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"Ich findeTrophäenjagen nicht gut." - Naturschutz in Tansania: Ein Interview


von Sarah25
22.01.2014
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Seit Ende August bin ich nun in Tansania. Nähere Infos darüber findet ihr hier und hier. Das folgende Interview führte ich zusammen mit Jan, meinem Mitfreiwilligen, sowie unserem Arbeitkollegen Pierre. Dies ist der zweite Teil des Interviews. Falls ihr den ersten und zweiten Teil verpasst habt, lest sie euch vorher durch. Behaltet beim Lesen des Interviews bitte im Hinterkopf, dass es sich bei dem Gesagten lediglich um die persönlichen Meinungen von Said Hassan Mnkeni handelt und dies nicht als Meinung der Tansanier verallgemeinert werden kann.

Sarah: Was haben Sie erreicht?

Mnkeni: Wie ich bereits erwähnt hatte, bin ich jetzt ungefähr fünf Monate hier. Doch die Leute sagen, dass es so aussieht, als ob Wilderei in der Gegend des Game Reserves¹ abnimmt. Die Menschen fällen dort Bäume für Holzkohle und zum Bauen. Aber jetzt sieht es so aus, als ob sich das Problem verringert. Es gibt keine markierten Grenzen, das kann eine Herausforderung sein. Nächsten Monat haben wir ein wenig Geld zur Verfügung. Wir wollen 40 oder 20 Kilometer der Grenzen des Game Reserves markieren, damit die Menschen verstehen, dass das die Grenze ist. Wenn die Grenze markiert ist, werden die Menschen nicht so leicht hereinkommen. Wenn wir sie jetzt zu Gericht schicken, sagen sie einfach: „Nein, ich wusste nicht, dass ich das Game Reserve betreten habe.“, da es keine markierte Grenze gibt.
Momentan gibt es sogar Menschen, die im Swagaswaga Game Reserve leben, mehr als 150 Familien. Das ist eine weitere Herausforderung. Wenn wir die Grenzen markieren, dann können wir sie umsiedeln, ohne dass sie wiederkommen. Wir müssen sie aber gemäß des tansanischen Gesetzes entschädigen.

Jan: Warum denken Sie, ist das Swagaswaga Game Reserve wichtig?

Mnkeni: Wie ich bereits erzählt habe, ist es die Einzigartigkeit der Gegend. Die Gegend ist bedeckt mit Buschland, welches viel Regen aufnimmt. Und wenn wir mehr Regen haben, bedeutet das, dass Menschen mehr Essen und Wasser bekommen. Die Gegend ist auch ein Wasserauffanggebiet.

Steppenzebras (Equus burchelli) in Ngorongoro Crater, Tanzania - nahe Swagaswaga Game Reserve

Sarah: In Kürze, was sind allgemeine Gefahren für die Flora und Fauna in Tansania?

Mnkeni: Eine potentielle Gefahr für die Tier- und Pflanzenwelt in Tansania ist der zunehmende Bedarf an natürlichen Ressourcen. In der Vergangenheit gab es Wilderei, aber sie war nicht so stark. Jetzt ist sie fortgeschritten auf Grund von neuen Technologien. Wenn man heutzutage auf Patrouille geht und es sind Wilderer in dem Game Reserve, ist ein Freund von ihnen draußen. Der ruft sie dann einfach an: „Hallo, die Ranger kommen zu euch, also passt euf.“ Und dann laufen sie weg. Das ist neue Technologie.

Pierre: Heutzutage sind sie mehr in Wilderei interessiert als in früher.

Mnkeni: Ja und was ich jetzt bemerke, wenn man Wilderer verhaftet, sind es manchmal gebildete Leute. Manche sind pensionierte Beamte, manche sind Mitarbeiter aus unserem „Department of Wildlife“, manche sind Polizisten, manche sind Soldaten. Diese Gruppen nehmen zu. Früher hatten wir ungefähr 2 Universitäten, aber jetzt haben wir ungefähr 40. Wenn Menschen gebildet sind, steigen ihre Bedürfnisse. Denn wenn du gebildet bist, denkst du darüber nach, wie du ein schönes Haus wie dieses hier bauen kannst, oder? Aber wie bekommst du das Geld?²
Und wisst ihr, sie sind gute Denker. Das ist eine potentielle Gefahr für die Tierwelt.

Und die Bevökerung wächst³, aber unser Land ist noch immer da, das Land wächst nicht. Das bedeutet, dass dieses Land mit der wachsenden Bevölkerung geteilt werden muss. In Zukunft werden wir nur kleine Gebiete für Game Reserves und Nationalparks haben. Im Moment denken wir darüber nach wie wir Wildtier-Korridore und Wildlife Management Gebiete einrichten können, Puffer Zonen für das Game Reserve. In der Vergangenheit waren Elefanten so groß. Wenn man sie mit den heutigen Elefanten vergleicht, sieht es so aus, als ob ihre Körpergröße abnehmen würde (4). Wieso? Ich denke darüber nach, dass Elefanten normalerweise von einem Gebiet zu einem anderen wandern. Durch die Wanderung bekommen sie Essen mit vielen Nährstoffen. Aber wenn sie sich jetzt nur in diesem kleinen Gebiet bewegen können, bedeutet es, dass sich ihre Ernährungsvielfalt verringert.
Wir haben sogar keine guten Trophäen. Ich findeTrophäenjagen nicht gut. Wisst ihr warum? Wir töten die Bullen, Elefanten-, Büffel, oder Elenantilopenbullen. Wir haben einen guten Genpool. Doch in Zukunft werden wir dann Tiere hervorbringen, die nicht stark sind. Das denke ich.
In Tansania versuchen wir jetzt andere Optionen zu finden. Sie sagen: „Nein, wir haben hier doch einen Nationalpark. In den Nationalparks darf man nicht jagen. Die Nationalparks sind Brütungsgebiete.“ Aber stimmt das? Wie viele Nationalparks haben wir? Und wie viele Game Reserves haben wir? Und offene Gebiete? Viel mehr offene Gebiete. Wir haben 16 Nationalparks und wir haben 27 Game Reserves und 37 Game Controlled Areas. Die Frage ist: Gibt es in den 16 Nationalparks genug gesunde, starke Tiere, um sich mit den Tieren in den Game Reserves und Game Controlled Areas fortzupflanzen? Reicht diese Anzahl aus, um sicherzustellen, dass die Populationen hier in den Game Reserves and Game Controlled Areas überleben? Das ist eine weitere Gefahr, denke ich.

                                         Kaffernbüffel auch Afrikanischer Büffel genannt

Jan: Was sind zukünftige Pläne für Swagaswaga?

Mnkeni: Zukünftige Pläne? Zuerst möchte ich dieses Büro nach Kondoa verlegen. Das ist mein Plan. Von hier nach Swagaswaga Game Reserve sind es ungefähr 140 Kilometer. Ich als Manager kontrolliere das Game Reserve von hier. Aber nächsten Monat werde ich selbst dort sein. Doch das Büro hier wird erhalten bleiben, denn dort gibt es keinen Strom und Wasser. Aber für mich ist es besser dort zu sein, in der Nähe von meinen Rangern. So kann ich Patrouillen durchführen und dann hier herkommen und einen Bericht schreiben und andere Dinge machen.
Außerdem muss man Ranger-Posten aufbauen, damit wir den Tiere nahe bleiben können. Zuletzt brauchen wir offene Straßen in dem Game Reserve, damit die Patrouillen einfacher werden und um Wildtierbeobachtungen durchzuführen. Ich habe den Direktor des Wildlife Departments gefragt, warum wir keine Bienenhaltung durchführen. Denn dieses Gebiet ist gut für Bienenhaltung.

Jan: Und wir wünschen Sie sich das Game Reserve in Zukunft?

Mnkeni: Das ist eine gute Frage. Viele Leute würden sagen, es sollte ein Nationalpark sein. Aber ich würde eher sagen, dass es nicht gut ist ein Nationalpark zu sein. Warum? Als Nationalpark wären wir auf Wildtierbeobachtung beschränkt. Wir könnten das Gebiet nicht vielfältig nutzen.
Wenn man es zu einem Nationalpark macht, was passiert dann, mit den Tieren, wenn ihre Anzahl steigt? Die Menschen nahe Swagaswaga werden sich entscheiden, Wildlife Management Gebiete einzurichten. Also ist das Problem, dass wir über Einkommen der Gegend nachdenken müssen. Leute werden in die Gegend kommen und mehr Einkommen erzeugen. Ich wünsche mir, dass das Gebiet ein Game Reserve bleibt. Aber wir müssen Aufklärungsarbeit für die Menschen in und außerhalb von Tansania leisten, damit andere Menschen für Wildtierbeobachtungen. Fotografie oder sogar Jagdtourismus kommen. Wenn möglich wollen wir in einem Gebiet Bienenhaltung etablieren. Wir wollen eine vielfältige Nutzung haben, damit wir genügend Geld einnehmen können.

Jan: Das hört sich nach einer schönen Zukunft an!

Ein großer Dank an Said Hassan Mnkeni, der uns einen Einblick in seine Arbeit gegeben hat! Dies war für mich ein einmaliges Erlebnis, Informationen und Einblicke aus erster Hand zu erhalten.

Falls ihr noch weitere Fragen an Mnkeni habt, die ich nicht beantworten kann, bin ich gerne bereit diese zu sammeln und an ihn weiter zu leiten!

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¹Ein Game Reserve ist ein Schutzgebiet. Der wesentliche Unterschied zum Nationalpark besteht darin, dass Jagdtourismus zulässig ist.

² Hier möchte ich noch einmal explizit darauf hinweisen, dass es sich um das Gesagte von Said Hassan Mnkeni handelt. Ich glaube, er wollte uns mit diesem Beispiel lediglich zeigen, dass auch gebildete Leute Wilderer sind, aus dem einfachen Grund, dass es eine gute Einkommensquelle darstellen kann.

³Das Bevölkerungswachstum in Tansania beträgt zur Zeit 2.9%. 1967 lag die Bevölkerungszahl noch bei 13.3 Millionen. Heute hat Tansania 44.9 Millionen Einwohner.

(4) Hierbei wies uns Mnkeni explizit darauf hin, dass es sich dabei um keinen biologischen Standpunkt handelt. Es darüber keine Forschungen gab und keine Beweise dafür gibt.

Bild 1: © Frederick J. Weyerhaeuser / WWF-Canon

Bild 2: ©  flowcomm

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Kommentare (4)
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25.01.2014
midori hat geschrieben:
Puh... ich ringe immernoch mit mir. Klar, ist es schön, wenn ein Land an seinen Schätzen verdienen kann. Aber ich finde nicht, dass Jagdtourimus dazugehören sollte, denn er vermittelt ein falsches Bild und das könnte in eine Richtung führen, die Tansania später noch bereuen wird. Sollte die Zahl der Tiere überhand nehmen, wäre es dann nicht sinnvoller, Beutegreifer umzusiedeln? Ich denke langfristig lassen sich mehr Einnahmen mit Wildtierbeobachtungen als mit Jagdtourismus machen!

Danke für das ausführliche Interview Sarah und Pierre! Das ist echt spitze!! :o)
25.01.2014
Himbaerchen hat geschrieben:
Woow echt Klasse!!
24.01.2014
Taki hat geschrieben:
Mutig in so einem Gefählichen Land bist Du.
22.01.2014
LaLoba hat geschrieben:
Vielen Dank für das spannende Interview! Ich finde es interessant, dass Mnkeni nicht möchte, dass das Gebiet ein Nationalpark wird. Seine Argumente sind durchaus nachvollziehbar. Es wäre vielleicht tatsächlich besser für die Bevölkerung, wenn sie das Gebiet vielfältig nutzen können zum Beispiel durch die Bienenhaltung. Aber ist es nicht gerade der Sinn eines Nationalparks, dass die Anzahl der Tiere steigt? Ich denke ja, dass sich in einem funktionierenden Ökosystem die Anzahl der Tiere von selbst beschränkt, da die Natur ja von einer Überbevölkerung keinen Nutzen hätte. Obwohl es dann natürlich sein kann, dass die Tiere sich verstärkt über die Grenzen des Schutzgebietes ausbreiten und es zu Konflikten mit den Menschen kommt, zum Beispiel durch zerstörte Felder. Hhm, wirklich nicht einfach ...
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