Das bedeutet, je nachdem wo ein Chimpanse aufwaechst, uebernimmt er den Style der bereits fuer die Gruppe charakteristisch ist. Zwar weiss ich nicht, ob der Vergleich mit unserer Schrift wissenschaftlich korrekt ist, finde es jedoch eine sehr gelungene Veranschaulichung!

Und ja, auch Gras im Ohr hat keinen richtigen Nutzen. Genau das ist der Grund dafuer, dass es einen so langen Zeitraum von ueber einem Jahr gedauert hat, bis ueberhaupt ein anderer Schimpanse dieses Verhalten uebernommen hat. Es ging mir bei der Ueberimitation um den Unterschied in der Schnellheid und der Masse an Tradtionen bei Menschen im Gegensatz zu Tieren. In dem kleinen Experiment konnte bewiesen worden, dass Menschenkinder scheinbar automatisch Dinge kopieren, die nicht zielfuehrend sind. Bei den Schimpansen war dies nicht der Fall, zumindest nicht in einer so kurzen Periode und wenn sie nicht mit dem Vormacher emotional verbunden sind. Dies ist eine moegliche Erklaerung, warum wir beim Menschen so viele und so dynamische Trends und Moden erscheinen und verschwinden sehen, im Tierreich jedoch nicht. Dass ueber einen langen Zeitraum von einem Jahr insgesamt nur acht Affen die Gras-im-Ohr Tradition uebernommen haben, spricht dafuer, dass wir einen graduelen Uebergang sehen. Mit anderen Worten ist es eine erste Andeutung dafuer, dass sich auch "unnuetze" Traditionen im Tierreich festigen koennen, jedoch in viel kleinerem Rahmen als bei Menschen.

Was die Elefantedame angeht, denke ich nicht, dass wir von einem kulturellen Verhalten sprechen koennen. Immerhin ist die Wanderroute abhaengig von der Position des Wasserloches und damit von Umgebungsfaktoren. Von kulturellem Verhalten kann man hingegen nur sprechen, wenn man es weder durch genetischen Faktoren noch durch die Umgebungsfaktoren erklaeren kann.
24.11.2015
Cookie hat geschrieben:
Danke für den spannenden Bericht.

Die Affenbabys sind aber echt cleverer, wenn sie sich die Belohnung einfach schnappen, statt die ganzen Aktionen durchzuführen. Ob das so eine gute Eigenschaft von uns Menschen ist, dass wir eher nutzlose Handlungen nachmachen, ohne darüber nachzudenken...? ;-)
24.11.2015
Jayfeather hat geschrieben:
Das mit dem Grashalm im Ohr ist echt lustig :D
23.11.2015
midori hat geschrieben:
Spannend!

Aber zwei Fragen, die sich jetzt beim Lesen ergeben haben. Wenn das Verhalten des 'Grooming handsclap' bei verschiedenen Stämmen auftritt, ohne, dass die miteinander Kontakt hatten und es voneinander erlernen und weitergeben konnten, wer kann dann nicht vielleicht auch sagen, dass es doch erblich bedingt ist? Oder kann man das vielleicht mit unserer Schrift gleichsetzen, die zwar alle Kulturen dieser Welt anwenden, aber jede anders und das auch, obwohl wir uns nicht zwangsläufig begegnet sind?

Und die zweite Frage... Du schreibst im letzten Absatz etwas von offensichtlichem Nutzen. Welchen Nutzen hat aber Gras im Ohr? :D

Mir wäre jetzt übrigens noch spontan die Elefantendame eingefallen, die eine Herde anführt und immer weiß, wo das Wasserloch ist. Das wird ja auch von Generation zu Generation weitergegeben... Zählt das als kulturelles Verhalten?
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