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© Marcel Gluschak / WWF
Tipp der Woche! - "Selbst denken! Eine Anleitung zum Widerstand"


von Marcel
10.10.2014
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Wie ist uns eigentlich unsere Zukunft abhanden gekommen? Mit dieser Frage steigt der Soziologe Harald Welzer in sein Buch „Selbst denken“ ein. Oje, Soziologie - das ist bestimmt trockener Stoff… Im Gegenteil. Ich hab mich selbst erschreckt, als ich im Zug saß, das Buch las und mich plötzlich laut sagen hörte: „Ja, genau so ist es!“ Die anderen Fahrgäste schauten mich irritiert an.

Unsere Zukunft war einmal ein Versprechen. Ein Versprechen, dass es immer mehr Möglichkeiten, immer mehr Erfindungen, immer mehr Produkte und Waren geben wird. Inzwischen ist unsere Zukunft eine Bedrohung geworden. Denn die Erde, auf der wir leben, ist nunmal endlich. Wie soll ein Konzept, dass auf stetiges Wachstum ausgerichtet ist, zukunftsfähig sein? Ist eine andere Zukunft möglich? Welzer sagt: Ja, es gibt viele Wege zu einer besseren Welt. Der erste Schritt ist ganz einfach: Sich selbst wieder ernst nehmen. Selbst denken.

Welzers "Anleitung zum Widerstand" ermutigt uns, die Entscheidungen für die Zukunft wieder in die eigene Hand zu nehmen und nicht auf Reformen oder Versprechen der Politik und Wirtschaft zu warten. „Alleine kann man doch eh nichts ausrichten“ - In einer freien, reichen und vernetzten Gesellschaft wie unserer ist das eine ganz schön arrogante Einstellung, kritisiert Welzer schonungslos. Arrogant gegenüber unserer Zukunft, aber auch gegenüber uns selbst: "Man erklärt sich selbst für so doof und inkompetent, dass man trotz einer guten Ausbildung, eines im Weltmaßstab exorbitanten Einkommens und Lebensstandards, trotz jeder Menge Freizeit, Mobilität und Wahl zu allem und jedem, „nichts machen“ kann gegen die weitere Zerstörung der Welt."

Wie konnten wir es soweit kommen lassen, dass wir in einer Welt leben, die so keiner wirklich gewollt haben kann? In der unsere Wirtschaftsmodelle immer mehr Natur zerstören, während immer weniger Profiteure daraus immer mehr Gewinn ziehen. Und in der „Gutmensch“ sogar schon ein Schimpfwort geworden ist - so als sei es eine Zumutung, wenn jemand seinen Einflussbereich dazu nutzen möchte, die Zukunft besser als die Gegenwart zu machen. In der ersten Hälfte seines Buches geht Welzer hart mit uns ins Gericht. Er öffnet uns die Augen, wie unser westlicher Lebensstil und unser Streben nach Wettbewerb, Effizienz und Wachstum unsere Lebensgrundlagen zerstört - und wie das Denken und Handeln von jedem von uns unweigerlich damit zusammenhängen.

Doch nach dieser aufwühlenden Lektüre lässt uns Welzer nicht demoralisiert zurück. In der zweiten Hälfte zeigt er uns, welche attraktiven und sinnstiftenden Modelle es bereits gibt. Stell dir vor: Wir müssen überhaupt nicht bei Null anfangen! Es gibt bereits viele Projekte, Initiativen und Unternehmen, die erfolgreich aus der Norm des "Alles immer" ausbrechen. Welzer beschreibt eine Revolution von unten. Ein bunter Prozess mit jede Menge Trial and Error. Und darüber zu erzählen, das ist viel ermutigender als der erhobene Zeigefinger oder die moralische Keule, mit der Umweltschützer oft verbunden werden.

"Werte verändern nicht die Praxis, es ist eine veränderte Praxis, die Werte verändert", erklärt Welzer. "Geschichten des Gelingens" nennt er solche Praxis-Beispiele, von denen er einige vorstellt. Und wenn man sie erzählt, dann ist der Schritt auch nicht weit, sein eigenes Leben so erzählen zu wollen. Anstatt traurig anzuerkennen, dass wir jemand geworden sind, der wir niemals sein wollten, erzählen wir lieber die Geschichte von uns, so wie wir wirklich sein wollen. Alleine die Welt um uns zu ändern ist natürlich unmöglich - hier betont Welzer die Bedeutung von Communities. In den richtigen Gruppen lässt sich bereits heute das Leben von morgen proben.

Harald Welzers Buch ist nicht das einzige, das in den letzten Jahren zur Wachstumsfrage erschienen ist. Eine Menge kritischer Autoren, ökologischer Vordenker und Gesellschaftstheoretiker mischen sich zunehmend ein. Die Idee des Postwachstums wird immer mehr Thema, auch die Mainstream-Medien greifen die Debatte auf, und vor wenigen Wochen gab es in Leipzig eine große Degrowth-Konferenz. Wer sich hiermit beschäftigt, kommt von dem Thema nicht mehr los. Es ist nicht weniger als die Frage unserer Existenz, die hier auf dem Spiel steht. Es gehe heute "nicht mehr um Korrekturen, sondern um eine Umkehr", schreibt Welzer.

Zwischen blinkenden Smartphone-Apps und schillernden Shopping-Malls, austauschbarer Politiker-Rhethorik und monströsen Bankenrettungen, Casting-Shows und Geiz-ist-geil-Slogans regt sich eine neue soziale Bewegung, die mit all dem nicht einverstanden ist. Die neue Wege des Gebrauchens, Teilens und Genießens anstrebt. Und die Widerstand zeigt. Wer hier eintauchen will, für den ist Welzers Buch ein hervorragender Einsteig.

"Selbst denken" ist packend und verständlich geschrieben - ein Soziologiebuch wie ein Krimi und ein Wegweiser in Richtung Zukunft nach dem Motto "Wir fangen dann schon mal an". Es ist beim Fischer-Verlag erschienen, kostet als Taschenbuch 9,99 Euro - und natürlich bestellen wir es nicht bei Amazon, sondern bei einem persönlich geführten Buchladen bei uns im Stadtviertel. ;)

Hier geht es zum Tipp der Woche vom letzten Fraitag: Der Film "Everyday Rebellion"

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Kommentare (6)
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Sortieren nach Aktualität:
12.10.2014
Chamaeleonmuetze hat geschrieben:
Hört sich echt ganz gut an :) Vielleicht lese ich es ja mal :)
11.10.2014
Monamona hat geschrieben:
Hey, supercool, jetzt hab ich eine Weihnachts-Geschenkidee - man muss ja früh anfangen mit überlegen :)
10.10.2014
Ria2000 hat geschrieben:
Danke für den Tipp, ich werds mal lesen, vielleicht finde ichs in der Bücherei! :D
10.10.2014
Gluehwuermchen hat geschrieben:
Das klingt wirklich sehr interessant. Danke für den Tipp, Marcel!
10.10.2014
Cosima hat geschrieben:
Super Tipp, Marcel :)
Steht schon auf meiner Wunschliste.
10.10.2014
Ronja96 hat geschrieben:
Danke für den Tipp! Das hört sich sehr interessant an =)
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