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© Staffan Widstrand / WWF
Tödlicher Regen


von JohannesB
23.01.2013
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Auf eine geschlossene Schneedecke fällt Regen, der bei Minustemperaturen dann gefriert. Wer unter diesen Voraussetzungen schon einmal versucht hat, eine Schneeballschlacht zu machen, wird wissen: Es ist ganz schön schwer, den Eispanzer zu durchbrechen und an den Schnee oder sogar an den Boden zu gelangen.

Das gleiche Problem haben immer öfter auch Tiere auf Spitzbergen, einem Archipel in der Arktis: Die steigenden Temperaturen infolge des Klimawandels lassen es immer öfter auf den Schnee regnen.

Ein norwegisches Forscherteam der Universität Trondheim hat nun Zählungen von vier Tierarten aus den Jahren 1991 bis 2009 analysiert: Das Alpenschneehuhn, das Spitzbergen-Rentier und die recht neu zugewanderte Osteuropäische Feldmaus bilden das Trio der Pflanzenfresser im Winter auf Spitzbergen. Außerdem gibt es noch den Polarfuchs, der die drei „Vegetarier“ jagt oder ihre Kadaver frisst. Das Räuber-Beute-Schema ist also ziemlich einfach auf dem arktischen Archipel. Auch weil dem Eisbär in diesem Zusammenhang keine Bedeutung zufällt: Er lebt nur vorübergehend auf Spitzbergen und ernährt sich vorwiegend von Robben.

Bei der Untersuchung der Daten entdeckten die Forscher einen interessanten Zusammenhang:
Wenn zwischen Dezember und März, mitten im arktischen Winter also, heftige Regenfälle auf den Schnee fallen, gehen die Bestände der Pflanzenfresser drastisch zurück, weil ihnen der Eispanzer den Zugang zur Nahrung erschwert oder sogar unmöglich macht. Teilweise überlebt eines von fünf Rentieren einen derartigen Eiswinter. Für die Polarfüchse ist das zunächst mal eine gute Nachricht: Sie können sich mit den geschwächten und verendeten Tieren den Magen voll schlagen. Im nächsten Jahr allerdings knurrt dem Raubtier der Magen, schließlich sind die Bestände seiner Nahrung stark dezimiert. Als Konsequenz reduziert sich mit einem Jahr Verspätung auch die Zahl der Polarfüchse.

Das Besondere an der Arbeit der norwegischen Forscher ist, dass sie die Auswirkungen extremer Wetterbedingungen für ein ganzes Nahrungsnetz (wenn auch nur mit vier Arten) aufzeigt und nicht, wie das meist der Fall ist, nur für einzelne Arten.

Noch gibt es den beschriebenen Winterregen auf Spitzbergen nur alle vier oder fünf Jahre. Bei fortschreitendem Klimawandel wird dieses Extremwetter aber öfter auftreten – schlechte Nachrichten also für das Tierquartett auf dem Archipel.

Quellen:

http://www.welt.de, http://www.sciencemag.org, http://www.spiegel.de, http://www.tagesspiegel.de
 

Fotos: © J. Barthelmeß

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Kommentare (9)
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14.02.2013
ClaraG hat geschrieben:
Ich hab jetzt im Laufe der Jahre schon mehrfach von Spitzbergen gehört.
Und ch bin gerade ziemlich fassungslos, das es da regnet...
Vielen Dank für den Bericht und die ganze Arbeit!!
14.02.2013
Janine hat geschrieben:
Danke für die Recherchearbeit!!!
29.01.2013
JohannesB hat geschrieben:
@Janine:
Aaaalso. Ich hab jetzt nochmal in der Studie nachgelesen. Diese lief, wie in meinem Bericht erwähnt, ab 1991.
In einer Grafik bei sciencemag.org lässt sich ablesen, dass es 1991 einen Regentag gab, 1993 zwei Tage, 1995 sogar acht! Danach gab es bis 2000 keine Regentage im Winter. Von da an gab es wieder regelmäßig Regen im Winter, meist aber nur an einem Tag pro Jahr. Ausnahmen, und die sind relevant für die oben beschriebenen Folgen, waren 2001, 2005 und 2009 mit 4,5 bzw. 7 Tagen.
Ich hoffe, ich konnte Deine Frage halbwegs beantworten.
25.01.2013
gelöschter User hat geschrieben:
Ein Problem jagt das nächste.....
24.01.2013
Janine hat geschrieben:
Ah, danke! Gut, dass diese Paper publiziert werden und immer mehr Gehör finden! Es ist aber auch schwierig, ökologische Prognosen zu stellen. Oft führen Modelle nur zu chaootischen Diagnosen und bei geringfügig veränderten Startbedingungen sind die Ergebnisse völlig unterschiedlich. Wenn es aber mittlerweile schon zu jährlichem ROS kommt, dann ist es ja kein Wunder, dass die Bestände so drastisch dezimiert werden. Mich würde mal interessieren, seit wann aufgezeichnet wurde, oder wann sich der Eisregen tatsächlich eingestellt hat. Also - was war vor 2000? Das wird ja leider nicht erwähnt.
24.01.2013
JohannesB hat geschrieben:
@Janine:
Völlig richtig.
Genaue Angaben darüber, ob und wann es den Eisregen jährlich gibt, habe ich leider nicht gefunden. Allerdings gibt der folgende Text ein paar Informationen. So kam es offenbar zwischen 2000 und 2010 jährlich zu derartigem Regen (allerdings in recht unterschiedlicher Intensität) und Klimamodelle prognostizieren eine zunehmende Häufigkeit dieses Wetterextrems.

"Across the Arctic, heavy rain-on-snow (ROS) is an ?extreme? climatic event that is expected to become increasingly frequent with global warming. This has potentially large ecosystem implications through changes in snowpack properties and ground-icing, which can block the access to herbivores' winter food and thereby suppress their population growth rates. However, the supporting empirical evidence for this is still limited. We monitored late winter snowpack properties to examine the causes and consequences of ground-icing in a Svalbard reindeer (Rangifer tarandus platyrhynchus) metapopulation. In this high-arctic area, heavy ROS occurred annually, and ground-ice covered from 25% to 96% of low-altitude habitat in the sampling period (2000?2010). The extent of ground-icing increased with the annual number of days with heavy ROS (?10 mm) and had a strong negative effect on reindeer population growth rates. Our results have important implications as a downscaled climate projection (2021?2050) suggests a substantial future increase in ROS and icing. The present study is the first to demonstrate empirically that warmer and wetter winter climate influences large herbivore population dynamics by generating ice-locked pastures. This may serve as an early warning of the importance of changes in winter climate and extreme weather events in arctic ecosystems."

(Quelle: http://www.esajournals.org/doi/abs/10.1890/11-0095.1)
23.01.2013
Angelina hat geschrieben:
Oh, das löst ja eine richtige Kettenreaktion aus.:-(
23.01.2013
LSternus hat geschrieben:
Das ist echt problematisch.
Was die Fragen angeht schließ ich mich Janine an, das würde mich auch interessiern.
23.01.2013
Janine hat geschrieben:
Der Regen entsteht also durch die steigenden Temperaturen? Das Wasser kommt nicht mehr als Schnee runter, sondern flüssig, richtig? Wie sind denn die Prognosen? Ab wann wird es jährlich zu diesem Eisregen kommen?
Danke für den Artikel!
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