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© Dagmar Heene / WWF
Suffizenz oder "Wie initiiere ich Veränderung?" – Gesellschaftliche Transformation (3)


von Sunlight
08.11.2015
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„Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, mit Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen.“
Wie viele Konsumgüter braucht man also für ein gutes Leben? Sind wir wirklich frei in unseren (Konsum-)entscheidungen? Und was bedeutet eigentlich Verzicht?
Um all diese Fragen ging es in dem Vortrag „Suffizienz – Notwendigkeit und Umsetzungsmöglichkeiten“ von Richard Widmer beim diesjährigen Alumnitreffen des 2°Campus. Zu Beginn möchte ich auch hier wieder betonen, dass ich meinen subjektiven Eindruck des Vortrages und meine persönlichen Gedanken dazu mit Euch teilen möchte und nicht alles, was ich schreibe, Herr Widmer auch so gesagt hat.

Zunächst mal ein kurzer Blick auf den Status Quo:
Dass sich in den verschiedenen Schichten der Atmosphäre sowie in Wasser und Boden jede Menge umweltschädliche Stoffe, wie CO2, Feinstaub, Plastikrückstände und Vieles mehr aufgrund unseres nicht nachhaltigen Lebensstils ansammeln, ist kein Geheimnis. Gleichzeitig verschwenden wir erneuerbare Ressourcen, wie Süßwasser, Wald und Fisch, als hätten wir noch eine zweite Erde im Kofferraum. Problematisch ist dabei vor allem, dass wir die Natur immer mehr zum Objekt unserer Sozialverhältnisse und unseres Lebensstils machen. So kommt es, dass wir seit Jahren mit unserer auf Wachstum ausgerichteten Kultur über unsere ökologischen Verhältnisse leben.

Nun gibt es verschiedene Nachhaltigkeitsstrategien, um dem entgegenzuwirken. Beim Grünen Wachstum geht man davon aus, dass sich ökonomisches Wachstum durch Innovationen von Stoff- und Energieströmen entkoppeln lässt. Wachstumskritiker sagen dagegen, dass sich grenzenloses ökonomisches Wachstum weder ökologisch entschärfen lässt, noch Werten wie Freiheit, Gerechtigkeit oder Zufriedenheit dient. Dementsprechend bräuchte es neben technischen vor allem kulturelle Lösungen, denn technische Innovationen sind weder grenzenlos möglich, noch planbar und kosten dazu viel Zeit, Geld, Material und Energie.

Der Postwachstumsökonom Niko Paech drückt es so aus:
„Wie können wir das Schicksal der Menschheit allen Ernstes zum Spielball technischer Fortschrittswellen machen, die noch gar nicht eingetreten sind und von denen sich nicht beweisen lässt, dass sie je eintreten, geschweige denn die benötigten Problemlösungen zu liefern imstande sind, statt sich am Ende womöglich nur als Verschlimmbesserung zu entpuppen.“

Dass die Entkoppelung der Innovationen von Stoff- und Energieströmen scheitert, zeigt sich vor allem an materiellen, finanziellen und psychologischen Rebound-Effekten. So senkt effizientere Produktion zwar den Preis, erhöht damit aber auch die Nachfrage, sodasss die Natur nichts gewonnen hat. Außerdem legitimieren wir den Energie- oder Flächenverbrauch unseres Lebensstils durch erneuerbare Energien, Passivhäuser, etc. Hierbei darf nicht vergessen werden, dass technische Effizienz eine mangelnde Effizienz im Nutzerverhalten nicht kompensieren kann! 

Leichter gesagt als getan, denn auch wenn uns dies bewusst ist, steht uns besonders bei kulturellen Änderungen erst einmal der Totalitarismus unseres Gesellschaftsmodells im Weg. Der Soziologe Hartmut Rosa formuliert es so:
„Der sozialen Wettbewerbslogik gemäß müssen die Konkurrenten mehr und mehr Energie in die Erhaltung ihrer Wettbewerbsfähigkeit investieren, bis zu dem Punkt, an dem diese Erhaltung nicht länger ein Mittel zu einem autonomen Leben gemäß selbstbestimmter Ziele ist, sondern zum einzigen übergreifenden Ziel sowohl des gesellschaftlichen als auch des individuellen Lebens wird.“ 

Den politischen Reformen des 21. Jahrhunderts wohnt gar nicht mehr die Intention inne, eine grundlegende Verbesserung der sozialen Bedingungen und die Gestaltung des Gemeinwesens nach demokratisch bestimmten kulturellen oder sozialen Zielen zu erreichen. Stattdessen ist es das beinahe einzige Ziel politischer Gestaltung geworden, die Konkurrenzfähigkeit der Gesellschaft zu sichern oder zu verbessern“.

So erweist sich die Eigendynamik des Systems stärker, als die ursprünglichen Ziele. Es stellt nicht die Ressourcen bereit für die Verwirklichung der sozialen, ökologischen, kulturellen oder philosophischen Überzeugungen, für die Realisierung der Ziele, Träume und Lebenspläne der Menschen oder für die politische Gestaltung der Gesellschaft im Einklang mit Ideen der Gerechtigkeit, des Fortschritts, der Nachhaltigkeit. Stattdessen werden die Träume Ziele und Lebenspläne der Menschen, sowie die Ideen von Gerechtigkeit, Fortschritt und Nachhaltigkeit genutzt, um das Wirtschaftswachstum weiter voran zu treiben. 

Um all diesen Problemen begegnen zu können, ist vielleicht die Suffizienz eine Lösung. Aber was genau ist denn Suffizienz? Kurz gesagt: „Die Prägnante Reduktion der Ansprüche an materielle Selbstverwirklichung“ oder einfacher ausgedrückt „Genügsamkeit“. Suffizienz hat somit auch einen freiheitlichen Aspekt. Sie kann dabei helfen, sich selbst von Wettbewerbs- und Sachzwängen, aber auch von Zeitnot zu befreien. Sie hat nicht nur mit Selbstdisziplin zu tun, sondern befreit auch von Disziplin, mit der häufig das Ziel der Wettbewerbsfähigkeit verfolgt wird. Mit Suffizienz erreicht man also qualitative Konsumsteigerung durch quantitativen Konsumverzicht.

Blicken wir nun auf Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, Verantwortung.
Die Pflichtethik nach Kant besagt, dass die Achtung vor dem Glücksstreben der anderen den eigenen Handlungsspielraum einschränkt. Bezogen auf den Klimawandel heißt dies: „Verursache nur in dem Maß CO2-Emissionen, dass es anderen offen steht ihr Glück auf die gleiche Weise zu verfolgen ohne dass damit die Lebensgrundlagen anderer Menschen beeinträchtigt werden.“

Mit Blick auf die Verantwortung drückt es Albert Schweitzer folgendermaßen aus:  „Wagen wir die Dinge zu sehen wie sie sind. Es hat sich ereignet, dass der Mensch ein Übermensch geworden ist… Er bringt die übermenschliche Vernünftigkeit, die dem Besitz übermenschlicher Macht entsprechen sollte, nicht auf… Damit wird nun vollends offenbar, was man sich vorher nicht recht eingestehen wollte, dass der Übermensch mit dem Zunehmen seiner Macht zugleich immer mehr zum armseligen Menschen wird… Was uns aber eigentlich zu Bewusstsein kommen sollte und schon lange vorher hätte kommen sollen, ist dies, dass wir als Übermenschen Unmenschen geworden sind.“
Hier zeigt sich also, dass der Mensch die Natur beherrscht, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.

Wie steht es um die Freiheit? Freiheit lässt sich nicht einfach durch möglichst freie Märkte erreichen. Marktprozesse sind nicht grundsätzlich frei und staatliche Regelungen paternalistisch. Wie Staaten können auch Märkte tyrannisch sein. Die Voraussetzung dafür, etwas zu verdienen, liegen nicht nur im Individuum, sondern vor allem auch in den sozialen Strukturen. Daraus lässt sich ein Verständnis von sozialer Gerechtigkeit als einer möglichst weiten Verteilung von allen Freiheitsdimensionen auf alle Mitglieder der Gesellschaft verstehen. Freiheit ist dann nicht nur die Freiheit der Erfolgreichsten, sondern die Befähigung aller zur Freiheit. Die Fokussierung von Freiheit auf immer mehr Kaufkraft vergisst, dass Menschen soziale Wesen sind und vernachlässigt die Vielschichtigkeit dessen, was ein selbstbestimmtes Leben für den Einzelnen bedeuten kann.

Wie sieht es mit dem Glück aus? Glück korreliert nur bis zu einem bestimmten Maß mit dem materiellen Wohlstand. Vor allem hängt Glück eher von den Aktivitäten ab, als von den Umständen. Handlungen, die als sinnstiftend und befriedigend erlebt werden, wirken sich stärker auf die Zufriedenheit aus, als die Ausgangs- und Rahmenbedingungen.

 

Ist diese Shopping-Queen glücklich?

Stellen wir noch mal den Bezug zur Wachstumskritik her:
- Permanentes Wachstum ist weder individuell und gesellschaftlich erstrebenswert, noch kann es ökologisch entschärft werden
- Gegenwärtig fallen viele Bereiche dem Wachstum zum Opfer
- Wachstum ist kein Selbstzweck, der Vorrang vor Natur, Demokratie, Freundschaft, Nächstenliebe, Lebenssinn und Lebensglück hat
- Vor allem ist Geld nicht der einzige Engpassfaktor auf dem Weg zum Glück
- Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme sind keine Probleme der Natur, die sich mit weiterer Naturbeherrschung technisch lösen lassen, sondern sie sind ein kulturelles Problem, ein Problem entgrenzten Konsums!

Wie lässt sich also suffizientes Verhalten erlernen und vermitteln? Und was heißt das konkret für mein Nutzerverhalten? Wie verhalte ich mich suffizient? Hier ein paar Beispiele:
- Nur Notwendiges kaufen
- Regionale und saisonale Versorgung
- Dinge reparieren
- Stabile und zeitlose Dinge kaufen, die lange halten (d.h. Modeerscheinungen widerstehen)
- Gebrauchte Dinge kaufen
- Teilen, Gemeinschaftsnutzung, Fahrgemeinschaften,…
- Mehr Wert legen auf Beschäftigungen und Selbstverwirklichungsoptionen, die wenig Ressourcen brauchen. (d.h. lieber gesellig und fähigkeitsbezogen als zu sehr auf Dinge fokussiert)
- Selber machen (Subsistenz)
- Regionale und saisonale Versorgung

Eigentlich sind das ja Selbstverständlichkeiten... Ist das nun also Verzicht? Bedeutet das eine Abkehr vom Streben nach Werten wie Wohlstand, Glück, Freiheit und Selbstentfaltung? Und was könnten vielleicht individuelle und kulturelle Vorteile von Suffizienz sein?
Hier wird ein Konsumoptimum statt eines Konsummaximums angestrebt! Und ganz nebenbei befreit man sich von Wettbewerbszwängen, Sachzwängen und der Beschleunigung des Lebenstempos.

So weit, so gut. Aber vor allem, weil sich suffizientes Verhalten eigentlich auf Selbstverständlichkeiten stützt, stellt sich die Frage, warum es so wenig umgesetzt wird und wie man die Lücke zwischen Wissen und Handeln schließen kann? Hier ein paar Ideen, um den Transfer von Theoriewissen in Handlungswissen zu schaffen:
- Unterbrechung von Routinen (z.B. bei Einkäufen oder Urlaubsplanung)
- Nachdenken über die bisherige Handlungssteuerung und sich handlungsleitende Gedanken und Gefühle bewusst machen. (z.B. durch Phantasiereise, Rollenspiel oder in der Praxis)
- Anschlussfähigkeit mit konzeptionellem Wissen prüfen
- Handlung genau planen und dann in realen Situationen erproben und üben

Auch die Bewusstheit über Schwachstellen im menschlichen Denken kann nicht schaden bzw. diese zu erkennen durch Reflexivität, Bescheidenheit und Achtsamkeit. Das Erlernen handwerklicher Fertigkeiten führt zu Produzentenstolz und mehr Respekt gegenüber Dingen. Disziplin beim Konsumverhalten hält von unnötigem Konsum ab.

Aber auch die sozialen Rahmenbedingungen bräuchten eine Transformation von Wettbewerb zu Kooperation. Zum Beispiel sollten Anerkennung, Ressourcen, Privilegien, Positionen und Status auch nach anderen Modi, als durch Wettbewerb (wie z.B. beim bedingungslosen Grundeinkommen) vergeben werden.
Und immer wieder geht es um das Hinterfragen. Wenn wir unsere Gewohnheiten, Einstellungen und Werte hinterfragen, können wir auch alternative Vorstellungen von Karriere, Selbstverwirklichung oder Autonomie entwickeln. Dann können wir leichter reflektieren, dass wir materielle Ressourcen nicht für die Befriedigung sozialer Bedürfnisse einsetzen wollen.  Dabei können wir unsere Ziele, Wünsche und Träume anpassen, sodass neue Leitbilder entstehen, die die Zukunftsversprechungen der technischen Moderne ersetzen und ebenfalls als erstrebenswert erscheinen.

Um den Vortrag von Richard Widmer noch einmal kurz zusammenzufassen: 
- Suffizienz ist eine notwendige und zudem schnell wirkende Strategie gegen ökologische Probleme.
- Sie bringt sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Vorteile mit sich.
- Verhalten baut auf zahlreichen unterbewussten Denkprozessen auf und diese Verhaltensgrundlagen sollten nicht ignoriert und unterschätzt werden, um menschliches Verhalten tatsächlich zu verbessern.

Zum Abschluss hat er noch ein paar ganz konkrete Fragen, die wir alle uns nicht oft genug stellen können: 

Wie viele Handys habe ich in meinem Leben schon besessen?
Wie viele Gebrauchsgegenstände in meinem Haushalt habe ich selbst gemacht?
Wie viele Flugkilometer habe ich in meinem Leben bereits gesammelt?
Wie viele Reisen habe ich auf eigenen Füßen, ohne erdölbetriebene Verkehrsmittel unternommen?
Wie oft kommt es vor, dass ich Lebensmittel wegwerfe?
Mit wie vielen Menschen teile ich materielle Besitztümer?
Wie oft kaufe ich Obst und Gemüse von anderen Kontinenten?
Wie lange habe ich meine bisherigen Computer durchschnittlich genutzt?
Wie alt ist mein ältestes Kleidungsstück?

Doch nun bin ich auf Eure Meinungen gespannt!
Wie steht Ihr zur Suffizienz? Haltet Ihr sie gesamtgesellschaftlich für einen guten Ansatz?
Was bedeutet für Euch ein gutes Leben? Was braucht Ihr dafür?
Was ist für Euch Verzicht? Und was meint Ihr: sind wir wirklich frei in unserer Gesellschaft? (darüber haben wir 2°Campusler bei Herrn Widmers Vortrag auch intensiv dikutiert ;)) Oder was bedeutet es für Euch überhaupt frei zu sein?

********************

Hier kommt Ihr zum letzten Bericht dieser Reihe:
Alles zu spät? – Gesellschaftliche Transformation (2)

*******************

Bilder: Pixabay und eigene Aufnahmen
Quelle: Ein herzliches Dankeschön an Richard Widmer, dass er mir für diesen Bericht seinen Vortrag zur Verfügung gestellt hat!

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Kommentare (1)
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08.11.2015
Cookie hat geschrieben:
Wow, vielen Dank für diesen tollen und interessanten Bericht!
Ich persönlich finde Suffizienz ein gutes und wichtiges Konzept, weiß allerdings auch, wie schwer es sein kann, alte Gewohnheiten hinter sich zu lassen. Wir sind es einfach gewohnt, dass wir alles einfach kaufen können, jedes Nahrungsmittel zu jeder Zeit, jedes technische Gerät... Ich bemühe mich sehr, auf Saisonalität und Regionalität bei Lebensmitteln zu achten, Dinge so lange wie möglich zu nutzen und gebraucht zu kaufen, aber das ist nicht echt nicht immer leicht. Ich würde auch gerne mehr selbst herstellen, aber da fehlt es leider oft einfach an Zeit.
Die Fragen, die du aufgelistet hast, die wir uns selbst stellen sollten, finde ich echt super.
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