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Viele Vogelarten sind in Deutschland zu Hause. © J. Fieber / igreen media / WWF
Man wünscht ihn sich zurück - und erschießt ihn dann


von Gluehwuermchen
13.08.2010
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100 P

Klingt unlogisch, ist aber leider wahr.

Der Wolf übt nach wie vor Faszination auf uns aus - aber wenn er uns zu nahe kommt, dann ist die Freundschaft vorbei.

In der Schweiz steht der Wolf unter Schutz. Trotzdem wurde am 11. August ein männliches Tier erschossen, weil es Nutztiere gerissen hatte. Mehr dazu könnt ihr in diesem Bericht lesen.

Was ich mich nun fragte, war: Wer ist nun Schuld am Tod des Wolfes? Warum wird er wieder angesiedelt und unter Schutz gestellt, wenn man bei nächster Gelegenheit den Abschuss freigibt ? Und: Hat der Wolf überhaupt noch eine Chance, jemals wieder unser Freund zu werden?

Vor einiger Zeit habe ich ein sehr interessantes Buch gelesen, das dieses Thema behandelt.

Der Engländer Shaun Ellis verbrachte fast drei Jahre mit einem wilden Wolfsrudel zusammen in den Rocky Mountains. Dabei beobachtete er sie jedoch nicht wie Wissenschaftler mit gewissem Sicherheitsabstand von außen, sondern erarbeitete sich einen Platz in ihren Reihen. Er verbrachte Tag und Nacht im Freien, aß mit ihnen rohes Fleisch und ließ sich im Winter von ihnen wärmen. Er begleitete sie auf ihren Wanderungen und musste sich als Rudelmitglied immer wieder in oft blutigen Dominanzkämpfen behaupten.

Das klingt erstmal etwas verrückt und ist sicher nicht jedermanns Sache, aber es verhalf ihm zu einem direkten Verständnis ihres Verhaltens.

Heute leitet er die Organisation "Wolf Pack Management" und informiert über das Leben der Wölfe, und ist an mehreren Forschungsprojekten beteiligt.

Er hat eine Methode entwickelt, Wölfe von Nutztieren fernzuhalten. Dabei verlässt er sich nicht auf körperliche oder mechanische Mittel, sondern auf rein verbalen Einsatz. Dazu lässt er an den Höfen per Tonband mehrstimmiges Wolfsgeheul abspielen, das - in der entsprechenden Tonart ( denn auch Wölfe haben ihre eigene Sprache) - ein fremdes, dominanteres Wolfsrudel simuliert.

Was erst einmal banal klingt, verspricht jedoch großen Erfolg. Unter anderem probierte er diese Methode bei polnischen Bauern aus.

"Die Technik muss so unkompliziert sein, dass die Menschen hier damit umgehen konnten, und so billig, dass jeder hier sie bezahlen konnte. Auf der Kassette, die ich Stan gab, war das Heulen eines Rudels mit fünf männlichen Wölfen zu hören - mindestens einer mehr als in allen Rudeln, die ich im Wald gehört hatte, und deshalb potenzielle Bedrohung. Die Wölfe heulten abwechselnd, als wollten sie (...) allen klarmachen, dass dies ihr Revier war."

" Als ich zwei Jahre später nach Polen zurückkehrte, (...) berichtete er mir überglücklich, wie erfolgreich er mit den Tonbandaufzeichnungen gewesen war. Er hatte sie genau meiner Anleitung entsprechend benutzt und seitdem keine Angriffe auf sein Vieh mehr erlebt."

( aus "Der mit den Wölfen lebt" von Shaun Ellis, Kapitel 21 "Kontaktaufnahme", S. 260, 261 )

Natürlich fragt man sich als Laie, ob ein gewöhnlicher Hütehund nicht ebenfalls für den erwünschten Erfolg sorgen könnte. Hier ist eine Erklärung, warum das Problem nicht längst auf diese Weise effizient behoben wurde:

"Die nervös herumrennenden Wachhunde sahen aus wie eine Mischung aus Deutschem Schäferhund und Pyrenäenberghund. Die Wölfe hatten nicht nur Rinder, sondern auch einige Hunde getötet - trotz der Stachelhalsbänder, die man ihnen zum Schutz angelegt hatte. Das überraschte mich nicht, denn schon mit sechs Wochen haben Wolfsjunge gelernt, sich vor Hirschgeweihen in Acht zu nehmen, und sie würden einem Stachelhalsband genauso ausweichen. Interessant fand ich dagegen, dass die Wölfe diese Hunde offenbar nicht als Artgenossen respektierten."

( Kapitel 20 "Polen", S.246)

Interessanterweise führt Shaun Ellis das Reißen von Nutztieren nicht auf ein mangelndes Nahrungsangebot zurück.  Vielmehr holen sich die Wölfe bei den Nutztieren das, was ihr Körper gerade  zusätzlich an Nährstoffen braucht, und was sie aus keiner anderen Quelle beziehen können.

Die Lösung des Problems wäre, den Wölfen die benötigten Nährstoffe in einer alternativen Form zu bieten, sobald man genau weiß, was ihnen bei ihrem ortsabhängigen, natürlichen Nahrungsangebot fehlt.

Alle diese Tatsachen lassen mich schlussendlich zu der Überzeugung kommen, dass wir den Wolf gar nicht gut genug kennen, um ihm wirklich das geben zu können, was er zum Leben braucht. Zu viel Unwissenheit und zu wenig Intersse führen dazu, dass die Beziehung Wolf - Mensch in unseren Kreisen ( und nicht nur hier) ein gespanntes Verhältnis bleibt.

Bevor wir ihn wieder bei uns ansiedeln, sollten wir uns vorher ernsthaft fragen, ob wir dem gewachsen sind und ob wir bereit sind, etwas mehr dafür zu tun und vor allem: Immer wieder dazuzulernen.

 

 

Foto: Dirk Paeschke,www.kostenlos-fotos.de

Informationen aus: "Der mit den Wölfen lebt" von Shaun Ellis

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Kommentare (10)
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26.08.2010
Nivis hat geschrieben:
Ja, also Reno Sommerhalder, der der mit den Grizzlys zusammengelebt hat, sagt zu dem Thema Wolf- oder auch Bäransiedlung in Deutschland folgendes: Er meint, dass wir in Deutschland, die wir nun schon 100 Jahre eigentlich ohne größere (Fress-)Feinde leben, es verlernt haben. Also wir wissen einfach nicht, wie wir damit umgehen sollen. Und ich denke, dass genau das der Punkt ist. Man muss sich also wieder Stück für STück annähern, damit ein Zusammenleben problemlos klappt.
26.08.2010
Gluehwuermchen hat geschrieben:
Du hast recht, mit den Bären ist es ja ganz genauso. Und dabei sind das so friedliche Tiere! Leider hängt die ZDFmediathek bei mir immer. Aber ich habe mal eine Doku über einen älteren Mann gesehen, der Bärenjunge in die Wildnis zurückführt, indem er die Mutterrolle übernimmt. Ich fand es wahnsinnig faszinierend - vor allem was für ein Charisma er hatte. Immer wieder ein herrlicher Gegensatz zu den "Computergesichtern" unserer Welt...und das sind die, die in ihrem Unverständnis der Natur zum Gewehr greifen...egal ob bei Bär oder Wolf.
26.08.2010
Nivis hat geschrieben:
Ich habe vor ein paar Tagen abend "Natürlich Steffens" gesehen und es ging zuerst einmal um einen Mann, der Jahre lang mit Grizzlys gelebt hat. Zwar nicht so eng wie Shaun Ellis mit seinem Wolfrudel, aber dennoch war er akzeptiert und lebte wie einer von ihnen. So, was hat das nun mit den Wölfen zu tun!? Ganz einfach. Vor nicht langer Zeit hat sich auch ein Bär wieder in Deutschland angesiedelt: Bruno: Und welches Schicksal ihm zutrage wurde, wisst ihr ja. Und ich denke, dass es hier sehr große Parallelen zu den Wölfen gibt. Ihr könnt ja mal reinsehen, ich fand es sehr spannend, informativ und vorallem einleuchtend. http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite/#/beitrag/video/1121180/Grizzlys-hautnah
17.08.2010
Gluehwuermchen hat geschrieben:
@Urmel88: So genau beschreibt er das nicht und das hängt sicher auch damit zusammen, dass es immer unterschiedlich ist, von Population, Ort und Klima abhängig.
Er führt nur das Beispiel auf, dass die Wölfe einmal scheinbar besonders wild auf die Magenschleimhaut von Rindern waren und er hat es selbst gegessen, um herauszufinden, was es nütze und er sagte, er hätte viel weniger gefroren, den Winter über...

Nur als Beispiel.
17.08.2010
Nivis hat geschrieben:
@Urmel88: Naja, ein Bauer lebt davon das Vieh zu verkaufen oder eben deren Erzeugnisse. Und wenn so ein Wolfsrudel sich mal ein ein 'paar' Nutztieren zu schaffen macht, bedeutet das sicher einen größeren Verlust für den Bauern. Von daher finde ich schon, dass sie ein Recht haben, dies verhindern zu wollen. Nur sollten sie in diesem Punkt einfach unterstützt werden, weil sich, wie Gluehwuermchen schon erwähnt hat, damit vielleicht nicht auskennen.
16.08.2010
Gluehwuermchen hat geschrieben:
Hey, danke Nivis :-) Die Reportage kenne ich noch nicht.
Aber ich sehe das ja genauso: Man muss da den Bauern unter die Arme greifen. Man kann nicht erwarten, dass sich alle dafür interessieren und sich auf eigene Faust Tonbandaufnahmen besorgen. Da gehört ja auch ein bisschen Hintergrundwissen zu!
Und eben da sollte man ansetzten und die Betroffenen im Vorfeld aufklären und unterstützen.
15.08.2010
Nivis hat geschrieben:
So, hab jetzt mal geschaut. Also bei Youtube findet man einige Ausschnitte. Hier hab ich mal den Trailer dazu: http://www.youtube.com/watch?v=A5rN1m2nJzk
15.08.2010
Nivis hat geschrieben:
Ich hab zwar das Buch nicht gelesen, aber die Reportage dazu gesehen. War total interessant und faszinierend. Ich werde morgen mal versuchen, sie zu finden. Und diese Methode mit dem Tinband, die du vorgestellt hast, ist ja nichts neues. Zumindest nicht für Forscher auf diesem Gebiet. Sowas setzt man sogar in Zoos ein, zum Beispiel, wenn man Möwen abhalten will. Aber genau das ist der Punkt: Wir, die wir uns mit diesen Themen beschäftigen, wissen das vielleicht. Aber ein Bauer, der sich mit dem Thema nie beschäftigt hat, weil er nie in der SItuation war, dass einige seiner Tiere von Wölfen gerissen wurden, kann das nicht wissen bzw. weiß es eben nicht. Ich finde da ist die Regierung in der Verantwortung eine Art 'Aufklärungskampagne' zu starten. Also, vielen Dank für den Bericht und den Buch-Tipp. Werd ich mir demnächst mal besorgen =)
14.08.2010
Morgan hat geschrieben:
was hat die welt nur gegen wölfe...
14.08.2010
midori hat geschrieben:
Ich bin echt beeindruckt. Tolle Idee! Der Mensch ist mir sehr sympathisch. Wie einfach die Lösung doch manchmal sein kann! :o)
Es wäre zu schön, wenn er noch mehr Leute davon überzeugen kann, diese Methode anzuwenden, um den Wölfen eine Chance zu geben!
Danke für den Bericht. Echt toll!
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