Ab ins Grüne!


Was gibt's


Neues?


© WWF
"Das Spannendste war die Lauer auf den Wolf!"


von midori
24.10.2013
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Mit der Dunkelheit kommen die Wölfe. Hoffentlich. Sie werden sehnsüchtig erwartet. Zum Beispiel von Sophia, 14, aus Eitorf an der Sieg, die ihr Lieblingstier endlich einmal leibhaftig sehen möchte. Von Robert, 17, aus der Großstadt Frankfurt,der sich zur besseren Tarnung beim Wolfsansitz einen Camouflage-Umhang gekauft hat. Oder von der15-jährigen Una aus Niederbayern, die extra für diesen Moment ein Fotostativ mit hinaufgeschleppt hat. Zwei Stunden ist das her. Seitdem sitzen Sophia, Robert und Una gemeinsam mit neun anderen jungen Menschen aus ganz Deutschland auf einem Grashügel im Seenland der Lausitz und warten. Es wird ein langer Abend werden.

Den „Wölfen auf der Spur“ sein wollen sie, diese zwölf Jugendlichen. Deshalb haben sie sich zum gleich namigen Camp angemeldet, das die Umweltorganisation WWF veranstaltet. Es ist Anfang Juli im Osten des Ostens, in Sachsen, Oberlausitz, Spreetal. Dort, wo es keine flurbereinigte Nutzlandschaft gibt und keine Thujahecken, die Häuschen einmauern. Wo die Natur elegisch-verwunschen am Straßenrand steht, auf sandigem Boden der wilde Thymian blüht und im Schilf die Rohrdommel ruft. Wo die Straßenschilder die Ortsnamen noch in Deutsch und Sorbisch führen, aber kaum jemand da ist, um sie zu lesen. Wo auf ein vorbeifahrendes Auto eine Greifvogelsichtung kommt.


© Klaus Oppermann

Durch einen Kiefernwald geht es nach Neustadt an der Spree. Links der Straße die einzige Pension des Dorfes, rechts der Fußballplatz. Am Waldrand verkauft der Förster ganze Rehe, fünf Euro das Kilo. Es ist ein stiller Winkel der Republik, der fünf Tage lang die Heimat der WWF-Jugend sein wird. Am Flussufer werden sie schlafen, im Spreecamp Lausitz, unter einem imprägnierten Baumwollgruppenzelt. Ihr Essen werden sie am Lagerfeuer kochen. Und zum Abkühlen in die dunkle Spree springen, sich von ihrem aufgewühlten Wasser mitreißen lassen bis zur Dorfbrücke. Doch bis es soweit ist, werden die 14– bis 18-Jährigen einige Wandlungen vollbracht haben. Sie werden ihre Schüchternheit ablegen und verwildern. Ein bisschen zumindest.

Der erste Morgen jedoch beginnt mit einer Rechenaufgabe. Wie lassen sich 250 Euro gewinnbringend in Essen anlegen, wenn es 14 hungrige Mägen – die beiden Camp-Leiter eingerechnet – zu versorgen gibt? Vor dem Lagerfeuer, über dem eben noch eine Pfanne Rührei brutzelte, werden Eigenheiten und Charakterköpfe sichtbar. Sophia, die sowieso kein Fleisch isst, kratzt müde auf ihrem Teller herum. Kopfrechnen um neun Uhr in der Früh ist nicht so ihr Ding. Und auch die anderen scheinen ganz froh, als Florian mit dem Seitenscheitel und der Pfiffikusbrille die Führung übernimmt. „Wir brauchen noch hundert Eier für den Rest der Woche“, rechnet der 15-Jährige Dresdner vor. Vier Kilo Nudeln fürs Abendessen. Und Wurst, möglichst jeden Tag. „Stopp“, rufen da die anderen,„Geldlimit“.


© Klaus Oppermann

Selbst planen, selbst Verantwortung übernehmen: das ist eine der Spielregeln des Camps. Und wird eineder größten Herausforderungen der folgenden Tagesein. Wie arrangiert man sich mit anderen? Sind Eier wichtig? Und Salami? Was essen die Vegetarier in der Runde? Wer spült ab? Und wie schläft es sich in einem gemeinsamen Zelt? „Ich war leicht geschockt, dass wir hier alles allein organisieren“, sagt die 14-jährige Lena mit den Glitzerohrringen in der morgendlichen Gesprächsrunde. Kein Tag beginnt oder endet ohne solcheFeedback-Gespräche in der großen Runde. Denn natürlich sind die Jugendlichen nicht allein auf sich gestellt. Im Hintergrund begleiten und beraten die Betreuer die Gruppe. Und wenn ein bisschen mehr Action gefragt ist, dann gibt es ja noch Karsten Nitsch –Spreecamp-Hausherr, menschlicher Silberrücken, Lausitzer. Die Adlerbrustfeder am Hut, um die mächtige Brust ein Fernglas gehängt, macht er aus jedem Schritt in die Natur einen Abenteuerspaziergang.So brechen sie auf zur Spurensuche.

Die Kiefernheidelandschaft, in die Karsten die Gruppe führt, grenzt an einen Truppenübungsplatz – ideale Bedingungen, um Zeichen des Wolfes zu finden, von dem in der Lausitz derzeit 14 Familien leben. Und wirklich, nach einer halben Stunde schon sinkt Karsten in der prallen Sonne auf die Knie, vorsichtig zeichnet er mit einem Ast einen Kreis um einen Abdruck im Boden. Doch nein, es sind keine Wolfsspuren. Zwei halbmondförmige Abdrücke hat der weiche Untergrund zu bieten. Eine Rehspur kann genauso spannend sein, wenn man sie zum ersten Mal entdeckt. Apropos – Karsten stützt sich mit beiden Händen auf seiner Försterhose ab: Weiß jemand, wie groß ein Reh ist? Zwölf Hände gehen in die Höhe und verharren irgendwo zwischen Knie und Bauchnabel. Es ist ein bisschen wie Biologieunterricht. Nur viel lebendiger. Wer den Wölfen auf die Spur kommen will, muss ihr Lebensumfeld verstehen lernen.

Fast 100 Jahrelang war Deutschland wolffrei. Das letzte Exemplar soll 1904 nahe Hoyerswerda erschossen worden sein,also ganz in der Nähe des WWF-Camps. Die Raubtiere galten als Feind des Menschen und seiner Tiere. Im 20. Jahrhundert wanderte immer mal wieder ein Wolf in Deutschland ein, doch keiner überlebte lange. In der DDR galten sie bis zur Wende als jagdbares Wild. Heute stehen Wölfe in Europa unter strengem Artenschutz, ihre Jagd ist verboten. Große Anstrengungen werden unternommen, um die Art wieder heimisch zu machen. Welche, das erfahren die Jugendlichen in diesen Tagen. Sie treffen zum Beispiel den Schäfer Frank Neumann, der auf einen Schlag 33 Tiere an die Wölfe verloren hat. 2002 war das. Neumann schaffte sich daraufhin Herdenschutzhunde an. Seither lassen die Wölfe seine Tiere in Ruhe.

Der Spur des Wolfes folgen sie auch mit der Telemetrie-Antenne – einem Empfangsgerät für Halsbandsender, mit denen Biologen betäubte Tiere ausrüsten. Der örtliche Wolfsexperte Stephan Kaasche zieht mit dem blauen Sendehalsband im Gepäck los, einmal quer durch das Territorium des Neustädter Rudels, auf dem Originalweg, den eine Wölfin laut Sendedaten vor Jahren einmal gegangen ist. Bei der Gruppe bleiben ein Kompass, eine Karte und ein zusammengeschraubtes Antennenkonstrukt aus Holz und Drähten, das dem Hobbyraum eines Amateurfunkers entsprungen sein könnte. Das Dickicht der Bäume hat Stephan Kaasche schon lange verschluckt, als Jana mit den Armbändchen vom Kirchentag die Antenne hochhält und ein immer stärker werdendes Signal ortet. Als Lena, die eigentlich eine Gräserallergie hat, die Karte auf denBoden legt und der Gruppe die Richtung weist. Als Florian, der auf seinem Smartphone für alles und jedes eine App hat, einen ausgebleichten Unterkiefer aus dem Gebüsch zieht. Als Noah, der im vorigen Sommer noch ein Praktikum bei einem Autohersteller gemacht hat, alle Hemmungen fallen lässt, sich bis auf die Boxershorts auszieht und mit Tempo in einen Tümpel springt. Spätestens jetzt und hier, in dieser Mittagspause, irgendwo auf dem Weg der Neustädte rWölfin, ist vergessen, was zu Hause wichtig war. Die Natur öffnet ihre Pforten und nimmt sie alle auf.

Müde und hungrig kommen sie an diesem Nachmittag zurück. Heute müssen sie nicht kochen, ihre Betreuer haben schon vorgesorgt, es gibt Pasta und Pilze. So bleibt Zeit für einen Sprung in die Spree, Zeit auch, um in den Waschräumen neben dem Fußballplatz zu duschen oder dort das Handy noch einmal aufzuladen. Karsten enträtselt unterdessen das Geheimnis des Unterkiefers – Wildschwein! – und präsentiert einen dicken Nashornkäfer, der in einem Sägespänhaufen im Camp groß geworden ist. Und dann ist es auch schon Zeit für das, worauf alle gewartet haben: den Ansitz auf den Wolf.


© Klaus Oppermann

Im Abendlicht sind sie im Pirschgang durchs verdörrte Gras aufgestiegen auf ihren Hügel. Es ist ein milder Abend. Nachtkerzen öffnen eine um die andere Blüte. Ein Reh verweilt auf der großen Wiese unterhalb des Hügels. Nur vom Wolf ist nichts zu sehen.
Stattdessen kann man sich lange der Betrachtung des Kraftwerks Schwarze Pumpe am Horizont hingeben. Die Pumpe lebt von der Braunkohle, die in der Region gefördert wird. In naher Zukunft will der Betreiber Vattenfall in der Lausitz neue Tagebauten eröffnen. Das Revier des Schäfers Neumann mit seinen Herdenschutzhunden wird darin dann verschwinden.Der Industriekonzern kauft ganze Dörfer auf und reißt sie ab. Riesige Schaufelradbagger fressen sie weg, die Wildnis in der Lausitz. 136 Orte wurden schon teilweise oder ganz für den Abbau von Kohle verlegt und 25 000 Menschen umgesiedelt.

Der Wolf wird weiterziehen. Doch was macht der Mensch, wenn er seiner Heimat beraubt wird? Über solchen Gedanken vergeht die Zeit. Sophia hat sich längst in ihren Kapuzenpulli eingerollt, zumSchutz vor den Mücken. Robert spielt mit dem Spektiv vor ihm, Una hat das Fotografieren aufgegeben –zu dunkel jetzt. Eine große Ruhe liegt über diesem Abend, an dem alle schweigen, schauen, hoffen.„Da“, flüstert Stephan Kaasche leise, und auch Karsten Nitsch hat es gehört. Köpfe drehen sich zu ihnen
um, Gesichter unter Kapuzen werden aufmerksam.Was ist da? Es ist ein eindringlicher Ruf, der sich mehrfach wiederholt. Ein Wolf? Nein. Es ist etwas sehr viel Unscheinbareres, aber ebenso Kostbares. Irgendwo da draußen ruft der Ziegenmelker.
Faszinierend, wie der Gesang einer kleinen, rindenbraunen Nachtschwalbe die Glückshormone ansteigen lässt. Wer braucht schon einen Wolf zu sichten, wenn so viel Leben um einen ist?


© Klaus Oppermann

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Die Zeitschrift 'natur' hat das Wolfscamp in diesem Jahr als Medienpartner unterstützt. Sie verlosten vier Campplätze an interessierte Jugendliche. Zwei 'natur' Redakteure haben das WWF Jugend Wolfscamp begleitet und ausführlich darüber berichtet.

Ihr wollt wissen, wie Una ihre Zeit im Wolfscamp erlebt hat? Hier kommt ihr zum 'natur' Interview!

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Text: © 'natur'
© Titelbild: Klaus Oppermann

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Kommentare (7)
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07.11.2013
Saskia74 hat geschrieben:
mega guter bericht!:)
06.11.2013
Nora2.0 hat geschrieben:
Da bekommt man richtig Lust auch da zu sein! *.*
26.10.2013
gelöschter User hat geschrieben:
Ich will auch :D
toller Bericht
25.10.2013
Himbaerchen hat geschrieben:
Klingt sehr aufregend! Guter Bericht!! ;D
24.10.2013
Animal-friend hat geschrieben:
Super !!! Das will ich auch mal machen !!!
24.10.2013
Carinaa hat geschrieben:
Wirklich toller Bericht!
Klingt nach einem spannenden Abenteuer :)
24.10.2013
LSternus hat geschrieben:
Wow, super spannen.
Ich liebe Wölfe.
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