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Eine Alternative zur Jagd? (Teil 2)


von Marcel
09.07.2009
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Im Artikel „Eine Alternative zur Jagd?“ haben wir euch erklärt, wie durch Tourismus den Gorillas geholfen werden kann. Regenwaldbotschafterin Janine hat uns gefragt, inwiefern dabei ehemalige Wilderer zu Wildhütern umgeschult werden können. Und ob Wilderer nicht gerade Gorillas, die an Menschen gewöhnt wurden, besonders einfach erlegen können. Unser Waldexperte Johannes Kirchgatter hat gesagt: „Sehr gute Fragen“, und sich direkt Zeit für eine ausführliche Antwort genommen.

Johannes, bietet der WWF ehemaligen Wilderern eine Art Karrierewechsel an? Statt Tiere zu jagen sie jetzt vor anderen Wilderern zu beschützen?

Die Umschulung von Wilderern zu Wildhütern eine erstmal eine sehr gute Sache. Und der WWF führt auch solche Maßnahmen durch. Nur leider ist das in Zentral- und West-Afrika nicht so einfach. Dort ist Wilderer nicht gleich Wilderer. Es gibt hier drei verschiedene Formen der Wilderei, die wenig bis nichts miteinander zu tun haben.

Zum ersten die Subsistenz(Selbstversorgungs)-"Wilderei", durchgeführt von Menschen, deren Vorfahren seit Generationen vom und mit dem Wald leben und jagen. Meist sind sie gleichzeitig Subsistenz-Bauern. Das ist quasi - zumindest potentiell - die gesamte Bevölkerung in den Gebieten! Sie jagen meist opportunistisch (ungezielt) mit Schlingen oder einfachsten Waffen (Speere, Pfeil und Bogen, Schrotflinten, Fallen). Sie sehen die Jagd prinzipiell als angestammtes Recht, kulturelle Tradition und wichtigste Eiweißquelle. Das wird vom WWF auch akzeptiert. Es wird - inzwischen recht erfolgreich - versucht, in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung und dem Staat nachhaltige Lösungen zu finden. So wird deutlich gemacht, dass in Naturschutz-Kernzonen jede Jagd verboten ist, dafür in anderen, zum Teil selbst verwalteten Wäldern Jagd mit bestimmten Methoden auf bestimmte Tier-Arten erlaubt ist.

In den WWF-Projektgebieten hängt in jedem Dorf eine Tafel, auf der dargestellt ist, welche Tiere gar nicht (z.B. Affen, Gorillas, diverse bedrohte Arten) gejagt werden dürfen, welche nur mit Genehmigung der Behörde entsprechend einer jährlich gemeinsam mit der Bevölkerung festgelegten Fangquote, und welche unbeschränkt (sehr häufige Arten oder zum Beispiel Buschratten und bestimmte kleine Antilopen). Durch diese in Kooperation mit den Menschen entstandenen Regelungen lässt sich die Akzeptanz für Naturschutz und nachhaltige Nutzung sehr steigern, vor allem verbunden mit Umweltbildung (die klar macht, dass es ohne diese Regelungen bald nichts mehr zu jagen gäbe). Auch das Einteilen des Gebietes in Zonen ist hier essentiell! Gleichzeitig versucht man, alternative Eiweißquellen (Fischzucht / Kleintierzucht, verbesserter Anbau / Hülsenfrüchte) durchzusetzen. Dieses Konzept funktioniert - wenn auch noch nicht überall – schon sehr gut. Durch die Einstellung als Wildhüter könnte man nur einige von tausenden dieser potentiellen "Wilderer" erreichen, die dann höchstwahrscheinlich sogar trotzdem weiter auf die Jagd gehen.

altDie zweite Kategorie sind professionelle "Bushmeat"-Jäger, die alles was sie bekommen können auch jagen, häufig in kleinen Gruppen und überregional hoch mobil. Ihre Beute verkaufen sie oft mit hohem Gewinn in den Städten, oft sogar als Delikatesse. Diese Jagd ist ein Riesen-Problem, da ganze Großstädte mit Bushmeat versorgt werden! Hier könnte nur mit einer massiven Verschärfung der Gesetze, drakonischen Strafen, ständigen Kontrollen der Transportwege und Märkte, Umweltbildung in den Städten und Ersatzfleisch aus Zucht etwas erreicht werden. Da die meisten Stadtbewohner noch die "Wildfleischtradition" pflegen, ist das sehr schwierig - gerade seltene Tiere gelten als Luxus, es wird geglaubt das die Kraft des Gorillas auf den Fleisch-Esser übergeht, und entsprechend hoch sind dann die Gewinne.

Solche Wilderer haben jede Menge krimineller Energie und null Unrechtsbewusstsein - die würden sich kaum mit dem vergleichsweise geringen Gehalt eines Wildhüters abgeben. Solange es einen Markt für die Wildtiere gibt, gibt es auch Wilderer! Dieser Markt muss ausgetrocknet werden. In den Projektgebieten versucht der WWF, auch die lokale Bevölkerung gegen diese semi-professionelle Form der Wilderei in Stellung zu bringen: schließlich beklaut der Massen-Wilderer die Allgemeinheit (siehe oben). Das funktioniert oft gut. Ein großes Problem ist hier jedoch die Korruption, die in diesem Zusammenhang häufig vom LKW-Fahrer (Transport!) bis zum Gouverneur (Verhinderung der Strafverfolgung) reicht.

Die dritte Kategorie sind die Wilderer mit der höchsten kriminellen Energie, meist international operierende Banden, mit Kriegswaffen und bestem Equipment ausgerüstet, häufig mit Rebellentruppen oder der Mafia verbunden und mit Hintermännern und Abnehmern im Ausland. Sie zahlen enorme Schmiergelder, gehen skrupellos vor und verschwinden so schnell wie sie auftauchen. Diese Wilderer jagen gezielt Elefanten und zunehmend auch Hippos als Elfenbeinlieferanten sowie Nashörner oder andere Arten, die auf dem internationalen Markt riesige Gewinne abwerfen. Gegen diese Gewaltverbrecher ist meist nur in gemeinsamen Aktionen mit Unterstützung des Militärs vorzugehen, wie der WWF das auch macht. Irgendeine "Umschulung" vom Wilderer zum Wildhüter kann man hier leider komplett vergessen. Hinzu kommen noch regionale Sonderformen der Wilderei, wie die Versorgung ganzer Armeen in Bürgerkriegsregionen. Da ist dann meist gar nichts mehr zu machen.

altSind Gorillas, die an den Menschen gewöhnt sind, nicht auch anfälliger für Wilderer?

Es ist in der Tat ein Risiko, dass habituierte Gorillas leichter von Menschen aufgesucht werden können und sich Wilderer dies zunutze machen. In allen Habituierungsprojekten - nicht nur beim WWF - werden die habituierten Gruppen daher besonders gut bewacht, zum Teil rund um die Uhr. In Kriegszeiten (in Friedenszeiten wurde bisher kein einziger habituierter Gorilla getötet!) ist das natürlich nicht möglich, dann sind aber auch nicht habituierte Gorillas extrem gefährdet.

Der Gorillamord vor ein paar Jahren in der Demokratischen Republik Kongo hat das gezeigt: Hier wurden sowohl habituierte wie nicht habituierte Tiere zur Machtdemonstration von Rebellen (Holzkohle-Mafia!) erschossen! Das erhöhte Risiko müssen wir leider eingehen, weil gleichzeitig immense Vorteile damit verbunden sind: In den Virungas und dem Bwindi, den letzten Vorkommen des Berggorillas, gäbe es ohne den Gorillatourismus vermutlich gar keine oder fast keine Gorillas mehr, wahrscheinlich wäre selbst der verbliebene Regenwald längst gerodet!

Der Gorilla-Tourismus ist einer der wichtigsten Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor in diesen Regionen, und nicht zuletzt schafft er auch Aufmerksamkeit für die Gorillas. Inzwischen sehen gerade im kongolesischen Teil der Virungas viele Menschen in den Gorillas eine Art Lebensversicherung: Denn sie sichern oft als einzige die internationale Aufmerksamkeit in dieser Krisenregion – was uns wohl ganz schön zu denken geben sollte... Bei den Flachlandgorillas ist nur ein winziger Bruchteil der Gesamtpopulation an Menschen gewöhnt, aber auch hier profitiert der Gesamtbestand enorm von Tourismus, Erforschung, Aufmerksamkeit und den dadurch möglichen Schutzbemühungen. Das wäre alles ohne Habituierung viel, viel schwieriger oder sogar ganz unmöglich!

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Kommentare (3)
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30.08.2009
isabella hat geschrieben:
schon bei den bildern kommen mir die tränen...das ist ja der horror...
10.07.2009
straetsi hat geschrieben:
ihr camp teilnehmer seid ja hoch aktiv in der community. find ich super! ich finde deinen blog aber auch hoch interessant marcel. danke für die information.
10.07.2009
Janine hat geschrieben:
Vielen Dank für die wunderbare Zusammenfassung! Um etwas zum Naturschutz beitragen zu können müssen immer Maßnahmen getroffen werden die Risiken mit sich bringen, oder zunächst selber umweltbelastend sind. Sei es das Vordringen in gefährliche Gebiete, in denen man um sein Leben fürchten muss, der verbrauchte Treibstoff des Flugzeugs, das ein Team in die zu schützende Gegend befördert oder auch das Herstellen von Flyern oder Bannern.
Die Arbeit, die hinter einer Expedition, oder dem Umweltschutz steht, rechtfertigt diese Maßnahmen. Im Endeffekt wählen wir heute nur noch das kleinere Übel, weil alles in allem so dicht miteinander veflochten ist. Aber vielleicht wird sich das eines Tages ändern. Der Naturschutz muss bestehen bleiben. Es gibt keine Taten, deren folgen sich nicht auch schädlich auf die Umwelt auswirken. Wir gewinnen allerdings, sobald das positive Ergebnis die vorangegangenen Maßnahmen ausgleicht und schließlich überholt.
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