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Steven Siegel, NOAA / Marine Photobank
Plastiktütenverbrauch geht zurück - Eine Studie und was man daraus schließen kann


von Cookie
01.03.2014
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"Tüten sind out" und "Deutsche verwenden weniger Plastiktüten" - diese Überschriften klingen zunächst wie Musik in meinen Ohren. Tatsächlich bestätigt eine in dieser Woche veröffentlichte Studie der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM), dass der Verbrauch von Kunststofftragetaschen in Deutschland zwischen den Jahren 2000 und 2012 um etwa 11% zurückgegangen ist. Wurden hier vor vierzehn Jahren noch rund 7 Milliarden Tüten im Jahr verbraucht, so waren es vor zwei Jahren "nur" noch 6 Milliarden. Daraus ergibt sich für uns Deutsche ein Pro-Kopf-Verbrauch von etwa 76 Tüten im Jahr. Das ist immerhin deutlich weniger als der EU-Durchschnitt von jährlich etwa 198 Tüten pro Person.

Die Studie hat sich allerdings nicht nur mit dem Verbrauch von Plastiktüten an sich befasst, sondern es wurden im Dezember 2012 auch rund 1000 Deutsche darüber befragt, wie sie ihre Plastiktragetaschen verwerten. Dabei stellte sich heraus, dass 31% der Befragten die Beutel mehr als fünf Mal und 31% die Beutel immerhin mehr als drei Mal wieder benutzen. Nur 20% der Befragten gaben an, Plastiktüten meist nur ein Mal zu verwenden. Insgesamt 72% benutzen die Tüten wieder, was man sicher als positives Ergebnis sehen kann. Die letzte Verwertung der Tüte ist bei vielen Befragten die Nutzung als Müllbeutel. Womit wir auch schon beim Thema Müll wären: Laut der Studie der GVM haben Kunststofftragetaschen lediglich einen Anteil von 0,17% am Siedlungsabfall (Hausmüll und hausmüllähnlicher Gewerbeabfall). Das klingt sehr wenig, bedeutet allerdings dennoch, dass jährlich 86.000 Tonnen Tragetaschen im Hausmüll landen.

Wer sich selbst eine Zusammenfassung der Studie anschauen möchte, findet diese hier. Dort sind Ergebnisse und Zahlen übersichtlich und verständlich dargestellt. Die komplette Studie ist für den stolzen Preis von 350 Euro erhältlich. "Verbrauch und Verwertung von Tragetaschen und Hemdchenbeuteln für Bedienungsware in Deutschland" lautet ihr etwas sperriger Titel. Über den Begriff "Hemdchenbeutel" bin ich zunächst einmal gestolpert, als ich mir die Zusammenfassung angeschaut habe. Den hatte ich noch nie gehört und auch in den Zeitungsartikeln zur Studie, die ich gelesen hatte, war er nicht aufgetaucht. Im Anhang der Zusammenfassung fand ich eine Definition dieses mysteriösen Gegenstandes: Unter Hemdchenbeuteln versteht man diejenigen Plastikbeutel, die man nicht an der Kasse bekommt, sondern die der Kunde selbst oder das Verkaufspersonal schon vorher befüllt, also zum Beispiel die Tüten, die in der Obst- und Gemüseabteilung oft zur Verfügung stehen. Bei genauerem Hinsehen fiel mir auf, dass diese als nicht wiederverwertbar geltenden Beutel in den bisherigen Zahlen gar nicht vorkamen. Von ihnen werden nämlich noch einmal 3,1 Milliarden im Jahr verbraucht. Das sind noch einmal 8675 Tonnen Plastiktüten.

Am Ende der Studie zieht die GVM das Fazit, dass Verbraucher und Handel in Deutschland überwiegend verantwortlich mit Plastiktüten umgehen, da der Verbrauch im Vergleich zum EU-Durchschnitt gering sei und die Tüten oft wiederverwendet würden. Gelobt wird auch die deutsche Abfallwirtschaft und deren System der Erfassung und Verwertung von Verpackungen, das dafür sorge, dass Kunststofftragetaschen auch nach ihrer Nutzung "einer geordneten werkstofflichen und energetischen Verwertung" zugeführt würden. Durch die Selbstverpflichtung des deutschen Lebensmitteleinzelhandels, Plastiktüten an der Kasse nicht mehr kostenlos an die Kunden abzugeben, habe der Handel bereits vor vierzig Jahren ein wirksames Zeichen der Produktverantwortung gesetzt und der Wert der Taschen sei damit für den Verbraucher gestiegen.

Die Auftraggeber der Studie, nämlich die Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK), der Handelsverband Deutschland und die Plattform für Kunststoff und Verwertung zeigen sich mit den Ergebnissen der Studie äußerst zufrieden. Für sie ist die Studie der Beweis dafür, dass Maßnahmen gegen Plastiktüten mit einer Folienstärke unter 50 µm, wie sie die EU vorgeschlagen hat (hier  geht es zum Bericht darüber) nicht notwendig sind. Jürgen Bruder, der Hauptgeschäftsführer der IK, sieht aufgrund der laut ihm hervorragend funktionierenden abfallwirtschaftlichen Strukturen in Deutschland keinen Handlungsbedarf auf dem Gebiet der Plastiktüten.

Ganz anderer Auffassung ist da das Umweltbundesamt (UBA). "Zu viel Einweg bei Tragetaschen" lautet hier die Überschrift und es wird empfohlen, den Verbrauch von Einweg-Plastiktaschen weiter zu verringern und die Bezahlpflicht für diese auszuweiten. Im Gegensatz zu den drei Auftraggebern der Studie und der GVM hält das UBA den EU-Vorschlag zur Reduzierung von dünnen Plastikbeuteln durchaus für sinnvoll. Grund dafür ist, dass die Tüten immer noch regelmäßig in die Umwelt geraten. An der Nordsee hat man in den Jahren 2008-2012 einen durchschnittlichen Wert von 1,5 Plastiktragetaschen und 3 Hemdchenbeuteln auf hundert Metern Küstenlinie festgestellt. Für die Meeresbewohner stellen die Kunststoffreste eine große Gefahr dar und die Jahrhunderte, die ihre endgültige Zersetzung in Anspruch nehmen kann, stehen für das UBA in keinem Verhältnis zur kurzen Nutzungsdauer der Tüten, selbst, wenn sie mehrfach verwendet werden.

Auch biologisch abbaubare Tüten, die in der Studie übrigens nicht gesondert ausgewiesen, sondern genau wie herkömmliche Plastikbeutel behandelt werden, sind für das UBA keine umweltfreundliche Alternative, wie UBA-Vizepräsident Thomas Holzmann erklärt. Auch sie seien kurzlebig und wiesen keinerlei ökologische Vorteile gegenüber den aus Erdöl hergestellten Modellen auf. Im Gegenteil, sie könnten das Recycling dieser konventioneller Kunststoffe sogar beeinträchtigen. In Kompostierungsanlagen würden die Bio-Tüten wie andere Kunststoffe auch meist als Störstoff aussortiert. Generell seien die Rottezeiten in industriellen Kompostierungsanlagen oft zu kurz, als dass die Beutel abgebaut werden könnten. Auch sei eine schnellere Zersetzung von biologisch abbaubaren Kunststofftragetaschen unter den kalten und dunklen Bedingungen, wie man sie im Meer meist vorfindet, nicht nachweisbar.

Angesichts all dessen befürwortet das UBA eine Ausweitung der Bezahlpflicht für Plastiktüten auf den gesamten Einzelhandel. Dem stimme auch ich zu. Es freut mich zwar, zu hören, dass der Plastiktütenverbrauch in Deutschland zurückgegangen ist und ein Großteil der Menschen die Taschen mehrfach nutzt, doch das ist für mich kein Grund, sich zurückzulehnen und den Verbrauch nicht weiter zu reduzieren zu versuchen. Ich verstehe das Argument, dass die Tüten nur einen sehr kleinen Bruchteil von weniger als einem Prozent der Siedlungsabfälle ausmachen und somit bei weitem nicht der Hauptgrund für das Plastikproblem sind. Ihr Anteil am Verbrauch von Kunststoffverpackungen beträgt lediglich drei Prozent. Diese Zahlen empfinde ich jedoch nicht als beruhigend, sie sind eher ein Zeichen für mich, dass etwas gegen die unglaubliche Menge von 3.001.000 Tonnen Kunststoffverpackungen, die sich jährlich unter den Siedlungsabfällen befinden, unternommen werden muss.

Was denkt ihr darüber? Haltet ihr es trotz der Ergebnisse dieser aktuellen Studie für sinnvoll, weiter gegen Plastiktüten vorzugehen? Daraus ergibt sich auch die Frage, ob ihr Interesse habt, das Anti-Plastiktüten-Projekt der WWF Jugend fortzuführen. Wenn dem so ist, dann schaut doch mal in unserer Gruppe vorbei, wo wir gerade diskutieren, ob und auf welche Weise es weitergehen soll. Ich freue mich auf eure Vorschläge und Anregungen.  


Quellen:

http://www.kunststoffverpackungen.de/show.php?ID=5376
http://www.taz.de/Verbrauch-geht-zurueck/!133675/
http://de.nachrichten.yahoo.com/verbrauch-plastikt%C3%BCten-deutschland-geht-zur%C3%BCck-112830691.html
http://www.kunststoffverpackungen.de/gvm_studie_bestaetigt__geringe_abfallrelevanz_von_kunststofftragetaschen_5364.html
http://www.einzelhandel.de/index.php/presse/aktuellemeldungen/item/123720-gvm-studie-geringe-abfallrelevanz-von-kunststofftragetaschen.html
http://www.bkv-gmbh.de/themen/studien/#c2102
http://www.umweltbundesamt.de/presse/presseinformationen/zu-viel-einweg-bei-tragetaschen
http://www.lfu.bayern.de/abfall/definition_siedlungs_produktionsabfaelle/index.htm

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Kommentare (14)
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10.03.2014
Helen98 hat geschrieben:
Das ist ein toller und informativer Bericht. Vielen Dank für diese Informationen :)
09.03.2014
Himbaerchen hat geschrieben:
Toller Bericht! Sehr informativ :)
04.03.2014
Maike11 hat geschrieben:
Ich kann UliRike nur zustimmen :)
03.03.2014
Cookie hat geschrieben:
Danke für das viele Lob! :)

@MitternachtsEule: Die Tasche ist zwar selbstgemacht, allerdings nicht von mir. anni95 aus der Community hat sie mit unserem Anti-Plastiktüten-Logo verziert. Die Anleitung dazu gibts hier: http://www.wwf-jugend.de/fileadmin/user_upload/pdf/BastelbuchLayoutNivis.pdf
03.03.2014
Ronja96 hat geschrieben:
Danke für den tollen und ausführlichen Bericht! Es ist schön zu hören, dass viele Deutsche weniger Plastiktüten verwenden, aber dennoch stimme ich dir zu, dass damit das Problem noch lange nicht gelöst ist. Ich denke, dass auf jeden Fall weiter gegen die Plastiktüten vorgegangen werden sollte und fände es auch nicht schlecht, wenn für Plastiktüten Geld bezahlt werden sollte. Das würde bestimmt ein paar Leute abschrecken jedes Mal eine neue Plastiktüte zu nehmen.
02.03.2014
Lisa18 hat geschrieben:
Vielen Dank für den sehr ausführlichen Bericht!! Ich stimme dir zu, dass es zwar sehr erfreulich ist, das der Verbrauch zurückgegangen ist, aber man sollte trotz alledem weiter gegen die Plastiktüten vorgehen!!
02.03.2014
UliRike hat geschrieben:
Tolle Bericht! Die Zeichnungen sind wirklich gelungen : )
Und ich bewundere die Mühe, die du dir gegeben hast!
02.03.2014
Carinaa hat geschrieben:
Toller Bericht, scheint so, als hast du ordentlich recherchiert! :)
02.03.2014
Tamina hat geschrieben:
Wow, sogar mit eigenen Zeichnungen - gefällt mir richtig gut!!! Eine tolle Idee!:)
02.03.2014
Bjarne2000 hat geschrieben:
Schön, dass du dir so viel Mühe gemacht hast. :)
LangweiligeGeschichtenÜberFrankreich-Time! (Wenn der dauernde Vergleich nervt, dann sagt es bitte) Hier werden wir voll ver[bitte vulgären Begriff für After einfügen]t. Da steht zum Beispiel auf einigen Plastikverpackungen: "Denken Sie an die Mülltrennung. Plastikverpackung wegschmeißen (im Sinne von alles in dieselbe Tonne)."
02.03.2014
gelöschter User hat geschrieben:
Das ist doch mal ein wirklich gelungener Bericht!
Du hast sicher viel Zeit und Mühe hineingesteckt - und ein tolles Ergebnis erzielt :)
Die Zeichnungen finde ich auch total genial, die geben die wichtigsten Zahlen so schön wieder. Vor allem die Tragetasche finde ich interessant, hast du die selbst gemacht?
02.03.2014
Kerstin hat geschrieben:
Super Bericht und interessantes Thema!
Die Zeichnungen sind echt fantastisch! :-)
02.03.2014
thinkgreen26 hat geschrieben:
Schöner Bericht! ^^
Ich finde wir sollten das als Ansporn nehmen weiter zu machen. :)
01.03.2014
peacemeinfreund hat geschrieben:
Danke für den interessanten Artikel und toll, man sieht an den Zeichnungen auch wie viel Mühe in ihm steckt. Daumen hoch! ,D
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