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© Marcel Gluschak / WWF
FilmTipp: "Landraub"


von Rhino
21.10.2015
4
6
100 P

Zu manchen Filmen muss man ein paar Worte mehr als üblich verlieren, deshalb gibt es in der heutigen Ausgabe von „FilmTipp“ eine noch etwas ausführlichere Analyse zum neuen österreichischen Dokumentarfilm „Landraub“.

Kambodscha, Sierra Leone, Äthiopien, Bulgarien, Indonesien – in all diesen Ländern geht es Kleinbauern mehr und mehr an den Kragen. Der Lebensstandard in den westlichen Industrienationen, mit seinen Supermärkten voller Lebensmittel aus aller Welt, mit Palmöl, „Biodiesel“ und einem enormen Fleischkonsum, erfordert gigantische Anbauflächen und diese sichern sich große Agrarkonzerne auch, und zwar mit allen Mitteln – ganze Dörfer werden abgerissen. Die dort lebenden Menschen, darunter Familien mit kleinen Kindern, ohne jegliche Entschädigungszahlungen einfach vertrieben. Die Flächen, auf denen einst unterschiedlichste Sorten zur Versorgung ganzer Gemeinschaften geerntet wurden, nutzt man nun zum Anbau von Monokulturen und Genmais, Pestizide und energieverschluckende Maschinen inklusive.

Und wer Widerstand gegen die Willkür des Agrobusiness leisten will, der kann sich auf einen schier aussichtslosen Kampf an allen Fronten gefasst machen. Dies zeigt die Dokumentation, indem sie u. a. einen kambodschanischen Mönch begleitet, der eine Dorfgemeinschaft unterstützt, deren kompletter Grund und Boden einer großen Zuckerrohrplantage weichen musste. Während viele der ehemaligen Dorfbewohner sich dadurch kaum noch versorgen können, wird der buddhistische Mönch bei jedem seiner Versuche, öffentlich gegen den verheerenden Landraub zu protestieren, von der örtlichen Polizei beleidigt, denunziert und bedroht. In den vom Staat strikt kontrollierten Medien, wird der Missstand komplett totgeschwiegen. Lediglich im Internet, auf Websites wie Facebook und Twitter, können die Kritiker des Agrobusiness ihren Unmut noch zum Ausdruck bringen – doch bringt dieser Protest überhaupt irgendetwas? Schließlich haben die geschädigten Bauern nicht nur einen mächtigen Agrarkonzern und die kambodschanische Verwaltung als Gegner, sondern auch die Europäische Union, denn durch Entwicklungshilfe-Subventionen der EU, wurde die große neue Zuckerrohr-Plantage maßgeblich mitfinanziert.

Eine Dokumentation mit dem Namen „Landraub“ beschäftigt sich selbstverständlich mit Raub und auch wenn der Film nie klar definiert, was er unter „Raub“ versteht, dürfte die Definition über eine rein pragmatische Auffassung hinausgehen. So fängt Raub, laut Aussage des Films, nicht erst dort an, wo Bauern unter Androhung von Gewalt aus ihren Häusern und von ihren Feldern verjagt werden, wie es u. a. in Kambodscha und Sierra Leone passiert, nein, von Raub ist bereits die Rede, wenn ein Agrarkonzern in Bulgarien, eine landwirtschaftliche Brachfläche, die ursprünglich Staatsbesitz war, abkauft und diese dann, nach allen Regeln des industriellen Landbaus, bewirtschaftet. Jegliche Interventionen westlicher Agrarkonzerne in der Landwirtschaft von Entwicklungs- und Schwellenländern werden in der Dokumentation somit aufs Schärfste verurteilt und als moderner Kolonialismus aufgefasst. Die Felder und Äcker in Kambodscha, Äthiopien usw. sollen kleinbäuerlich bewirtschaftet werden und den dortigen Einwohnern gehören und keinen internationalen Großkonzernen (man merkt schon: kein Film für Wirtschaftsliberale).

Die Dokumentation fokussiert sich nicht ausschließlich darauf, das spezifische Phänomen „Landraub“ zu beleuchten, sondern ordnet diese Problematik recht schnell in das größere Konfliktthema „industrielle Landwirtschaft“ ein und es beginnt eine umfassende und zum größten Teil sehr gelungene Kritik an ebendieser. Regisseur Kurt Langbein räumt dabei mit gängigen Irrtümern auf, allen voran mit der Behauptung, industrielle Landwirtschaft sei alternativlos, da sie viel effizienter sei als traditionelle Modelle, was jedoch nur dann stimmen würde, wenn man den enormen Wasser- und Energieverbrauch des industriellen Landbaus außen vorlässt. Der Film formuliert dies sehr griffig:

Industrielle Landwirtschaft: 1 eingesetzte Energie-Einheit = 3 Energie-Einheiten Ernte
Kleinbäuerliche Landwirtschaft: 1 eingesetzte Energie-Einheit = 23 Energie-Einheiten Ernte

Scharf kritisiert wird im weiteren Verlauf auch der vom WWF initiierte Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl, der als Greenwashing-Maßnahme dargestellt wird, sowie die meist erschreckenden Arbeitsbedingungen und Hungerlöhne auf den industriellen Plantagen. Auch die Art und Weise, wie die EU weltweit Landwirtschaft subventioniert, ist ein zentraler Kritikpunkt, da das aktuelle Modell nicht nur auf die Förderung industrieller Landwirtschaft fixiert ist, sondern zudem primär auf Quantität setzt und deshalb besonders große Nutzflächen entsprechend stark fördert, unabhängig davon, ob diese Kleinbauern die Existenzgrundlage rauben oder gewaltige Kultur- oder Naturflächen vernichten.

Der Film nennt noch diverse weitere Kritikpunkte, beleuchtet das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven, lässt Bauern aus verschiedensten Ländern und Kontinenten zu Wort kommen, gibt den unmittelbaren Opfern des Landraubs ein Gesicht, zeigt jedoch auch Bauern, die angeben, von der industriellen Landwirtschaft zu profitieren, ebenso wie Agrar-Investoren, die ihre Sicht der Dinge darlegen. Als mögliche Alternative zum industriellen Landbau wird ausführlich über ein großes bäuerliches Landwirtschafts-Modell in Mali berichtet, in dem auf effiziente Flächennutzung und auf Mischkulturen gesetzt wird, weshalb man dort jede Fläche möglichst dicht mit zahlreichen unterschiedlichen Sorten bepflanzt, sodass die dortigen Bauern gleichzeitig sowohl ihren Eigenbedarf als auch zahlreiche Waren für den Markt produzieren können.

Doch so berechtigt und gut aufbereitet die Kritik an der Umsetzung von industrieller Landwirtschaft auch ist, nach längerem Schauen der Dokumentation stellt man sich doch die Frage: Muss man ausgerechnet diesen Aspekt in dieser ausufernden Intensität behandeln, in einem Film namens „Landraub“? Natürlich muss das Thema "industrielle Landwirtschaft"  da eine zentrale Rolle spielen, da das Agrobusiness ja letztlich den Landraub veranlasst, aber hat es denn für all die Kleinbauern, die durch westliche Großkonzerne ihre Existenzgrundlage verlieren, wirklich eine Relevanz, was in ihrem ehemaligen Zuhause letztlich angebaut und wie dort gewirtschaftet wird? Wäre Landraub ok, wenn man Bauern von ihren Feldern vertreiben, aber dann auf der geraubten Fläche Bio-Landwirtschaft betreiben würde? Wäre Landraub ok, wenn man auf der geraubten Fläche Mischkulturen statt Monokulturen anlegen, faire Lohnarbeit statt moderne Sklaverei betreiben und ökologische Fachberatung statt Pestizide einsetzen würde? Nein, natürlich nicht, die Fläche wäre immer noch geraubt und alles was darauf passieren würde folglich nicht rechtens. Also wieso gut die Hälfte des Films (!) dafür aufwenden, detailliert zu beschreiben, wie nun genau nach dem eigentlichen Raub gewirtschaftet wird? 

Statt sich so unverhältnismäßig stark auf die mangelnde Effizienz und die schlechten Arbeitsbedingungen der industriellen Landwirtschaft zu versteifen, hätte der Film diese Kritik kürzer und fundierter bündeln können und in der dadurch gesparten Zeit noch deutlich stärker auf die Prozesse VOR dem eigentlichen Raub eingehen und die Ursachen für die flächendeckende Ausbreitung der industriellen Landwirtschaft beleuchten sollen. Man bekommt stellenweise das Gefühl, der Siegeszug des Agrobusiness wäre nur durch die geringen Bodenpreise in Entwicklungsländern und die Gier der Agrar-Investoren begründet, dabei gibt es noch mindestens zwei weitere, ganz zentrale Ursachen, die im Film aber nicht explizit benannt werden.

Zum einen das weltweit politisch propagierte Ideal vom ewigen Wachstum bzw. Wachstum um jeden Preis. Durch diese kapitalistische Ideologie kommen die fehlgeleiteten EU-Agrarsubventionen zu Stande, durch ebendiese Ideologie werden Agrarkonzerne zur stetigen Flächenvergrößerung animiert und ebendiese Ideologie hält auch mitunter die Staatsoberhäupter von Entwicklungsländern davon ab, gegen Hunger und Enteignung vorzugehen, anstatt sich gänzlich auf das Ankurbeln von Exportfähigkeit zu fokussieren. Das im Film definierte Ideal einer Welt, in der die Menschen kleinbäuerlich und bedarfsgerecht statt industriell und verschwenderisch produzieren, wird für immer unerreichbar bleiben, wenn wir nicht bereit sind, diesem kapitalistischen System des grenzenlosen Wachstums abzuschwören.

Den zweiten zentralen Grund ignoriert der Film zwar nicht, baut ihn jedoch nur allzu kleinlaut ein, und zwar die Rolle der Konsumenten in den Industrienationen, also unsere Rolle. Denn nicht nur die Wachstumsideologie stützt das System, dessen düstere Seiten die Dokumentation beleuchtet, sondern auch unser Konsum. Wir wollen allerlei Obst und Gemüse aus allen Ecken der Welt und zu allen Jahreszeiten und das zu geringen Preisen, wir kaufen das Palmöl aus Indonesien und wir kaufen billiges Fleisch aus Massentierhaltung, für das Unmengen an Tierfutter angebaut werden muss – also betreiben nicht nur westliche Politiker einen modernen Kolonialismus, sondern auch die dortigen Konsumenten, da ihr Lebensstandard bzw. unser Lebensstandard in dieser Form nicht zu erhalten ist, ohne die Menschen in Entwicklungsländern zu knechten und ihre Ressourcen auszubeuten … gleichzeitig könnten wir durch unser Konsumverhalten auch die Macht des Agrobusiness schwächen und den Überlebenskampf der kleinbäuerlichen Landwirtschaft unterstützen – dies wird im Film jedoch nicht in aller Deutlichkeit adressiert, sondern lediglich kurz angedeutet.

„Landraub“ ist letztendlich ein gut recherchierter und produzierter, und auch gut gemeinter Dokumentarfilm, der jedoch nicht unbedingt für Zuschauer geeignet ist, die sich bereits intensiv mit dem Thema „industrielle Landwirtschaft“ beschäftigt haben, denn für sie dürfte die Dokumentation nicht viele neue Erkenntnisse bieten, wer sich jedoch für die besagte Thematik interessiert und das Problem „Landraub“ aus der Sicht der Geschädigten nachempfinden möchte, kann sich den Film durchaus ansehen. Die Schicksale der vertriebenen Bauern und ihre verzweifelten Versuche, für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen, werden nämlich auf eine äußerst ergreifende Art und Weise nacherzählt und geben den Schattenseiten des Kapitalismus ein trauriges Gesicht.

Sobald der Film jedoch diese Perspektive verlässt und versucht, Hintergründe zu beleuchten, bleibt er leider über weite Strecken an einer zwar durchaus gelungenen, aber unnötig langen Effizienz- und Arbeitbedingungs-Analyse der industriellen Landwirtschaft hängen und geht nicht wirklich ausführlich auf die weiteren Hintergründe (politische Wachstumsagenda, Konsumverhalten in Industrienationen u. a.) ein, die maßgeblich die Ausbreitung und Legitimation der umstrittenen Landwirtschaftsform vorantreiben.

gez. Maxim Podobed 2015

Hier kommt ihr zur letzten Kritik: „Magie der Moore

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Kommentare (4)
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21.10.2015
Hummelelfe hat geschrieben:
Der Film hört sich echt interessant an und der Trailer hat einen guten eindruck gemacht!
21.10.2015
Rhino hat geschrieben:
@Sarah: Dankeschön :)

Hier kannst du schauen, wo der Film wann läuft:
http://www.kino.de/film/landraub-2015/kinoprogramm/

@Uli: Allerliebsten Dank für das nette Lob! :)
21.10.2015
Sarah25 hat geschrieben:
Sehr schön geschriebene Rezension! :) Ich will mir den Film aus Interesse auch mal anschauen, weißallerdings nicht wie bzw. wo :/
21.10.2015
midori hat geschrieben:
Maxim, das war wieder grandios! Ich liebe Deine Rezensionen! :o) Werde mir den Film auf jeden Fall anschauen und dabei auch auf die Kritikpunkte achten, die Du genannt hast.
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