Durchstarten für unsere Erde!


Uuuund


Action!


© Peter Jelinek / WWF
Utopival – Eine Woche Utopien leben


von Sunlight
04.09.2016
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100 P

Strahlende Menschen. Ein funkelnder See. Wunderschöne Natur. Zirpende Grillen. Schillernde Libellen. Bunte Zelte. Emotionen liegen in der Luft. Lachen. Liebe. Leben. Aufbruchsstimmung. Der Wille zur Veränderung. Anders zu leben. Bei sich selber anzufangen und die Gesellschaft umzukrempeln. Und über allem schwebt der Zauber der Utopie.

Wie stellen wir uns eine zukunftsfähige Gesellschaft von morgen vor? Wie wollen wir leben? Und wie sehen utopietaugliche Alternativen zu unserem derzeitigen Wirtschaftssystem aus?
Diese und viele weitere Fragen haben uns in den 6 Tagen beim Utopival beschäftigt. 130 Menschen, bunt zusammengewürfelt aus ganz Deutschland, aus verschiedensten Kontexten und verschiedensten Alters kamen in Ganderkesee bei Bremen zusammen, um ihre Utopie zu leben.

Alles lief nach den vier begleitenden Motiven ökologisch, solidarisch, vegan und geldfrei. So verstand sich das Utopival als Mitmachraum, in dem das herkömmliche Verhältnis von Produzent*in und Konsument*in aufgelöst wurde und sich jede*r mit seinen besonderen Talenten einbringen konnte – sei es mit eigenen Workshops, im open space, bei der offenen Bühne oder beim gemeinsamen schnippeln für das Mittagessen.



Aber ich will ganz am Anfang beginnen zu erzählen. Ich sitze im Zug und weiß gar nicht so genau, worauf ich mich da jetzt eigentlich eingelassen habe. Von den Teilnehmenden kenne ich zumindest laut E-Mailverteiler niemanden. Die Erfahrungsberichte klangen immer sehr begeistert und die tolle Arbeit vom Netzwerk living utopia habe ich schon mehrmals direkt kennenlernen dürfen. Also eigentlich kann das Utopival nur gut werden. Trotzdem mischt sich auch Angst unter meine Vorfreude. Was, wenn ich dort keinen „Anschluss“ finde? Wie komme ich mit Komposttoiletten und Eimer-Duschen in der Praxis zurecht? Wie wird es sein, eine Woche im Zelt zu leben, ohne große Campingerfahrung zu haben?

Tatsächlich habe ich in dieser Woche meine Verbindung zur Natur noch mal ganz neu wiedergefunden. Vollkommen im Rhythmus der Natur morgens von Sonnenstrahlen (und wunderschönem Gesang) geweckt zu werden und abends mit dem Sonnenuntergang schlafen zu gehen, war für mich als Nachteule eine kleine Umstellung, die ich aber gerne in den Alltag mitnehmen möchte.



Jeder morgen begann mit einem köstlichen gemeinsamen veganen Frühstück aus geretteten Lebensmitteln und wurde mit einem Morgenimpuls – einem Spruch oder Gedicht abgerundet.
Danach ging es immer mit spannenden und inspirierenden Workshops weiter. Ich will einfach mal kurze Schlaglicht-Einblicke in drei Workshops geben, die mich besonders berührt haben:

1. Für ein Leben im 4/4-Takt - Die 4-in-Einem-Perspektive (Melanie Stitz)
Hier ging es vor allem um die Frage, wie die vier Lebensbereiche Lohnarbeit, politische Einmischung, Reproduktion (z.B. kochen, putzen, Kinder erziehen) und Selbstentwicklung (z.B. lernen, lesen, träumen), welche im Alltag oft im Widerspruch zueinander stehen, wieder in Einklang gebracht werden können.
Melanie Stitz hat uns zunächst erläutert, dass es dazu vor allem ein anderes Zeitregime, ein anderes Demokratieverständnis, eine andere Vorstellung von menschlicher Entwicklung und eine andere Gerechtigkeit bräuchte. Die 4-in-Einem-Perspektive nach Frigga Haug sieht vor, dass man sich jedem der vier Lebensbereiche jeden Tag vier Stunden widmet, sodass acht Stunden zum Schlafen bleiben. Als direkte Konsequenz leitet sich daraus eine Änderung der Normalarbeitszeit und die Forderung nach einer „Teilzeit für alle“ ab. Wie dieser Ansatz konkret in unserer derzeitigen Gesellschaft umzusetzen ist, haben wir lange diskutiert und bleibt weiter spannend.
Was ich in jedem Fall aus dem Workshop mitnehme, ist ein größeres Bewusstsein zu überprüfen, ob ich mich tatsächlich jeden Tag in irgendeiner Form jedem dieser vier Lebensbereiche gewidmet habe. Im Zentrum des Workshops und auch für mich in der Reflexion steht dabei immer die Frage: „Was würde ich machen, wenn ich mehr Zeit hätte?“

2. Leave the oil in the soil! Die Yasuní-Initiative Ecuadors und die Earth Rights Declaration (Christian Cray)
Derzeit dominieren Werte wie Wohlstand und Wachstum das Wirtschaftssystem, woraus eine stetige Beschleunigung resultiert, von der weder die Menschen noch die Natur profitieren. Vor allem stellt diese Entwicklung jegliche enkeltauglichen Klimaziele in Frage. Der Earth Overschoot Day rückt jedes Jahr mehr an den Anfang des Jahres und der Kampf um Ressourcen nimmt immer weiter zu.
Nach dieser kurzen Einführung stellte uns Christian Cray zwei mögliche Lösungskonzepte vor:
Vor einigen Jahren machte Ecuador der Weltgemeinschaft das Angebot, das Erdöl unter einem der weltweit artenreichsten Regenwälder im Yasuní-Nationalpark im Amazonas für immer im Boden zu belassen. Leider scheiterte dieser Vorschlag an der nicht vorhandenen Zahlungsbereitschaft der Industrienationen.
Trotzdem entwickelte sich aus diesem Vorschlag eine internationale Bewegung der „Yasunidos“, die auch in Deutschland aktiv und sicherlich unterstützenswert sind, weswegen ich mich auch direkt auf den Mail-Verteiler gesetzt habe ;)!

Fast gleichzeitig zu dem Vorschlag Ecuadors 2010 beschlossen 30.000 Repräsentant*innen der indigenen Völker und Gemeinschaften auf der 'Weltkonferenz der Völker' in Bolivien die Earth Rights Declaration, die der Natur eine eigene Rechtssubjektivität zuspricht. Dadurch könnten z.B. Anwälte und Umweltorganisationen im Namen der Natur ihre Rechte einfordern und auch rechtlich durchsetzen. Sie beinhaltet im Grunde Selbstverständlichkeiten, z.B. dass Mutter Erde ein Recht auf saubere Luft hat oder dass jeder Mensch Verantwortung für ein harmonisches Leben mit Mutter Erde trägt...
Eine wunderbare Erklärung, vergleichbar zu den Menschenrechten, die das Leben auf und mit der Erde sicherlich von einem Tag auf den anderen fundamental verändern würden. Nur wie bekommen wir diese universellen Rechte der Natur umgesetzt? Dieser Frage haben wir uns auch im Workshop lange gewidmet, ohne eine konkrete Antwort zu finden. Meine persönliche Antwort: Vielleicht, indem wir jeden Tag nach ihnen leben und sie in die Welt hinaus tragen? Und zwar solange, bis auch die Politiker*innen dieser Welt die Earth Rights Declaration verabschieden!

3. Von glücklichen Menschen lernen (Thu Phong Vuong)
Stell Dir vor, Du bekommst eine Liste mit 100 Werten vorgelegt und sollst daraus die für Dich 20 wichtigsten auswählen. Daraus wählst du noch mal die zehn wichtigsten und daraus die fünf wichtigsten aus. Dann erfährst Du, dass sich Deine Werte in Einstellungen = innere Prinzipien (z.B. Diszipliniert sein, Kreativ sein etc.), Vorsätze = innere Ziele (z.B. eine Familie haben, gebildet sein etc.), Benehmen = äußere Prinzipien (z.B. Ehrlich zu anderen sein, Loyal sein) und Visionen = äußere Ziele (z.B. Klima schützen, Menschenrechte fördern etc.) einteilen lassen.

Genau so ging Thu Phong Vuong in diesem Workshop mit uns vor. Anschließend erklärte er uns, dass wir Ziele nicht kontrollieren können, während wir Prinzipien maßgeblich mitbestimmen und unter Kontrolle haben. Je mehr wir uns in unserem Leben also auf Dinge bzw. Ziele fokussieren, die außerhalb unserer Kontrolle liegen, desto größer werden unsere Ängste und Abhängigkeiten. Wir fragen uns immer, was die anderen hören wollen und sind doch erfolglos (z.B. bei der Jobsuche oder der Suche nach der großen Liebe). Wenn wir aber uns selbst mögen und nicht unsere Ziele, sondern unsere Werte leben, haben wir die Chance wirklich glücklich zu sein (jedenfalls zeigt dies seine Coaching-Erfahrung).
Weiter ging es mit einer Gruppenarbeit, wo wir überlegt haben, was uns persönlich dabei unterstützt und was uns davon abhält, unsere Prinzipien / Werte zu leben. Immer wieder wurden gesellschaftliche Zwänge und äußere Erwartungen als Aspekte genannt, die uns hindern und Gleichgesinnte, Mut oder Selbstbewusstsein, als Faktoren, die uns helfen, unsere Werte zu leben.
Beendet haben wir den Workshop mit einer wunderschönen Meditation am See, wo wir uns noch mal ganz gezielt auf unsere verschiedenen Sinne konzentrieren konnten.
Dieser Workshop hat mich sehr dazu angeregt, jetzt und in Zukunft meine eigenen Ziele und Prinzipien noch mal zu hinterfragen, danke dafür! :)

Eins meiner absoluten Highlights war der Schweigemorgen. Am Donnerstagmorgen, nach drei intensiven und erlebnisreichen Tagen, sind wir alle schweigend aufgestanden und haben schweigend gefrühstückt. Nach drei Tagen voller Gesprächen, Stimmengewirr und Kennenlernen, war es wunderschön, diesen morgen schweigend zu verbringen und sich voll auf sich selbst zu konzentrieren. Hand in Hand sind wir dann schweigend zum Strand gezogen und haben dort bei strahlendem Sonnenschein ein wunderbares Konzert von einklang genossen – mit sehr inspirierenden Texten! :)

Am Freitag gab es direkt das nächste Highlight: Niko Paech kam mit seiner Band „Beelzebub Airlines “ zu uns. Als nachhaltig denkende VWL-Studentin kenne ich seine Postwachstumsansätze natürlich nur zu gut und möchte auch sehr gerne den Master bei ihm machen. Umso aufregender war es dann, plötzlich mein großes Vorbild vor mir stehen zu haben und mit ihm über Plurale Ökonomik und seine Lehrstellen zu plaudern. Doch spätestens nach dem Satz „Ich bin Niko“ war das Eis gebrochen. Und vielleicht sehen wir uns schon bald an meiner Uni zu einem Gastvortrag von ihm wieder! :)



Aller guten Dinge sind drei. Mein drittes Highlight war der letzte Abend, der wunderschön am Lagerfeuer ausgeklungen ist – im wahrsten Sinne des Wortes. Was gibt es Schöneres, als mit neu gewonnenen Freund*innen unter dem Sternenhimmel zu sitzen, zu Singen, über Gott und die Welt zu philosophieren und eine tiefe Verbundenheit zu spüren?
Als ich um 4:00 morgens in mein Zelt kriechen will, werde ich von einer Schnecke und einem Frosch begrüßt. Umstände, bei denen ich am Anfang dieser Woche sicherlich nicht so ruhig geblieben wäre – im wahrsten Sinne des Wortes :D

Doch was bleibt?
Zunächst ein Kulturschock. Hetzende Menschen, Preisschilder und ein Hamsterrad-Gefühl. Und vor allem das Gefühl, dass etwas schief läuft.
Doch dann strahle ich die Menschen an, mit dem kleinen Utopival in mir drin und sie strahlen zurück. Da weiß ich, dass wir Menschen auf dem richtigen Weg sind und den gesellschaftlichen Wandel schaffen können - wenn wir zusammenarbeiten und zusammenhalten!

Dankbarkeit! Für die Organisation, die Denkanstöße, alles, was ich lernen durfte und vor allem die Menschen, die ich kennenlernen durfte… und damit ich in einem Jahr auch noch weiß, was ich mir beim Utopival vorgenommen habe und was ich gelernt habe, wird mich in einem Jahr ein Brief von mit selber daran erinnern :) Danke für die schöne Idee, liebes Orga-Team!

Dankbarkeit! Für einen Sitzplatz im Zug, fließendes Wasser, eine warme Dusche und vor allem ein weiches Bett... Ich kann und will mich wieder mehr über die großen „Kleinigkeiten“ freuen, die so alles andere als selbstverständlich sind, zumindest für einen beachtlichen Teil der Weltbevölkerung...

Aber vor allem möchte ich die Message des Utopivals in die Gesellschaft tragen! Ich möchte nicht aussteigen, möchte keine Parallelwelt wie beim Utopival schaffen, sondern das vorhandene System von innen heraus verändern, sodass wir hinterher ein großes Utopival haben, das alle Menschen einschließt!
In diesem Sinne: "not just talking about utopia, but living utopia!"

***********

Du möchtest auch konkrete Schritte in eine geldfreiere Gesellschaft gehen und Deine Utopie einer Welt von morgen schon heute leben? Dann melde Dich noch schnell bis zum 05. September für die Utopikon im November an! :)

***********

Bilder: T. Rosswog und L. Storcks

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Kommentare (5)
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06.09.2016
Puma hat geschrieben:
Das ist ein echt richtig tolles Projekt! Vielen vielen Dank, dass du es mit uns geteilt hast. Du hast mich zum Nachdenken angeregt, vor allem, da ich das nächste Jahr in einer Gesellschaft leben werde, die ich (im Moment noch) als die Verlierer dieses Wirtschaftens und Miteinander-Umgehens bezeichnen würde (bin erst ne Woche hier). Die aber trotzdem so anders von den Menschen in Deutschland sind. Vielen vielen Dank!
05.09.2016
Jayfeather hat geschrieben:
Toller Bericht! Vor allem der Schluss hat mich zum Lächeln gebracht :)
05.09.2016
Gluehwuermchen hat geschrieben:
Danke für diesen tollen Eindruck vom Utopival! Ich kann mir nun viel besser vorstellen, was dort los war. Vielleicht schaue ich es mir nächstes Mal auch an ;-)
05.09.2016
Cookie hat geschrieben:
Danke für den tollen Bericht! Man spürt beim Lesen richtig, wie sehr dich das Utopival begeistert hat und wieviel du daraus mitgenommen hast. Die Workshops klingen auch wirklich spannend und wenn man die Bilder sieht, möchte man sich eigentlich auch gleich ein Zelt schnappen und in die Natur ziehen.
04.09.2016
Hawkeye hat geschrieben:
Wow.Das klingt unfassbar toll.
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