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© Martin Harvey / WWF-Canon
Louis Sarno: Der Mann aus dem Wald


von Marcel
11.09.2014
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Die Musik der BaAka lockte ihn vor Jahrzehnten in den Regenwald – und er ist bis heute dort geblieben. Der hoch dekorierte Dokumentar-Film "Song from the Forest" erzählt Louis Sarnos Leben – und wie er mit seinem in Afrika geborenen Sohn zum ersten Mal in Sarnos alte Heimat New York reist. Vor der Film-Premiere in Berlin haben wir uns mit ihm unterhalten: Darüber, was wir von dem indigenen Volk Zentralafrikas lernen können, was der WWF in Dzanga-Sangha richtig und falsch macht – und was Louis Sarno mit zurück nach Afrika nimmt.

WWF: Louis Sarno, Sie wurden schon als musikalischer Herodot unsere Zeit oder als der große BaAka beschrieben. Wie würden Sie sich selbst nennen?

Louis Sarno: Als jemand, der nach Zentralafrika gegangen ist - wegen der Musik. Und der versucht hat, dort keinen Schaden anzurichten. Ich bin sicherlich keine großartige Person oder so etwas. Zuerst liebte ich die Musik der BaAka, dann stellte ich fest, dass ich es liebe, dort zu leben. Langsam habe ich dann eine neue Rolle gefunden. Die gesundheitliche Lage der BaAka war oft sehr schlecht und so habe ich versucht zu helfen, kranken Menschen zu helfen, aber eben nur als Person alleine, ohne irgendeine Organisation im Hintergrund. Und jetzt gehöre ich dort zu den Ältesten.

Sie leben dort seit 28 Jahren bei den BaAka, dabei monatelang ausschließlich im Wald, ohne Kontakt zur Außenwelt. Was haben diese Jahren mit ihnen gemacht?

Ich bin zu einem bewussteren, weniger egozentrischen Menschen geworden. Vielleicht bin ich sogar zu einer besseren Person geworden durch die BaAka.

Wie das? Was haben Sie von den BaAka gelernt, was vielleicht jeder von den BaAka lernen könnte?

Sie sind ein sehr tolerantes Volk und beurteilen niemanden. Das habe ich von ihnen gelernt. Dazu leben sie sehr im Heute, sind nicht so gefangen im Vergangenen und sorgen sich nicht um die Zukunft. Sie leben sehr im Moment. Wenn man mit ihnen zusammen lebt, wacht man irgendwann auf und stellt fest: Wow, ich bin am Leben. Zumindest mir ging es so.

Sind Sie zufrieden, wie das Leben der BaAka im Film dargestellt wird?

Der Wald ist im Film wunderschön; die Geräusche und so weiter, das macht mich schon sehr glücklich. Ich habe den Film ja erst gestern zum ersten Mal gesehen. Ich mag den Film, obwohl ich darin besser wegkomme, als ich es wahrscheinlich verdient habe.

Nach drei Jahrzehnten mit den BaAka: Klingt die polyphone Musik für sie heute anders?

Ich höre manchmal noch diese wundervolle Musik, vor allem wenn die BaAka im Wald sind. Aber die Phase des Aufnehmens ist nach den vielen Jahren für mich vorbei. Lange Jahre habe ich ja jedes der vielen, vielen musikalischen Events der BaAka aufgenommen, aber ich schaffe es einfach nicht mehr. Einige Formen der Musik sind ausgestorben. Der letzte Spieler der viertönigen Flöte ist zum Beispiel vor ein paar Jahren gestorben. Und von der neuen Generation interessiert sich leider einfach niemand dafür, die Flöte zu spielen.

Wie haben sich die BaAka in ihrer Zeit dort verändert?

Als ich zum ersten Mal zu ihnen kam, war die Situation wirklich sehr schlecht. Von den örtlichen Behörden wurden sie buchstäblich wie Sklaven gehalten. Weil die BaAka natürlich keine Steuern zahlten, musste sie Zwangsarbeit leisten. Die Lage der BaAka wurde besser, als wir ein wenig weiter weg gezogen sind. Sie pflanzen dort jetzt auch Maniok für sich an, was ihre Situation verbessert. Zudem gibt es heute auch immerhin Gesetze zum Schutz der Indigenen – die werden natürlich oft nicht eingehalten, aber es gibt sie. Materiell geht es den BaAka besser, aber kulturell…es wandelt sich eben und Wandel kommt ja immer auch von innen. Die BaAka sind großartig darin, sich anzupassen und Meister des Überlebens. Man muss den Wandel wahrscheinlich akzeptieren, auch wenn ich ihn oft bedauere. Ich war vor einigen Jahren mal im Nordkongo, wo manche BaAka noch deutlich traditioneller leben als hier – aber die werden noch viel massiver von der Mehrheitsbevölkerung der Bantus unterdrückt. Und jeder Mensch will frei sein, auch wenn es Traditionen kostet. Man kann den Zusammenbruch von Traditionen nicht verurteilen. Die Zeiten ändern sich, nichts ist eingefroren wie es ist.

Wie hat ihr Sohn Samedi eigentlich die Reise nach New York verkraftet, die im Film erzählt wird?

Gut. Er war sehr still und blieb etwas für sich, um die Eindrücke zu verdauen. Er hat seine Kultur nach der Reise nicht abgelehnt, aber er hat erlebt, dass die Welt wesentlich größer ist, als das seine Freunde oder selbst seine Mutter sich vorstellen. Er redet nicht sehr viel drüber. Ab und zu spricht er etwas an, wenn er eine Frage hat, wie dies oder das in Amerika war. Manchmal redet er auch mit seinen Freunden, wenn eine Erfahrung von der Reise relevant für das Leben hier ist. Manchmal frage ich mich schon: Wäre es nicht besser gewesen, wenn er einfach in der Kultur geblieben wäre, in die er geboren wurde? Aber Samedi hatte keinen Kulturschock. Er war ja nicht wirklich beeindruckt von den hohen Häusern oder so. Er interessierte sich mehr dafür, wie sich die Leute verhalten. Die Tiere haben ihn sehr interessiert. Kennen Sie die zahmen Eichhörnchen im Central Park? Er wollte eins töten und braten– das war wohl der Instinkt des Jägers.

Sie leben mit den Baaka in der Zentralafrikanischen Republik, einem der ärmsten Länder der Welt. Wir haben alle von den Unruhen in der Zentralafrikanischen Republik gehört, auch das WWF-Büro in Dzanga-Sangha wurde geplündert, wir mussten Mitarbeiter evakuieren. Wie ist die Situation jetzt?

Ende Mai haben wir Militärschutz bekommen. Wir haben bis dahin schwer gelitten unter den Séléka-Rebellen, die dann im Februar 2014 geflohen sind. Nach weniger als einer Woche kamen dann die Anti-Balaka, die fast noch schlimmer waren. Die Séléka waren Räuber und Feiglinge, haben die BaAka aber weitgehend in Ruhe gelassen, die Anti-Balaka waren aber eine echte Plage von Dieben und Verbrechern. Jetzt haben wir eine kleine Truppe von vielleicht zehn gutausgerüsteten Soldaten, die uns die Anti-Balaka vom Hals halten. Jetzt kommen die Touristen hoffentlich wieder – und damit ein Argument gegen die Holzfäller. Was immer von der Regierung übrig geblieben ist, sie braucht jetzt Einnahmen.

Der WWF arbeitet seit Jahrzehnten in Dzanga-Sangha, hat dort den Park aufgebaut, schützt Elefanten und Gorillas, betreibt ein Antiwilderei-Programm und versucht den Ökotourismus als Einkommensquelle aufzubauen. Es gibt einen WWF-Fonds, der die Kultur und Traditionen der BaAka bewahren soll. Trotzdem kritisieren Sie den WWF im Film scharf.

Der WWF macht einen guten Job mit den Elefanten und auch die Wilderei auf Gorillas ist unter Kontrolle. Aber das Antiwilderei-Programm in der Pufferzone und dem kommunalen Jagdgebiet um den Park läuft nicht gut. Die Wilderei auf kleinere Säugetiere ist dort völlig außer Kontrolle. Wenn man eines für die BaAka tun will: Stoppt die Wilderei auf die kleinen Säugetiere des Waldes. Die Wilderei von Elefanten und Gorillas zu stoppen, hilft den BaAkas nicht direkt. BaAkas brauchen die Affen, die kleinen Antilopen: Diese jagen sie, davon leben sie, wenn sie in den Wald gehen. Ich war ja schon dort, als Dzanga-Sangha eingerichtet wurde. Die BaAkas dürfen im Wald der Pufferzone mit ihren traditionellen Methoden jagen, nicht aber mit Gewehren. Damit hat man die besondere Beziehung der BaAka zum Wald anerkannt. Andere dürfen aber jetzt mit Spezialgenehmigungen der regionalen Verwaltung jagen – dafür wurden viel zu viele Lizenzen für Gewehre ausgegeben. Über 200. Es sollten aber nicht mehr als fünf oder zehn sein. Dazu kommen die Fallensteller. Mit den Illegalen sind wir vielleicht bei 500. Jetzt haben wir die Situation, das dort quasi jeder mit den Gewehr jagt – außer den BaAka. Das ist die Realität. Ja, es gibt Ranger, aber die tun ihre Arbeit - zumindest außerhalb des Nationalparks - nicht wirklich mit Überzeugung. Jeden Tag sieht man Jäger in den Wald gehen, mit Gewehren und kistenweise Munition. Heraus kommen sie mit Rucksäcken voller toter Tiere. Wenn man die BaAka kulturell unterstützen will: Ihre Kultur lebt davon, sich aus dem Wald zu ernähren. Es ist selbst bei den schlimmsten Alkoholkranken unter den BaAka so: Sobald sie in den Wald zum Jagen gehen, sind sie völlig andere Menschen, weil sie dann ihre Traditionen leben. Je mehr Zeit sie im Wald beim Jagen verbringen, umso besser. Wenn sie dort aber keine Tiere finden, Tag für Tag, kommen sie aus dem Wald heraus, weil sie dort verhungern würden.

Was würden Sie tun?

Ich würde mich auf die kleinen Tiere konzentrieren. Wir brauchen den politischen Willen, die Wilderei auf sie zu stoppen. Und: Mehr Geld im Projekt für Antiwilderei auch außerhalb des Nationalparks ausgeben. Dafür sorgen, dass die Regionalverwaltung die Lizenzen für Gewehre nicht erneuert. Mit den Leuten reden, die dort schon Jahrzehnte sind, und Jagd nur unter strengen Auflagen erlauben. So wie es jetzt ist, kann es jedenfalls nicht bleiben, weil die Kultur der BaAka sonst aussterben wird. Und das ganze Projekt in Dzangha-Sanga hängt an den BaAka: Ohne sie findet niemand die Gorillas, für die die Touristen kommen.

Im Film ist zu sehen, wie ihr Sohn und Sie in New York Mitbringsel für zu Hause kaufen. Was bringen Sie nun aus Deutschland mit?

Ein paar gute Batterien für Taschenlampen und sowas. Ein paar Zeltplanen - die hat sich Samedis Mutter gewünscht, weil die so praktisch im Wald sind. Nicht viel Spielzeug, obwohl Samedi häufig von Spielzeuggewehren spricht. Ich brauche definitiv ein neues Laptop. Keine deutsche Literatur, obwohl ich gerne und viel Kleist, E.T.A. Hoffmann oder Heine gelesen habe. Aber vielleicht Musik: Ich habe jetzt einen MP3-Player und liebe deutsche Klassik. Ich werde also auf jeden Fall deutsche Kultur mit zurück tragen.

 

Der Film "Song from the Forest" ist ab heute in den Kinos:

Das Interview führte WWF-Redakteur Oliver Samson, die Fotos sind © Peter Jelinek / WWF

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Kommentare (4)
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20.02.2015
FenyaM hat geschrieben:
Wow, wirklich beeindruckend, die Fähigkeit alles was man kennt so hinter sich zu lassen ume ein ganz neues leben anzufangen. Wobei das neue leben das Louis Sarno damals angefangen hat mich echt fasziniert. Es erinnert mich an ein Buch, welches ich als Kind ganz toll fand. Es handelte von einem Mädchen dessen eltern Fotografen waren und in der afrikanischen Wildnis Fotos gemacht und gelebt haben, für, damals waren es wohl so um die 15 Jahre. Das Mädchen wurde dort in der Wildnis geboren und hat sich mit den Tieren dort angefreundet, die Fotografien der Eltern die sie von ihrer Tochter und den Tieren aufgenommen haben waren einfach unglaublich.
11.09.2014
Janine hat geschrieben:
Witzig!! Heute hat mir eine Freundin erzählt, dass ein Film in die Kinos kommt mt einem Mann, der nach Afrika gezogen ist und da jetzt lebt. "Wo denn in Afrika?" Hab ich gefragt. "Weiß nicht mehr. Aber er hat vor vielen Jahren im Radio von einem Volk gehört, dessen Gesänge gesendet wurden. Davon war er so angetan, dass er zu ihnen flog und bis heute bei ihnen lebt". Bei dem Saatz wurde ich nachdenklich. "Du meinst aber nicht Louis Sarno, oder?" "Sarno - doch, so hieß er!" "Echt? Wie lustig. Ihn habe ich 2009 bei der Expedition nach Dzanga-Sangha kennengelernt." "Echt?" "Jup. Krass, dass sie einen Film über ihn gemacht haben."

Ich bin echt mal gespannt. Aber ich fand es echt lustig, dass genau der eine Mann, den wir kennengelernt haben, jetzt ins Kino kommt :D
11.09.2014
RichardParker hat geschrieben:
Ein beeindruckender Mann, eine faszinierende Welt, mit guten Seiten und Schattenseiten. Unglaublich, dass eine Dokumentation, ein Film, dass Leben dieses Mannes und seiner Familie so erzählen kann, dass Louis Sarno selbst beeindruckt ist! Was werden wohl Außenstehende empfinden, wenn sie "Song from the Forest erleben dürfen?

Vielen Dank für den tollen Einblick Marcel!
11.09.2014
Kerstin hat geschrieben:
Wow, der Film scheint verdammt gut zu sein und die Geschichte dahinter ist noch viel interessanter!

Danke für den tollen Bericht!
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