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© Martin Harvey / WWF-Canon
Armut gegen Luxus gegen Ehre - aus dem Leben zweier Wilderer


von midori
15.01.2016
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100 P

Das Kleinflugzeug ist weithin zu hören, als es die kenianische Steppe überfliegt. Mutinda blickt aus dem Fenster, sieht die Herden von Weißbartgnus auseinanderstieben. Gedanken kreisen in seinem Kopf, es quält die Ungewissheit. Von fünf getöteten Elefanten ist die Rede. Sogar eine staatliche Nachrichten- und Zugangssperre wurde verhängt, um den Tätern auf die Spur zu kommen. Deshalb sitzt Mutinda nun in diesem Flugzeug. Er und seine Ranger müssen die Wilderer um jeden Preis ausfindig machen. Das Flugzeug dreht langsam Kreise und Mutinda kann von oben herab die fünf toten Tiere sehen - es mutet an, wie nach einem Massaker.

Seit etwa zehn Jahren arbeitet Mutinda nun als Ranger und sorgt für den Schutz der kenianischen Tierwelt. Er selbst hätte es wohl vor einigen Jahren kaum für möglich gehalten. Immerhin war er selbst der gefürchteste Wilderer der Gegend. Seitdem ist vieles passiert. Endlich verdient er seinen Lebensunterhalt auf ehrbare Weise. Neun Kinder hat er zu versorgen. Früher ging es ihm um noch mehr Geld und Luxus. Er hatte sogar so viel, dass er sich Bodyguards leisten konnte. Heute fragt sich Mutinda, wie er jemals so handeln, ein solcher Mensch sein konnte. Er bereut zutiefst, Tiere getötet zu haben. Selbst die Zeit im Gefängnis hat ihn nicht davon abbringen können. Nur der Brief von Richard Bonham vermochte das.

Sabore nestelt nervös an seiner Kleidung und schaut sich hektisch in seiner Lehmhütte um. Schnell packt er die nötigsten Sachen, verstaut sie in einem Rucksack. Immer wieder hält er kurz inne, horcht. Das Dorf ist ruhig, der Morgen bricht gerade erst an. Den Masai quält ein schlechtes Gewissen. Dabei hat er es doch für seine Familie getan. Sabore sehnt sich danach, dem Zustand der Armut zu entfliehen, diese Lehmhütte zu verlassen. Seiner Tochter will er ein Leben in der Stadt ermöglichen, will sie zur Schule schicken. Und auch das ungeborene Kind soll es eines Tages besser haben, als er es jemals hatte. Mit dem Geld, das ihm jetzt zur Verfügung steht, hat er endlich eine Chance - nie wieder Hunger, nie wieder Sorgen, nie wieder Krankheit. Plötzlich klopft es leise an der Tür, ein zischender Ton dringt durch die Holzlatten. Sabore erschrickt, beruhigt sich aber zugleich wieder. Es ist sein Kumpane. Gemeinsam wollen sie für einige Zeit das Dorf verlassen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Sabore schlüpft in seine Sandalen, schließt die Tür hinter sich mit einem Vorhängeschloß und macht sich auf den Weg in sein Geheimversteck.

Mutinda ist am Ort des Geschehens angelangt. Er und seine Männer lassen die Spürhunde aus dem Flugzeug. Mutinda arbeitet als Ranger für die gemeinnützige Organisation Big Life, die als allererste im Kampf gegen die Wilderei auf Spürhundnasen setzt. Mutindas Hündin Didi umkreist die niedergemetztelten Elefanten. Fliegen umschwirren das Team, über ihnen kreisen bereits Aasgeier. Obwohl Mutinda den Anblick von früher nicht vergessen hat, muss er stark sein. Die abgehackten Schädel der Elefantenfamilie lassen Wut in ihm aufsteigen. Bevor er jedoch weiter darüber nachsinnen kann, legt sich Didi plötzlich in die Leine. Sie hat eine Spur und ist angespannt. Die Schäferhündin hat ihn selten enttäuscht - Mutinda schwört sich, die Bande zu fassen. Sie laufen die ganze Nacht hindurch, mit ihm zwei weitere Ranger. Kurz vor der Grenze von Tansania teilt sich die Spur. Im roten Steppensand sind die Abdrücke eines Geländewagens zu erkennen. In Richtung des nächstgelegenen Dorfes jedoch führen Abdrücke von Sandalen. Mutinda kennt dieses Dorf. Hier haben sich schon so einige Helfer der Wilderer versteckt. Er kennt ihre Tricks besser als jeder andere. Gerade deshalb ist er als Ranger auch so erfolgreich. Richard Bonham, Gründer der Naturschutzorganisation Big Life, hat seinen ärgsten Feind damals zu seinem besten Verbündeten gemacht. 'Komm auf unsere Seite, arbeite für uns', hat er zu Mutandi gesagt.

Jedes Jahr werden in Afrika rund 35.000 Elefanten gewildert. Grund dafür ist vor allem die chinesische Mittelschicht, die das Elfenbein der Elefantenhörner als Prestigeobjekt betrachtet. Geht es in diesem Tempo weiter, so mutmaßen Experten, wird es in etwa zehn bis fünfzehn Jahren keinen einzigen freilebenden Elefanten mehr geben. Mutandi weiß um das lukrative Geschäft. Ein Kilogramm Elfenbein wird mit 2.000 US Dollar aufgewogen - auf diese Weise bringt allein ein toter Elefant mehrere zehntausend Dollar ein. Für die Wilderer ist das schnelles Geld. Aber die wenigsten kommen von hier und wissen deshalb nicht, wo sie die Elefanten finden können. Doch die Menschen aus den Dörfern wissen es und sie bekommen ihren Anteil an der Beute und die Hoffung und Chance auf ein besseres Leben.

Auf dem Weg zum Geheimversteck verliert sich Sabero in Gedanken. Die stacheligen Büsche zerkratzen die Haut seiner Beine, während er durchs Gestrüpp kraucht. Es war das erste Mal, dass er den Wilderern aus Tansania bei der Jagd auf die Elefanten geholfen hat. Sabero weiß, wo sich die Tiere aufhalten, kennt ihre Ruheplätze und Fressstellen. Während der Mittagshitze sind sie aufgebrochen. Die Wilderer waren mit schweren Maschinengewehren bewaffnet. Sabero hatte Angst vor ihnen, wollte nicht zu nahe kommen, nicht mehr als nötig mit ihnen sprechen. Stumm wies er den Jeeps den Weg und tatsächlich stießen sie auf eine kleine Familie von sechs Elefanten. Die Wilderer zögerten nicht lange, sprangen aus den Geländewagen und schossen auf die Tiere. Sabero hielt sich die Ohren zu, sah in die angstgeweiteten Augen der grauen Riesen, sah den vorwurfsvollen Blick. Er wandte sich ab, wollte nicht das Gemetzel sehen. Dennoch hörte er die leidvollen Schreie der Herde, hörte das Knacken der riesigen Schädelknochen als die Äxte der Wilderer zum Einsatz kamen. Sabero wurde schlecht. Er wartete im Jeep, redete sich immerzu ein, dass es sein musste, dass es für die Zukunft seiner Familie war und dass er es niemals wieder tun würde. Die Masai achten die sie umgebende Natur, er hatte sie verraten. Das Dorf durfte davon unter keinen Umständen erfahren.

Hündin Didi zieht Mutandi energisch zur Tür der Lehmhütte. Davor sitzen bunt gekleidete Frauen und Kinder, die das Essen für den heutigen Tag vorbereiten. Mutandi klopft mit Nachdruck an die Tür. 'Komm raus!', befiehlt er. Aber in der Hütte bleibt es still. Das Rangerteam bricht die Tür auf, durchsucht die Hütte und wird fündig. Aber allein die Tatsache, dass Didis Nase ihn hierher gebracht hat, reicht ihm zur Gewissheit. Die Dorfbewohner wollen wissen, was los ist. Es meldet sich ein Bruder des vermeintlichen Täters. Der gibt Mutandi schließlich die notwendigen Hinweise. Sie stöbern die beiden jungen Masai in ihrem Versteck auf und bringen sie zur Polizei. In Kenia drohen bei Wilderei Strafen von zehn bis fünfzehn Jahren - mitunter sogar lebenslänglich.

Mutandis Arbeit ist eigentlich beendet. Er ist stolz und zugleich betrübt. Ohne seine Hündin wären sie den Tätern nicht auf die Spur gekommen. Seit den Einsätzen der Spürhundstaffel finden die Wilderer weniger Helfer in den Dörfern. Den Menschen ist es unheimlich, dass sie sogar drei Tage nach der unbeobachteten Tat noch entdeckt und verhaftet werden. Sabero verrät der Polizei weitere Informationen zu den Wilderern aus Tansania, die daraufhin ebenfalls geschnappt werden können. Die fünf Elefanten wird das jedoch nicht mehr lebendig machen. Aber Mutandi weiß, dass Didis Nase nicht nur die Spur des Masai aufgenommen hat. Am Ort des Geschehens spürt sie ein Elefantenjunges auf - nun Waise. Das Rangerteam nimmt das verschreckte und traumatisierte Tier mit zur Station und übergibt es an eine Elefantenaufzucht, die sich um solche Fälle kümmert und sie schlußendlich wieder auswildert.

Wenn Saberos Zeit im Gefängnis abgelaufen ist, wird er ihn besuchen, überlegt Mutandi. Und dann wird er ihn fragen, ob er nicht die Seiten wechseln und Ranger werden will. Denn Geld lässt sich auch auf ehrbare Weise verdienen - mit einem guten Gewissen.

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Hier geht es zur 360° GEO Reportage 'Kenias Spürhunde - Rettung für die Elefanten'.

Während Sabero eine rein fiktive Person ist, existiert Mutandi tatsächlich und arbeitet seit zehn Jahren für die Naturschutzorganisation Big Life als leitender Ranger im Amboseli Nationalpark in Kenia.

Mehr Informationen zum Thema Wilderei.

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Bilder © iStock / Getty Images

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Kommentare (7)
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24.01.2016
Line hat geschrieben:
Mich hat dieser Bericht nur Traurig gemacht. Normalerweise empfinde ich Wut auf die Wilderer, die Helfer, die Kosumenten... Aber dieser Fokus auch auf Helfer lässt jede Wut verschwinden und nur die Trauer über die vielen toten Tiere zurück.
20.01.2016
Sarah25 hat geschrieben:
Der Bericht gibt einen guten Einblick und lässt einen besser die Beweggründe der Wilderer verstehen. Danke Uli! :)
Leider während Ranger oft nicht gut bezahlt und haben schlechte Arbeitsbedingungen. Es gibt dahet auch Ranger, die Wilderern helfen. Von unserer Couch aus ist es natürlich leicht diese Menschen zu verurteilen. Noch schwieriger ist es, wenn wahrscheinlich auch in den Behörden für Wildtierschutz Korruption vorliegt. Diesr Probleme sind sehr tiefgreifend und leider nicht so leicht zu beseitigen. Mir hat ein Manager von einem Reservar all diese Probleme klar gemacht und ich habe erkannt, dass es sehr schwer ist daran etwas zu ändern.

Der Einsatt von Spürhunden ist wirklich gut! Es ist nämlich selbst mit vielen, gut bezahlten Ranger schwierig große Gebiete zu schützen (Tansania ist drei Mal so groß wie Deutschland!). Das ganze Land immer im Blick zu haben ist unmöglich. Umso wichtiger ist es, dass die Verfolgung der Täter verbessert wird!
17.01.2016
Buchenblatt hat geschrieben:
Wirklich schön geschrieben.
Es sollte mehr Organisationen geben, die auch ehemalige Straftäter von ihrer Organisation überzeugen. Die können sich dann besser in die Wilderer hineinversetzen und haben so eine bessere Chance, sie zu finden.
15.01.2016
Franzichen hat geschrieben:
Wirklich toll geschrieben und Interessant diese Sichtweise zu sehen einerseits kann man das Handeln ja verstehen weil man für die Familie sorgen will kein Hunger mehr leiden zu müssen, absolut verständlich... trotzdem ist Wilderei schrecklich..
15.01.2016
Fencer hat geschrieben:
Sehr guter Bericht, schön, dass das auch mal aus der Sicht der Wilderer beschrieben wurde.
15.01.2016
B0uld3r hat geschrieben:
Der Bericht hat mir sehr gut gefallen, weil er auch die Beweggründe der Wilderer etwas beleuchtet. Man muss es schaffen, dass der Job als Ranger lukrativer ist als zu Wildern (Ich sehe da auch westliche Länder in der Pflicht). Denn wenn deine Kinder am verhungern sind, wird die Ehre zweitrangig...
15.01.2016
Gangsterhunnie hat geschrieben:
Es ist so grausam die Elefanten nur wegen des Elfenbeins zu töten. Sie tun mirso schreklich leid. :((

Toller Breicht und super geschrieben! :D
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