Aktuelles zur Wilderei


Wie steht's


um die Tiere?


Breitmaulnashörner am Nakuru-See, Kenia © Michael Poliza / WWF
"Wir werden den Kampf gegen die Wilderei gewinnen"


von Marcel
20.11.2012
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Seit bereits 30 Jahren kämpft er für die Tiere. Zum Feiern bleibt jedoch keine Zeit. Der Leiter des Artenschutzenetzwerkes "Traffic" ist der Chefermittler des WWF in Sachen Wilderei. Er untersucht die Spuren der Wilderer, dokumentiert Fundstellen und Tatorte. Im Gespräch erklärt er uns, wie die Wildereikrise zu lösen ist, warum er seinen Optimismus nicht verloren hat und was das alles mit Deutschland zu tun hat.

WWF Jugend: Du bist eines der Urgesteine beim WWF. Hast du jemals eine so heftige Wildereikrise miterlebt?

Tom Milliken: Bei den Nashörnern hatten wir schon einmal eine ähnlich schwere Zeit. Das war in den 1990er Jahren. Wir dachten, wir hätten alles im Griff. Die Wilderei war rückläufig. Und auf einmal: Boom, ist das Problem wieder da, sogar noch viel schlimmer. Was mit den Elefanten derzeit passiert, habe ich noch nicht erlebt. Ich bin aber nach wie vor davon überzeugt, dass wir diesen Kampf gewinnen können.

Was macht dich so optimistisch?

Als ich 1982 beim WWF anfing, habe ich in Japan gearbeitet, damals der größte Elfenbeinimporteur der Welt. Jährlich wurden bis zu 400 Tonnen Elfenbein ins Land eingeführt. Die Importe sind inzwischen auf jährlich etwa vier Tonnen gesunken. Glücklicherweise interessieren sich die jungen Japaner heute eher für IPhones als für Elfenbein. In der heutigen Krise heißen die beiden Schrauben Vietnam und China, die wir umdrehen müssen, damit wir den Kampf gegen die Wildtiermafia gewinnen.

Die Situation in Vietnam ist demnach recht ähnlich wie in Japan vor 30 Jahren.

Das stimmt. In Vietnam ist derzeit Nashornpulver der letzte Schrei. Für die aufstrebenden jungen Leute ist es Teil ihres Lebensstiles: Parties, Alkoholexzesse, Luxusprodukte - und dann eben auch dieses Nashornpulver. Benutzt wird es meist als eine Art Medikament. Ihm werden zahlreiche Wirkungen zugeschrieben. Erhältlich ist es in Vietnam fast überall für jedermann und jederzeit - über das Internet, auf Märkten. Aber auch Vietnam wird darüber hinweg kommen, da bin ich mir ganz sicher.

Kann Vietnam dieses Problem nicht selbst lösen?

Die Regierung von Vietnam gilt als sehr korrupt. Das bestätigt auch der aktuelle Report von "Transparency International". Die Politik ist Teil der mafiösen Struktur. Es ist unter Geschäftsleute oder eben auch Politikern nicht unüblich, dass Nashorn mit großer Geste als Gastgeschenk überreicht wird. Es gab auch schon mehrere Fälle, bei denen hochrangige vietnamesische Diplomaten mit Nashorn aufgegriffen wurden.

Wie soll Vietnam "gedreht" werden?

Wir müssen internationalen Druck aufbauen, wir müssen Vietnam öffentlich kritisieren aus allen Richtungen. Wir brauchen möglichst hochrangige internationale Politiker, die öffentlich fragen: Warum macht ihr eigentlich so schreckliche Dinge? Ein internationales shaming - damit können wir diesen Kampf gewinnen.

Die Wilderei wirkt für die meisten Deutschen als ein sehr weit entferntes Problem...

Die Deutschen sollten nicht denken, dass sie damit nichts zu tun haben. Seid ihr euch da so sicher? Nur mal ein Beispiel: Nirgendwo in Europa werden mehr Nashornartefakte aus Museen gestohlen als in Deutschland. Zwischen 2011 und 2012 haben wir insgesamt 82 solcher Diebstähle registriert, darunter auch ganze Köpfe. Gerade hier in Berlin gibt es eine große vietnamesische Gemeinde. Seit Südafrika keine Jagdlizenzen an Vietnamesen erteilt, beantragen inzwischen immer mehr Europäer Genehmigungen - in letzter Zeit auch vermehrt aus Polen, Tschechien und Russland. Diese Wildtiermafia agiert international - und Deutschland spielt da keine Ausnahme.

Wie steht es um die Elefanten?

Es ist nicht einfach zu sagen, was gerade passiert. Wir sind gerade dabei die Populationen zu prüfen. Im März wird in Bangkok die Generalversammlung der Unterzeichner des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) stattfinden, dann werden wir sichere Zahlen liefern können. Schon jetzt wissen wir, dass die Populationen in Zentral-Afrika stark dezimiert sind. Es gibt Vermutungen, dass es in Senegal gar keine Elefanten mehr gibt. Im schlimmsten Fall rechne ich damit, dass 2012 zwischen sieben und zwölf Prozent aller Elefanten getötet wurden.

Du beobachtest sehr genau, was sich in Afrika derzeit abspielt. Was sind deine Beobachtungen?

Es fällt auf, dass sich die Hotspots verschieben. Vor drei Jahren waren Nigeria, Kamerun und Gabun bei der Elefantenwilderei ganz vorne dabei. Jetzt hat sich alles weiter östlich verschoben. Kenia und Tansania sind auf einmal dabei. Ich habe die Befürchtung, dass dies auch daran liegen könnte, dass es in den bekannten Hotspots einfach keine Elefanten mehr zu jagen gibt. Die Hotspots in Asien, dort wo das meiste Elfenbein eingeführt wird, sind immer noch die gleichen: Hongkong, Taiwan und Hanoi - da hat sich nichts verändert.

Wie können wir die Jagd nach dem Elfenbeinjagd unter Kontrolle bringen?

Wir wissen von einigen großen Elfenbeinfunden von Zollbehörden. Wir wissen aber auch, dass es anschließend nicht einmal zu Ermittlungen gekommen ist. Wir fordern daher, dass jeder Elfenbeinfund ab 600 Kilogramm polizeilich untersucht werden muss. Es müssen Inventarlisten erstellt werden, wir müssen transparent machen, wo, wann, wie viel Elfenbein gefunden wird. Anschließend müssen Untersuchungen vor Ort eingeleitet werden. Dafür müssen natürlich die Strukturen errichtet werden. Wir brauchen Verhaftungen und anschließende Prozesse. Das klingt nach einer ganzen Menge von Maßnahmen, die notwendig sind. Wenn man aber davon ausgeht, dass wir insgesamt neun Nationen im Fokus haben, die maßgeblich an der Wilderei beteiligt sind, und allein fünf von diesen neun für etwa 60 Prozent des illegalen Elfenbeinhandels verantwortlich sind - dann haben wir ein Ziel vor Augen, dass wir erreichen können.

Schon jetzt sind die Statistiken alarmierend. Was erwartest du für die letzten Monate des Jahres?

Es ist traurig, aber in den letzten Monaten des Jahres schnellen die Zahlen in aller Regel noch einmal in die Höhe. Oktober, November und Dezember sind die die schlimmsten Monate für die Elefanten und Nashörner. In Südafrika die Regenzeit. Die Wilderer sind dann durch die schlechte Sicht geschützt. Die Ferienzeit Ende Dezember verstärkt noch einmal die Wilderei. Es klingt absurd, während der Feiertage wird erheblich stärker gejagt.

Wie kann man den Handel verhindern?

Dabei spielt natürlich öffentlicher Druck eine große Rolle. In China gibt es derzeit schon ein paar sehr spannende Kampagnen, bei denen beispielsweise der Schauspieler Jacky Chan oder der ehemalige Basketballspieler Yao Ming auf die Problematik hinter dem Elfenbein aufmerksam machen. Sie zeigen deutlich, dass dafür Elefanten abgeschlachtet werden. Und die Leute hören ihnen zu, denn sie sind extrem prominent in China. Aber auch hier ist Deutschland auch gefordert. Wie viele Deutsche fahren denn jedes Jahr nach Thailand? Und nicht wenige kaufen sich auch kleine Schmuckstückchen aus Elfenbein. Das ist nicht nur illegal, sondern an diesem Schmuck klebt Blut, dass sollten alle wissen. Wir werden dafür trommeln, dass es jeder erfährt.

Das Gespräch führte für euch Matthias Adler vom WWF-Team.

Fotos: Tom Milliken. © Daniel Seiffert / WWF; Nashörner © Brent Stirton / Getty Images / WWF-UK; Konfiszierte elefanten-Stoßzähne © Bas Huijbregts / WWF-Canon

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Kommentare (15)
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Sortieren nach Aktualität:
14.12.2012
SilverHawk hat geschrieben:
Das Foto mit dem armen Nashorn, dessen Horn entfernt wurde, hat mich wirklich schockiert.
Wie können Menschen nur so grausam sein und sich das Recht herausnehmen, einem anderen Lebewesen einen Körperteil zu klauen? Was würden die Wilderer sagen, wenn man ihnen das Ohr abhacken würde?
14.12.2012
gelöschter User hat geschrieben:
gelöscht
30.11.2012
Angelina hat geschrieben:
Super interessanter Bericht!
Er macht einem echt Mut, immer weiter zu kämpfen und niemals aufzugeben :-)
29.11.2012
Wasserjunge hat geschrieben:
Sehr interessanter Bericht! :)
Echt traurig, dass sich sie Situation immer noch nicht wirklich gebessert hat.
Die Bilder finde ich auch gut ausgewählt ;)
21.11.2012
Janine hat geschrieben:
@Urmeli: Vor einiger Zeit wurde sehr häufig über die Museumsdiebstähle berichtet, vor allem weil sie sich häuften. Immer mehr Museen ersetzten daraufhin die echten Hörner durch Fälschungen.

Danke für den Bericht, Marcel! Die Worte von Tom Milliken geben wirklich Grund zum Optimismus! Super!
21.11.2012
Astrid hat geschrieben:
Er sieht nicht nur sympathisch aus, sondern ist es auch. Ich hatte das Glück mich mit ihm zu treffen, als er bei uns im Büro war. Einfach nur beeindruckend, was Tom schon alles für die Nashörner und Elefanten geleistet hat und was er sich noch vorgenommen hat :)
21.11.2012
gelöschter User hat geschrieben:
gelöscht
21.11.2012
gelöschter User hat geschrieben:
Von den Diebstählen aus Museen wusste ich noch gar nichts. Wie kann es sein, dass so etwas nicht mehr in den Medien verbreitet wird??

Elefanten und Nashörner können nicht für sich selber kämpfen. Das müssen wir tun und es ist unsere Pflicht niemals aufzugeben!
20.11.2012
lolfs hat geschrieben:
Interessantes Thema und informationsreiches Interview.

Schrecklich, dass die Ammenmärchen der heilenden Kräften von Tiegerartefakten kein Ende findet.
20.11.2012
gelöschter User hat geschrieben:
gelöscht
20.11.2012
gelöschter User hat geschrieben:
Viel schöner als immer zu hören das es bergab geht, aber trotzdem jedesmal aufs neue schockierend :/
20.11.2012
Zerschmetterling hat geschrieben:
Mir ist er auch sympatisch. Und ich gebe ihm auch Recht dabei, wenn er sagt, die Deutschen sollen nicht glauben, dass sie nichts damit zu tun hätten..
Egal was wo auf der Erde weshalb passiert - wir sitzen alle in einem Boot, leben alle auf dem selben Planeten.
20.11.2012
lotte98 hat geschrieben:
echt tolle person! ist mir auch total sympatisch
20.11.2012
Sarah25 hat geschrieben:
Der Mann ist mir sympatisch! Allein deshalb schon, weil er Optimist ist :)
20.11.2012
LSternus hat geschrieben:
Fäust hoch und ab in den Ring ;)
Nein im Ernst: Ich bin bereit für die Nashörner zu kämpfen.
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