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© Marcel Gluschak / WWF
FilmTipp: "Der letzte Wolf"


von Rhino
16.11.2015
5
6
100 P

Der französische Regisseur Jean-Jacques Annaud ist kein Amateur in Sachen „Tierfilm“. Bereits 1988 machte er in seinem Naturfilm „Der Bär“ einen Braunbären zum Protagonisten, 2004 folgte „Zwei Brüder“, ein Film über Tiger und nun, nachdem wir Bären und Großkatzen gesehen haben, erscheint ein Film über die Familie der wilden Hunde, namens „Der letzte Wolf“.

Das Drama "Der letzte Wolf" erzählt die Geschichte des chinesischen Studenten Chen Zhen (Shaofeng Feng), der in den 1960er Jahren aus Beijing in die Innere Mongolei, eine große, weite Steppenregion, reist und sich dort viele Jahre lang einem nomadischen Hirtenvolk anschließt. Er lernt nicht nur die mongolische Kultur, Religion und Lebensweise kennen, sondern macht beim Behüten der großen Schafsherde der Gemeinschaft auch erste Bekanntschaften mit einem gefürchteten Raubtier: dem Mongolischen Wolf. Die Nomaden haben eine zweischneidige Beziehung zu diesem Tier. Zum einen achten sie es, aufgrund der wichtigen Rolle, die es u. a. als Regulator des Gazellen-Bestandes für das natürliche Gleichgewicht der Steppe spielt, zum anderen ist es als Angreifer der Schafsherde alles andere als beliebt. Cheng Zhen jedoch entwickelt eine immer größere Faszination für die Wölfe und entschließt sich, sie genauer zu erforschen, doch das ausgerechnet in einer Zeit, in der die Zentralregierung gerade daran arbeitet, den Wolfsbestand komplett auszurotten und auch die Nomaden dazu zwingt, alle Wölfe, mitunter mit bloßen Händen, zu töten. Im Zuge dieses großen Schlachtens gelingt es Chen Zhen jedoch, einem kleinen Wolfsjungen das Leben zu retten. Dieses will er nun, ähnlich wie einen Haushund, als seinen persönlichen Wolf aufziehen, doch der naive Großstädter unterschätzt, worauf er sich da eingelassen hat …

„Der letzte Wolf“ basiert auf dem Roman „Wolf Totem“ (2004) des chinesischen Autoren Lü Jiamin. Der Roman war ein großer Erfolg in China, weshalb erste Vorbereitungen für eine Verfilmung bereits 2005 getroffen wurden, dabei versuchten die chinesischen Filmproduzenten zuerst den „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson für das Projekt zu gewinnen. Nachdem dieser nicht verfügbar war, wurde lange überlegt, welcher Regisseur dazu in der Lage wäre, auch die komplizierten Interaktionen zwischen Wolf und Mensch in Szene zu setzen und man entschloss sich, aufgrund seiner langen Erfahrung mit Tieren in Filmen, den Franzosen Jean-Jacques Annaud zu verpflichten. Dieser dufte jahrelang nicht nach China einreisen, nachdem er 1997 bei dem Film „Sieben Jahre in Tibet“ Regie führte, um jedoch „Der letzte Wolf“ drehen zu können, wurde dieses Verbot fallen gelassen und die Produktion konnte beginnen.

„Der letzte Wolf“ ist definitiv kein Film für Anhänger der PETA-Ideologie, also für Menschen, die jegliche Nutzung von Tieren durch den Menschen ablehnen, denn für die Inszenierung des Filmes wurden die gezeigten Wölfe nicht computeranimiert, nachgebaut oder von Hunden gespielt. Stattdessen nahm man sich 35 junge Eurasische Wölfe aus chinesischen Zoos und baute für sie neue Gehege an den Drehorten des Films, wo sie vier Jahre lang vom erfahrenen schottischen Tiertrainer Andrew Simpson aufgezogen und dressiert wurden, um auf Kommando ein bestimmtes Verhalten zu zeigen. Regisseur Annaud hielt dies für den einzig authentischen Weg, um Wölfe in Szene zu setzen. Unter diesem Authentizitätsanspruch zu leiden hatte Hauptdarsteller Shaofeng Feng, dieser wurde nämlich während der Dreharbeiten von einem der Wölfe verletzt.

Doch unabhängig davon, wie man Tierdressur und Tierhaltung nun gegenübersteht, eins muss festgehalten werden: Das Endergebnis lässt sich sehen!

Annauds Purismus beschränkte sich nicht nur auf den Einsatz echter Wölfe sondern auch auf die Wahl der Drehorte. So wurde der Film an Originalschauplätzen in der Inneren Mongolei gedreht und die dortige Steppenlandschaft mitsamt ihrer menschlichen und tierischen Protagonisten in mitunter atemberaubend schönen Bildern in Szene gesetzt. „Der letzte Wolf“ ist einer dieser Filme, die auch ohne jeglichen Text hätten veröffentlicht werden können, und man würde sich weiterhin an der exzellenten Kamera-Arbeit erfreuen. Zudem enthält das Drama eine der fesselndsten Action-Sequenzen des Kino-Jahres: eine Verfolgungsjagd-Szene, in der ein Wolfsrudel im Winter eine Gruppe von kostbaren Pferden, die den Nomaden von der Provinzregierung anvertraut wurde, über die verschneite Landschaft hetzt, während die Hirten verzweifelt versuchen, die Wölfe von der Herde zu vertreiben (laut Abspann haben alle Pferde diese Dreharbeiten überlebt). Überraschend gut eingesetzt, wird auch der 3D-Effekt, insbesondere eine Stechmückenplage und diverse Nahaufnahmen der Wolfsgesichter haben in der dritten Dimension eine noch deutlich intensivere Wirkung.

Perfektioniert werden sowohl die ruhigen, nachdenklichen und dramatischen Momente als auch die ästhetisch schönen Landschaftsaufnahmen und auch all die packenden Actionszenen durch die fantastische Filmmusik der vor wenigen Monaten viel zu früh verstorbenen Soundtrack-Legende James Horner (u. a. „Avatar“, „Titanic“, „Braveheart“ und „In einem Land vor unserer Zeit“). Der Score zu „Der letzte Wolf“ ist eine seiner letzten Arbeiten und wie bei Horner üblich großes Kino für die Ohren.

Doch „Der letzte Wolf“ ist keinesfalls nur ein ästhetisches Vergnügen, sondern auch ein inhaltlich bemerkenswerter Film. Der im Verlauf der Handlung immer wieder thematisierte Plan der damaligen, chinesischen Regierung, den Wolf komplett auszurotten, wurde in den 1960er Jahren tatsächlich so umgesetzt. Heute gibt es deshalb kaum noch wilde Wölfe in der Region. Doch nicht nur die Jagd auf Wölfe wird kritisch beleuchtet, sondern auch die Veränderungen der Landnutzung. Zu dieser Zeit wurden die Nomaden nämlich politisch dazu gedrängt, doch lieber sesshaft zu werden und große Felder zu bewirtschaften. Dass gerade diese immer großflächigere Nutzung der Steppe durch den Menschen, ebenso wie die Jagd auf wilde Huftiere, wie die Mongolische Gazelle, den Wölfen immer stärker die Lebensgrundlagen raubte und sie erst dazu drängte, immer häufiger Jagd auf Nutztiere zu machen, fließt wunderbar subtil in die Filmhandlung ein.

Wunderbar subtil wird auch die Beziehung zwischen der Hauptfigur Chen Zhen und seinem geretteten Wolf dargestellt. Anstatt in „Free Willy“-Kitsch zu verfallen und einfach eine wahnwitzige, spirituelle Freundschaft herbei zu beschwören, wird der junge Wolf dargestellt, wie ein wilder Wolf nunmal ist: unzähmbar, unberechenbar und keinesfalls bereit sich zum nützlichen Schoßhündchen seines vermeintlichen Besitzers zu machen. Und auch Chen Zhen wird nicht als allwissender Tierflüsterer romantisiert, sondern auch kritisch beleuchtet, als all zu naiver Städter, der zwar gute Absichten hat, sich jedoch gleichzeitig anmaßt, einen Wolf wie ein Souvenir in einem Körbchen mitzuschleppen und der immer wieder mit all zu leichtsinnigen, idealistischen und realitätsfernen Entscheidungen das Überleben seines Wolfes, seiner Mitmenschen und seiner selbst in Gefahr bringt. Dabei sind die Konflikte zwischen den verschiedenen menschlichen Protagonisten, nicht zuletzt durch die soliden schauspielerischen Leistungen der chinesischen und mongolischen Darsteller, nicht weniger spannend als die Konflikte zwischen Mensch und Tier.

„Der letzte Wolf“ ist einer meiner persönlichen Lieblingsfilme des Kinojahres 2015: Ein in grandiosen Bildern inszeniertes Drama über die komplexen Beziehungen zwischen Mensch, Tier und Natur!

gez. Maxim Podobed 2015

Hier kommt ihr zur letzten Kritik: „Landraub"

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Kommentare (5)
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18.11.2015
Rhino hat geschrieben:
@OekoTiger:

Dann ist die Kunstform Langfilm wohl nichts für dich ...

Oder wie soll dann ein guter Film für dich aussehen? 100 Minuten lächelnde, tanzende Teletubbies?

@Uli/Ronja/Lara:

Danke für das tolle Feedback! :))
18.11.2015
OekoTiger hat geschrieben:
Der Film sieht gut produziert aus, mir ist es allerdings zu viel Drama.
17.11.2015
Ronja96 hat geschrieben:
Danke für diese super Rezension! Der Trailer und deine Rezension machen einen auf jeden Fall neugierig auf den Film.
16.11.2015
midori hat geschrieben:
woooah! Gänsehaut! Allein der Trailer packt mich total. Den möchte ich unbedingt sehen. Und ich kann Lara nur zustimmen - durch Deine tollen Rezensionen bekommt man einen wunderbaren Einblick hinter die Kulissen! ;o)
16.11.2015
RichardParker hat geschrieben:
Wow, das klingt unglaublich spannend! Durch deine detailierte Darstellung gewinnt man auch einen gewissen Eindruck, wie viel Arbeit hinter so einem facettenreichen Film steckt. Ich glaube sofort, dass das sehenswertes Kino ist. Und auch ein Film ist der nicht nur einen Blickwinkel mit einfängt. ;)
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