Bleib aktuell!


Was gibt's


Neues?


© Martin Harvey / WWF-Canon
Ein Standardvergleich


von Janine
16.11.2009
0
0
100 P

Wir sind zu Gast bei den BaAka. Ein paar Blätterhütten bieten ihnen Schutz vor Wind und Regen. Ihre Kleidung ist meist abgetragen und zerfetzt. Sie jagen und sammeln ihre Nahrung im Wald. Am Abend spendet ein kleines Feuer ein wenig Licht. Tag für Tag bedecken Insekten den Boden um ihre Füße. Gebadet wird im Fluss, die Toilette ist der Waldboden. Manchmal gibt es eine kleine provisorische Bank, bestehend aus Ästen. Meistens sitzen die Pygmäen aber auf dem Boden. Ihr Transportmittel sind ihre Füße. Ihren Schmuck fertigen sie selber an.
Ich bin froh über das Moskitonetz. Denn viele tausend Ameisen zwicken in Füße und Beine, mit und ohne Grund. Am Abend setze ich meine Kopflampe auf, damit ich den Wegen folgen kann. Ich wasche mich im Bach mit meiner Seife, damit ich den Schweißgeruch loswerde. Ich ziehe mir fast täglich frische Kleidung an. Ich bekomme mein Essen von unserem Koch. Ich stolpere ungeschickt über Wurzeln und Lianen.
Allein im Wald bin ich verloren. Die Pygmäen brauchen den Wald, um zu leben.
Ein wenig habe ich mich an das Leben im Dschungel gewöhnt. Es liegt an der Tagesordnung, dass unser Frühstücksbrot leicht dreckig ist. Ich schlafe ohne Kopfkissen und habe mittlerweile, trotz hartem Boden, einen durchgehenden Schlaf. Das Mückenspray haben wir seit Tagen nicht mehr aus den Taschen geholt. Es stinkt und klebt zu sehr, da nehmen wir lieber die Stiche in Kauf.
Ich denke an Deutschland. Jeden Tag weckt mich mein Radiowecker. Ich verlasse meine dreißig Zentimeter dicke Matratze und stelle mich unter die warme Dusche. Ich setze mich an den Frühstückstisch und toaste mein Brot. Ich gehe zum Kühlschrank und habe keine Lust auf den vorhandenen Aufstrich. Ich packe meinen Rucksack und lasse mich von der Bahn zur Uni fahren, oder fahre mit meinem Fahrrad die betonierten Straßen entlang.
Wenn wir Kopfschmerzen haben, nehmen wir Tabletten. Wenn uns langweilig ist, fahren wir in die Innenstadt. Wenn wir Hunger haben, machen wir den Herd an oder rufen den Pizzaservice. Wir gehen shoppen, kaufen uns Eis, telefonieren und langweilen uns.
Wir haben Alles und kriegen nicht genug. Wir verbrauchen Energie, ohne darüber nachzudenken. Unsere Standards scheinen uns nicht befriedigen zu können. Wir können alles kaufen und müssen keinen großen Preis zahlen.
Wo kommen unsere Lebensmittel her? Woher kommt der Strom? Wie oft benutzen wir Elektrogeräte? Wenn auch nur ein System unseres Alltags ausfällt sind wir verloren. Bei Stromausfall müssen wir Fachmänner heranziehen. Unser Leben wird nicht mehr von uns selbst kontrolliert. Wir haben uns abhängig gemacht. Wir sind abhängig von einem System, das von Technik beherrscht wird.
Wir leben wie die Made im Speck und werden niemals satt. Wir lassen unsere Computer an, weil wir zu faul zum Hoch- und Herunterfahren sind. Wenn wir eine Spinne im Haus entdecken, sitzt sie zwei Minuten später vor der Tür.
Hier laufen wir zu Fuß – stundenlang, kilometerweit. Zu Hause schwingen wir uns ins Auto und fahren in diesem Blechkasten durch die Gegend. Wir sind von der Außenwelt abgeschirmt.
Unsere Sinne sind schon lang nicht mehr so scharf wie sie einst waren.
Wir lassen machen, nehmen die Rolltreppe. Unser Körper verkümmert.
In einem Bereich sind aber auch wir ganz schön geschickt. Wir verdrängen. Wir verdrängen jeden Tag. Alles was uns nicht passt, wird aus unserer heilen Welt gestrichen. In der U-Bahn schauen wir weg, wenn Obdachlose uns um ein wenig Geld bitten. Wenn wir sie nicht ansehen ist es fast so, als seien sie gar nicht da.
Wir wollen nicht wissen wo unser Fleisch herkommt. Wir wollen keine geschlachteten Tiere essen, wir wollen ein Steak mit Sauce.
Gerade sitzen zwei Fliegen auf meinem Bildschirm. Einige Käfer laufen auf dem Tisch umher. Auf meiner Hand sitzt eine Ameise. Die Fliege in meinem Gesicht stört mich fast nicht mehr.
Ich will nicht vom Alltag eingeholt werden. Ich möchte die Einfachheit und Schönheit für mich bewahren. Ich habe fast keine Chance. Ich bin abhängig.
Ich will viel nachdenken. Ich will versuchen, mich ein wenig unabhängig zu machen. Ich will versuchen, die Umwelt zu schonen. Ich will versuchen, meine Ansprüche herunterzuschrauben. Ich will versuchen, bewusster zu leben.
Ich will nicht wie ein Roboter sein, der einem System folgt, über das er nicht nachdenkt.
Wir sind zu Gast bei den BaAka. Ein paar Blätterhütten bieten ihnen Schutz vor Wind und Regen.

Weiterempfehlen

Kommentare (0)
Um einen Kommentar zu schreiben einfach registrieren oder einloggen.
Login
E-Mail


Passwort


Kostenlos registrieren
Mitglied werden
Mitglied des Monats
teaser_220.png


Deine Ansprechpartner
Marcel
Marcel Gluschak
WWF Jugend Community Manager
zum Profil
Luise
Luise Neßler
WWF Jugend Community Moderatorin
zum Profil
MarcelB
Marcel Brüssow
WWF Jugend Redaktion
zum Profil
Ronja96
Ronja Post
WWF Jugend Aktionsteamer
zum Profil
HannahFee
Hannah Fesseler
hilft dir bei technischen Fragen
zum Profil
AndreaRentschler
Andrea Rentschler
hilft dir bei Fragen zur WWF Jugend Mitgliedschaft
zum Profil
NicoleB
Nicole Barth
hilft dir bei Fragen rund um die WWF Jugend Camps
zum Profil
Folgen und mit Freunden teilen