Durchstarten für unsere Erde!


Uuuund


Action!


© Peter Jelinek / WWF
Die Welt, in der ich leben will


von Carina
06.04.2016
6
24
79 P

Ich habe in meinem Studium unzählige wissenschaftliche Texte lesen müssen. Wenn ich behaupte nur 10% von all dem behalten haben, was diese schlauen Menschen mir mitteilen wollten, dann ist das wahrscheinlich schon sehr optimistisch gerechnet. Aber: Es gibt einige, wenige Texte, die stechen aus der Masse hervor. Die haben es geschafft, mich wirklich zu faszinieren und im Gedächtnis hängen zu bleiben. Donella H. Meadows Text „Envisioning a Sustainable World“ (zu deutsch: „Sich eine nachhaltige Welt vorstellen“) ist einer davon.

Meadows schreibt darin von der Wichtigkeit einer „Vision“, um eine nachhaltige Welt zu schaffen. Sie sagt, dass wir ständig darüber reden, was getan werden muss, um eine nachhaltige Welt zu gestalten: Wir müssen besteuern, subventionieren, regulieren, schützen, bauen, entwickeln … Ein kleiner Rest der Zeit und Energie, die dann noch bleibt, wird darauf verwendet, die notwendigen Informationen zu beschaffen und zu modellieren. Doch kaum jemand denkt genug darüber nach, klare, gemeinschaftliche, machbare Ziele zu formulieren. Was ist das wirklich für eine Welt, die wir erschaffen, in der wir leben wollen?

Meadows plädiert dafür, dass man sich hinsetzen und diese Welt aktiv vorstellen oder visualisieren soll. Ganz wichtig ist dabei: Es geht nicht um das, was man glaubt, erreichen zu können, und nicht um das, womit man sich zufrieden geben könnte. Es geht darum, was man wirklich will. Dabei ist erst einmal egal, wie realistisch diese Vision ist oder wie sie umgesetzt werden kann. Im ersten Moment sollte man einfach seine wahren Träume und Wünsche formulieren. Im nächsten Schritt kann dann darüber nachgedacht werden, wie man darauf hinarbeitet und wo vielleicht Eingeständnisse und Kompromisse gemacht werden müssen.

Ich möchte mir einmal die Zeit nehmen, meine Vision von einer nachhaltigen, glücklichen Welt zu formulieren. Und ich möchte sie gerne mit euch teilen:

In meiner Welt leben die Menschen in Harmonie mit der Natur. Wir verbrauchen nie mehr, als natürlich nachwachsen und regenerieren kann. Es gibt keine Umweltverschmutzung und wir leben von 100% erneuerbaren Energien. Die Luft, die Meere, die Flüsse und Böden sind sauber und gesund, ohne Schadstoffe, Gifte oder Plastik. Die Landwirtschaft ist 100% ökologisch und eine Umstellung der globalen Essgewohnheiten auf weniger Fleisch zusammen mit einer effizienteren Verteilung der Lebensmittel und null Lebensmittelverschwendung haben dafür gesorgt, dass kein Mensch auf der Welt mehr Hunger leiden muss. Der Lebensstandard in Entwicklungsländern steigt und verbessert sich kontinuierlich, ohne die schrecklichen Umweltfolgen, die die westlichen Länder verantworten mussten, weil wir aus diesen Fehlern gelernt haben und mit vereinten Kräften, neuen Fähigkeiten, Wissen und Technologien eine nachhaltige Entwicklung gewährleisten können.

Die schlimmsten Folgen des Klimawandels konnten abgewendet werden, da die Menschheit rechtzeitig die Bremse gezogen und ihre Lebensweise umgestellt hat. Jetzt wird gemeinsam daran gearbeitet, verlorene Naturlandschaften wieder herzustellen und den Arten ihren Lebensraum zurückzugeben.

In meiner Welt gibt es keinen Krieg und keinen Terrorismus. Es gibt keinen Rassismus und keine Fremdenfeindlichkeit. Die Menschen leben friedlich miteinander. Es gibt immer noch verschiedene Kulturen, Nationen und Religionen, doch man achtet und respektiert diese Andersartigkeit und nutzt sie als Quelle der Inspiration anstatt des Hasses. Männer und Frauen sind gleichberechtigt und jedes Kind hat die Chance, eine Ausbildung zu bekommen.

In meiner Welt sind die Städte grüne Orte voller Parks, Bäume, Blumen und Gärten. Die Menschen bauen viel Gemüse selbst an, entweder im eigenen Garten oder gemeinschaftlich in Urban Gardening Projekten. Es gibt kaum noch Autos, Städteplanung wird endlich für den Menschen gemacht und nicht für möglichst weite Verkehrsstraßen. Züge, Fußwege und Fahrräder sind die Hauptfortbewegungsmittel. Intelligente Architektur und Stadtplanung grenzen die Flächenversiegelung ein.

In meiner Welt ist das Leben entschleunigt. Man arbeitet weniger Stunden in der Woche, um mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu haben: Freunde und Familie. Wenn man nach Amerika reisen will, passiert das mit dem Schiff, anstatt mit dem Flugzeug, und es ist okay, dass das so viel länger dauert, denn es ist nun mal eine verdammt weite Strecke. Die Reise an sich wird zum Erlebnis, zum Abenteuer, anstatt zum Ärgernis.

Das ist die Welt, in der ich leben möchte.

Ich könnte noch ewig weitermachen. Ich sehe gerade so viel Details vor mir, die Städte, die Landschaften …. Und ich empfehle jedem von euch, es einmal selbst zu versuchen! Es ist unglaublich befreiend und motivierend, ich fühle mich gerade so voller Energie und Tatendrang wie schon lange nicht mehr! Was ist eure Vision von einer nachhaltigen Welt? Ich würde mich freuen, wenn ihr sie mit mir teilt.

Natürlich können jetzt wieder die Skeptiker kommen und sagen: „Das ist doch alles gar nicht machbar.“ Aber davon dürft ihr euch nicht einschüchtern und entmutigen lassen. Bei dem Erdenken von Visionen geht es darum, was unsere Ziele sind, worauf wir hinarbeiten möchten. Wenn wir hier schon anfangen, Eingeständnisse zu machen und zu sagen, „Okay, 50% Erneuerbare ist schon realistischer …“ – dann heißt das, dass wir es immer nur halb versuchen werden, nie ganz!

Nehmt euch ein Beispiel an Kindern: Kinder sind natürliche Visionäre. Sie erzählen einem mit leuchtenden Augen, dass sie einmal Zirkusdirektor werden wollen, oder eben dass sie eine Welt wollen ohne Krieg, ohne Umweltverschmutzung, ohne verhungernde Kinder. Doch nach und nach merken sie, dass sie von den Erwachsenen belächelt werden. Sie fangen an, sich für solche Aussagen zu schämen, sie als „kindisch“ anzusehen. Unsere Gesellschaft merzt Visionen geradezu aus. Ich denke, wir sollten anfangen, sie wieder aufleben zu lassen.

Natürlich, eine Vision zu haben, ist nicht alles. Sie muss umgesetzt werden und wir alle wissen, wie viele Schwierigkeiten und Hindernisse das bereiten kann. Doch sie ist der erste - und ein unglaublich wichtiger – Schritt auf dem Weg zu einer nachhaltigen Welt. Einer Welt, die wir unseren Kindern und Enkeln mit gutem Gewissen hinterlassen können.

Einer Welt, in der wir leben wollen.

 

Foto © Carina Zacharias
Meadows, D.H. (1994): Envisioning a Sustainable World. San Jose.

Weiterempfehlen

Kommentare (6)
Um einen Kommentar zu schreiben einfach registrieren oder einloggen.
Sortieren nach Aktualität:
09.04.2016
Luke24 hat geschrieben:
Schon als ich die Überschrift gelesen hatte, nahm ich mir vor, deinen Artikel an diesem Wochenende in Ruhe zu lesen.
Der Ansatz ist äußerst interessant. Auch ich kann mich erinnern, die von dir gewählte Vorgehensweise

1. Was möchte ich?
2. Wie erreiche ich diese Ziele? / Wo sind Kompromisse möglich bzw. nötig?

schon einmal im wissenschaftlichen Kontext im Studium gehört zu haben.
Ich muss (vielleicht leider) gestehen, dass ich kein großer Anhänger dieses Konzepts bin und eher versuche, meine Kraft auf die Dinge zu konzentrieren, die ich von Vorneherein als erreichbar betrachte.
Aber das ist meine persönliche und subjektive Ansicht.

Zweifellos würde ich es auch sehr begrüßen, wenn die von dir beschrieben Welt tatsächlich einmal auf Erden zu finden wäre. Allerdings müsste sich hierfür ggf. der menschlich Geist in vielen seiner wesentlicher Zügen ändern ...
07.04.2016
Gluehwuermchen hat geschrieben:
Wow, du hast mir absolut aus der Seele gesprochen! Danke für diesen wunderbaren Gedankenanstoß. Ich kenne meine Vision von der Welt ziemlich gut und sie ist eigentlich genau wie deine :)
06.04.2016
Buchenblatt hat geschrieben:
Danke für den inspirierenden Artikel. Ich hatte von dem Prinzip, Visionen zu entwickeln und sie zu visualisieren bis jetzt nur in einem Vortrag, in dem es um das Erreichen persönlicher Ziele ging, gehört. Auch dort fand ich das schon faszinierend und habe direkt meinen "Ist-Zustand" und meinen "Wunsch/Soll-Zustand" in zehn Jahren gezeichnet. Die Zeichnung motiviert mich immer wieder, auch etwas dafür tun. Ich finde es toll, dass man das auch auf andere Bereiche wie den Umweltschutz übertragen kann. Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht...
In meiner visionären Welt, wie auch in deiner Welt spielt Respekt ( vor der Natur, anderen Menschen,...) eine sehr große Rolle. Wichtig finde ich aber auch das Fördern von Individualität und von Kreativität, denn vielleicht können wir genau so unseren Traumwelt ein kleines (oder auch großes) Stückchen näher kommen...
06.04.2016
midori hat geschrieben:
Danke für Deinen inspirierenden Bericht, liebe Carina! Ich kann Dir nur in Deiner Vision zustimmen - und was ich mir zusätzlich wünschen würde: Eine vegane Welt, denn - If we could live happy and healthy lives, without harming others, why wouldn't we? :o) Ich wünsche mir so sehr, dass dies eines Tages passieren wird und Tiere um ihrer selbst willen leben können.
06.04.2016
Marcel hat geschrieben:
Vielen Dank, Carina, dass Du Deine Vision mit uns geteilt hast. Ich finde sie unglaublich inspirierend und wertvoll! Du hast absolut Recht, wir müssen unseren Visionen wieder viel mehr Raum geben. Man kein sein Leben wirklich mit sinnloseren Dingen verbringen als darüber nachzudenken, wie man leben will.
06.04.2016
CaelumMeaRegula hat geschrieben:
Deine Vision hört sich super an. Fast zu schön um wahr zu sein. Aber du hast so recht. Mir fiel beim lesen gerade ein passendes Zitat von Michail Bakunin ein: "Diejenigen, die immer nur das Mögliche fordern, erreichen gar nichts. Diejenigen, die aber das Unmögliche fordern, erreichen wenigstens das Mögliche.“ Das hilft auch mir immer an meine Träume zu glauben, auch wenn andere sie für unmöglich halten.
In meinem Psychologie-Studium habe ich mich viel mit der Self Fulfilling Prophecy beschäftigt. Sie drückt aus, dass wenn wir davon überzeugt sind, dass ein bestimmter Zustand in der Zukunft eintritt, wir durch unser Verhalten und unsere Wirkung auf andere tatsächlich die Gegebenheiten dahingehend beeinflussen, ohne, dass wir uns dessen bewusst werden. Ich finde das wahnsinnig spannend und es ist der beste Beweis dafür, dass es extrem hilfreich ist eine Vision zu haben :-)
Login
E-Mail


Passwort


Kostenlos registrieren
Mitglied werden
Könnte dir auch gefallen
Jugendblock-Rede der TTIP-Demo in Berlin
Jugendblock-Rede der TTIP-D...
Neben 6 weiteren Städten und insgesamt 320.000 Menschen, versammelten sich am Samst... weiter lesen
[WWF-Aktion Heidelberg] Lebendiger Neckar, 19.06.2016
[WWF-Aktion Heidelberg] Leb...
Am vergangenen Sonntag beteiligten sich die WWF-Jugend Mitglieder aus Heidelberg und Umgebung am... weiter lesen
Der Panda in Aktion für die Tiger - von wegen ich bin faul!
Der Panda in Aktion für di...
01.07.2016 Heute war wirklich ein pandastischer Tag. Um zu verhindern, dass nachher noch de... weiter lesen
420 Kilometer auf dem Longboard für den guten Zweck!
420 Kilometer auf dem Longb...
Wir, das sind Marcel, Jennifer und ich (Pascal), haben es tatsächlich geschafft. Aus e... weiter lesen
TTIP-Demo in sieben Städten! Seid dabei!
TTIP-Demo in sieben Städte...
CETA und TTIP, die Abkommen der EU mit Kanada und den USA, drohen Demokratie und Rechtsstaatlic... weiter lesen
Deine Ansprechpartner
Marcel
Marcel Gluschak
WWF Jugend Community Manager
zum Profil
Luise
Luise Neßler
WWF Jugend Community Moderatorin
zum Profil
MarcelB
Marcel Brüssow
WWF Jugend Redaktion
zum Profil
Ronja96
Ronja Post
WWF Jugend Aktionsteamer
zum Profil
HannahFee
Hannah Fesseler
hilft dir bei technischen Fragen
zum Profil
AndreaRentschler
Andrea Rentschler
hilft dir bei Fragen zur WWF Jugend Mitgliedschaft
zum Profil
NicoleB
Nicole Barth
hilft dir bei Fragen rund um die WWF Jugend Camps
zum Profil