Durchstarten für unsere Erde!


Uuuund


Action!


© Peter Jelinek / WWF
Carbon Diaries (Teil 1)


von Marcel
17.08.2009
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Die (Energie-)Tücken des Alltags.

Sie dürfen wieder Schokolade essen! Gestern Nacht endete unser kleines literarisches Experiment: Wir haben 15 aus der Community eingeladen, sieben Tage ihren Energieverbrauch so radikal wie möglich runter zu fahren und darüber Tagebuch zu schreiben. Vorbild: Das stromreduzierte Leben von Laura im Jahr 2015 – dem ersten Jahr der staatlich verordneten Energierationierung. In ihrem Roman „Euer schönes Leben kotzt mich an“ erfindet die Autorin Saci Lloyd eine Gesellschaft, die unsere Klimasünden ausbaden und deshalb auf alles verzichten muss. Wie fühlte sich das an? Zusammenfassung eines Selbstversuchs.

Aufwachen, und der Alptraum beginnt.

„Der Wecker klingelt und ich wache langsam auf. Muss mich zurückhalten nicht mit meiner Fehrnbedienung meine Musikanlage einzuschalten.“ 7abian, einer der 15 Teilnehmer, staunt nicht schlecht, als er merkt, wie eingefahren manche Dinge sind. Seine Hand kommt noch vor der Fernbedienung zum Halten, und 7abian realisiert: Das Experiment hat begonnen. Ab jetzt muss das Team seinen Alltag für sieben Tage komplett umpolen – „die fast vollkommene Energie-Abstinenz“, so nennt es Kudu.

„Aufwachen um 06:00 Uhr, schlafen gehen um 22:00 Uhr“, nimmt sich straetsi vor, „also die volle Ausnutzung des Tageslichts. Was zur Folge hat, dass ich schon mal keine Energie für Licht verschwende.“ So früh aufstehen? Im Vergleich zum nächsten Energiestopp ein Kinderspiel: „ICH HABE KALT GEDUSCHT!“ Kudu kann es erst nicht fassen. „EISKALT!!! Das war schon fast unerträglich, und mich überflutete auf einmal (neben dem Eiswasser) das Glück der Gewissheit, normalerweise warm duschen zu können!“ Das Licht bleibt aus, denn „es geht auch ohne Strom“, wobei lolfs das Zähneputzen im Halbdunklen „gewöhungsbedürftig“ findet.

Guten Appetit (vor allem für die anderen…)

„Der Verzicht auf mein geliebtes Nutella ist eine echte Härteprüfung...“ klagt MadameM, „wieso wachsen Kakaobohnen nicht hier?“ Loba kommt mit der Energierationierung eigentlich ganz gut klar. Aber: „Das Einzige, was ich im Moment vermisse, ist meine heißgeliebte Südfucht Ananas.“ Da werden sieben Tage schnell zur Ewigkeit, wie noodle schnell feststellt. Sie ist schwach geworden und hat doch importiertes Obst gekauft: „Ich brauche einfach Kiwis!! Die esse ich seit meinem 15.Lebensjahr regelmäßig...“

Mikrowelle und Toaster bleiben ausgeschaltet, und lolfs stellt enttäuscht fest: „warmer Kakao ist nicht der Renner“. Und Freitag berichtet: „Der kurzen Versuchung einen der Pfirsiche zu essen musste ich dann doch schon eher widerstehen - mein kleiner Bruder nahm mir dann die Entscheidung ab, indem er mir den Pfirsich aus der Hand nahm und breit grinsend meinte: Du darfst doch nicht, ich nehm dir die Arbeit ab... mh... sollte ich dafür dankbar sein? Werde drüber schlafen...“

Ja ja, die liebe Familie…

Auch NatureGirl fühlt sich ein bisschen im Stich gelassen: „Unterstützung von der lieben Familie?? Weit gefehlt! Bei meinem verzweifelten Versuch meine Brotscheiben fürs Abendbrot per Hand zu schneiden (die unglücklicherweise so dick wie Backsteine geraten sind) wurde ich nur müde belächelt…“ Doch noch schlimmer sind die ganzen Versuchungen an jeder Ecke: „Um nicht zu Mc Donalds zu gehen, habe ich mir sämtliche Fingernägel abgekaut und dann auf mein Bio-Knäckebrot zurückgegriffen.“ Auch MadameM bleibt standhaft. „Allerdings lachen mich schon die ganze Zeit die Nektarinen aus Italien an.“ Ihre Tiefkühlpizza hat sie inzwischen einer Freundin geschenkt.

noodle kann sich darüber, dass für’s Supermarktangebot ständig Weltreisen unternommen werden, richtig aufregen: „Zum Beispiel find ich es eine absolute Verschämtheit, dass in den Deutschen Supermärkten noch immer Äpfel aus Italien oder gar Neu-Seeland angeboten werden, wenn ich doch tatsächlich auf meinem täglichen Schulweg an unzähligen Apfelbäumen vorbei komme!!“ Da hilft nur eigene Konsequenz, weiß somniata: „Am schwersten wird mir der Verzicht auf Schokolade sein, aber Kakao muss nun mal importiert werden, und das verschwendet Energie.“

Kudu krempelt den eigenen Haushalt um. Zum Beispiel beim Spülen: „Statt das heiße Wasser wie sonst ständig laufen zu lassen, hab ich eine Wanne damit gefüllt. Viel sinnvoller eigentlich. Wenn man drüber nachdenkt =)“ Über unnötige Stromfresser blickt sie locker hinweg: „Beim vorherigen Waschen gab ich natürlich Eimer und Lappen die Ehre und ließ den Hochdruckreiniger im Schuppen weiterhin unbeachtet sein energiearmes Leben fristen.“

2015 im Schneckentempo.

Autos sind tabu, dafür erlebt das Fahrrad seinen besten Sommer. Dabei war in dieser Woche nicht nur knallige Sonne und brütende Hitze angesagt. Kudu radelt mitten in einen Regenguss hinein und ist „bis auf die Knochen nass. Nichts hätte ich jetzt lieber getan, als heiß zu duschen. Ich stellte mir vor, wie das warme Wasser an mir herunterlaufen würde und meine Eisbeine und -arme und damit auch meine gute Laune wieder zum Leben erweckte.“ Not macht erfinderisch: „Als Alternative rieb ich mich von oben bis unten mit einem warmen, nassen Waschlappen ab. Das tats auch einigermaßen, danach kramte ich meine Wintersachen wieder hervor und spielte Januar.“

Littlewestwalker hat sogar ihre Fahrstunden für diese Woche abgesagt, „was ich mir eigentlich nicht leisten kann, aber ein bisschen Pause tut auch gut^^“ Doch dann kommt die große Ernüchterung: „Es hat heute in STRÖMEN geregnet und heute Morgen ging ich zu meinem Fahrrad und....PLATT!!!! Dann musste ich erst mal eine halbe Stunde zur Bahn laufen^^“ somniata hat mehr Glück mit dem Radfahren und freut sich: „Das macht 25km am Tag! So aktiv war ich ja lange nicht mehr :)“

Straetsi nutzt die viele freigewordene Zeit sogar für größere Radtouren, zum Beispiel zum 30 Kilometer entfernten Feldberg. Mal was anderes als Fernsehen: „Begleitet von unheimlich schönem Wetter, genieße ich eine atemberaubende Aussicht. Auf meinen Rückweg begegnen mir sogar ein kleiner Frosch und eine Stunde später sogar ein Fuchs. Nach sechs Stunden und 60 Kilometern erreiche ich wieder mein Zuhause.“

Die Energie - sie lauert überall.

noodle will keinen Lift mehr benutzen. Tja, ist nur schwierig, wenn man wie sie im 8. Stock wohnt. „Vor allem bei der Hitze... Aber weil es ja darum geht, den Verbrauch nur zu halbieren, nehme ich den Lift jetzt nur noch für aufwärts...“ lolfs stellt die Wanduhr aus, ihm reicht die Armbanduhr. Um warmes Wasser zu bekommen, hat er sich ausgedacht, Leitungswasser in Flaschen ins Sonnenlicht zu stellen – was in den ersten Tagen nicht richtig gelingen will: „Da möchte man die Sonnenenergie nutzen und siehe da: Es regnet und kühlt sich ab...“

Und dann kommt die große Langeweile… Jan100 seufzt: „Der Tag kam mir endlos lang vor ohne ein paar Versüßungen durch Unterhaltungselektronik.“ Da hat es Freitag leichter. Sie arbeitet in einem Café und fängt an, ihre Kollegen zu nerven. Sie ist hauptsächlich damit beschäftigt, „meine Kolleginnen vom Energie verschwenden abzuhalten. Ich habe alle Geräte immer ausgemacht, bin hektisch hinter ihnen her gerannt um ein Licht auszumachen oder einen blinkenden Mixer abzuschalten. Man, man, man... Ich glaube ich habe den ein oder anderen schiefen Blick geerntet…“

Das Schlimmste ist diese Stille…

Schnell wird klar, was den meisten im Experiment fehlt. Fernsehen ist kein Problem, beim Internet wird’s schon schwieriger, aber was gar nicht geht: Eine Leben ohne Musik. Die Stille „schmerzt“, erzählt DerBenni, sie ist „irgendwie unangenehm“. Die Macht der Gewohnheit: „Bestimmt 3mal hab' ich mich dabei erwischt, wie ich fast schon unbewusst in Richtung meiner Musikmaschine schwankte. Schon krass xD“ 7abian besorgt sich Zeitschaltuhren für Steckdosen, um abends möglichst energiesparend Musik zum Einschlafen hören zu können. lolfs kommt mit weniger Radio und Glotze bestens zurecht – er hat seinen Medienkonsum auf 40 Prozent gesenkt. Das will er aber noch mal genau nachrechnen – stromsparend, also „ohne Taschenrechner ;)“.

Irgendwann verliert 7abian die Nerven: „Das fehlende Licht hat mir gestern Abend auch noch zu schaffen gemacht, ich hatte vergessen meine Schultasche zu packen und bin fast ausgerastet weil ich im halb dunklen Zimmer einfach nichts[!!] gefunden habe.“ Währenddessen hat M0stlyH4rmless herausgefunden, „dass es bei uns im Bad auch ohne Licht noch relativ hell ist, da wir eine Straßenlaterne direkt vor dem Haus stehen haben. Licht ist da eigentlich überflüssig, das einzig komplizierte ist, so zu kontrollieren ob man sich gründlich abgeschminkt hat :-)“ Und noodle berichtet stolz: „Ich habe meinem Freund ‚befohlen’ wenn er abends so lange am Rechner sitzt anstatt das Licht anzuschalten die 2 Kerzen zu nehmen.... Mit Erfolg ;)“

Und schon macht man vor lauter Langeweile die komischsten Dinge…

Zeit. Keine Ablenkung. Was tun? Littlewestwalker hat mal alle Schubladen aufgeräumt – „War echt mal fällig :D“. MadameM fängt an, Taschentücher aneinander zu knoten. „Verrückt geworden bin ich noch nicht, könnte aber eventuell noch passieren.“ Auch Freitag hat die Abende „nicht mit Film gucken, Telefonieren oder im Internet surfen verbracht. Nein ich habe mich bei Kerzenschein auf die Couch gelegt und an meinem Kapuzenschal weitergestrikt, der jetzt blöderweise fertig ist - ich fürchte für morgen muss ich mir was anderes ausdenken... hm...^^“

M0stlyH4rmless hat gehört, es soll an einem Abend besonders viele Sternschnuppen geben, und blickt einfach aus dem Fenster. Dabei hofft sie, „dass nicht zu viele Menschen Licht erzeugen, damit ich auch was sehen kann! Noch ein Vorteil, wenn alle Menschen mal Energie sparen sollten: Wir können wieder besser die Sterne sehen! :-)“

Einen anderen Abend verbringt sie auf einer privaten Open Air-Party – „Das war soo cool! Wir saßen am Lagerfeuer und haben selber Musik gemacht - also ganz ohne Strom :-) Essen gabs auch von über dem Feuer!“ Aha. So sähe also die Freizeit 2015 aus… Bescheuert? Oder vielleicht gar nicht so schlecht?

Eines hat das Experiment auf jeden Fall gezeigt:

Eine Energierationierung wäre alles andere als einfach. Jeder kommt unterschiedlich gut damit zurecht, aber jeder hat auch etwas, das er schmerzlich vermissen würde. Vernünftiger Energieverbrauch sähe natürlich anders aus. Denn die Lösung kann nicht sein, einfach auf alles zu verzichten. Wir brauchen einfach manche technischen Hilfsmittel, um im Leben besser klar zu kommen.

Eine ‚Klimaschutzdiktatur’ wie im Experiment wäre also kein guter Plan für die Zukunft. Stress und Konflikte wären vorprogrammiert. Damit wir nicht irgendwann doch dort ankommen, müssen wir den Klimaschutz ernster nehmen. Die 2015-Tester haben sich in den letzten Tagen auch einige Gedanken über unsere Zukunft und über's Energiesparen gemacht – Erfahre mehr im zweiten Teil!

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