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© Martin Harvey / WWF-Canon
Reise in den Regenwald - Schweiß, Bienen und Schweißbienen (11/15)


von Janine
24.12.2011
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Am Morgen holt mich das Auto ab. Zu Bruces und meiner großen Verwunderung, ist es sogar schon eine halbe Stunde vor der ausgemachten Zeit da! Ich stopfe also schnell den Haferbrei in mich hinein und verabschiede mich, schon wieder, von Bruce.

Wir sind gerade eine dreiviertel Stunde unterwegs – da passiert es. Der Fahrer übersieht ein Schlagloch und zack! Unser Auto ist kaputt! Er springt raus und schaut sich den Schaden an. Ich frage ihn wie lange die Reparatur wohl dauern wird. Er antwortet „Zwei Stunden“. Ich richte mich also geistig auf sechs Stunden ein.
Wir sind zu viert im Auto und die Männer fangen an den Reifen abzunehmen. Ein paar Motorräder kommen vorbei. Ich verstehe nicht ganz, aber ich glaube, dass sie alle irgendwie bei der Reparatur helfen wollen.
Da die Fenster des Autos heruntergekurbelt sind, bekomme ich ab und zu Besuch von ein paar Bienen.. Und es werden immer mehr. Ich habe nur Badeschlappen an und einige von ihnen schaffen es bis unter meine Füße. Das kitzelt total und ich versuche sehr stark, mich nicht zu bewegen, damit ich sie nicht dazu bringe mich zu stechen. Als ungefähr vierzig Bienen im Auto sind, beschließe ich mein Wurfzelt aufzuschlagen und mich hineinzusetzen, damit ich meine Ruhe habe. Auch ein Schmetterling schafft es, sich vor den Bienen zu retten und kommt mit mir ins Zelt. Ich genieße seine gelbe Gesellschaft für einige Zeit und setze ihn dann zurück in den Wald.

Im Zelt ist es ziemlich warm. Wenn man es in die Sonne stellt, ist es wie eine kleine Sauna. Ich fange an mit meinem Schal zu wedeln. Das hilft zum Glück ein bisschen gegen die Hitze. Da ich darauf eingestellt bin die nächsten Stunden hier zu verbringen, packe ich meinen Laptop aus und schaue mir ein paar Filme an. Dabei esse ich Chips. Ich komme mir vor wie im Kölner Rex-Kino im Sommer. Kleine Leinwand und keine Klimaanlage.

Mein Zelt hat zwei Schichten. Eine Innere mit Boden und Fliegenschutz und eine Äußere, die regenfest ist. Zwischen beiden Schichten befindet sich ein Hohlraum, den ich durch das Netz der inneren Schicht gut beobachten kann. Nachdem ich meinen Laptop wieder eingepackt habe, lege ich mich hin und blicke in den Zwischenraum. Und was entdecke ich da? Die Bienen haben einen neuen Stock gefunden! Es müssen an die zweihundert sein, die nun – mehr oder weniger – im Zelt herumschwirren. Ich beobachte sie eine Zeit lang und schlafe dann ein.

Nach sieben Stunden ruft jemand „Janine, on part!!“ - es geht weiter. Erst jetzt sehe ich, dass die drei Männer wie wild mit Blättern um sich schlagen. Sie sind voller Schweiß, Bienen und Schweißbienen. Kaum trete ich aus meinem Zelt, stürzen sie sich auch auf mich. Ich laufe hin und her, um sie loszuwerden. Die Männer helfen mir die Bienen aus meinem Zelt zu verscheuchen. Zusammengefaltet kriegen wir es aber nicht mehr, deshalb schmeißen wir es schnell auf die Autoablage und dann geht es ab in den Wagen! Nach den ersten paar Metern verlassen die verbliebenen Bienen das reparierte Gefährt und der Fahrer entlässt eine aus seinem T-Shirt. Ein Anderer hustet und versucht eine Schweißbiene aus seiner Luftröhre zu drücken.
Es muss die Hölle für die drei Männer gewesen sein! Über Stunden in der Sonne zu sitzen, das Auto zu reparieren und mit den lästigen Tierchen und ihren Stacheln zu kämpfen! Ich selber komme ohne einen einzigen Stich davon.

Nun wartet noch ein spannender Moment auf mich. Da ich meinen Pass schon vor ein paar Tagen zusammen mit denen von Steffens Gruppe abgegeben hatte, damit der Ausreisestempel hineingebracht werden konnte, halte ich mich sozusagen seit dieser Zeit illegal in der ZAR auf. Ich wollte ja am selben Tag ausreisen wie Steffen und Co, aber das hat ja dann nicht geklappt. Ich will also direkt zum Boot fahren und nicht erst noch beim Grenzbeamten anhalten. Aber leider wird unser Auto gestoppt und wir werden zum Büro gebeten. Da sitzt ein Beamter, der 4000 Francs haben will (also ca. 6€). Ich will gerne eine Quittung haen, die kann nämlich nur ausgestellt werden, wenn eine Rechnung rechtens ist. Er brüllt herum, sagt mir, dass ich keine Quittung haben kann, spricht mit irgendwem übers Radio und erzählt mir zwischendurch immer wieder, dass er mich heiraten will.
Irgendwann sage ich ihm, dass ich über's Radio mit Anna vom WWF sprechen will. Er stellt den Sender ein. Anna ist sehr verdutzt darüber, dass ich immernoch in der ZAR bin. Sie sagt mir, dass ich das Geld bezahlen soll, damit ich weiterfahren kann. Das tu ich dann widerwillig und es geht endlich Richtung Boot.

Als ich auf der anderen Seite, also in Kamerun ankomme, ist niemand da. Kein Auto, keiner, der mir hilft mein Gepäck zu tragen. Ich packe alles an meinen Körper - großer Rucksack auf den Rücken, kleiner vor den Bauch, Zelt auf den Kopf. Dann laufe ich die Straße entlang, bis ich zu dem Haus komme, bei dem wir auf der Hinfahrt kurz angehalten haben. Ich habe nämlich die Hoffnung, das Auto dort zu finden. Aber als ich ankomme, ist auch da keiner. Ich bin ein bisschen fertig und weiß nicht wie es weitergehen soll. Also setze ich mich erst einmal hin. Dann sehe ich zum Fluss und entdecke einen großen, vollen, roten Mond. Das sieht sehr schön aus und ich versuche mich durch den Anblick von meiner Situation abzulenken.
Ich überlege schon, mein Zelt einfach auf dem Grundstück des Hauses aufzuschlagen und die Nacht hier zu verbringen. Aber nach einer viertel Stunde kommt jemand, der mir erzählt, dass das Auto schon abgefahren ist. Er wolle aber versuchen, den Fahrer noch zu erwischen. In zehn Minuten sei er wieder da.
Jemand anderes kommt. Es ist der Bootsmann, der mich auf der Hinfahrt über den Fluss gebracht hat. Er meint, dass ich mit ihm mitkommen soll, denn es ist besser in einem Hotel zu warten, als vor einem Haus sitzen zu bleiben, das gerade leer ist. Er bringt mich ein Stück weiter in die Dorfmitte. Dann sagt er mir, dass ich mich auf eine Bank setzen soll. Das mache ich. Ich sitze und beginne ein wenig zu lesen.Ich kann zwar keine Buchstaben mehr erkennen, aber ich will auch nicht angesprochen werden.

Nach zwanzig Minuten ruft jemand „Da kommt das Auto!“. Ich schaue mich um und tatsächlich! Ich sehe Anourou, der mich nun schon öfter gefahren hat! Er grinst breit und freut sich mich zu sehen. Mir geht es genauso!
Der Arme hatte auch in der vergangenen Woche schon vergebens auf mich gewartet. Aber da hatte ich mich ja dazu entschieden nochmal nach Bai Hokou zu fahren, weil wir nicht wussten, ob das Auto gekommen war.
Anourou fragt mich, ob ich Hunger habe. Kurze Zeit später sitzen wir ein einem kleinen Laden. Der Besitzer schmeißt ein Ei in die Pfanne und serviert es mir mit Remoulade und Brot. Anourou hat auch noch etwas zu Essen übrig und schaufelt mir fleißig gebackene Bananen und gegarten Fisch auf den Teller. „Aus dem Sangha-Fluss“ grinst er. Dann bestellt er mir noch eine Cola.
Er schlägt vor, lieber morgen nach Mambele weiterzufahren. Es ist zu gefährlich im Dunkeln unterwegs zu sein. Viele Autofahrer machen die Scheinwerfer nicht an, oder rasen um die Kurven.
Dann quartiert er mich in einem Hotel ein. Und erst beim dritten Zimmer sagt er „Ja, das ist in Ordnung!“. Er fragt mich, ob ich noch irgendetwas brauche; Wasser, Seife,.. aber ich habe alles beisammen.
Ich bin froh, dass ich so von Anourou umsorgt werde. Das ist hier keine Selbstverständlichkeit. In der ganzen Zeit war er der Einzige, auf den immer Verlass war und der sich ständig gekümmert hat.

Am nächsten Morgen geht es weiter. Um viertel vor sechs fahren wir los. Die Nacht war sehr schwül. Außerdem gab es kein Moskitonetz. Aber in einer mittelgroßen Stadt wie Libongo ist das Malaria-Risiko recht hoch. Also habe ich mir vor dem Schlafengehen etwas Moskitomilch auf den Körper gekleckert und mir mein Kopfmoskitonetz übergezogen.

Anourou überprüft meinen Sitzgurt! Er ist einer der Wenigen, die sich hier anschnallen und bei Kurven hupen, um sich Anderen anzukündigen.

Bevor wir nach zwei Stunden ins Camp Kombo einfahren, macht er kurz Halt bei sich zu Hause und reicht mir einen Kanister mit Trinkwasser. Julia ist zur Zeit noch im Wald unterwegs und kommt erst einen Tag später ins Camp zurück. Ich besorge mir also noch etwas Reis, Tomatensauce, Gewürz, Brot und ein paar Kekse.

Mittags wasche ich meine Wäsche im kleinen Bach neben dem Camp. Sie hat es bitternötig! Danach koche ich meinen Reis. Da das Gas alle ist, mache ich ein Feuer und stelle den Kochtopf hineinen. Schmeckt gar nicht so schlecht.
Nach dem Essen ist es schon recht spät – halb vier. Eigentlich wollte ich noch einmal in die WWF-Zentrale laufen. Ich überlege, ob ich nicht lieber im Camp bleiben soll. Denn für den Hin- und Rückweg brauche ich zu Fuß jeweils eine Stunde. Eventuell ist es schon dunkel, wenn ich auf dem Rückweg bin. Das ist sehr gefährlich, mit all den LKW, die schwer beladen, mit Baumstämmen, aus dem Kongo anbrausen. Außerdem sieht es nach Regen aus. Ja, ich bleibe hier.
Ich bin über die Entscheidung sehr froh. Vorhin hatte es leicht zu tröpfeln angefangen. Kurze Zeit später hat ein heftiger Wind zu wehen begonnen. Jetzt weiß ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Denn es dauert nicht lange bis es wie aus Eimern schüttet. Ich sitze in der Aufenthaltshütte und über mir knallen mehrere Äste auf das Blechdach. Der Regen hört sich hier viel lauter an. Es donnert immer wieder. Und ich bin gespannt, wann der Regen nachlässt, damit ich mich trocken in mein Bungalow-Bett legen kann.

 

Fotos: Bootsmann © Florian Niethammer; alle Anderen © Janine Koch
 

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Kommentare (4)
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30.12.2011
Gluehwuermchen hat geschrieben:
Tja...das stimmt ja schon für heimische Bienchen und Hornissen...einfach ruhig bleiben :o)
30.12.2011
Janine hat geschrieben:
Panik zu kriegen hilft ja am allerwenigsten. Am besten ist es einen kühlen Kopf zu bewahren. Erst wenn man selber nicht mehr denkt und sich von Panik oder Verzweiflung einnehmen lässt wird es gefährlich. Vorher nicht ;o) Ich habe versucht das alles immer von oben zu betrachten und mir gesagt "Was soll den im schlimmsten Fall passieren? Die Leute wissen ja wo du bist. So schlimm kann das gar nicht werden": Und das Gleiche gilt für die Bienen. Wenn man wahllos um sich schlägt, trifft man sie und macht sie dadurch agressid. Wenn man sie aber in Ruhe lässt und sie akzeptiert, dann stechen sie auch nicht. Am Ende hat man keine Wahl. Also muss man einfach die Augen zukneifen und dann da durch.
30.12.2011
Gluehwuermchen hat geschrieben:
Klingt ziemlich abenteuerlich...manch anderer hätte bei den Krabbelviechern sicher eine schwere Krise bekommen :D Super, dass du das alles so weggesteckt hast :)
24.12.2011
Carina hat geschrieben:
Ich finde es echt bewundernswert wie gelassen und ruhig du auch schwierige Situationen gemeistert hast. Da hast du dir die afrikanische Lebensart wahrscheinlich schon ganz gut angeeignet ;). Schade, dass ich in den nächsten Tagen wahrscheinlich nicht dazu komme, deine restlichen Berichte zu lesen. Aber das werde ich ganz sicher nachholen!
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