Für euch:


Tipps aus


der Redaktion


© Marcel Gluschak / WWF
FilmTipp: "Im Reich der Affen"


von Rhino
20.09.2015
2
5
100 P

Mark Linfield und Alastair Fothergill, die beiden Regisseure der bekannten Disneynature-Dokumentationen „Unsere Erde“ und „Schimpansen“ haben 2015 einen brandneuen Kinofilm produziert: „Im Reich der Affen“, eine Dokumentation über das Leben einer putzigen Hutaffen-Gruppe auf Sri Lanka.

Eine verlassene, zugewachsene Tempelruine in den Bergwäldern Sri Lankas ist die Heimat von Elefanten, Pfauen, Leoparden, Bären und einer großen Horde von Ceylon-Hutaffen. Angeführt von einem einzelnen Alpha-Männchen prägt eine strenge Rangordnung das Verhalten aller Gruppenmitglieder. „Im Reich der Affen“ begleitet eine rangniedere Makakenmutter, die es als schwächstes Glied der Kette gar nicht so einfach hat. Häufig ist sie den Schikanen ranghöherer Affen ausgeliefert, muss sich gar von ranghöheren Affenjungen im Maul rumfummeln lassen. Die begehrtesten Leckereien bleiben ihr und ihrem Jungen häufig ebenso verwehrt wie ein brauchbarer Unterschlupf bei Regenwetter. Doch die Affenmutter macht aus jeder Not eine Tugend und findet immer wieder neue Wege, um im dichten Tropenwald Nahrung und Schutz zu finden. Als jedoch eines Tages eine zweite Makakengruppe auftaucht und das Waldstück rund um die Tempelruine für sich beansprucht, steht plötzlich das Überleben der gesamten Horde auf dem Spiel …

„Im Reich der Affen“ ist wie alle Disneynature-Produktionen Gold für die Augen. Besonders beeindruckend sind viele Landschaftsaufnahmen in den Tropenwäldern Sri Lankas, aufwendige Unterwasseraufnahmen von schwimmenden und tauchenden Hutaffen und viele faszinierende Momente, in denen die neugierigen Makaken mit anderen Tiere, wie z. B. Mungos, Lippenbären, Languren, Regenpfeifern oder Riesenhörnchen interagieren. Ein Affenjunges konnten die Filmemacher sogar dabei beobachten, wie es versuchte, auf einem Straßenhund zu reiten.

Doch leider hat der Film auch die selben Probleme wie seine Vorgängerproduktion „Schimpansen“. Einige der Affen bekommen Namen, man weißt ihnen menschliche Charaktere zu (die ranghohen Weibchen werden als gemein, das rangniedere Weibchen als heldenhaft inszeniert) und alle spielen dann eine Rolle innerhalb einer dramaturgischen Handlung, bei der man sich nie so ganz sicher ist, inwieweit sie wirklich so abgelaufen ist und inwieweit die Regisseure sich stellenweise einfach den ein oder anderen Handlungsstrang zurechtgebogen, oder besser zurechtgeschnitten haben.

„Im Reich der Affen“ ist für eine Freigabe ohne Altersbeschränkung und offensichtlich für ein jüngeres Publikum konzipiert, was an sich nichts Schlechtes ist. In vielen Momenten gelingt es dem Film auch, Informationen über das Sozialverhalten, die Ernährung, die Fortpflanzung, Aufzucht und auch über die strikte Rangordnung der Primaten einfach und kindgerecht zu vermitteln, allzu oft driftet der Kommentar jedoch in inhaltsleeres Beschreiben von Offensichtlichkeiten ab. Gleichzeitig werden so manche, wichtige und interessante Informationen einfach ausgelassen.

Statt gefühlt 500 mal zu erwähnen, dass rangniedere Affen es schwerer haben als ranghöhere Affen, wäre es beispielsweise sinnvoll gewesen, die genaue Art der im Film porträtierten Primaten zu nennen. Dass es sich um Ceylon-Hutaffen handelt, wird an keiner Stelle erwähnt, es ist stets lediglich von „Makaken“ die Rede. Dies ist jedoch irreführend, da es 23 verschiedene Arten von Makaken gibt, die sich mitunter deutlich voneinander unterscheiden. Es gibt in den eisigen Bergen Japans und in den feuchten Tropen Indonesiens lebende, überwiegend in Bäumen und überwiegend am Boden aktive, langschwänzige und schwanzlose, große und kleine, territoriale und nicht terriotoriale Makaken. Die gezeigten Tiere lediglich als „Makaken“ zu betiteln ist als würde man in einer Dokumentation über Tiger lediglich von „Großkatzen“ sprechen.

Auch dass Ceylon-Hutaffen (ebenso wie Sri-Lanka-Leoparden und Asiatische Elefanten) durch Lebensraumzerstörung stark gefährdet sind, bleibt leider gänzlich unerwähnt. Aber spätestens wenn ein Sri-Lanka-Riesenhörnchen fälschlicherweise als „Eichhörnchen“ und ein junger Axishirsch lediglich als „Bambi“ bezeichnet werden, geht die „Disneyfizierung“ deutlich zu weit. Ein gewisses Maß an Sachlichkeit und Information muss man auch jungen Zuschauern zutrauen können, sonst hat es keinen Sinn, Dokumentationen für sie zu produzieren.

Das größte Problem des Films ist jedoch die musikalische Untermalung. Der eigentlich sehr renommierte britische Filmkomponist Harry Gregson-Williams penetriert hier den Zuschauer förmlich mit einem unfassbar aufdringlichen, völlig überdramatisierten Score. Jede noch so kleine Konfliktsituation wird mit viel zu lautem, Nerv tötendem Gepolter garniert, das wie eine Art „Der Weiße Hai“-Thema für Arme klingt. Man hat stellenweise das Gefühl, Gregson-Williams hält das Publikum für geistig Zurückgebliebene, denen man musikalisch gegen den Kopf hämmern muss, um ihnen deutlich zu machen, dass sich gerade eine wichtige Konfrontation anbahnt. Für fröhliche und traurige Momente gilt fast dasselbe. Der größte Teil der Filmmusik ist gnadenlos überzeichnet und in etwa so subtil wie das Geräusch eines Presslufthammers. Und wenn dann zu allem Überfluss auch noch laute, knallige und belanglose Popsongs gespielt werden, während man junge Affen zusammen spielen sieht, dann fühlt man sich eher wie in einem Werbespot für Affen-RTL als in einer ernst zu nehmenden Naturdokumentation.

Wie in viel zu vielen Naturdokus, fehlt es auch in „Im Reich der Affen“ definitiv an ruhigen Momenten, in denen man einfach die wunderschönen Bilder für sich sprechen lässt, ohne überflüssige Kommentare und ohne unerträglich pathetische Musik. Interessanterweise ist eine andere Disneynature-Produktion, nämlich „Unsere Ozeane“, das beste Beispiel dafür, wie man mit wenig Text und einem ruhigen, angenehmen Orchester-Score ein deutlich eindrucksvolleres Filmerlebnis schaffen kann.

„Im Reich der Affen“ ist letztlich bildtechnisch ein hervorragend produzierter Naturfilm mit vielen spektakulären Aufnahmen der Tropenwälder Sri Lankas. Die Nerv tötende Musik, der mitunter allzu kindische Kommentar und die Disney-typische Vermenschlichung, Dramatisierung und Überinszenierung von Tieren und Natur trüben jedoch deutlich das Gesamtbild.

Wer bereits den Score in „Unsere Erde“ für zu aufdringlich hielt, wird „Im Reich der Affen“ vermutlich nur mit guten Kopfhörern ertragen können. Wer jedoch unbedingt mehr über die Natur- und Tierwelt Sri Lankas oder das Sozialverhalten der cleveren Hutaffen erfahren möchte und über die genannten Schwächen hinwegsehen kann, für den könnte „Im Reich der Affen“ durchaus interessant sein.

gez. Maxim Podobed 2015

***************

Hier geht es zur letzten Folge: "How to change the world"

Weiterempfehlen

Kommentare (2)
Um einen Kommentar zu schreiben einfach registrieren oder einloggen.
Sortieren nach Aktualität:
21.09.2015
midori hat geschrieben:
Jetzt möchte ich ihn fast nur deshalb sehen, weil Du ihn so schlecht bewertet hast! :D Dass die Bilder schön sind, daran besteht wohl kein Zweifel. Aber das ein Dokumentarfilm derart zu einem Disneyverschnitt verkommt, kann ich mir kaum vorstellen und würde es mir wirklich gern selber ansehen...
20.09.2015
Peet hat geschrieben:
Habe mir den Film ebenfalls angeschaut. Die RTL-Beschreibung in Deinem Text trifft es eigentlich ganz gut. Dennoch, schöne Filmmomente hatte der Film durchaus.

Guter Bericht.
Login
E-Mail


Passwort


Kostenlos registrieren
Mitglied werden
Mitglied des Monats
teaser_221.png


Deine Ansprechpartner
Marcel
Marcel Gluschak
WWF Jugend Community Manager
zum Profil
Luise
Luise Neßler
WWF Jugend Community Moderatorin
zum Profil
MarcelB
Marcel Brüssow
WWF Jugend Redaktion
zum Profil
Ronja96
Ronja Post
WWF Jugend Aktionsteamer
zum Profil
HannahFee
Hannah Fesseler
hilft dir bei technischen Fragen
zum Profil
AndreaRentschler
Andrea Rentschler
hilft dir bei Fragen zur WWF Jugend Mitgliedschaft
zum Profil
NicoleB
Nicole Barth
hilft dir bei Fragen rund um die WWF Jugend Camps
zum Profil
Folgen und mit Freunden teilen