Wir sind Changemaker!


Wir


probieren's aus!


Es gibt kein richtiges Leben im Falschen – Grenzen des ökologischen Handelns


von Ivonne
02.05.2016
1
12
55 P

Immanuel Kant sagte einmal: „Menschen sind aus krummen Holz geschnitzt.“ Auf den Diskurs über Nachhaltigkeit bezogen, könnte man diese philosophische Überlegung mit folgender Geschichte erklären:

Ich klebe auf meinen Briefkasten einen Zettel, auf dem steht, dass hier bitte keine Werbung eingeworfen werden soll (da ich ja gegen Konsumwahn und Papierverschwendung bin). In Klammern setze ich allerdings die Ausnahme: „Außer Werbung für Schuhe“ (weil ich Schuhe unwiderstehlich finde).  

Irgendwie widersprüchlich, oder? Aber so sind wir Menschen nach Immanuel Kant eben.

Aber eigentlich soll es in diesem Artikel gar nicht um innere Widersprüche gehen! Ich habe das Gefühl, es sind oft die Widersprüche zwischen unseren individuellen Bestreben und den gesellschaftlichen Strukturen um uns herum, die uns Schwierigkeiten bereiten auf dem Weg hin zu einer nachhaltigeren Welt.  

Was meine ich damit genau?

Am besten erkläre ich das an einem Beispiel, das Uta von Winterfeld uns in ihrem Vortrag beim 2°Changemaker Seminar über das Thema „Ambivalenz zwischen individuellem Handeln und gesellschaftlichen Strukturen“ mitgebracht hat. Uta von Winterfeld ist Politikwissenschaftlerin und seit 1993 Wissenschaftlerin am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie und leitet dort den Bereich zukünftige Energie- und Mobilitätsstrukturen.

Wuppertal ist berühmt für seine Schwebbahn. Und just an Wuppertals Markenzeichen lässt sich auch die oben erwähnte Widersprüchlichkeit erklären:

Die Wuppertaler Schwebebahn ist eine sehr alte Konstruktion. Dementsprechend erfährt sie immer wieder Wartungsarbeiten. So auch jüngst der darin eingebundene Bahnhof Völklinger Straße. Während der Sanierungsarbeiten war der Bahnhof Völklinger Straße für niemanden zugänglich: stillgelegt. Nun fiel Uta von Winterfeld aber auf, dass dort trotz der Stilllegung bei anbrechender Dunkelheit alle Lichter brannten.

Für wen denn aber, wenn der Bahnhof nicht in Nutzung war und auch die Bauarbeiter schon längst Feierabend hatten? Uta von Winterfeld wollte handeln und erkundigte sich: wer ist zuständig für das Licht? Kann man das Licht nicht ausschalten?

Sie bekam folgende Antworten: So einfach sei das nicht. Das Licht für die Wuppertaler Schwebebahn wird gebündelt über einen zentralen Energieversorger außerhalb von Wuppertal gesteuert. Soll heißen: entweder brennen alle Bahnhofslichter der Wuppertaler Schwebebahn oder keins. Für den Fall, dass alles normal funktioniert, mag diese pragmatische Regelung durchaus Sinn machen. Aber im Fall der Bauarbeiten am Bahnhof Völklinger Straße zeigen sich ganz schnell auch die Nachteile und Grenzen. Nun, was könne man denn dagegen tun, fragte sich Uta von Winterfeld? Sie fand heraus, dass die einzige theoretische Möglichkeit wäre, jeden Abend und jeden Morgen eine Person zur Völklinger Straße zu schicken, die das Licht dort individuell an- und ausschaltet. Aber: wer bezahlt diesen Aufwand? Da ist die Variante Licht brennen lassen am Ende doch preiswerter. Alles bleibt beim Alten!

Die Geschichte zum Bahnhof Völklinger Straße zeigt, dass individueller ökologischer Aktionismus oft an strukturelle Grenzen stößt. Uta von Winterfeld spricht hier auch von „Spannungsverhältnissen, in denen sich Menschen in ihrer gesellschaftlichen Umgebungslandschaft befinden.“ Hierzu zählt Winterfeld beispielsweise auch: „Immer noch vehement wird das Hohe Lied des Wachstums gesungen – doch der Natur zuliebe sollen Konsumentinnen und Konsumenten weniger verbrauchen.“

„In den 1990iger Jahren ist der Beitrag individuell ökologischen Konsums zur „Weltrettung“ enorm betont worden. Doch dieser Verantwortung auf der individuellen Seite haben keine Handlungsmöglichkeiten auf der strukturellen Seite korrespondiert“, so Winterfeld. „Menschliches Handeln […] findet [nämlich] in sozialen Verhältnissen und Strukturen statt.“ Ökologisches Handeln sei quasi eine Art Kunst des „richtigen“ Verhaltens in „falschen“ Strukturen, so Winterfeld weiter. Inspiriert habe sie zu diesem Titel die Aussage des deutschen Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

 

Die Schlussfolgerung der Gedanken bis hierhin wäre also: wir müssen vor allem die Strukturen ändern, um das richtige Leben im Richten führen zu können?

Am Beispiel des Bahnhofs Völklinger Straße hieße das ja, dass Uta von Winterfeld nach der scheinbaren Unlösbarkeit des Problems auf individueller Ebene noch nicht hätte aufgeben müssen. Und das tat sie auch nicht: sie suchte das Gespräch mit der Lokalpolitik. Aber auch hier wieder neue Grenzen und Hürden. Denn Spannungsfelder und Widersprüche ziehen sich auch durch die Politik selbst, so Winterfeld. Es kann leider nicht „einfach gehofft werden […], die Politik werde das Defizit an individuellen ökologischen Handlungsmöglichkeiten schon ausgleichen." Hier bezieht sich Uta von Winterfeld vor allem auf ein Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen (WBGU) von 2011. Der WBGU nennt vier Politikblockaden für nachhaltige und klimagerechte Transformationsprozesse:

 • Kurzfristorientierung gepaart mit verzögernder Politik: oft wird nur in Zeithorizonten von Legislaturperioden gedacht und langwierige Prozesse ausgesessen und immer wieder verschoben.

Interessen- und ideologiegeleitete Differenzen: Die aus der Hochzeit der Industrialisierung stammende Lobby- und Interessengruppen verfügen über eine besonders hohe Verbändemacht und informelle Einflussmöglichkeiten.

Institutionelle Fragmentierung in Verbindung mit mangelnder Kohärenz und Koordination: Eine Politik, die „niemanden Weh tun möchte“ schafft Inkohärenz, wenn beispielsweise Erneuerbare Energien genauso vorangetrieben wird wie die Förderung von fossiler Energie.

Repräsentationsdefizit und mangelnde Akzeptanz: Stimmungslagen zugunsten einer nachhaltigen Umwelt verbleiben häufig im „vorpolitischen“ Raum. Bürgerinnen und Bürger werden bei Transformationsprozessen außen vorgelassen.

Diese Blockaden müssen dringend gelöst werden, denn politische Strukturen „fallen nicht vom Himmel und sind nicht per se da. Sie haben sich entwickelt und sind entwickelt worden, sie sind im Zuge historischer Auseinandersetzungen entstanden“, so Winterfeld. Sie können also auch geändert werden. Der WBGU schlägt vor: Politik müsse weitaus vorausschauender werden, um die Sicherung der Lebensbedingungen und –grundlagen zukünftiger Generationen zu sichern; das globale Gemeinwohl müsse über Partikularinteressen stehen, die bis heute das Politiksystem zu sehr dominieren.

Heißt das nun am Ende der Geschichte, wir sind vom individuellen Aktionismus befreit, solange sich Strukturen nicht ändern?

Nein!

Veränderungsprozesse sollten meiner Meinung nach mehrdimensional verstanden werden. Veränderung beginnt bei uns ganz persönlich, Veränderungsprozesse manifestieren sich aber auch genauso durch das Zugehörigkeistgefühl zu Gruppen. Veränderung wird ebenso objektiv durch Informationssysteme und Bildung angestoßen und Veränderung findet schließlich auf struktureller, politischer Ebene statt.

Bezogen auf die Debatte darüber, wie eine gesellschaftliche Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit funktionieren kann, ist ein Bewusstsein darüber hilfreich, dass Veränderung nicht nur auf individueller, sondern auch auf struktureller Ebene stattfinden muss.

Abschließen möchte ich diesen doch recht theoretischen, philosophischen Artikel mit einer weiteren sehr interessanten Frage, die Uta von Winterfeld stellt: „Welche Menschenbilder wohnen eigentlich dem Naturschutz selbst inne? Sind Menschen beispielsweise „Störfaktoren“ (die der per se intakten und sich selbst regulierenden Natur „Schlechtes“ tun) oder „Teilhabende“ und Kultur- und Naturlandschaften mit Gestaltende?“

 

Was denkt Ihr? Habt Ihr auch schon mal das Gefühl gehabt, das richtige Leben im Falschen zu führen? Seid ihr auch schon mal an strukturelle Grenzen gestoßen, was Euer ökologisches Handeln betrifft? Welches Menschenbild sollte im Naturschutz vorherrschen?

Ich freue mich über Eure Kommentare!

 

Zitate von Uta von Wintefeld entnommen aus: Vom Politischen Wesen – oder: Warum individuelle Tugend den Globus nicht rettet Eine Erzählung entlang von Ambivalenzen und Widersprüchen von Uta v. Winterfeld

Bilder in chronologischer Reihenfolge: Grenzen flickr cc Rosmarie Voegtli; Briefkasten cc Ivonne Drößler/WWF; Wuppertaler Schwebebahn flick cc Metro Centric; Völklinger Straße c Uta von Winterfeld; Alt flickr cc Julian Montoya; Konsum flickr cc Bananenfalter; Richtige im Falschen flickr cc Bibliothèque des Champs Libres; Paragraph flickr cc Acid Pix; Menschenbild flickr cc Renaud Camus.

Weiterempfehlen

Kommentare (1)
Um einen Kommentar zu schreiben einfach registrieren oder einloggen.
03.05.2016
Anticap hat geschrieben:
Hallo Ivonne,
Der Artikel ist wirklich gut. Ich hab mir vorher darüber noch nie viele Gedanken gemacht, deswegen finde ich deine abschlussfragen wichtig. Ich denke schon, dass der Mensch mit der Natur im Einklang leben kann (er ist ja Teil der Natur), allerdings müsste er sich dabei bewusst sein, dass er jederzeit bei übermäßigen Konsum zu dem gefürchteten Störfaktor Werden kann.
Den Zwiespalt kennt glaube ich jeder, selbst wenn das ökologische Handeln nur gegen eine gesellschaftliche Norm verstößt (also Nachhaltigkeit oder größere gesellschaftliche Akzeptanz).
Mit lieben Grüßen,
Pia
Login
E-Mail


Passwort


Kostenlos registrieren
Mitglied werden
Mitglied des Monats
teaser_220.png


Deine Ansprechpartner
Marcel
Marcel Gluschak
WWF Jugend Community Manager
zum Profil
Luise
Luise Neßler
WWF Jugend Community Moderatorin
zum Profil
MarcelB
Marcel Brüssow
WWF Jugend Redaktion
zum Profil
Ronja96
Ronja Post
WWF Jugend Aktionsteamer
zum Profil
HannahFee
Hannah Fesseler
hilft dir bei technischen Fragen
zum Profil
AndreaRentschler
Andrea Rentschler
hilft dir bei Fragen zur WWF Jugend Mitgliedschaft
zum Profil
NicoleB
Nicole Barth
hilft dir bei Fragen rund um die WWF Jugend Camps
zum Profil
Folgen und mit Freunden teilen