Hinterm Horizont geht's weiter


Alpentour 2011


©  Florian Niethammer / WWF
Tag 8: Naturerlebnisse oder Sportabenteuer?


von P
23.05.2011
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Teil 1: Sport & Natur?!

Heute konnten wir endlich einmal ausschlafen – bis 08:00 Uhr, dann gab’s Frühstück. Anschließend stand eine weitere sportliche Aktion auf dem Programm, die sehr eng im Zusammenhang mit Naturschutz betrachtet werden muss: Klettern!
 

Begleitet wurden wir dabei vom Profikletterer Jochen Perschmann, der uns direkt am Anfang auf gewisse Verhaltensregeln beim Klettern draußen am Fels aufmerksam machte und uns hinther in einem Interview noch einige Fragen dazu beantwortete.
 

Die Wand, die wir uns für unsere Klettereri ausgesucht hatten, war die „Engelswand“, die nicht nur Anfängerfreundlich, sondern auch überhaupt zum Klettern freigegeben ist.
Am Fuß der Wand machten wir uns zuerst mit der Kletterausrüstung vertraut, und bekamen zum Sichern den doppelten Achterknoten und den Halbmastwurf (kurz HMS) gezeigt, die wir uns dann in einigen Trockenübungen aneigneten. Als wir nun also zum Klettern bereit waren, stieg Jochen – gesichert von Markus von VAUDE – vor, um für uns drei leichte Routen der Schwierigkeit 4a bis 5 als Toprope-Route einzurichten. Anschließend machte es sich unser Kameramann Flo weiter oben in einer dieser Routen bequem, und dann durften wir auch endlich ran an den Fels.
 

Mit unserer relativ unterschiedlichen Klettererfahrung war es für uns Vier mehr oder weniger schwer, Griffe und Tritte zu finden und beim Ablassen unserem Kletterpartner zu vertrauen, aber so nach und nach durfte jeder von uns ein kleines Erfolgserlebnis genießen.
 

Leider hatten wir wieder viel zu wenig Zeit, um hierbei wirklich an unsere Grenzen zu kommen, aber Spaß hatten wir trotzdem und waren gleichzeitig immer wieder beeindruckt von dem Naturerlebnis, das darin bestand, dass unterwegs teilweise Ameisen zwischen unseren Fingern herumkrabbelten und über unseren Köpfen die Vögel kreisten.
 

Nach der sportlichen Aktivität beantwortete uns Jochen einige Fragen zum Thema, wie Naturverträglich das Klettern denn eigentlich ist und welche Rolle der Tourismus dabei spielt.
 

Zum letzten Punkt erfuhren wir, dass der Klettersport seit den vergangenen paar Jahren ziemlich boomt, aber hauptsächlich in Kletterhallen – die dazu natürlich auch erstmal gebaut werden mussten. Am Fels ist natürlich auch ein gewisser Zuwachs zu erkennen, aber viele Regeln verhindern eine allzu große Belastung der Natur durch den Klettersport.
Zum Beispiel endeten unsere Routen heute bei einer Höhe von ca. 12m, was aber nicht an zu kurzen Seilen, sondern vielmehr daran lag, dass sich im oberen Teil der Wand Vogelnester befinden, die man natürlich nicht stören darf – mal abgesehen davon, dass es auch schon mal gefährlich werden kann, je nachdem auf welchen Vogel man trifft und von diesem dann eventuell attackiert wird.
 

Im allgemeinen sind die Brutzeiten der meisten Wandbewohner aber im Internet oder an örtlichen Informationsstellen nachzulesen, sodass man seine Route entweder umlenken oder die betroffene Wand ganz meiden kann.
 

Meiden sollte man aber auch Routen, die bereits stark benutzt wurden. Jochen äußerte sich zum Beispiel recht traurig darüber, als er eine unserer Routen als „glatt wie Marmor“ bezeichnete und die zu ofte Nutzung dafür verantwortlich machte.
 

Umweltfreundlich verhalten kann man sich außerdem, indem man z.B. mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu der gewünschten Wand anreist und die letzten Meter dann zu Fuß dorthin zurücklegt.
 

Solche einfachen Tipps zeigen also, dass jeder einzelne Kletterer selbst dazu beitragen kann, die Natur zu erhalten und damit auch für Nachfolgende möglichst unberührt zu belassen, was leider natürlich nicht immer funktioniert.
 

Alles in allem war der erste Teil des Tages wieder sehr aktiv, aber die vielen zusätzlichen Informationen ließen uns die ganze Aktion wie schon so oft mit ganz anderen Augen sehen.
 

Beim zweiten Teil des Tages musste ich verletzungsbedingt leider aussetzen, deswegen übernimmt Moritz diesen Teil der Berichterstattung …
 

Text (c) Petra Classen

 

Teil: 2

"Be happy. Be crazy. Be yourself!" So wirbt feel free für "Rafting, Canyoning, Biking & More".

Feel free, das ist das Nature Resort in dem wir über die drei Tage im Ötztal untergebracht sind. Als eines der ersten Unternehmen hat es den Outdoorsport für Touristen attraktiv und für's Geschäft lukrativ gemacht.

Hierher, in's Ötztal, kommen junge Menschen aus aller Welt, denn gerade hier ist das Angebot an Outdooraktivitäten beinahe einzigartig. Kaum eine Sportart kann hier nicht ausgeübt werden. Wir selbst haben in den letzten Tage viel davon probiert und hatten zugegeben eine große Menge Spass.

So auch heute Nachittag.

James ist ein attraktiver Mann um die 30, mit verträumten Augen und dunklen Locken. Vor elf Jahren kam er aus einem kleinen Ort in England hierher. Er hatte gehört, dass man hier fantastisch Kayak fahren kann - wie an kaum einem anderen Ort. Er blieb bis heute.

Jetzt stehen wir in Neoprenazügen in der prallen Sonne und horchen aufmerksam seinen Worten, die er mit starkem englischen Akzent spricht. Denn was wir vorhaben kann lebensgefährlich sein.

In der Ammerklamm werden wir canyoningen. Was das ist? "Millionen Jahre alte Felsformationen, smaragdgrüne Wasserpools, pure Wildnis, dunkele Schluchten, tosende Wasserfälle und steile Wände in wärmenden Strahlen der Sonne. Canyoning ist die ultimative Begegnung mit der Natur. Und mit dir selbst. Schwimmen, rutschen, abseilen, laufen ... schauen und staunen." So zumindest wirbt die Broschüre.

Und in der Tat geht es steil bergab. Teils werden wir fachmännisch abgeseilt, teils überwinden wir die Höhenunterschiede mit Sprüngen von bis zu 13 Metern in tiefe Wasserbecken.

Ich selbst stoße hier an meine Grenzen - und bin froh und glücklich sie zu überwinden. Das ganze ist unglaublich fordernd, lustig und macht eine riesen Menge Spass. Und alles vor einer Kullisse, die von Casper David Friedrich nicht besser hätte erdacht werden.

Steile Steinwände in warmen Erdtönen, in die sich der Fluss Jahrhunderte immer tiefer gegraben hat, dünne Birken und Buchen, vereinzelte Fichten, die sich wagemutig über den Rand lehnen und immer wieder schäumende Wasserfälle auf mossbewachsenen Felsbrocken.

Ein wirklich noch "wildes" Stück Natur. Anders als zu Fuß und mit Seil nicht zu erschließen. Dazu sind immer wieder Eisenstufen im blanken und rutschigen Stein befästigt. Doch der Aspekt der Schönheit steht hier nicht im Vordergrund. Es geht um Spass und besondere Abenteuererlebnisse.

Nachdem die Schlucht durchquert, - sprungen, -schwommen und -klettert ist, weicht das Adrenalin und die Freude langsam der Ernüchterung. Ist es richtig, auch die letzten, unberührten und kaum zugänglichen Gebiete dem Tourismus zu erschließen?

Die Besucher fordern es. Und wenn ein Unternehmen nicht auch anbietet, was die anderen im Programm stehen haben, geht es unter. Und mit ihm wictige, regionale Arbeitsplätze verloren. Denn der Markt im Outdoorgeschäft ist jung und dementsprechend klein und hart umkämpft.

Es ist das, dem wir schon die ganze Zeit begegnen und uns selbst damit sehr schwer tun:

Wie weit darf der Tourismus in die Natur eindringen? Geht es noch zurück oder wenigstens langsamer? Und ist das überhaupt nötig, oder muss nur ein neuer Umgang mit dem hohen Besucherandrang gefunden werden, um die Menschen nicht nur für die Natur zu begeistern, sondern auch zu sensibilisieren?

Wie kann man das Potenzial, das die vielen verschiedenen Menschen aus aller Welt mit sich bringen sinnvoll nutzen? In wie fern schadet der Tourismus also den Alpen und wo hilft er?

Es ist ein unglaublich komplexes Thema, mit wahnsinnig vielen Aspekten und unterschiedlichen Meinungen und Postionen. Desto mehr wir mit den Menschen hier vor Ort sprechen wird uns klar, wie schwierig unsere Aufgabe ist: Euch das alles, was wir in so kurzer Zeit erleben und erst selbst verstehen müssen, klar zu machen und teilhaben zu lassen.

Am Abend hören wir noch einem Vortrag von Thomas Schmarder, dem Leiter des Naturparks Ötztal. Auch der Chef von feel free Lois Amprosi ist da und gibt anschließend ein Statemant zum Outdoorsport.

Es folgt ein Interview, in dem noch einmal deutlich wird, wie schwer der richtige Umgang zu suchen ist und wie viele Konflikte enstehen können. Nicht nur zwischen Umweltschützdern und Ferienanbietern sind die Fronten teils verhärtet.

Es bleibt ein sehr gemischtes Gefühl und viele offene Fragen. Ein paar Selbszweifel und Sinnfragen sind auch dabei.


Text (c) Moritz von Pilgrim

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Kommentare (5)
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25.05.2011
Lars0220 hat geschrieben:
Cooler Bericht
24.05.2011
Stoffie hat geschrieben:
ich glaube das ist echt die kompliziertes frage überhaupt:; wie weit darf man gehen? wie viel natur darf erschlossen werden? und was muss wirklich komplett unberührt bleiben? ich hoffe das wir in den nächsten jahren eine lösung finden und damit meine ich alle menschen.

danke für die super berichte!
24.05.2011
TaniaTukan hat geschrieben:
Also die konkrete Zahl an Camioningern können wir Nicht wirklich sagen, viel hängt in diesem Sport vom Wetter ab. Was ich aber schon imposant findes, ist die Zahl der Übernachtungen im Ötztal pro Jahr: 3,2 Millionen! Allerdings sind davon immer noch die allermeisten Wintertouristen.
24.05.2011
gelöschter User hat geschrieben:
Beim Caypning gibt es in der Regel nicht mehr als eine Tour am Tag mit Gruppen um die 10 Leute. Nicht nur, um die Natur zu schonen, sondern auch um das ganze als Naturerlebnis zu bewahren. Lange Besuchershlangen sind da nicht gerade attraktiv. Was den Schaden an der Natur angeht, kommen wieder unterschiedliche Meinungen zu Tage. Schließlich hinterlässt jeder zumindest einen Fußabdruck. Und weil die Alpen einsehr empfindliches, aber schwer zu untersuchendes Gebiet ist, kann man wohl kaum eine objektive "Grenze" ziehen.
24.05.2011
Killari hat geschrieben:
Coole Berichte! Wisst ihr denn wie viele Touristen ungefähr jährlich zum Canyoning ins Ötztal kommen? Und wie viele Besucher die Natur da aushalten kann, ohne Schaden zu nehmen?
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