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Steven Siegel, NOAA / Marine Photobank
Mikroplastik: Kaum zu erkennen, aber umso gefährlicher


von Carina
14.11.2014
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79 P

Dass unsere Umwelt von Plastik verschmutzt wird, ist längst kein Geheimnis mehr. Riesige Müllstrudel im Ozean, Einwegflaschen an der Bordsteinkante und Plastiktüten im Stadtpark führen uns dieses Problem immer wieder vor Augen. Recht neu sind allerdings die Erkenntnisse über die Verbreitung winzig kleiner Plastikteile – sogenannten Mikroplastiks. Damit sind kleinste Plastikpartikel gemeint, die nicht größer als 5 Millimeter sind und somit leicht übersehen werden. Doch deshalb ist ihre Verbreitung noch lange nicht geringer oder weniger problematisch als die größerer Plastikteile. Laut „fluter“, dem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, wurde Mikroplastik inzwischen „fast überall“ entdeckt: In der Donau, im Gardasee, in Wattwürmern, in Vogelkot und sogar in Mineralwasser, Bier und Honig.

Friederike Gabel, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Landschaftsökologie in Münster, ist sich dieser Problematik bewusst. Sie ist in der Forschung über Mikroplastik in Fließgewässern tätig und weiß, dass die kleinen Plastikteile über vielerlei Wege in Flüsse eingetragen werden können: Oft werden sie durch Kläranlagen nicht richtig entfernt und gelangen so zurück in die Flüsse. Zum Beispiel Fasern von synthetischer Kleidung wie Fleecejacken lösen sich bei jedem Waschgang und können kaum aus dem Wasser herausgefiltert werden. Klärschlämme werden aber auch auf Äcker ausgebracht und die darin enthaltenen Plastikteile können vom Regen ausgewaschen werden. Mikroplastik kann beispielsweise auch durch den Abrieb von Autoreifen entstehen und von der Straße in die Flüsse gespült werden.

Die Larven der Köcherfliegen leben in unseren Flüssen. Ihren Namen haben sie von den Köchern, die sie sich aus Steinen, Muschelschalen oder kleinen Holzstückchen basteln und die bei jeder Art anders aussehen. (© André Karwath via Wikimedia Commons.)

Was die Auswirkungen auf Natur und Tiere in Binnengewässern betrifft, stehe die Forschung allerdings noch ganz am Anfang, berichtet Frau Gabel. „Wissenschaftler der Universitäten in Bayreuth und München haben bereits herausgefunden, dass diese Plastikpartikel von aquatischen Wirbellosen gefressen werden und wir können davon ausgehen, dass dies ähnliche Auswirkungen hat wie in marinen Ökosystemen, die bereits besser erforscht sind. Hier konnten bei den Organismen Hungergefühle festgestellt werden, wenn der Magen nur von Plastik gefüllt ist, sowie Einbußen bezüglich der Vermehrung und des Wachstums.“ In Zukunft werde jedoch auch im Bereich der Fließgewässer noch detaillierter geforscht werden. Vor allem die Fragen, woher das Plastik kommt, wie es verteilt wird und was für langfristige Auswirkungen es auf aquatische Wirbellose (wie beispielsweise Würmer, Muscheln oder Fliegenlarven) hat, sollen noch geklärt werden.

Einen Beitrag zu dieser Forschung hat auch die 24-jährige Studentin Pia Eibes geleistet. Pia hat vor kurzem ihr Studium der Landschaftsökologie abgeschlossen und ihre Bachelorarbeit zu dem Thema „Die Kontamination von Flüssen durch Mikroplastik am Beispiel der Ems“ verfasst. Was genau sie da gemacht und herausgefunden hat, erzählte sie mir in einem Interview:

Pia, du hast deine Bachelorarbeit zu dem Thema Mikroplastik geschrieben. Was genau war Gegenstand deiner Arbeit?
Im Rahmen meiner Bachelorarbeit habe ich untersucht, ob im Oberflächenwasser der Ems Mikroplastik-Partikel zu finden sind. Die Ems ist ein kleiner Fluss, der durch Nordwest-Deutschland fließt und schließlich in die Nordsee mündet. Es gibt bereits viele Studien, die die (Mikro)Plastik-Verschmutzung in den Ozeanen untersucht und dokumentiert haben, aber noch wenige Erkenntnisse über eine derartige Kontamination in Flüssen. Herauszufinden, ob und durch welche Quellen auch kleine Süßwasser-Flüsse betroffen sein könnten, war die Motivation der Arbeit.

Ein Altarm der Ems. (© André de Saint-Paul via Wikimedia Commons.)

Wie bist du vorgegangen?
Die ersten Wasserproben habe ich sehr nah der Emsquelle entnommen, anschließend habe ich den folgenden, etwa 70km langen Flussabschnitt in regelmäßigen Abschnitten untersucht. Zudem habe ich Stellen beprobt, an denen wir Eintragspfade für die Plastikpartikel vermutet haben. Die Proben wurden alle im Oberflächenwasser genommen, um im Wasser treibende Partikel zu entdecken. Dabei habe ich ein sog. Driftnetz verwendet, das sehr kleine Maschen hat, um selbst Partikel mikroskopischer Größe herauszufiltern.

Driftnetz (© Pia Eibes)

Gab es dabei auch Schwierigkeiten oder Probleme?
Natürlich läuft es gerade im Gelände nie so wie geplant, aber es traten keine Probleme auf,
die nicht durch Improvisation lösbar waren. Teilweise war es etwas schwierig, die gewählten Probepunkte anzufahren und später bei der Laborarbeit bereitete mir die Resistenz des Plastiks Schwierigkeiten bei der Zerkleinerung der Partikel, was für die weiteren Analysen wichtig war. Eine Anforderung an alle Arbeitsschritte war die Vermeidung von Plastikprodukten, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Da ist mir dann schnell bewusst geworden, wie abhängig wir von Plastikprodukten eigentlich wirklich sind!

Was sind deine Ergebnisse?
Das darf ich leider im Detail nicht verraten, da die Arbeit noch an anderer Stelle publiziert werden soll. Ich kann aber so viel sagen: Es wurde Mikroplastik in der Ems gefunden. Das heißt, dass die Belastung sich nicht nur auf die Weltmeere oder größere Flüsse begrenzt!

Wenn die Arbeit publiziert werden soll, stieß sie also auf Interesse? Was ist das überhaupt für ein Gefühl, eine wissenschaftliche Arbeit zu verfassen?
Ja, die Arbeit ist auf sehr großes Interesse gestoßen. Da das Thema uns alle betrifft, haben
sich vor allem auch Personen ohne naturwissenschaftlichen Hintergrund für die Arbeit
interessiert. Generell stößt man auf viele Studien zu diesem Thema, die Forschung scheint
also zurzeit sehr aktiv in diesem Bereich.
Eine „eigene“ wissenschaftliche Arbeit zu verfassen bietet die Möglichkeit, sich vollkommen
in ein Thema einzudenken und Aufbau, Methoden und Analysen selbst zu entwickeln. Das
bedeutet viel Zeit und Arbeit, gibt aber auch ein schönes Gefühl, wenn alles ungefähr so
klappt, wie man sich das gedacht hat!

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Doch was tun, wenn das Mikroplastik einmal in die Flüsse gelangt ist? „Es wäre natürlich schön, es wieder herausfiltern zu können“, sagt Frau Gabel, doch dazu gäbe es leider bisher noch keine Verfahren. Auch feinmaschige Netze an den Kläranlagen wären denkbar, die die Plastikteile besser zurückhalten. Doch die Montur einer solchen Anlage sei nun mal sehr kostspielig. Andere Dinge sind einfacher umzusetzen: Würde weniger Plastik verbraucht und vor allem das verbrauchte Plastik richtig entsorgt, könnte schon einmal nur sehr viel weniger davon in die Umwelt gelangen. Schon den gelben Sack richtig zuzuknoten, bevor am ihn auf die Straße stellt, oder kein Plastik die Toilette runterzuspülen, kann helfen. Und auch bei dem Kauf von Kosmetikprodukten sollte man unbedingt darauf achten, dass diese kein Plastik enthalten. Damit wird zwar die beretis vorhandene Verschmutzung nicht vermindert, aber zumindest könnte eine zusätzliche Belastung unserer Süßwasserökosysteme möglichst gering gehalten werden.
 

Titelbild: Proben mit Mikroplastikpartikeln. (© Pia Eibes.)

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Kommentare (3)
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15.11.2014
Cookie hat geschrieben:
Danke für den spannenden Bericht und das tolle Interview! Pias Bachelor-Arbeit würde ich auch sehr gerne lesen.
15.11.2014
Makanie hat geschrieben:
Da trennt man den Müll und benutzt nur Stofftaschen und dann hört man, dass es doch noch so viel Plastik gibt um sich. Ich finde es erschütternd, dass der Mensch so unachtsam ist, dass er es nicht merkt, wenn er etwas um sich zerstört du damit auch alles andere, dass er die Arroganz besitzt, sich mit allem gegen die Welt um sich aufzulehnen.
Aber Glückwunsch, dass überhaupt entdeckt wurde, wo das ganze Plastik hin ist und immerhin forschen sie jetzt. Nur hilft das Forschen den toten Tieren auch nicht mehr.
14.11.2014
Squirrel hat geschrieben:
Vielen Dank für den super Artikel, vor allem das Interview mit Pia fand ich sehr interressant:)
Das es noch keine praktikable Lösung gibt das Plastik wieder aus dem Wasser rauszuholen ist allerdings alles andere als gut. Ich glaube bei den beschriebenen Mengen die schon im Wasser sind wird es nicht reichen nur kein neues Plastik zu produzierem.
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