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© Dagmar Heene / WWF
Vom Untergang der Wikinger in Grönland - oder: wie Kulturwissenschaftler zum Klimawandel forschen


von Ivonne
21.02.2013
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Es war einmal vor rund 1000 Jahren, da bewohnten die normannischen Wikinger Grönland. Aus ihrer norwegischen Heimat übernahmen sie die Tradition der Weidewirtschaft. Bald zeigte sich jedoch, dass die Kuh- und Schweinehaltung sich unter den klimatischen Bedingungen Grönlands sehr schlecht rentierte. Also gingen die Wikinger im Laufe der Zeit zur Jagd auf Robben und Karibus über. Erstaunlich war dabei, dass sie Fisch ganz und gar mieden – eine zur ihrer Zeit in Grönland überreichlich vorhandene Nahrungsquelle. Offensichtlich handelte es sich hierbei um ein kulturell geprägtes Nahrungstabu.

Das alltägliche Leben der Wikinger wurde jedoch nicht nur durch ihre Nahrungsgewohnheiten geprägt, sondern auch durch ihren christlichen Glauben, den sie aus Europa mitbrachten. Trotz der schroffen und kargen Lebensbedingungen und Ressourcenknappheit in Grönland bauten die Wikinger Kirchen aus Holz und schafften das nötige Zubehör wie Glocken, Bronzekerzenständer, Messwein, Schmuck- und Kleidungsstücke heran. Dafür, dass sie in Grönland oft ums schiere überleben kämpften und all ihre Kräfte für die Beschaffung von Nahrungsmitteln brauchten, betrieben Sie einen extrem hohen Aufwand, um ihrer Religion nachzugehen. Und trotzdem: für die Wikinger war der biologische Selbsterhalt genauso wichtig wie die Bewahrung ihrer kulturellen Identität.

Veränderungen in ihren Lebensgewohnheiten– sie hatten die Überlebenstechniken der parallel zu ihnen und bis heute dort lebenden Inuit direkt vor ihren Augen! – kamen nicht in Frage. Letztendlich verschwanden die Wikinger im Jahr 1500 n.Chr. von Grönland und kehrten auch nie wieder zurück. Es klingt banal, aber hätten sie Fisch gegessen und wären sie ihrer Religion mit weniger Ressourcenbedarf nachgegangen, lebten sie dort vielleicht noch heute.

Und die Moral von der Geschicht: „Kulturelle Verpflichtungen machen einen erheblichen Teil jener Gründe aus, aus denen Menschen nicht tun, was sie wissen könnten. […] Aus der Außenperspektive erscheint daher oft als völlig irrational, was aus der Binnensicht der Akteure […] Vernünftigkeit besitzt.“

Imposante Sätze! Und was hat das jetzt mit Klimawandel zu tun? Es ist schwer von der Hand zu weisen, dass es einen allumfassenden, kulturellen Wandel braucht, um den Herausforderungen des Klimawandels gerecht zu werden. Wie sollten wir es sonst schaffen, das 2°Celsius Limit einzuhalten? Die Geschichte der Wikinger zeigt aber, wie schwierig es ist, aus kulturellen Bahnen, Habitus und Lebensgewohnheiten auszubrechen. Erinnert euch an Midoris Artikel „Umweltbewusst? Ja! So leben? Nein Danke!“. Darin ging es um die Schwierigkeit, Wissen auf Handeln zu übertragen. Die Quintessenz der Wikingergeschichte umfasst dieses Dilemma im Prinzip auch, aber sie zeigt darüber hinaus, wie schwer es oft ist, sich überhaupt über Automatismen und Selbstverständlichkeiten bewusst zu werden. Beim energiesparenden Licht an- und ausschalten mag die Reflexion unseres Tuns noch einfach sein, aber die Herausforderung liegt oft in der Veränderung von übergreifenden Strukturen, liebgewonnenen Traditionen und unhinterfragten gesellschaftlichen Mechanismen – all das, was unsere Kultur ausmacht.

Warum ist das so? Was macht unsere Kultur eigentlich so wichtig für uns? Was heißt Kultur überhaupt? Welche verschiedenen Traditionen, Symboliken und Lebensstile verfolgen wir? Mit welchen Handlungsbarrieren sind wir konfrontiert? Wie denkt die Mehrheit in Deutschland eigentlich über den Klimawandel? Und in anderen Ländern? Wie ist ein Kulturwandel im Sinne des Klimawandels möglich ohne unsere kulturelle Identität aufzugeben? Welche Lösungsvorschläge gibt es?

Es würde den Rahmen sprengen, diesen Fragen hier ausführlich auf den Grund zu gehen. Der Artikel soll euch in erster Linie eine Vorstellung davon geben, wie Umweltsoziologen und Kulturwissenschaftler an die Thematik des Klimawandels herangehen.

Aber die ausführliche Geschichte der Wikinger könnt ihr in in dem Kapitel Denn sie tun nicht, was sie wissen des Buches „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie“ von Claus Leggewie und Harald Welzer (zwei Kulturwissenschaftler) nachlesen. Dort findet ihr viele inspirierende Antworten auf die oben gestellten Fragen. Die Lektüre lohnt sich in jedem Fall!

Eure Ivonne aus dem WWF-Team
 

 

 

 

Bilder: Wikingerschiff © flickr_Charles Hutchins; Landschaft in Grönland © flickr_kaet44; "Wikingerfrau" © flickr_Allie Caulfield; Buchcover © WWF/Ivonne

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Kommentare (5)
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25.02.2013
Ivonne hat geschrieben:
Danke für eure interessanten Kommentare!

@ TaniaTukan, ja Jared Diamond ist genau der Autor, den Leggewie und Welzer in ihrem Buch auch zitieren. :-) Danke für den extra Tipp. Ich hatte auch vor, einen Blick in Jared Diamonds Werk zu werfen!

@Carina: ich denke, der Punkt von Leggewie und Welzer ist, dass umweltschädliche Handlungen und Verhaltensweisen eben doch sehr viel mit unserer Kultur zu tun haben. Handlungen und Verhaltensweisen sind zu einem großen Ausmaß durch unsere Kultur bestimmt. Stell Dir einfach nur einmal vor, dass es theoretisch auch Kulturen geben könnte, in denen Autofahren ein Tabu ist - aus welchen Gründen auch immer. Klingt verrückt, aber wenn Du von Anfang an nichts anderes kennenlernen würdest, wäre das Nicht-Autofahren ein ganz selbstverständlicher Teil von Dir. Aber ich gebe Dir Recht: mit dem Begriff Kulur ist es so eine Sache. Man kann Kultur ganz eng definieren, indem man sagt, Kultur heißt ins Theater gehen. Oft werden aber beispielsweise auch Länder mit Kulturen gleichgesetzt. Ob es allerdings DIE einzige deutsche Kultur gibt, ist auch höchst fragwürdig. Man könnte zum Beispiel auch sagen: ihr, die WWF Jugend seid eine eigene Subkultur, denn ihr teilt Werte miteinander, ihr verständigt euch mit bestimmten Symbolen und Codes, die euch vereinen.
Wenn wir von Kultur sprechen, gilt jedoch meiner Meinung nach eine Idee für alle Definitionen, egal wie eng oder weit: vieles an unserer Lebensweise (Autofahren, Fliegen etc.) ist nicht naturgegeben, sondern wurde von uns Menschen so geschaffen. Wenn man etwas geschaffen hat, kann man es theoretisch auch wieder abschaffen. Darin besteht der Wandel. Aber es ist schwierig, wie Tama auch noch einmal bestätigt hat.
24.02.2013
TaniaTukan hat geschrieben:
Zu dem Thema habe ich auch noch ein anderes tolles Buch: "Warum Gesellschaften überlegben und untergehen" von Jared Diamond. Er beleuchtet verschiedenste Kulturen in aller Welt (auch die Wikinger in Grönland) und aus welchen sozialen, kulturellen aber immer auch ÖKOLOGISCHEN Gründen sie sich selbst zum Untergang verurteilt haben. spannende Resultate: Der Mensch ist in der Lage auf einer kleinen Insel ohne Anschluss an die Außenwelt wissend den letzten Baum abzuholzen, seine Überlebensgrundlage. Oder: Die Reichsten haben nur das Privileg, als letzte zu sterben.
24.02.2013
Nugua hat geschrieben:
Danke für den interessanten Artikel und das Buch kommt gleich auf meine Liste :)
Wissen auf Handeln zu übertragen ist echt so eine Sache. Ich zum Beispiel wusste schon lange über Massentierhaltung Bescheid, aber bis ich wirklich zur Vegetarierin wurde, hat es eine ganze Weile gedauert. Man muss erst mal auf die Idee kommen, Gewohnheiten zu hinterfragen...
21.02.2013
LaLoba hat geschrieben:
Wirklich sehr interessant! Danke für die schöne Geschichte mit Alltagsbezug :D
21.02.2013
Carina hat geschrieben:
Mit welchen Handlungsbarrieren wir heute konfrontiert sind? Vor allem wohl mit unserer Luxus-und Konsumverliebtheit. Doch im Gegensatz zu den Wikingern haben viele unserer heutigen umweltschädlichen Handlungen und Verhaltensweisen nicht unbedingt mit Kultur zu tun. Viele Menschen müssen nun mal für ihren Job viel Auto fahren oder um den Erdball fliegen - nur so als Beispiel. Oder ist das im Endeffekt doch wieder irgendwie unsere Kultur...? Schwierig.
Hoffen wir, dass es uns nicht so ergehen wird wie den Wikingern. Dioe konnten immerhin aus Grönland auswandern. Doch wo wandern wir hin, wenn wir diesen Planeten zugrunde richten...?
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