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Divestment – Keine Kohle für Kohle


von Sunlight
13.08.2016
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Geld regiert die Welt, wie es immer so schön heißt. Tagtäglich werden milliardenschwere Investitionen getätigt. Doch welche Rolle spielt die Umwelt dabei? Oft genug werden ökologische und ethische Faktoren bei Geldgeschäften ausgeblendet oder unter den Tisch fallen gelassen. Dabei kommt jede*r einzelne ins Spiel. Unser aller Aufgabe ist es, Augen und Ohren offenzuhalten und zu prüfen, was tatsächlich mit unserem Geld passiert, wo es angelegt und investiert wird. Auch, wenn es oft gar nicht so einfach ist, an diese Informationen heran zu kommen.
Als VWL-Studentin interessieren mich Finanzströme ganz besonders. Deswegen habe ich mich diesem komplexen Thema in meinem 2°Changemaker-Projekt gewidmet und eine Divestment-Kampagne an meiner Uni geplant.

Was genau ist eigentlich Divestment? Um das 2°Limit einzuhalten, sind eine Abkehr von fossilen Energieträgern und stattdessen Investitionen in erneuerbare Energien sowie ein Wandel in den gesellschaftlichen Institutionen notwendig. Eine Möglichkeit dazu ist es, den fossilen Energien ihre Finanzierungsquellen zu entziehen, also zu deinvestieren. Denn viele Unis, Städte, Kommunen, Kirchen oder andere Institutionen investieren direkt oder indirekt z.B. in RWE, Shell oder Gazprom. Divestment ist das Gegenteil einer Investition. Es bedeutet, dass man sich von Aktien, Anleihen oder Investmentfonds trennt, die unökologisch oder unter ethischen Gesichtspunkten fragwürdig sind. Da Investitionen in fossile Brennstoffe ein Risiko für Investoren und für den Planeten darstellen, habe ich mich entschieden, an meiner nächstliegenden Institution – meiner Uni – eine Divestment-Kampagne durchzuführen.
Es gibt bereits eine weltweite Divestment-Bewegung und diese Fossil Free-Bewegung wird von einer breiten Basis tausender Graswurzelaktivist*innen angetrieben, die ihre Institutionen dazu auffordern, aus fossilen Brennstoffen zu deinvestieren. Koordiniert wird dies auf internationaler Ebene von der Organisation 350.org. Erfolge hat die Fossil Free-Bewegung z.B. in der Stadt Münster oder der evangelischen Kirche Hessen-Nassau mit einer vollständigen Deinvestion oder bei der Allinaz mit einer anteiligen Deinvestition bereits erzielt, weltweit haben insgesamt schon 505 Institutionen deinvestiert.

Anstatt lang und breit zu erläutern, wie ich bei meinem Projekt vorgegangen bin, möchte ich Dir einen Leitfaden an die Hand geben, um Deine eigene Divestment-Kampagne an Deiner Uni auf die Beine zu stellen! Dabei werde ich meine Erfahrungen einfließen lassen und meine Tipps mit Dir teilen. Ganz grob habe ich mich am Leitfaden von Fossil Free orientiert, allerdings musste ich deutlich kleinschrittiger vorgehen und mir kleinere Ziele setzen. Betonen möchte ich noch, dass sich diese Schritte kaum nacheinander abarbeiten lassen, sondern meist parallel an verschiedenen Stellschrauben gedreht werden sollte, um den fossilen Energieträgern den Geldhahn abdrehen zu können ;)

1. Kontakt zur Fossil Free Ortsgruppe
In meinem Fall gab es vor einiger Zeit schon mal eine Fossil Free-Initiative für die Stadt, in der sich auch meine Uni befindet. Diese Gruppe hatte sich zwar leider aufgelöst, ich bekam durch Telefonate mit ehemaligen Gruppenmitgliedern aber Zugang zu den damaligen Rechercheergebnissen und Tipps für meine Kampagne. Außerdem erhielt ich Kontaktdaten von Ansprechpartner*innen bei Fossil Free Deutschland und bei der Greenpeace-Ortsgruppe in meiner Stadt.
Tipp: ggf. könnt Ihr auch versuchen, eine eigene Fossil Free-Gruppe an Eurer Uni zu gründen! Eine Übersicht über alle bestehenden Gruppen findet Ihr hier!

2. Recherche zur Finanzsituation an der Uni
Folgende Fragen hatte ich von Johannes Berliner, meinem Paten beim WWF, an die Hand bekommen und bin ihnen nachgegangen:
1. ob es sich um eine öffentliche Uni handelt
2. welche Rechtsform die Uni hat
3. wer für Finanzen und Geldanlagen zuständig ist
4. wo und wie das Geld angelegt wird
5. eventuell ob es Kriterien für die Geldanlagen gibt
6. ob sie andere Einnahmequellen außer die Mittel vom Bund und vom Land haben.
Vor allem der vierte Punkt – die Bilanz zu erhalten – erwies sich als äußerst schwierig, da sie nicht öffentlich online verfügbar war, weswegen ich erst mal Kontakt zum Finanzdezernat aufnehmen musste, aber dazu später mehr.
Tipp: Bei der Recherche kann es hilfreich sein, wenn Du Dir ein kleines Team von Gleichgesinnten suchst, die Dich bei der Recherche unterstützen!

3. Netzwerk aufbauen
Wie Dein Netzwerk konkret aussieht, ist sicher von den individuellen Gegebenheiten abhängig. Mein Netzwerk hatte verschiedenste Anknüpfungspunkte und Gesichter:
• Johannes Berliner vom WWF Deutschland, Fachbereich Sustainable Finance
• Tine Langkamp von 350.org, Campaignerin Deutschland
• Ehemalige Mitglieder der Fossil Free-Initiative meiner Stadt
• Greenpeace-Ortsgruppe meiner Stadt, dort habe ich meine Idee vorgestellt sowie Tipps und Unterstützungsangebote für die Recherchephase bekommen
• Freund*innen, die an anderen Unis bei Fossil Free aktiv sind und mir berichten konnten, wie die Kampagnen bei ihnen abgelaufen sind
• Finanzdezernat meiner Uni (dort war es gar nicht so einfach, einen Ansprechpartner und eine Mailadresse zu finden)
Tipp: ggf. kannst Du noch Dozent*innen und Kommiliton*innen um Unterstützung bitten, hier mangelte es mir nur leider an Ansprechpartner*innen. Auch Hochschulgruppen, Fachschaften, die Grüne Jugend o.ä. Jugendverbände können Dich vielleicht unterstützen. Während meiner Projektphase habe ich mich auch beim Netzwerk Plurale Ökonomik engagiert und könnte mir vorstellen, dass es möglich wäre, auch von dort Unterstützung für die konkrete Kampagne zu erhalten.

4. Anfrage an das Finanzdezernat
Dieser Punkt erwies sich bei mir am schwierigsten. Da die Bilanz meiner Uni nicht online verfügbar war, musste ich im E-Mailverkehr mit dem Finanzdezernat meine Motivation erläutern und um die Bilanz bitten. Hier gibt es zwei Möglichkeiten vorzugehen: man kann freundlich Interesse an der Bilanz bekunden, da es einen als Stakeholder der Uni interessiert, was mit dem Geld passiert oder man kann auf Konfrontation gehen und Druck machen, indem man auf die Umweltinformationspflicht verweist. Ich habe zunächst ersteren Weg gewählt, um mir an der Uni keine Türen zu verschließen und hinterher ohne Bilanz dazustehen. Dies ist leider nicht aufgegangen und hat trotzdem dazu geführt, dass ich die Rückmeldung erhalten habe, dass mir vorerst keine Bilanz zur Verfügung gestellt werden kann und noch darüber beraten wird, ob dies grundsätzlich möglich ist.

Damit war mein Projekt vorerst beendet. Denn ohne Bilanz weiß ich nicht, ob meine Uni in fossile Energieträger investiert. Und ohne das zu wissen, kann ich auch nicht fordern, dass deinvestiert werden soll.

5. Wie geht es weiter?
Ab September werde ich ein Auslandssemester machen und mein Divestment-Projekt nicht aktiv weiter verfolgen können. Ich werde aber ein Fact Sheet erstellen, mit allen Infos und Ansprechpartner*innen, die ich für meine Uni herausgefunden habe und dieses Fact Sheet mit Greenpeace und Fossil Free teilen. Außerdem versuche ich gerade, Kontakte zum Asta zu knüpfen. Ich hoffe, dass sich bestenfalls jemand aus diesen drei Gruppen in meiner Abwesenheit um die Beschaffung der Bilanz kümmern wird, sodass wir dann in einem halben Jahr mit der konkreten Kampagne durchstarten können. 

6. Forderung nach Divestment
Wenn es Euch gelingt, die Bilanz zu erhalten und Ihr feststellt, dass Eure Uni in fossile Energieträger investiert, steht der Forderung nach Divestment nichts mehr im Wege. Dann ist es nur sehr wichtig, dass Ihr vorher die Studierendenschaft und somit die Öffentlichkeit mobilisiert (z.B. mit einer Petition, Podiumsdiskussion oder Infoabenden). Orientiert Euch bei Eurer Forderung nach Divestment am besten an erfolgreichen Beispielen, z.B. aus Münster oder Berlin!

Was hätte besser laufen können?
Neben Studium, Job und diversen Ehrenämtern konnte ich mich nicht immer in dem Maße meiner Divestment-Kampagne widmen, wie ich es gerne gemacht hätte. Zum Beispiel ein Rechercheteam oder eine eigene Fossil Free-Gruppe zu gründen, wäre sicherlich hilfreich gewesen, wenn ich dazu die zeitlichen Kapazitäten gehabt hätte. Mein Hauptproblem waren aber die bürokratischen Hürden meiner Uni bzw. die Weigerung, mir die Bilanz zur Verfügung zu stellen, womit ich in diesem Maße nicht gerechnet hatte.

Was lief wunderbar? Besonders hilfreich war für mich immer wieder der Austausch mit Gleichgesinnten. Ganz besonders dankbar bin ich hier für die Telefonkonferenzen mit meinem Paten Johannes Berliner, aber auch mit Birgit Eichmann vom WWF. Auch die Tipps von Freund*innen, die an anderen Unis bei Fossil Free aktiv sind, von Greenpeace und die Tipps von Tine Langkamp von Fossil Free Deutschland waren für mich sehr hilfreich und schwunggebend. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle, die mich unterstützt haben!!

Alles in allem lief meine Divestment-Kampagne also anders als erhofft, da ich die Bilanz meiner Uni in diesen fünf Monaten nicht erhalten konnte. Trotzdem habe ich sehr viel gelernt und bin vor allem sehr glücklich über das große Netzwerk, das ich mir in dieser kurzen Zeit aufbauen konnte. Somit bin ich sehr motiviert, nach meinem Auslandssemester die Bilanz doch noch aufzutreiben oder zumindest Nachfolger*innen zu finden, die meine Uni doch noch zum Divestment bringen.
Hast Du Fragen oder Anregungen zu Deiner oder meiner Divestmment-Kampagne? Dann melde Dich jederzeit gerne bei mir! :)
In diesem Sinne, lasst uns der Kohle die Kohle entziehen und an so vielen Unis, Schulen und Städten wie möglich Divestment-Projekte umsetzen!

*********************

Hast Du eine eigene Projektidee? Oder möchtest Dich von anderen Ideen mitreißen lassen? Dann bewirb Dich noch schnell bis zum 15.08. als 2°Changemaker! Hier hast Du die Chance, ganz intensiv die Grundlagen des Projektmanagements zu lernen und direkt in Deinem eigenen Projekt anzuwenden! Insbesondere die direkte Unterstützung durch die Paten und Gleichgesinnte war für mich eine einmalige Erfahrung. In diesem Sinne: „Sei die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt“ und werde Changemaker! :)


Bilder: 
Arnold Morascher
Graphik: http://gofossilfree.org/de/resources/

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Kommentare (5)
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Sortieren nach Aktualität:
24.08.2016
Sunlight hat geschrieben:
Danke Dir, Luisa :)
Dann hast Du ja direkt schon eine Projektidee, wenn Du anfängst zu studieren ;)
24.08.2016
GreenLulu hat geschrieben:
Dein Projekt ist wirklich klasse Lisa. Es ist spannend zu lesen, was für Erfahrungen du gemacht hast. Schade, dass dir die Bilanz nicht gegeben wurde. Ich finde es toll, dass du nach deinem Auslandssemester weiterhin versuchen möchtest, deine Uni zum Divestment zu bringen. Ich wünsche dir dafür viel Erfolg und Kraft. Der Leitfaden ist sehr hilfreich. Damit kriege ich direkt mehr Motivation, auch eine Divestment-Kampagne zu starten.
18.08.2016
Sunlight hat geschrieben:
Vielen Dank für Eure lieben Kommentare und guten Wünsche, Ronja und Anne! :))

@Anne: Klasse, dass Du den Leitfaden direkt an Deiner Uni zur Anwendung bringen willst! :)

@Ronja: Vielleicht hast Du ja sogar Lust, die Kampagne an besagter Uni (die hier nicht namentlich genannt werden darf!), dann sogar aktiv zu unterstützen? ;)
18.08.2016
Ronja96 hat geschrieben:
Ein wirklich tolles Projekt! Echt schade, dass sich das Finanzdezernat da so in den Weg stellt. Ich drücke dir auf jeden Fall die Daumen, dass du nach deinem Auslandssemester richtig durchstarten und die Kampagne erfolgreich umsetzen kannst.
17.08.2016
Cookie hat geschrieben:
So ein tolles Projekt und so schade, dass es von bürokratischen Hürden so aufgehalten wird. Vielen Dank für deinen Bericht! Ihn als Leitfaden zu gestalten, finde ich super, sollte ich nächstes Semester mal mit zum Umweltreferat meiner eigenen Uni bringen. :)
Ich wünsche dir eine wundervolle Zeit in der Schweiz und hoffe, dass du danach richtig mit deiner Divestment-Kampagne durchstarten kannst!
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