Erfahre mehr!


Was gibt's


Neues?


© Elma Okic / WWF-Canon
Tourismus - Fluch oder Segen?


von TaniaTukan
07.06.2011
3
0
40 P

Petra, Moritz, Peter und ich - wir waren die 4 Alpenbotschafter und wollten die Schönheit sowie die Probleme der Alpen erforschen.
Dabei haben wir so gut wie alle Sommersportarten, die die Alpen zu bieten haben, erleben dürfen und uns mitten in (mehr oder weniger stark) von Tourismus geprägten Orten aufgehalten. Auf der einen Seite waren wir die ganz normalen Sporttouristen, auf der anderen Seite die Botschafter vom WWF. Wie passt das zusammen?

Tourismus? Das hatten wir doch schon in der Schule. Na klar, es gibt Vorteile und Nachteile, man darf das nicht Schwarz-Weiß sehen. Ein Satz, der auf die meisten Problematiken zutrifft und den man ziemlich oft hört.
Doch was das wirklich bedeutet und wie schwierig, verschachtelt und vielschichtig sich derartiges und in dem Fall ganz konkret der Tourismus gestaltet, das habe ich in den 2 Alpencampwochen life erlebt – und erst dadurch wirklich verinnerlicht, verstanden.

Am intensivsten haben wir den Tourismus-Konflikt im österreichischen Ötztal erlebt - bei ‘‘Feel Free‘‘.
Das Ötztal ist als Wintersportregion sehr beliebt und bekannt. Die sich zwischen den Gipfeln hindurch schlängelnden Straßen sind gesäumt von Sportgeschäften, Skiausleihen und natürlich Ferienhäusern. Oft sieht man auch kleinere und größere Hotels, Restaurants… typische Touristendörfer.
Unsere Unterkunft - der Freizeit- und Erlebnispark Feel Free - besticht durch seine erfrischende Andersartigkeit. Im Grunde nicht different als ein Hotel mit sehr großem Freizeitangebot für Familien, Abenteuerurlauber, für jeden. Und doch - hier ist es einzigartig.
Das Hotel ist kein Klotz, kein einheitliches Gebäude mit Zimmern und Bädern, mit Empfang im Erdgeschoss und einheitlichem Komfort. Die Genialität und dadurch wohl auch seine Beliebtheit liegen darin begründet, dass das Hotel kein Haus, sondern eine Anlage ist.
Etwas abgeschieden von den restlichen Dörfern, nur umgeben von Feldern, Wald und den Bergen, stehen kleine Blockhütten, Zelte, kleiner und größere Holzhäuschen. Man fühlt sich tatsächlich ein wenig wie in einem traditionellen Almdörfchen - und trotzdem ist alles super-modern. Von Kletterwand bis Sauna, von Gemeinschaftsdusche bis Luxusbad, ob man im Restaurant essen, in der eigenen kleinen Küche kochen oder abends in einer Bar abhängen will: das alles bietet Feel Free, für große und kleine Geldbeutel.

Scheint doch alles toll zu sein. Wenig Flächenversieglung, relativ natürlich und traditionsnah und für alle etwas dabei.
Wir sind mit dem Ziel herangegangen, die Unstimmigkeiten des Tourismus aufzudecken und ihn von allen Seiten zu beleuchten, deswegen war es für uns sehr wichtig und interessant, mit dem Chef und Begründer von Feel Free zu sprechen: Lois Amprosi, der vom Tourismus und dessen Wirtschaftlichkeit lebt.

Lois wollte uns eigentlich nur kurz sich und sein Projekt vorstellen, doch schnell ist daraus eine recht interessante Diskussion entbrannt. Ihn stört die Polarisierung. ‘‘Man darf das nicht immer nur Schwarz-Weiß sehen.‘‘ Grundsätzlich spricht er sich nicht gegen den Naturschutz oder dessen Wichtigkeit aus, doch ‘‘Naturschutz muss man sich leisten können.‘‘ Und deswegen findet er den Tourismus unglaublich wichtig. Er ist die Einnahmequelle der Menschen im Ötztal.
Es gibt keine echte Industrie hier. Doch der Tourismus hat sehr viele Handwerker, kleine Betriebe und Dienstleistungsunternehmen angelockt und ihr Etablissement erst ermöglicht.
Nicht wenig stolz führt Lois als Beispiel die eigene Anlage an. ‘‘Ihr seht ja, hier wird immer gebaut. Wir verwenden zum Beispiel Holz aus der Region. Und all die Handwerker stammen aus Betrieben vor Ort.‘‘
Außerdem wird gleichzeitig mit Hotels, Restaurants etc. die restliche Infrastruktur ausgebaut. Ärzte, Straßen, Einkaufsmöglichkeiten, Friseur… auch wenn man beim ersten Nachdenken nicht darauf kommt, aber all das fordern die Urlauber. Davon profitieren natürlich auch die Einheimischen.
Und wer sind sie denn diese Einheimischen? Selbstverständlich die, die hier arbeiten - sei es beim Bäcker, als Zimmermädchen oder als Touristenführer.
Die Urlauber sind die Einnahmequelle, und so, das wiederholt Lois mehrmals, ist die schöne Landschaft, sind die Alpen die Lebensgrundlage der Menschen hier. ‘‘Die werden sie nicht zerstören, davon hängen ihre Arbeitsplätze ab.‘‘
Naturschutz schön und gut - doch der gestandene Chef von Feel Free hält mit der Meinung nicht hinterm Berg, dass die Menschen in allererster Linie hier leben müssen. Man könne nicht alles auf den Tourismus schieben und ihn allein zum Schutz der Alpen und ihrer Gletscher verpflichten.
Lois selbst setzt auf Nachhaltigkeit, die Feel Free so umsetzt: Wirtschaftlichkeit, Soziale Absicherung, Umweltschutz - die ersten beiden Komponenten liegen auf der Hand; er beschäftigt Einheimische, sorgt für Erholung und Freizeitbeschäftigungen, und trägt dazu bei, dass die Region Geld erwirtschaftet. Wie die anderen Urlaubsanbieter auch - das ist nicht das Thema. Uns interessiert vordergründig der Part Umweltschutz.
Feel Free bildet z.B. seine eigenen Guides aus. Ob nun Führer für Gletschertouren, Canyoning oder Mountainbiking. In professioneller Begleitung macht es meist mehr Spaß, man erfährt mehr über die Natur und den Ort und wird auf die regionalen Besonderheiten hingewiesen: wo darf man mit dem Mountainbike nicht lang, wo stört man Tiere beim Aufzug ihrer Jungen…
Ein gutes Konzept, doch es muss konsequent sein. Wenn man diese Flecken wertvoller Natur auch ohne Guide erreicht, warum sollte man dann dafür Geld ausgeben? Und hört jeder einem Naturführer zu, weil es eben zur Tour dazu gehört, dass er auf den Umweltschutz und die Schonung der Landschaft aufmerksam macht?
Man kann versuchen, die Touristen für die Natur zu sensibilisieren, aber man kann weder den Urlauber noch den Rafting-Guide dazu zwingen, dieser die gebührende Achtung zu schenken.

Und so viel Mühe man sich auch gibt - man kann nicht ohne jeden Einfluss auf Tier- und Pflanzenwelt die Flussschluchten oder Mountainbike-Trails erkunden. Mit vielen Sportarten, besonders beim Skifahren, tragen wir zur Erosion bei, Tiere werden, ohne dass wir es merken, aufgeschreckt oder verscheucht, wir drängen die Landschaft zurück, sei es für einen Skilift, um eine Straße zu bauen, einen See zu befestigen oder einfach nur ein Haus zu bauen.



Die Touristen müssen irgendwie anreisen, sie bewegen sich von ihrer Unterkunft zu den Startpunkten ihres täglichen Abenteuers, sie brauchen Verpflegung, Ausrüstung, … die Liste ist unendlich, alles muss in die Tourismusregion geschafft werden. Logischerweise bleibt das nicht ohne Auswirkungen auf die örtliche CO2-Bilanz. Das gleiche Spiel funktioniert mit Müll, Trinkwasser, Abwasser.
Ja, der Tourismus lockt viele andere Branchen an. Aber was passiert, wenn der Tourismus stagniert oder sogar rückläufige Urlauberzahlen zu vermerken sind?
Nehmen wir einmal einen weiteren unserer Themenschwerpunkte hinzu: den Klimawandel.
Angenommen, die Gletscher schmelzen immer mehr und man kann selbst im Winter nicht mehr Skifahren, selbst Schneekanonen, die schon heute vielerorts zum Bild gehören, könnten den Wintersport nicht mehr ganzjährig sichern. Die Touristen würden die Region, die nicht mehr schneesicher ist, weniger aufsuchen. Es müssen nicht mal alle wegbleiben - aber prompt wären nicht mehr alle Bungalows und Hotels ausgelastet, die Nachfrage an Lebensmitteln und Ausrüstung sinkt. Alles hängt an den Besuchern, alles ist auf sie ausgerichtet, von der Kellnerin bis zum Adventure-Sport-Anbieter. Auf einen Schlag könnten Massen von Arbeitsplätzen wegbrechen.
Wenn man weiterhin Arbeit für die Handwerker bieten will, wenn die Wirtschaft wie überall wachsen soll, müssen die Urlauberzahlen steigen, ständig. Dass dies nicht ohne die Belastung der Natur geht, dürfte jedem klar sein. Die Alpen sind groß, aber nicht endlos. Wenn sich der Tourismus zum Teufelskreis entwickelt und ständiges Wachstum verlangt, trifft er irgendwann auf seine Grenzen - wenn nicht vorher die Natur kollabiert.
Wie weit kann man also gehen? Wo ist Schluss, wie kann man das alles unter einen Hut bringen?

Gäbe es für die Lösung dieses Problems ein Patent, könnte man einfach ein universallösendes Gesetz verabschieden, wäre das schon Geschehen.
Allerdings kann man jetzt nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, so weitermachen wie bisher und sich denken „Ich kann ja eh nichts ändern.“
Denn genau das wäre falsch. Der Tourismus muss sich nach den Wünschen des Gastes richten, er unterliegt ebenso dem Prinzip von Angebot und Nachfrage wie jeder Wirtschaftszweig.

Und deswegen hat der Konsument, der Urlauber, die Macht, etwas zu verändern. So wie wir entscheiden können, ob wir grünen oder konventionellen Strom beziehen, ob wir Bioprodukte kaufen oder Eier aus Massentierhaltung kaufen, ob wir unser Geld bei einem Institut anlegen, welches in die Rüstungsindustrie oder aber in soziale Projekte investiert, können wir auch beim Verreisen unserer Verantwortung gerecht werden.
Muss ich von Hamburg in die Alpen fliegen oder nehme ich eine längere Reise mit der Bahn in Kauf? Brauche ich vor Ort ein Auto oder ist der ÖPNV eine Alternative?
Der Chef von Feel Free hat uns beispielsweise berichtet, dass man von seiner Anlage alles bequem ohne eigenes Auto erreichen kann - die Infrastruktur sei da, doch die Nachfrage nicht. Wenn immer mehr Urlaubsanbieter merken, dass vermehrt Wert auf öffentliche Verkehrsmittel gelegt wird, müssen sie sich diesem Wunsch ihrer Gäste anpassen.
Genauso kann man sich darüber informieren, wer denn am eigenen Urlaub verdient. Ein fremder Investor? Kommt der Gewinn der Region und den ansässigen Menschen zu Gute?

So, wie man heute in keiner Speisekarte mehr die vegetarische Seite vermisst, können sich auch andere Dinge ändern. Natürlich wird sich nicht auf die Nachfrage eines Gastes sofort die gesamte Küche eines Hotels auf regionale Kost umstellen oder ein Freizeitpark auf konventionellen Strom verzichten. Aber man muss irgendwann mal anfangen, diese Fragen zu stellen, damit sich etwas ändert. Und dieser Zeitpunkt ist jetzt.

Wir sind allerdings auch einem Lösungsansatz begegnet - in Lenggries. Wofür auch die Huberbrüder plädiert haben, wird hier durchgesetzt: die sogenannte Kanalisierung: Das heißt, ein Stück Natur wird geopfert und vollkommen dem Tourismus überlqssen, dafür wird aber der Rest geschont. In Lenggries ist es der Brauneck, ein Berg, der quasi tot ist. Dort können die Urlauber fast einschränkungslos Skifahren, Paragliden und und und. Doch dafür bleiben die anderen Berge rings um Lenggries unangetastet und vom Tourismus weitgehend unberührt.
 

Weiterempfehlen

Kommentare (3)
Um einen Kommentar zu schreiben einfach registrieren oder einloggen.
Sortieren nach Aktualität:
14.06.2011
LisaLaubfrosch hat geschrieben:
Echt super Bericht, war echt interessant zu lesen und war sehr informativ.
13.06.2011
Carina hat geschrieben:
Ein sehr interessanter Bericht! Erinnert mich an eine Doku über die Galapagos-Inseln, die ich letztens gesehen habe und bei der diese Zweischneidigkeit des Tourismus' auch thematisiert wurde: Einerseits bringt er Geld ein, das für den Umweltschutz verwendet wird - andererseits sind die vielen Touristen aber auch eine große Gefahr für das empfindliche Ökosystem. i
08.06.2011
Nugua hat geschrieben:
Super interessanter Bericht. Ich finde auch, dass jeder einzelne sich über sowas Gedanken machen sollte, dann kann man etwas erreichen..
Login
E-Mail


Passwort


Kostenlos registrieren
Mitglied werden
Deine Ansprechpartner
Marcel
Marcel Gluschak
WWF Jugend Community Manager
zum Profil
Luise
Luise Neßler
WWF Jugend Community Moderatorin
zum Profil
MarcelB
Marcel Brüssow
WWF Jugend Redaktion
zum Profil
Ronja96
Ronja Post
WWF Jugend Aktionsteamer
zum Profil
HannahFee
Hannah Fesseler
hilft dir bei technischen Fragen
zum Profil
AndreaRentschler
Andrea Rentschler
hilft dir bei Fragen zur WWF Jugend Mitgliedschaft
zum Profil
NicoleB
Nicole Barth
hilft dir bei Fragen rund um die WWF Jugend Camps
zum Profil