Hinterm Horizont geht's weiter


Alpentour 2011


©  Florian Niethammer / WWF
Eisige Höhen


von TaniaTukan
22.05.2011
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7:05. Ich liege unter dem Dach unserer gemütlichen Hütte auf der Matratze und dämmere vor mich hin. Petra wird neben mir wach und schaut auf die Uhr. „Hhhhhh, schon nach 7!“ - „Waaaas echt?“

Na dann nichts wie aus dem Bett, denn 7 Uhr war Frühstück angesagt, 7:40 Abfahrt, an den Fuß des Gletschers Rettenbach, über den unsere Gletschertour führen soll. Also schnell Frühstück reinspachteln und noch die „Bergmönche“ einpacken, eine Art Fahrrad, mit dem man aber nur runterrollen kann, zusammenklappbar ist und in einen Rucksack verwandelt werden kann. Damit soll es dann den Berg wieder runter gehen.

Endlich sitzen wir im Auto und es geht los. Was wir gestern bei einbrechender Dunkelheit und total geschafft von der Ammertour nicht mehr wahrgenommen haben, sticht uns jetzt umso stärker ins Auge: Es reiht sich ein Ferienhaus an das andere, selbst in vierter Reihe an der Straße sieht man nichts als Bungalows. Ab und zu ein Sportausrüster, ein Friseur, ein Bäcker. Und Ferienhäuser. Kilometerlang. Das ganze Ötztal ist ein einziges Touristenstädtchen. Massenabfertigung an Skifahrern, Raftern und anderen Actionsportlern. Selbst die Passstraße, die sich den Berg hinaufwindet, ist erschlossen.

Wir fahren immer weiter hinauf, in Serpentinen kämpfen wir uns den Berg hinauf. Langsam wird die Bebauung dünner, bis sie schließlich ganz weicht und nur noch ein reißender Bach und Kiefern unsere Begleiter sind.

Bevor es richtig hoch geht, machen wir Station und begrüßen unseren Bergführer. Er stellt sich uns als Florian. Nachdem die Bergausrüstung verladen ist und alles abgesprochen, steigen wir alle wieder ein und das letzte Stück hinauf wird in Angriff genommen.

Wir sind oben, am Fuß des Gletschers. Es ist ca. 9:30, wir befinden uns auf knapp 2700 Metern Höhe, der Himmel ist blau und nur von wenigen zarten Wölkchen geziert. Jetzt werden die Klettergurte ausgepackt, Wanderstöcke und die Bergschuhe. Trotz sich dem Gefrierpunkt annähernden Temperaturen, haben wir den Tipp bekommen, nicht mehr als eine leichte wanderhose, Shirt und Softshell-Jacke zu tragen. Und dieser Hinweis war Gold wert.

Zu Anfang geht es ohne Seil durch den Schnee, den Berg hinauf auf von Raupen markierten Wegen. Jeder Schritt strengt an, denn der Untergrund ist uneben und nicht selten gibt der Schnee unter unseren Schritte nach. Nach 20 Minuten werden die ersten Jacken geöffnet und Ärmel hochgekrämpelt, es geht steiler nach oben und die Sonne strahlt auf uns hinab.
Schließlich sehen wir unser Ziel: eine Spalte im Eis, auf einem Hügel – es ist schwer zu schätzen, wie weit sie entfernt ist, denn um uns ist alles weiß. Aber das ist auch egal, denn im Schnee zu laufen, ist sowieso nicht mit einer einfachen Wanderung vergleichbar.

Wir seilen uns an, denn nun beginnt der gefährliche Teil. Zwar erscheint die Schneedecke eben und gleichmäßig, doch unter dem Schnee kann überall eine bis zu 30 Meter Tiefe Spalte lauern. In Abständen von 3 Metern binden wir uns in das Seil ein. Florian geht voran, wir folgen, immer darauf bedacht, das Seil zwischen uns nicht zu straff und nicht zu schlaff hängen zu lassen und in die Fußstapfen unseres Vordermannes zu treten. Dieses sind meist 20cm tief und jeder Tritt danaben wird mit einem kleinen Einbruch geahndet, so dass wir nicht selten knietief im Schnee versinken.
Langsam zeiht sich der Himmel zu, die Sonne verschwindet, doch keinem von uns ist kalt und wir genießen die wundervolle Aussicht.



Wir sind über 2 Stunden gelaufen. Nach einem letzten verharschten Stück sind wir da. Florian prüft mit den Stöcken, wo wir sicher stehen können und steckt das Areal ab, auf dem keine Einbruchgefahr besteht, so dass wir uns sicher ausbinden und die schroffe, wilde und doch einzigartige Kulisse bewundern können.

„Die Schneeschicht hier ist ungefähr 2 Meter dick.“ Darunter befindet sich das Eis, der eigentliche Gletscher, erklärt Florian. Wir sprechen hier oft vom ewigen Eis. Doch „nichts ist ewig, auch nicht das Eis“.
Im Moment merkt man noch nicht viel davon, denn es vollzieht sich langsam, schrittweise, jedes Jahr ein Stück. Aber es ist Tatsache: jedes Jahr verlieren die Gletscher hier einen Meter Eis!

Die Gletscher der Alpen sind die Überreste der letzten Eiszeit und somit 20-30 Tausend Jahre alt. Die Alpen sahen einmal aus wie Grönland heute. Überall Eis und nur stellenweise reckten die Gipfel ihre Köpfe aus den Schneemassen. Mit dem Ende der Eiszeit wich das Eis in einem natürlichen Prozess zurück und stagnierte in relativer Konstanz in Europas bekanntestem Gebirge.

Jeden Sommer schmilzt Eis auf den Alpen, und das seit man denken kann - doch auch jeden Winter fällt neuer Schnee und verdichtet sich zu Eis. Es bedarf 10 Meter Schnees, die nach 3 bis 5 Jahren zu einem Meter Eis werden.
Und das heißt ganz konkret, dass der eine Meter Eis, der uns jedes Jahr verloren geht, 10 Meter Neuschnee und mehrere Jahre braucht, um kompensiert zu werden. Kein Wunder also, dass die Eisbilanz der Alpen negativ ist.


An einem sonnigen Tag im Sommer kann ein Gletscher 10cm Eis verlieren.
Um dem entgegen zu wirken, werden Abschnitte mit Fließ abgedeckt, doch das ist teuer und aufwendig und kaum realisierbar auf solch einem riesigen Gebiet.



Der Klimawandel ist gravierend, wir spüren ihn hier und heute auf unserem Ausflug unmittelbar. Unser Gletscherführer zeigt uns, wo überall Schnee lag, wir sehen überall Schneekanonen, ohne die der Wintersport in diesem Gebiet nicht mehr garantierbar wäre.
Der Schnee unter unseren Füßen wird als Faulschnee bezeichnet, denn er gefriert nachts nicht mehr und schmilzt bei der geringesten Sonneneinstrahlung. Das merke ich besonders an meinen Schuhen - denn nach wenigen Minuten durch den Tiefschnee sind sie durchweicht.
Quasi unter unseren Füßen verschwindet der Gletscher, Europas wichtigester Süßwasserspeicher. Er schmilzt dahin. Die Zunge mancher Gipfel ist in den letzten 20, 30 Jahren bis zu einem Kilometer zurückgewichen, die Gletscher verlieren nicht nur an Masse, sondern auch an Umfang.

Wir müssen nicht bis nach Brasilien oder an die Pole reisen, um den Klimawandel zu sehen! Er findet vor unserer Haustür statt, und dagegen müssen wir uns einsetzen, denn er gefährdet auch unser Leben.
 

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Kommentare (6)
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12.03.2012
LenaSteins hat geschrieben:
Der Text ist wirklich super geschrieben. Ich würde auch gern mal eine Gletschertour machen um zu sehen wie es dort inzwischen aussieht. Die Alpen sind eines der schönsten Gebiete in Europa und das sollte auch so bleiben.
25.05.2011
Lars0220 hat geschrieben:
guter bericht
23.05.2011
Bluesky hat geschrieben:
super text!
23.05.2011
Killari hat geschrieben:
Wir dürfen einfach nicht vergessen - und müssen es auch anderen Leuten immer wieder klar machen - dass nicht nur der Klimawandel, sondern auch der Klimaschutz vor der eigenen Haustür anfängt. Bewusster Konsum, Fahrrad statt Auto und sparsamer Energieverbrauch. Damit können wir alle ein kleines Stück dem Klimawandel entgegenwirken.
22.05.2011
JohannesB hat geschrieben:
So eine Gletscherwanderung ist etwas extrem imposantes und führt einem hautnah vor Augen, wie verwundbar das "ewige" Eis ist. Zumindest ging's mir schon ein paar mal so. Schon ganz schön absurd, dass am Rettenbachferner Profi-Skirennen abgehalten werden und man sich zugleich Sorgen darüber macht, wie man den Gletscherschwund aufhalten kann.

Der Klimawandel findet vor unserer Haustür statt. Genau das müssen wir den Leuten endlich klar machen. Und um beim Bild der Haustür zu bleiben: Wenn wir jetzt nicht schnell Gegenmaßnahmen ergreifen, wird sich der Klimawandel von der Haustür auch nicht mehr aufhalten lassen und uns bald ganz unmittelbar betreffen.
22.05.2011
gelöschter User hat geschrieben:
Das ist bei den Gletschern echt krass zu sehen! Im Stubaital war ich vorletzten Sommer und Vorvorletzten Sommer - jeweils auf dem gleichen Weg - im ersten Jahr ging er noch ein Stück auf einer Gletscherzunge lang und im Jahr darauf gab es die nicht mehr.... Das ist Klimawandel zum anfassen. -.-
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