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Steven Siegel, NOAA / Marine Photobank
Herbstputz im Forellenwohnzimmer - Trashbusters in Jena


von Cookie
01.10.2016
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"Regentropfen prasseln herunter und verwandeln unseren Bach in einen Whirlpool, in dem welke Blätter herumgewirbelt werden. Wir verkriechen uns unter den Ufervorhängen und knabbern ein paar Insekten und kleine Fischlein. Endlich wird es Herbst und wir haben hier wieder unsere Ruhe vor den Menschlingen, die sich den ganzen Sommer über am Ufer getummelt und ordentlich Lärm gemacht haben und deren Hinterlassenschaften überall in unserem Wohnzimmer herumtreiben."

Ich laufe durch einen Wald. Ich weiß nicht, wo es zurück zur Stadt geht. Ich blicke immer wieder auf die Uhr. Es ist beinahe halb zwölf und ich werde immer verzweifelter. Ich muss doch zum Ernst-Abbe-Denkmal! Um 11:30 Uhr ist der Treffpunkt. Es stand in der Zeitung und auf Facebook. Die ganzen Leute werden zu unserer Aktion kommen und ich bin nicht da. Ich hole mein Handy hervor, aber der Akku ist fast leer. Ich werde die Aktion verpassen… Schweißgebadet wache ich auf. Es ist neun Uhr morgens, meine Katze steht auf mir und verlangt Futter und draußen gießt es wie aus Eimern. Nicht das optimale Wetter für eine Müllsammelaktion, aber ich bin einfach nur glücklich, dass alles nur ein Traum war, ich mich nach wie vor in meiner Wohnung 15 Minuten vom Denkmal entfernt befinde und ich mich pünktlich dort mit Franzi und Solveig treffen kann. Der Regen hat aufgehört, wir haben Gummistiefel an den Füßen, eine dicke Rolle Müllsäcke im Gepäck und begeben uns voller Motivation zur Leutra. 

"Als das Wasser sich beruhigt hat, kommen wir aus unserem sicheren Plätzchen hervor und schwimmen munter durch unseren Bach. Unter uns glitzern die goldenen runden Steine mit den gezackten Kanten, die die Menschlinge nur allzu gerne in unser Zuhause befördern und wir Großen haben alle Hände voll zu tun, die jungen Forellen von scharfkantigen durchsichtigen Steinscheiben und einer knisternden roten Höhle fernzuhalten. Die Forellenweibchen sind empört: „Wir möchten mal die Menschlinge sehen, wenn wir unseren Müll in ihrem Wohnzimmer abladen!“ Wenigstens haben wir jetzt Ruhe vor diesen Unruhestiftern, denke ich mir. Doch was ist das? Ein riesiger Fuß platscht in unseren Bach. Menschlinge! Ein ganzer Schwarm! Und sie dringen in unseren Bach ein! In Windeseile verkriechen wir uns wieder in unseren Verstecken."

Kronkorken, Glasscherben, kleine Plastikschnipsel, eine große rote Chipstüte, Bäckertüten, Zigarettenpackungen, Flaschen aus Glas und aus Plastik… Nach und nach wandert alles in unsere großen blauen Müllsäcke, während wir uns Stück für Stück die Leutra nach oben vorarbeiten und allen Müll herausfischen, den wir zu fassen kriegen. Auch aus dem Gestrüpp am Ufer fischen wir Zigarettenkippen, Verpackungsreste und Alufolieklümpchen. Nach einer Weile stößt auch Ulrike zu uns. Gemeinsam befreien wir den Bach von dem ganzen Abfall und haben dabei jede Menge Spaß, auch wenn uns mache Fundstücke einfach fassungslos machen. Wie kann man denn Batterien einfach so in die Natur werfen? Wie kann man seinen Müll überhaupt einfach in der Natur liegen lassen?

"Von unserem Versteck aus betrachten wir die Menschlinge, die durch unseren Bach trampeln. Sie ziehen riesige blaue Dinger hinter sich her. Ob das die gefürchteten Fischernetze sind, von denen Großvater Forelle so viel erzählt hat? Wollen sie uns fangen? Aber die Menschlinge scheinen auf ganz andere Beute aus zu sein. Sie bücken sich immer wieder, heben Dinge auf und lassen sie in den blauen Netzen verschwinden. Die zackigen Steine werden immer weniger. Ein Menschling zieht die knisternde rote Höhle aus dem Wasser. Ist das zu fassen? Die Menschlinge übernehmen unseren Herbstputz und machen unser Zuhause sauber!"

Neben den üblichen Hinterlassenschaften, ziehen wir einige Kuriositäten an Land: Einen Strasssteinchengürtel, eine Trillerpfeife, eine Glühbirne, Damenhygieneprodukte, Kabel… Besonders häufig stoßen wir auf eklige graue Tücher, die sich in Ästen verheddert haben und von denen wir vermuten, dass es sich um Feuchttücher handelt. Anscheinend ist gleich eine ganze Packung davon baden gegangen. Leider ist die Leutra an einigen Stellen tiefer als unsere Gummistiefel hoch sind und wir müssen ein paar Abfälle zurücklassen. Die Passanten auf dem Fußweg oberhalb der Böschung blicken neugierig auf uns hinunter, aber keiner spricht uns an. Nur ein kleines Mädchen kommt zu uns ans Ufer, fragt, was wir machen und möchte das nächste Mal mitmachen. Schließlich haben wir das Ende unseres Sammelabschnitts erreicht und schleifen unsere schweren Müllsäcke ans Ufer.







"Als die Menschlinge unseren Bach verlassen, ist er sehr viel sauberer als vorher, von unserem Keller mal abgesehen. Der lag wohl zu tief unten für die großen Landratten. Als ich Großvater Forelle von diesem wunderlichen Geschehen berichte, nickt er weise. „Das müssen die Trashbusters gewesen sein! Von denen habe ich schon viel gehört. Das sind Menschlinge, denen die Umwelt wichtig ist. Deshalb ziehen sie einmal im Jahr durch die Natur und sammeln ein, was andere Menschlinge dort liegengelassen haben.“ Dann begeben wir uns gemeinsam in unserem sauberen Bach auf Futtersuche. Jetzt müssen wir viel weniger Angst haben, aus Versehen die unverdaulichen durchsichtigen Stückchen zu verschlucken, die die Menschlinge oft zu uns hineinwerfen."

Wir machen uns auf den Weg zu unserer zweiten Sammelstelle im Paradiespark, wo wir neben der obligatorischen Unterhose, die auf keiner Müllsammelaktion fehlen darf, und einigen Kleiderbügeln allerdings recht wenig Müll finden. Als wir unsere gesamte Ausbeute schließlich wiegen, kommen rund 50 Kilo Müll zusammen, von dem wir die Natur in Jena heute befreit haben.

Während Franzi und Solveig sich verabschieden, bauen Ulrike und ich unseren kleinen Infostand auf. Schließlich wollen wir nicht nur Schaden beheben, sondern auch Aufklärungsarbeit leisten, damit weniger Müll in den Bächen und über diese schließlich im Meer landet. Auch wenn die meisten Spaziergänger neugierig schauen, haben nur wenige Zeit und Lust, sich unser Anliegen anzuhören. Umso mehr freuen wir uns, als ein Junge auf seinem Skateboard vor unserem Stand hält und erklärt, dass er uns gesucht habe. Er schreibt an einer Projektarbeit zum Thema Plastik für die Schule und zeigt uns einen Zeitungsausschnitt, der unsere Aktion ankündigt. Wir unterhalten uns mit ihm über unsere Aktion, die WWF Jugend, Möglichkeiten, Plastik zu vermeiden und er verabschiedet sich schließlich mit meiner E-Mailadresse und jeder Menge Infomaterial im Gepäck. Allein deshalb finden wir, dass sich unser Infostand gelohnt hat, als eine knappe Stunde später die ersten Regentropfen auf unsere Flyer fallen und wir zusammenpacken müssen.

Ein großes Dankeschön geht an dieser Stelle an den Fachdienst Umweltschutz und den Kommunal Service der Stadt Jena, die unsere Trashbusters Aktion ermöglicht, uns mit Müllsäcken versorgt und die Entsorgung des Mülls organisiert haben.

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Kommentare (7)
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05.10.2016
Johannisbeere1502 hat geschrieben:
50 Kilo- wow, ihr seid echt Hammer! Die Forellen hat´s offensichtlich gefreut :-)
04.10.2016
Orcara hat geschrieben:
Wunderschön geschrieben, besonders aus der Sicht der Forellen :)
Echt schade dass ich nicht dabei sein konnte :(
04.10.2016
Puma hat geschrieben:
Das klingt nach einer echt spaßigen Aktion! Und Regen ist ja nicht so schlimm. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlecht angezogene Leute xD
Und ich finde die abschnitte aus der Sicht der Forellen echt super. Zuerst war ich irritiert, aber am Ende fand ich es einfach nur süß!
03.10.2016
Buchenblatt hat geschrieben:
Der Artikel ist echt schön geschrieben. Das bringt eure kleine, aber echt effektive Aktion richtig gut zur Geltung. Und 50kg weniger Müll sind auch ein richtiger Gewinn für die Natur!
03.10.2016
UliRike hat geschrieben:
Eine kleine, feine Aktion. :) Es war doch ein schöner Tag
02.10.2016
LeJoFr hat geschrieben:
Super, dass die Aktion so erfolgreich war, nächstes mal bin ich dann hoffentlich auch dabei :)
Der Bericht ist echt sehr schön geschrieben.
01.10.2016
MarcelB hat geschrieben:
Einfach bambusstark! :)
Wünsche dir heute einen etwas ruhigeren Schlaf, Menschling Anne! ;)
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