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© Dagmar Heene / WWF
Wertschätzung und Spaß beim Essen - Interview mit Ernährungsexpertin des WWFs Tanja Draeger de Teran


von Cosima
27.07.2015
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Es ist immer wieder etwas besonders für mich, bei einem 2°Campus Event dabei sein zu dürfen. Vor zwei Jahren haben ich selbst an der Schülerakademie teilgenommen und in der Ernährungsgruppe geforscht.

Das dürfen jetzt auch 4 weitere Jugendliche beim 2°Campus 2015.
Nach dem der erste Block im Frühjahr ein voller Erfolg war und vier tolle Forschungsfragen entstanden sind, geht es mit Elan weiter.

Die Ernährungsgruppe sind Felix, Johann, Rebecca und Melanie. Die vier haben sich die Frage gestellt:  Wie können Verbraucher/innen in Deutschland Lebensmittelverschwendung wirkungsvoll reduzieren?

Auch der WWF beschäftigt sich mit dem Thema Ernährung und Lebensmittelverschwendung. Wir haben mit Tanja Dreager de Teran, der Ernährungsexpertin des WWFs gesprochen und ihr einige Fragen gestellt.



Zu aller erst wollen die Jugendlichen wissen, ob das Ziel der EU bis 2020 50% der Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, realistisch ist.
Tanja gibt hierzu ein klares NEIN ab. Bereits 2012 gab es Anträge aus verschiedenen Fraktionen der Bundesregierung aktiver in diesem Bereich zu werden. Doch seitdem ist wenig passiert. Die Kampagne "Zu gut für die Tonne" des Bundesministeriums für Landwirtschaft setzt nur bei den Verbrauchern und den Haushalten an. Das reicht aber nicht. Laut der neuen WWF Studie "Das große Wegschmeißen" fallen schätzungsweise 60% der Lebensmittelverschwendung im Großhandel und der Gastronomie an.
Der Verbraucher spielt eine große Rolle, keine Frage, aber das kann nicht der einzige Ansatzpunkt sein. Politische Rahmenbedingungen für Unternehmen und Caterer setzt die Bundesregierung nicht um.
Ein weiteres Problem bei der Zielsetzung ist, dass es keinen einheitlichen Richtwert gibt, an dem die 50% gemessen werden. Tanja betont immer wieder, dass es auch in Deutschland zu wenige Daten zu tatsächlichen Lebensmittelabfällen gibt. Das meiste sind Schätzungen, die realen Zahlen sind vermutlich höher. Das erkennt man auch daran, dass in Großbritanien und in den Niederlanden genauere Studien zur Lebensmittelverschwendung erschienen sind. Die Zahlen dieser Länder sind um ein vielfaches höher, als der EU Durchschnitt, wie auch in Deutschland. Tanja geht davon aus, dass die tatsächliche Verschwendung nicht wesentlich höher ist, sondern die Zahlen einfach genauer.
Eine Forderung des WWFs ist daher, dass eine bundesweite Datenerhebung erfolgt, wo, wie viel der Lebensmittelverschwendung stattfindet.

Auf die Frage, ob ein Aktionsplan der Bundesregierung die einzige Form von Handeln sein kann, antwortet Tanja ganz klar, dass dies nur eine Form ist.
Zum Beispiel gibt es auch sog. "Runde Tische" mit Unternehmen und Großhandelsakteuren. Auf freiwilliger Basis kann hier viel passieren, doch oft trauen sich mittelständische Unternehmen nicht den ersten Schritt zu gehen, wenn der politische Rahmen fehlt.

Wir halten fest, dass politische Arbeit hier extrem wichtig ist! Die Bundesregierung muss auch Unternehmen und den Handel bei der Lösung beachten und mit einbeziehen.
Doch für jeden einzelnen ist natürlich interessant: Was kann ich tun?


Dabei bekräftigt Tanja erstmal die Sensibilisierung für das Thema und das eigenen Verhalten. Oft unterschätzt man die eigenen Lebensmittelabfälle.
Deswegen kann sie nur empfehlen aufmerksam zu beobachten, was schmeiße ich weg und dann zu überlegen, warum und wie kann ich es ändern.
Zwei typische Beispiele: Man fährt in den Urlaub und hat noch Gemüse, Obst, Joghurt o. Ä. oder man hat zu viel gekocht. Die nächsten Münder wohnen neben an. Einfach bei den Nachbarn fragen, ob sie etwas gebrauchen können. Auch wenn am Anfang Hemmungen da sind, nach einiger Zeit wird das zu Gewohnheit und kann die Nachbarschaft enger zusammen bringen.
Wer seine Nachbarn nicht überfuttern will, kann auch einen Essenskorb vor dem Urlaub auf foodsharing anbieten.

Zwei weitere Tipps sind, einmal nicht mit Hunger, dafür mit Zettel einkaufen gehen und das alt bekannte Restekochen. Mit tollen Apps von Zu gut für die Tonne, Restegourmet oder auch der Resterezeptkategorie von Chefkoch, lassen sich wunderbare Sachen zaubern. Der Kreativität sind beim Kochen keine Grenzen gesetzt. Überrascht eure Liebsten doch mal mit einem Resteessen.



Bei der Online-Umfrage der Ernährunggruppe kam heraus, dass sich viele Menschen mehr Sensibilisierung für das Thema in Schulen und Kindergärten wunschen. Tanja kann das nur bekräftigen. Kochunterricht, Schulgärten, Bauernhofausflüge und ein Einblick in nachhaltige Ernährung sollte in den Schulen wieder mehr Bedeutung bekommen, vor allem bei der Aktualität des Themas im globalen Zusammenhang, worauf ich später noch eingehen werde.
Wichtig bei Schulen ist, dass es viele Akteure gibt, die mit einbezogen werden müssen, um das Thema auch außerhalb des Lehrplans integrieren zu können. Schüler/innen, Lehrkräfte, Schulleitung, Eltern und natürlich die Caterer. Schon alltägliche Sachen, wie Pausenbrot tauschen, anstatt wegwerfen kann hier ein großer Ansatz sein.

Ein erfolgreiches Projekt der Tafel ist das KIMBAmobil. Ein umgebauter Bus wird zur mobilen Küche und zeigt Kindern und Jugendlichen, wie man frisch und gesund kocht.
Wenn du auch gerne ein solches Projekt an deiner Schule umsetzten willst, dann schau hier mal rein. Denn wie auch Tanja erwähnt: Jede Aktion, auch im kleinen Rahmen ist sinnvoll und hilfreich. Wichtig ist dabei immer die Lebensmittelhygiene zu beachten.

Eine Aktion mit etwas größerem Rahmen war der Essensretterbrunch am 4. Juli der Initiative Genießt uns, bei der auch der WWF ein starker Partner ist. Die Aktion war sehr medienwirksam und mit über 2.500 verteilten Essen aus geretten Lebensmitteln wurden viele Menschen erreicht. Das Format der Schnippeldisko, welches eher für Jugendliche auslegt ist, wurde so zu einem Familienevent gewandelt. Besonders prägend sind solche Erlebnisse natürlich, wenn man direkt sieht, das all das Essen und auch die Zwiebel die man gerade schält, weggeworfen worden wäre.



Die Produktion von Lebensmitteln verbraucht natürlich auch Ressourcen und Fläche. Wie sinnvoll nutzen wir gerade unsere Agrarfläche in Deutschland?
17 Mio ha stehen uns im eigenen Land zur Verfügung. Weitere 5 Mio ha an Fläche nutzen wir aus anderen Ländern, das nennt man Flächenimport. 72% dieser Fläche wird für die Produktion von tierischen Nahrungsmitteln verwendet: Milch, Käse, Eier, Fleisch etc. Die anderen 28% gehen auf pflanzliche Erzeugnisse, wie Obst, Gemüse und Biospritmaterial zurück. Deswegen lautet die Devise: Wenig tierische Produkte und dafür qualitativ hochwertiger (bio, demeter, Weidelandhaltung...)
Die DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.) empfiehlt als gesunde Menge mindestens 50% weniger Fleisch zu essen, als die Deutschen es heute mit 86kg im Jahr  tun.
Alleine mit der Orientierung an diesem Wert hätten wir die Möglichkeit unsere Agrarfläche anders  nutzen, denn eins stet fest: So wie wir uns heute ernähren, kann es der Rest der Welt uns nicht nach machen. Mit der andauerden Hungerproblematik muss sich auch Deutschland weiterhin dem Thema stellen.

Immer lauter wird die Forderung für ein Gesetz, welches Supermärkte verpflichtet, ihre Lebensmittelabfälle zu spenden oder komplett zu kompostieren, wie es in Frankreich verabschiedet wurde.
Das klingt erstmal gut, doch bei genauerer Betrachtung gibt es auch dort Kritikpunkte. Zum einen sind die Tafeln eine durch ehrenamtliche Strukturen organsisiert, das heißt, dass sie die Flut an Lebensmitteln, die sie dadurch bekommen, garnicht bewältigen können. Zum anderen wird die Ursache des Problems nicht behoben. Natürlich wollen wir eine bessere Verwendung des Lebensmittelausschusses, aber vor allem wollen wir weniger Überproduktion. Deswegen ist es wichtig die gesamte Wertschöpfungskette eines Produkts zu betrachen, um festzustellen an welchen Punkte eine Verschwendung stattfinden und wie sie zu verringern ist.
Eine weitere Möglichkeit der Politik ist, ihre Subventionen anders zuverteilen. Finanzzuschüsse für Stallbauten in der Massentierhaltung führen zu absurd geringen Fleischpreisen. Das geht nicht! Da muss sich die Poltik ihrem Handlungsspielraum und Gewissen stellen.
Fleisch kann nicht billiger sein als Gemüse und Obst. Auch Besteuerung kann hier eine Möglichkeit sein.

Die vier Jungs und Mädels hatten viele Fragen und das Gespräch war wirklich interessant.
Abschließend sagt Tanja, dass es vor allem um Wertschätzung der Lebensmittel geht und dass Essen Spaß machen muss.
Das sind die zwei wichtigsten Aspekte. Da kann ich nur zustimmen.

Wir bedanken uns für das gute Interview und gehen gut gelaunt in die Mensa der Humbolt Universität Berlin, um weiter mit dem Mensaleiter zu sprechen.
Darüber und ihre Forschungsergebnisse wird euch die Ernährungsgruppe noch mehr berichten.

Nun seid ihr dran: Wie viel Lebensmittel schätzt ihr schmeißt ihr weg und warum?
Schreibt das gerne in die Kommentare.

Außerdem bleibt dran und verfolgt den 2°Campus. Es bleibt spannend :)

Bilder by A. Morascher/WWF


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Kommentare (2)
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Sortieren nach Aktualität:
10.08.2015
Ivonne hat geschrieben:
Wirklich super zusammengefasst! Lebensmittelverschwendung ist ein sehr brisantes und emotionales Thema. Den Tipp mit den Nachbarn fand ich gut. Ich versuche zwar immer vor Urlauben und Reisen alles zu verwerten, aber die nächste Tür ist ja wirklich sehr nahe. :-)
27.07.2015
regentag hat geschrieben:
Danke für den tollen Bericht :) Ist wieder mal eine wichtige und spannende Forschungsfrage! Bin auf die Ergebnisse gespannt :)
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