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Clara und der Frosch


von Carina
26.01.2012
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Als Clara rein zufällig auf ihrem Waldspaziergang einen Frosch am Wegrand sieht, bleibt sie unwillkürlich stehen, um das kleine Tier genauer zu betrachten. Schließlich rümpft sie angeekelt die Nase.

Clara: Meine Güte, bist du aber hässlich.

Frosch: Ich darf doch sehr bitten! Für einen Frosch bin ich ein außergewöhnlich schönes Exemplar. Aber ich werde dir deine einseitige Sichtweise verzeihen. Ich für meinen Teil finde Frösche schließlich auch sehr viel schöner als Menschen.

Clara: Zieht erstaunt die Augenbrauen hoch. Du redest ja! Frösche können doch gar nicht reden.

Frosch: Nein, da hast du recht. Auf der anderen Seite: Du hast doch mich angesprochen.

Clara: Auch wieder wahr. Sie sieht über die Schulter, um sicher zu gehen, dass niemand in der Nähe ist. Dann hockt sie sich hin, um näher an dem Frosch zu sein. Also mal abgesehen von der Tatsache, dass du eigentlich nicht sprechen dürftest: Die Behauptung, dass Frösche in irgendeiner Weise schöner sind als Menschen ist vollkommen absurd.

Frosch: Findest du? Amüsant, wenn man bedenkt, dass du von mir abstammst. Die Amphibien sind nämlich die Vorfahren der Menschen. Uns habt ihr es zu verdanken, dass ihr eine Wirbelsäule besitzt. Und nicht zuletzt liegt es daran, dass ihr von uns vierfüßigen Tieren abstammt, dass ihr zwei Arme und zwei Beine habt.

Clara: Aber genau das ist der springende Punkt: Wir sind eine Weiterentwicklung von euch. Anstatt auf der Stufe des Frosches stehen zu bleiben, sind wir zum Menschen geworden und haben damit der gesamten Evolution einen Sinn gegeben.

Frosch: Das musst du mir genauer erklären.

Clara: Aber ist das denn nicht offensichtlich? Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Wir sind die einzigen Lebewesen, die ein Bewusstsein entwickelt haben. Ohne uns wäre die Entwicklung dieses Planeten und seiner Bewohner vollkommen absurd und nutzlos gewesen.

Frosch: Fängt mit der Zunge eine Fliege und schluckt sie genüsslich hinunter. Dann blinzelt er skeptisch zu Clara hinauf. Okay, nehmen wie einmal an, die Lebensformen hätten sich nicht über die Amphibien hinaus entwickelt und wären zum Beispiel vor dreihundert Millionen Jahren stehen geblieben. Das wäre dann das Ende der Karbonzeit. Damals entwickelten sich die ersten Kriechtiere und fliegenden Insekten, aber an Land dominierten vor allem wir Amphibien. Was wäre denn so sinnlos und absurd an einem auf diese Art bewohnten Planeten gewesen?

Clara: Alles! Es gäbe niemanden, der darüber reflektiert, der überhaupt nachdenken kann.

Frosch: Aber es gäbe auch niemanden, der diese angebliche Sinnlosigkeit überhaupt erst feststellen und sich an ihr stören kann.

Clara: Ist kurz nachdenklich. Trotzdem: Wir Menschen sind die einzige intelligente Daseinsform. Wir haben Computer und Raumschiffe entwickelt. Das muss ein Beweis dafür sein, dass wir der Höhepunkt der Evolution sind. Wer weiß, vielleicht waren wir sogar ihr Ziel. Trotzig verschränkt sie die Arme.

Frosch: Es ist wahr, dass ihr viel bewirkt habt, was keine Daseinsform vor euch jemals geschafft hat.

Clara: Triumphierend. Eben

Frosch: Zum Beispiel hat keine Daseinsform vorher so viele andere Arten ausgelöscht.

Clara: Will etwas sagen, überlegt es sich anders und bleibt stumm.

Frosch: Oder so viel Ökosysteme aus dem Gleichgewicht gebracht. So viele Lebensräume zerstört. So frappierend das Klima verändert…

Clara: Schon gut, schon gut, ich hab verstanden!

Frosch: Wenn du recht hast und ihr das Ziel der Evolution wart, dann muss dieses Ziel also letztendlich darin bestehen, sich selbst auszulöschen? Ist denn das nicht absurd?

Clara: Nun dramatisier doch nicht so. Verdreht die Augen.

Frosch: Es brauchte viele Milliarden Jahre, um die Arten und Ökosysteme zu entwickeln, die wir heute kennen. Doch der Mensch braucht nur wenige Jahrhunderte, um sie auszurotten und aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und da behauptest du allen Ernstes, ihr würdet der Evolution einen Sinn geben? Ihr wärt die einzige intelligente Daseinsform auf diesem Planeten?

Clara: Steht auf und lacht etwas zu laut vor sich hin. Kaum zu glauben. Ich rede doch tatsächlich mit einem Frosch! Wenn mich jemand sehen würde, man würde mich ja für verrückt halten…

Schnell geht sie weiter, ohne noch einmal zu dem Frosch zurückzublicken. Der jedoch sieht ihr mit traurigen Augen hinterher.
 

Foto: Von barockschloss via flickr cc

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Kommentare (8)
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Sortieren nach Aktualität:
06.06.2012
Anne hat geschrieben:
Wow, echt toll der Dialog!!
Das hat mich echt berührt!
So etwas bringt die Menschen manchmal mehr zum Nachdenken als Zahlen und Fakten.
30.05.2012
Killari hat geschrieben:
Super. :)
13.05.2012
gelöschter User hat geschrieben:
ich finde die geschichte super, ich finde frösche und kröten super süß
15.02.2012
Stoffie hat geschrieben:
ganz toller text! echt super geschrieben! :)
13.02.2012
sommermadl hat geschrieben:
Ich finde, Geschichten dieser Art bringen die Menschen zum nachdenken, werde ihn auf jeden fall mehreren leuten zeigen! Ist dir das bei einem Waldspaziergang eingefallen oder einfach so?
27.01.2012
Marcel hat geschrieben:
Dein Text hat mich echt berührt. Ich hoffe, den lesen sich viele durch und kommen ins Grübeln. Deshalb @alle: Bitte nach draußen weiter sagen!
27.01.2012
lolfs hat geschrieben:
Ich finde besonders den letzten Dialog-Teil des Frosches interessant und gut geschrieben..
26.01.2012
Babbuina hat geschrieben:
Wow ein wirklich toller Dialog und ich teile die Meinung des Frosches. :-/
Die Menschheit will wohl nicht einsehen, dass, wenn nicht bald etwas passiert, sie die ganze schöne Erde einfach auslöschen wird. Gut, das ist jetzt ein wenig übertrieben, aber wenn wir so weiter machen wirds wohl auf das hinauslaufen...
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