Was gibt's Neues?


Thema Plastikmüll:


Aktuelle Artikel


Steven Siegel, NOAA / Marine Photobank
Ein Plädoyer für Plastik!


von midori
02.02.2015
7
0
100 P

Unter uns Weltrettern sind wir uns doch ziemlich einig zum Thema Plastik. Es ist ganz großer Murks. Denn mal davon abgesehen, dass zu seiner Herstellung Unmengen an Erdöl gebraucht werden, benötigt es auch noch mehrere Jahrhunderte, um wieder von unserem Planeten zu verschwinden. Zumindest dann, wenn es nicht seinen Weg zurück in den Recyclingkreislauf gefunden hat. Und das passiert leider recht oft.

Nichtsdestotrotz will ich heute einmal die Lanze für Plastik brechen und für den gleichsam verehrten wie verhassten Kunststoff in die Bresche springen. Wozu?, werdet ihr euch entrüstet fragen. Schließlich sind wir uns hier doch alle einig, wie fies Plastik für unsere Umwelt ist.

Andererseits - warum begegnet uns dieser Stoff eigentlich überall? Im Laufe des Experiments mussten wir feststellen, dass Plastik nahezu in jedem Produkt steckt, das wir im Alltag benutzen. Zahnbürsten, Tetrapacks, Tastaturen, Kosmetik, Pullover, Messergriffe - die Liste ließe sich endlos lange fortsetzen. Und das aus gutem Grund.


© Stefan Schulz / flickr.com

Denn Plastik ist praktisch! Es kann hart wie stahl sein, obwohl es federleicht ist. Es ist durchsichtig wie Glas, geht aber nicht kaputt. Kunststoffe können elastisch, temperatur- sowie chemisch beständig sein. All diese wunderbaren Eigenschaften sind je nach Herstellungsverfahren, Ausgangsmaterial und Zusätzen nahezu stufenlos regulierbar. Damit ist Plastik der perfekte Werkstoff. Kunststoffe werden zu Formteilen, Fasern und Folien weiterverarbeitet und dienen dann der Herstellung von Verpackungsmaterialien, Lacken, Klebstoffen, Textilien, Isolierungen, und und und.

Nun, was soll ich sagen - ich war am ersten Tag des Experiments sehr froh, noch eine Menge Plastiktüten gut verstaut im Schrank zu haben. Denn an ebenjenem schicksalhaften Tag brach sich mein Freund das Handgelenk und mit eingegipstem Arm lässt es sich nur schwierig duschen. Also schnell die Plastiktüte über die Hand gestülpt und schon ist das Duschen kein Problem mehr. Plastiktüten sind übrigens auch fabelhaft, wenn man einen Ausflug ins Freibad oder in die Schwimmhalle unternimmt und hinterher die nassen Klamotten inklusive Handtuch nach Hause transportieren will. Im Stoffbeutel absolut undenkbar - keine 5 Sekunden würden vergehen und alles wäre durchgetropft. Unverzichtbar sind Plastiktüten auch auf einem Festival, wenn man irgendwie die verschlammten Gummistiefel verpacken muss, um nicht allen Dreck ins Auto zu schleppen.


© Danielle Civello / flickr.com

Apropo Auto! Die Karosserie vieler Automobile besteht heute aus Kunststoff. Ob Seitenwände, Kotflügel, Türen oder Stoßfänger. Und nein, das ist kein billiger Ramsch, sondern dient sogar der Sicherheit. Denn gegenüber der ursprünglichen Verwendung von Stahl bieten die Karosserien aus Kunststoffen den Insassen des Wagens einen höheren Schutz. Und wer sitzt nicht gern sicher im Auto?

Irgendwie liebgewonnen habe ich Plastik auch in der Küche. Vor kurzem erst habe ich die Darth Vader Müsli Schüssel meines Freundes mit vollem Schwung vom Schrank gefegt. So ein Drama! Jetzt steht sie - mit Sekundenkleber zusammengeflickt - in der Vitrine des Wohnzimmers und Darth Vader bedenkt mich immerzu mit einem Blick, der sagt: mit Plastik wäre das nicht passiert.

Recht hat er! Becher, Schüsseln, Frühstücksbüchsen, Aufbewahrungsboxen, Silikonbackformen - sie alle kann ich nach Herzenslust vom Schrank fallen lassen, ohne, dass sie kaputtgehen. Und dafür liebe ich Plastik! Stellt euch Kinderteller und Kindertassen aus Porzellan vor! Wer von euch hat im Kindesalter nicht gern ausprobiert, wie oft man das Geschirr fallen lassen konnte und wie oft es wieder aufgehoben wurde? Ohne Plastik ein undenkbarer und teurer Spielspaß!

Nicht zuletzt meine Plastikflasche, die ich jederzeit bei mir habe, wenn ich unterwegs bin. Klar, ich könnte auch eine Glasflasche nehmen. Aber meine Handtasche ist so schon schwer genug, weil ich schließlich alles dabei haben muss. Da bin ich froh um jede Erleichterung. Natürlich kann man das auch relativ umweltfreundlich angehen. Ich kaufe mir bspw. etwa alle zwei Monate eine Bionade, trinke die genüsslich aus und nutze die Flasche dann für die nächsten paar Wochen, indem ich sie immer wieder mit Wasser auffülle. Einziger Nachteil - ich kann die Flasche nicht zurückgeben, denn das Ettikett nutzt sich mit der Zeit ab und der Barcode wird unleserlich. Aber wer ist schon perfekt?


© Birgit / flickr.com

Ihr seht - Plastik hat nicht umsonst einen Siegeszug um die Welt angetreten! Es ist keine Frage, dass dieser Werkstoff einfach unerreicht ist. Aber besteht nicht die Möglichkeit, ihn irgendwie umweltfreundlicher zu gestalten? Die Vorteile sind schließlich nicht von der Hand zu weisen. Aber die Herstellung aus Erdöl und der ewig währende Abbau wiegen schwer und ziehen die Gesamtbilanz stark ins Negative.

Dabei ist die Forschung schon auf dem richtigen Weg. Die Alternative lautet Biokunststoff. Dieses Bioplastik wird auf der Basis nachwachsender Rohstoffe hergestellt und ist biologisch abbaubar. Aktuell dienen vor allem Stärke und Cellulose als Grundlage für Biokunststoffe, also bspw. Kartoffeln, Mais und Holz. Als Verwendungsbereiche kommen prinzipiell alle Anwendungsbereiche von konventionellem Plastik in Frage. Allerdings eignen sich die Biokunststoffe natürlich optimal für Produkte, bei denen eine lange Lebensdauer nachteilig ist - etwa Partygeschirr.

Heute sind Biokunststoffe vor allem als Verpackungen zu finden. Zur Folie verarbeitet, dienen sie insbesondere in der Lebensmittel- und Kosmetikbranche als umweltfreundlichere Alternative. Sinnvoll sind bspw. auch biologisch abbaubare Beutel für den Biomüll, die man mitsamt dem Abfall auf den Kompost werfen kann. Nach ihrer Nutzung werden die Produkte durch Bakterien und Pilze in Wasser und Kohlendioxid zerlegt, wobei sie nur so viel CO2 freigeben, wie sie als Pflanze während der Wachstumsphase aufgenommen haben.

Trotzdem sind die Produkte noch nicht ausgereift. Bioplastik kann Lebensmittel noch nicht ausreichend vor Gerüchen, Sauerstoff und Wasserdampf schützen. Fraunhofer-Forscher entwickeln nun in einem EU-Projekt ein kompostierbares, bio-abbaubares, funktionelles Material, um Biokunststoffe zu beschichten. So gewinnt das Bioplastik neue Einsatzmöglichkeiten.

Und das ist auch dringend nötig, denn allein die Deutschen werfen jedes Jahr 5,5 Millionen Tonnen herkömmliches Plastik auf den Müll. Leider lag der Anteil von Verpackungen aus Biokunststoff im Jahre 2009 sogar noch unter einem Prozent! Noch dazu kann man Biokunststoffe nicht einfach so entsorgen. Im Gegensatz zu normalem Plastik gehören sie nämlich in den Restmüll! Aber woher weiß man, ob das Plastik umweltfreundlich ist oder nicht? Ganz einfach - wie für alles gibt es auch hierfür ein Siegel, das euch den Weg weist.

Aber mal ehrlich, wo wir hier grade die Nudeln in der Verpackung sehen. Genug Menschen auf dieser Welt leiden Hunger und schon die Debatte um Biosprit hat viel Feuer entfacht. Müssen wir wirklich Nahrungsmittel zu Plastik verarbeiten? Können wir uns das leisten? Schaffen wir damit nicht ein neues Problem? Bisher ist die Branche noch recht klein und daher keine kritische Gefahr für den Welthunger. Dennoch nehmen sich die Forscher diesem Problem an und versuchen schon heute, stattdessen aus Lebensmittelresten Bioplastik zu gewinnen.

Nun, was ist eure Meinung zu Plastik? Ganz und gar verteufeln kann man es nicht. Dafür ist es einfach in vielerlei Hinsicht zu praktisch. Auf welche Gegenstände aus Plastik würdet ihr absolut nicht verzichten wollen? Fallen euch noch mehr vorteilhafte Beispiele aus Kunststoff ein? Und was haltet ihr von Bioplastik? Was wäre eure Ansicht zu Plastik, wenn die ganze Welt sich ans Recycling halten und kein Plastik in der Natur landen würde? Ich bin gespannt auf eure Ansichten - tobt euch aus! ;o)

ps.: Alltagsgegenstände aus Biokunststoff kann man online übrigens hier bestellen!

**************************************************************************

Salat & Nudelverpackung © wikipedia.org/wiki/Biokunststoff

Literatur:

Wikipedia Eintrag zu Biokunststoff

Zeit.de, Kyriasoglou, Christina, Plastik aus Pflanzen.

Fraunhofer.de, Presseinformation, Bio-Plastik, das hält, was es verspricht.

Plastic-planet.de, Die Vorteile von Plastik.

Welt.de, Nickel, Wolfram, So viel Plastik steckt in unseren Autos.

Weiterempfehlen

Kommentare (7)
Um einen Kommentar zu schreiben einfach registrieren oder einloggen.
Sortieren nach Aktualität:
02.02.2015
Ronja96 hat geschrieben:
Ich stimme dir auch zu, dass Plastik an vielen Stellen sehr praktisch ist. Ich finde auch, dass Plastik viel mehr recycelt werden sollte. Letztens habe ich gelesen, dass nur etwa 1% des gesamten Plastikmülls recycelt wird. Das finde ich extrem wenig. Das müsste auf jeden Fall gesteigert werden, damit nicht nur immer neu produziert, sondern auch wiederverwendet wird. Ich habe zum Beispiel letztens Tesafilm und einen Tesafilmabroller aus 100% recyceltem Plastik gefunden.
02.02.2015
Ju_dith hat geschrieben:
Super, danke, dass ist ein echt ein toller Bericht! In den meisten Artikeln zur Plastik-Pause habe ich doch meistens herausgelesen, dass es ohne Plastik oder auch mit wenig Plastik einfach nicht geht. Bioplastik ist auf jeden Fall ein neuer und guter Ansatz umdas Problem zu verbessern. Aber ich denke, genau wie Zerschmetterling, dass das unnötige und ständige Wegwerfen von Plastik das größte Problem ist. Die meisten Sachen werden ja recycelt, sie werden richtig entsorgt. Auch sehe ich da das fast größere Problem für Umwelt und Tiere. Na klar sind die Förderungsmethoden von Erdöl fragwürdig, aber ganz theoretisch müsste auch gar nicht mehr so viel Erdöl gefördert werden, wenn man Plastik richtig wegwirft. Dann landet es nämlich nicht in der Natur, wo es für Tiere tödlich ist, sondern in einer Müllfabrik!
Über dieses Thema kann noch ewig diskutiert werden, weil es immer aktuell sein wird.
LG:)
02.02.2015
Zerschmetterling hat geschrieben:
Toll, dass du auch mal erwähnst was Plastik alles kann.
Das große Problem mit dem Plastik haben wir nämlich hauptsächlich wegen der falschen Entsorgung und deshalb, weil der Plastikmüll oft dort landet, wo er nicht hingehört (und sich dann beispielsweise in den Meeren anhäuft).
Da Plastik super recyclebar ist und, wie in deinem Bericht erfahrbar, zu vielem ver-, bzw. wiederverarbeitet werden kann, besitzt der Stoff also auch gute Eigenschaften.

Ich finde wir müssten beim Recycling ansetzen, damit weniger neuer Plastik hergestellt wird.
Beispielsweise gibt es mittlerweile auch Plastiktüten mit dem Blauen Engel, die dann zu 100% aus recycelten Material bestehen.

LG :))
02.02.2015
Anais hat geschrieben:
Du hast schon recht, Plastik ist wahnsinnig praktisch und an manchen Stellen nicht wegzudenken, aber ich schließ mich den anderen an und würde auch sagen, dass es total absurd ist, wie viel Plastik im Alltag versteckt ist und meist eben leider auch an Stellen, wo es nicht nötig ist und manchmal sogar unsinnig. Ich habe letztens einen Becher aus Bambus gesehen - habe mich noch nicht damit auseinander gesetzt, aber vielleicht wäre das ja auch eine Alternative, über die man sich Gedanken machen könnte - schließlich ist es problematisch Lebensmittel als Alternative zu nutzen und Bambus wächst ja schnell nach ;))
02.02.2015
Cookie hat geschrieben:
Du hast schon recht, Plastik ist praktisch und an einigen Stelle wirklich unverzichtbar. Kunststoff komplett zu verteufeln war auch definitiv nicht das Ziel von Martin und mir, als wir die Plastik-Pause geplant haben. Es geht mehr darum, zu zeigen, wo Plastik wirklich sinnvoll ist und wo man darauf verzichten kann. Wenn ich zum Beispiel eine DVD in einer Plastik-Hülle kaufe, die nochmals in Plastik eingeschweißt ist und an der Kasse dann noch eine Plastiktüte dazu bekomme, finde ich das einfach irrsinnig. Ich denke, dass Verpackungsmüll wirklich deutlich reduziert werden könnte.

Bei Bioplastik bin ich noch ein bisschen skeptisch, weil ich schon so viel schlechtes darüber gelesen habe. Eben auch, wie du gesagt hast, dass das mit der Entsorgung noch nicht so ganz funktioniert. Irgendwo habe ich auch gelesen, dass noch nicht nachgewiesen ist, dass es sich unter den Umständen am Meeresgrund tatsächlich schneller zersetzt als herkömmliches Plastik. Genau wie du und Carina finde ich es problematisch, Plastik aus Lebensmitteln herzustellen, aber wenn Dinge, die sonst ohnehin im Müll landen, genutzt werden, finde ich das eine gute Sache. Ein Mädchen aus der Türkei hat ja vor einiger Zeit auch herausgefunden, dass man aus Bananenschalen Plastik machen kann.

Insgesamt würde ich sagen, dass beides getan werden muss: Wir müssen unseren Plastikverbrauch reduzieren (und damit meine ich eher Verpackungsmüll und ähnliches als Gegenstände, die wir jahrelang nutzen) und in Sachen Bio-Plastik weiterforschen.
02.02.2015
Carina hat geschrieben:
Klar ist Plastik praktisch, darüber müssen wir glaube ich kaum diskutieren. Aber ich finde, für die Umwelt kann man da trotzdem auf ein wenig Bequemlichkeit verzichten. Müslischüsseln aus Porzellan beispielsweise muss man dann halt nachkaufen, wenn sie runterfallen und kaputt gehen (ich weiß wovon ich rede, ich bin die tollpatschigste Person auf diesem Planeten). Ich fände es schön, wenn alle Menschen ein wenig auf Luxus und Bequemlichkeit verzichten würden, um damit den Plastikbedarf zu senken.

Zu dem Bioplastik: Ich hatte bei meiner Recherche zu der vorbereitenden Berichtreihe zum Experiment etwas gelesen über Erstatz-Kunststoff, der aus den Schalen von Garnelen und anderen Schalentieren hergestellt wird. Davon gibt es mehr als man glaubt und es würde sowieso weggeschmissen. So etwas ist, denke ich, optimal. Denn genau wie Uli sagt, finde auch ich es sehr problematisch Lebensmittel zu Verpackungen zu verarbeiten.
02.02.2015
regentag hat geschrieben:
Danke für den Bericht! Sehr schön differenzierte Darstellung :) Das Experiment hat wirklich gezeigt, das die Welt ohne Plastik komplett anders aussehen würde.
Bioplastik klingt erst mal gut, aber wie auch bei erneuerbarer Energie aus Biomasse und Biotreibstoffen denke ich, dass es unmöglich sein wird, die Mengen an kompostierbaren Kunststoffen aus Lebensmitteln zu gewinnen, die wir benötigen. Aus Biomüll wäre da schon eine bessere Möglichkeit, aber damit das reicht müssen wir unseren Plastik-Bedarf wohl trotzdem noch stark senken.
Login
E-Mail


Passwort


Kostenlos registrieren
Mitglied werden
Mitglied des Monats
teaser_220.png


Deine Ansprechpartner
Marcel
Marcel Gluschak
WWF Jugend Community Manager
zum Profil
Luise
Luise Neßler
WWF Jugend Community Moderatorin
zum Profil
MarcelB
Marcel Brüssow
WWF Jugend Redaktion
zum Profil
Ronja96
Ronja Post
WWF Jugend Aktionsteamer
zum Profil
HannahFee
Hannah Fesseler
hilft dir bei technischen Fragen
zum Profil
AndreaRentschler
Andrea Rentschler
hilft dir bei Fragen zur WWF Jugend Mitgliedschaft
zum Profil
NicoleB
Nicole Barth
hilft dir bei Fragen rund um die WWF Jugend Camps
zum Profil
Folgen und mit Freunden teilen