WWF
„Gib mir Fünf!“ (11) - Von Eisbären und Robben, Prinzen und guten Freunden


von JohannesB
11.06.2014
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Auf den Tag genau vor sechs Jahren verließ die „Alexey Maryshev“ den Hafen von Longyearbyen und steuerte hinaus auf den Arktischen Ozean. Mit an Bord: Ein aufgeregter und erwartungsfroher Johannes (Anm.: das bin ich). Wie’s dazu kam, was ich in der Arktis erlebt habe und wie’s nach der Reise weiterging erfahrt ihr heute bei „Gib mir Fünf“.

So fing alles an: Der WWF suchte Klimabotschafter

Bevor es in der Schule ernst wurde und um die Punkte für’s Abi ging, hatte ich das Bedürfnis, noch für eine „gute“ Sache aktiv zu werden. Also suchte ich Anfang 2008 nach Möglichkeiten, mich ehrenamtlich einzusetzen. Trotz einiger frustrierender Rechercherunden blieb ich dran und stieß schließlich Ende März 2008 auf der Internetseite des WWF auf das Projekt „Voyage for the Future“. Der WWF suchte „junge Menschen, die die Naturschutzorganisation als Klimabotschafter unterstützen“ und „die sich um den Zustand unseres Planeten sorgen und sich für eine intakte Umwelt einsetzen wollen“. Ich las mir die unscheinbare Ausschreibung noch ein zweites Mal durch: „Zum Auftakt der Aktion reisen die jungen Leute im Juni 2008 zu den schmelzenden Gletschern in die Arktis, um sich vor Ort ein Bild vom galoppierenden Klimawandel zu machen. ... Zurück in ihrer Heimat sollen sie den WWF unterstützen, Politiker zu entschlossenem Handeln zu bewegen und sicherzustellen, dass die Auswirkungen des Klimawandels in erträglichem Rahmen bleiben.“ Hört sich doch super an, dachte ich mir und bewarb mich einfach mal.

Bereits nach wenigen Tagen wurde ich zu einem Bewerbungsgespräch nach Frankfurt am Main in die deutsche WWF-Zentrale eingeladen. Dabei lernte ich auch Marcel kennen, der sich eifrig Notizen über mich und meine Antworten machte. Auf der Rückfahrt dachte ich an das Gespräch zurück und an all die Antworten, die ich jetzt, kurze Zeit später, doch so viel besser hätte geben können. Naja immerhin eine gute Erfahrung, dachte ich mir. Als sich der WWF dann nicht in der angekündigten Woche bei mir meldete war etwas enttäuscht, „wenigstens absagen hätten sie mir ja können“. Doch ich war etwas voreilig (und wusste noch nicht, dass beim WWF manches länger dauert als gedacht). Am 21. April 2008, ja, das weiß ich noch auf den Tag genau, bekam ich einen Anruf. Timm, Kampagnen-Mitarbeiter des WWF, sagte, ich sei aus mehr als 100 Bewerbern ausgewählt worden. „Tut mir leid, dass wir uns jetzt erst melden. Hast Du denn immer noch Interesse, mit uns in die Arktis zu kommen? Um ehrlich zu sein: Ich hab selten so eine dämliche Frage gestellt bekommen und selten so schnell und glücklich geantwortet: „JA!“

Erst konnte ich mein Glück gar nicht fassen, doch nach einem Vorbereitungstag, bei dem wir (meine deutsche Mitstreiterin Greta aus Nordrhein-Westfalen und ich) ein Interviewtraining absolvierten, realisierte ich langsam was ich da Tolles erleben würde.

Greta und ich - Kann gut sein, dass ihr das Foto schon mal gesehen habt ...

Am 09. Juni ging’s dann endlich los. Ich traf mich mit Greta und Timm, der sich vorwiegend um die Medienarbeit kümmern sollte, am Frankfurter Flughafen. Wir flogen gemeinsam nach Oslo, wo wir mit dem Rest der etwa 30-köpfigen WWF-Gruppe zusammentrafen. Insgesamt waren 18 junge Leute zwischen 18 und 21 aus neun Ländern (Kanada, USA, Japan, Großbritannien, Niederlande, Norwegen, Russland, Schweden und Deutschland) als „Klimabotschafter“ ausgewählt worden, um den WWF bei seiner weltweiten Arbeit für den Klimaschutz zu unterstützen. Von Anfang an fühlte ich mich in dieser Gruppe richtig wohl und die Stimmung war bei allen top. Am nächsten Morgen flogen wir weiter über die größte Stadt Nord-Norwegens, Tromsø, nach Spitzbergen. Nach der Ankunft auf dem winzigen Flughafen von Longyearbyen, dem Hauptort Spitzbergens, mussten wir uns erstmal an die empfindlich kalten Temperaturen um den Gefrierpunkt gewöhnen. Durcheinander brachte uns auch die Mitternachtssonne. Es ist ein komisches Gefühl: Du bist müde, es ist auch schon nach Mitternacht, aber die Sonne hat einen Spaß am Scheinen, als sei es Mittag.

Voller Vorfreude warten wir am Osloer Flughafen darauf, endlich in die Arktis zu kommen

Am 11.06. begann dann unsere Schiffstour an Bord der „Alexey Maryshev“, einem ehemaligen Forschungsschiff des Hydrographischen Institut St. Petersburg, das speziell für Fahrten durch Packeis konstruiert und für Passagierfahrten umgebaut worden war. Unser typischer Tagesablauf auf dem Schiff sah folgendermaßen aus: Um 06:30Uhr weckte Troels, der dänische Expeditionsleiter, alle Passagiere mit seinem schon bald legendären „wake-up call“, der einen mit dem immer gleichen, mega gut gelaunten „goooooood morning everybody“ aus dem Schlaf riss. Nach dem Frühstück folgte meist der Vortrag eines Wissenschaftlers zu Hintergründen des Klimawandels und der Klimapolitik, ehe es mit Schlauchbooten an Land ging. Die Erlebnisse des Tages schilderten wir dann im Anschluss an das Abendessen in unseren Blogs, unterhielten uns und genossen die Polarnacht. Gegen Mitternacht, oft aber auch noch deutlich später, ging es dann müde aber voller Elan ins Bett.

Ab auf's Schiff

Die „Alexey Maryshev“, unser Zuhause für eine Woche

Am zweiten kompletten Schiffstag, Freitag der 13. (sollte ein gutes Omen für uns sein) erreichten wir den nördlichsten Punkt unserer Reise, über 80° nördlicher Breite fuhren wir hinaus. Dabei durchbrachen wir immer wieder Packeis, was ein faszinierendes Knacken auslöste. Schon beim Frühstück wurde uns gesagt, dass in dieser Gegend immer wieder Eisbären gesichtet würden. Also warteten wir gespannt an Deck und versuchten mit Ferngläsern das größte an Land lebende Raubtier der Welt zu entdecken. Dann endlich: „Polar bear!“ – einer der mitreisenden Fotografen hatte mit seinem Objektiv bereits aus großer Entfernung den Eisbären erspäht. Plötzlich herrschte großes Gedränge an der Schiffsreling, jeder wollte endlich auch den Bären sehen. Die „Alexey Maryshev“ näherte sich langsam der Scholle, auf der sich das so sehnsüchtig erwartete Tier herumtrieb. Und wir hatten unglaubliches Glück: Der Eisbär schien fast auf uns zu warten und lief auch nicht davon, als wir uns bis auf etwa zehn Meter näherten. Unglaubliche Stille, unterbrochen nur vom Klicken der Fotoapparate rechts und links von mir. Der Bär ging auf dem eisigen Laufsteg wie ein Model auf und ab bevor er sich mit einem Bad im Meer von uns verabschiedete. Unbeschreiblich diese Minuten …
Man weiß zwar, dass man auf solch einer Tour gewisse Chancen hat, einen Eisbären zu sehen, aber wenn man das Glück dann wirklich hat und dieses majestätische Tier fast greifbar nah vor einem steht, ist das einfach ein wahnsinnig beeindruckender Moment. Nachdenklich machte uns, dass es nach wissenschaftlichen Prognosen durch den Klimawandel zu einem dramatischen Rückgang der Eisbärenpopulation (2/3 sollen bis 2040 verschwunden sein) kommen wird, sollte die globale Erwärmung weiter gehen wie bisher. Wenn wir so weitermachen nehmen wir diesem imposanten Tier, das viel beeindruckender und stärker ist als der Mensch, die Lebensgrundlage weg.

„Unser“ Eisbär, „mein“ Eisbär: Dieses Foto hängt bei mir seit sechs Jahren groß über dem Bett

Leichtsinnigerweise hatten schon beim Hinflug einige Teilnehmer davon gesprochen, im Nordpolarmeer schwimmen gehen zu wollen. Expeditionsleiter Troels schnappte die Worte auf und nahm die Ankündigung beim Wort. Er schlug also einen Kiesstrand für ein kurzes Bad vor. Es muss für unsere Führer ein seltsamer Anblick gewesen sein, 18 Jugendliche im Arktischen Ozean schwimmen zu sehen. Und wir waren wirklich tapfer, oder besser gesagt verrückt genug, um unsere Kleidung bis auf die Unterwäsche abzulegen und für ein paar Sekunden mit dem ganzen Körper ins Wasser zu gehen. Wassertemperatur: 1 Grad – Ja, da zieht’s Dir wirklich ALLES zusammen ;) Schreiend trockneten wir uns schnell ab und fuhren mit den Schlauchbooten zum Schiff zurück, um entweder gleich die schiffseigene Sauna aufzusuchen oder warm zu duschen.

Eiskalte Sekunden im Nordpolarmeer: Der einzige Moment, wo wir uns mehr (!) Klimaerwärmung gewünscht hätten ;)

Am Morgen des 18.06. verließen wir die „Alexey Maryshev“ nach sieben ereignisreichen Tagen auf dem Arktischen Ozean wieder. Der folgende Nachmittag hielt dann aber noch ein weiteres Highlight für uns bereit: Wir fuhren mit Booten von Longyearbyen zu den norwegischen Thronfolgern, Kronprinzessin Mette-Marit von Norwegen und Kronprinz Haakon Magnus. Der norwegischen WWF-Begleiterin war es gelungen, ein Treffen mit den beiden zu arrangieren. Und das obwohl oder gerade weil sie zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit ihren Kindern Urlaub auf Spitzbergen machten. Völlig abgeschieden und ohne Elektrizität. Wir freuten uns, ihnen während unseres zweistündigen Treffens von unserem Anliegen berichten zu können und waren beeindruckt, wie schlicht eine Königsfamilie Urlaub macht. Wegen starkem Wellengang wurde die Rückfahrt nach Longyearbyen zu einem ziemlich schmerzhaften aber auch lustigen Trip nachdem das Motorboot mehr sprang als fuhr.

„Nice to meet you, Mette-Marit!“

Am nächsten Tag flogen wir zurück nach Oslo, um am 20.06. nach einem letzten gemeinsamen Frühstück die norwegische WWF-Zentrale zu besuchen. Hier besprachen wir unser weiteres Vorgehen für den Klimaschutz in den Heimatländern ehe wir uns dann voneinander verabschieden mussten. Alle fühlten sich in dieser einzigartigen internationalen Gruppe sehr wohl und so wurde es ein emotionaler Abschied mit vielen Tränen. Wir Deutschen fuhren als eine der ersten Delegationen zum Flughafen und traten unsere Heimreise an.

Doch mit der Rückkehr nach Deutschland endete natürlich nicht meine „Klima-Arbeit“, sie ging erst richtig los. So erklärte ich Schülern und Studenten bei Workshops die Hintergründe des Klimawandels und erarbeitete gemeinsam mit ihnen, wie jede(r) Einzelne im Alltag etwas für’s Klima tun kann. Außerdem war ich bei der UN-Klimakonferenz 2008 im polnischen Posen vor Ort und berichte seither hier in der Community über die jährlichen Konferenzen. Und, das Wichtigste: Ich versuche gemeinsam mit Euch Aufmerksamkeit auf den Klimawandel zu lenken und für schnellen, umfassenden und nachhaltigen Klimaschutz zu trommeln. Diese Aufgabe ist so groß und so wichtig, dass jede(r) mit seinen individuellen Stärken und seinem Herzblut gebraucht wird. Deshalb freu‘ ich mich über jede(n) der sich auch für’s Klima einsetzt. Wir haben noch viel vor!

Die Reise in die Arktis, wo sich der Klimawandel besonders gravierend auswirkt, war für mich eine unglaublich intensive und eindrucksvolle Zeit mit vielen prägenden Momenten und bleibenden Erinnerungen. Mir war der Klimaschutz zwar schon zuvor wichtig, aber diese Tage haben mich nochmal darin bestärkt, mich dafür einzusetzen, dass unser Klima und damit auch unsere Zukunft geschützt werden.

Ein kleines Klima-Filmprojekt aus dem Jahr 2012

Außerdem war die Voyage der Startpunkt für mein Engagement beim WWF und, sobald es sie gab, bei der WWF Jugend. Und so hat eine „Einfach mal probieren“-Bewerbung zu vielen interessanten und netten Begegnungen geführt. Angefangen bei Marcel, Greta und Timm über meine „Arctic Family“ bis hin zu vielen spannenden Menschen hier in der WWF Jugend, von denen einige längst einen festen Platz in meinem Freundeskreis haben.

Fotogalerie:

Kurz nach der Ankunft auf Spitzbergen wird erstmal Impro-Theater gespielt 

Erster Spaziergang auf Spitzbergen

Vorstellungsrunde in der Uni von Spitzbergen in unseren schicken Fleece-Jacken (© Sindre Kinnerød (WWF))

Selbsterklärend: Der Eisbär

Sieht fast schon süß aus, das größte an Land lebende Raubtier der Welt

Der Eisbär hat's uns vorgemacht: Im Nordpolarmeer lässt sich's prima baden

Gletscherwanderung

Eine entspannte Robbe

Meine „Arctic Family“

In diesen Anzügen ging's zu Mette-Marit und Haakon

 

Die norwegischen Thronfolger machen bei unserer "Greenfinger"-Aktion mit

Gruppenbild mit Royals

Ein Polarfuchs in Longyearbyen, nachts um halb 2

Infos zur Voyage gibt es auch hier

 

Wer letzte Woche den Rückblick auf die Jubiläums-Feier des WWF 2013 verpasst hat, kann hier Marcels Bericht nachlesen.

Fotos: © Sindre Kinnerød (WWF), J. Barthelmeß

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Kommentare (6)
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12.06.2014
Sunlight hat geschrieben:
Wow, das ist so ein schöner Bericht...! (mit wunderschönen Bildern!)
Danke, dass Du uns mit auf Deine Reise in die Arktis genommen hast, dass Du uns an Deinen eindrucksvollen Erlebnissen teilhaben lässt und dass Du hier von Anfang an und vor allem so aktiv dabei bist!! :)
12.06.2014
Ronja96 hat geschrieben:
Danke für diesen tollen Bericht! Das müssen unglaubliche Erfahrungen gewesen sein. Mit deinem Bericht und den Fotos kannst du einen echt neidisch machen. =)
12.06.2014
Jayfeather hat geschrieben:
Wow, das muss echt eine unglaubliche Erfahrung gewesen sein!
12.06.2014
Gluehwuermchen hat geschrieben:
Danke lieber Johannes für diesen tollen Rückblick. Das muss eine Wahnsinnserfahrung für dich sein, die du nie mehr vergessen wirst! Schön, dass du fester Bestandteil der WWF Jugend bist! :-)
11.06.2014
Marcel hat geschrieben:
Unglaubliche Eindrücke! Danke für diesen wundervollen Rückblick, Johannes, auf die allererste WWF Jugend Aktion! Eine WWF Jugend Aktion, obwohl es damals die WWF Jugend noch nicht so richtig gab... :) Verrückt! Und vielleicht gerade deshalb typisch für uns. :) Seitdem bist Du ununterbrochen für uns da und wirklich unverzichtbar als Klimabotschafter! Danke, dass Du uns so treu und so stark unterstützt! Klimaschutz ist alles andere als langweilig oder hoffnungslos - das hast Du uns immer unermüdlich gezeigt. Und deshalb hoffen wir, dass Du auch weiterhin an Bord bleibst. ;)
11.06.2014
Cookie hat geschrieben:
Das ist ein unglaublich schöner Bericht, Johannes! Danke, dass du deine Erinnerungen und die beeindruckenden Fotos mit uns teilst! :)
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