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© Dagmar Heene / WWF
"Klimaskeptiker" überzeugen - ein Ding der Unmöglichkeit?


von JohannesB
27.03.2013
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Rauf auf den Berg ging es am dritten Tag des diesjährigen 2-Grad-Campus. Auf dem Potsdamer Telegrafenberg finden sich unter dem Namen „Wissenschaftspark Albert Einstein“ fünf wissenschaftliche Einrichtungen. Zwei davon, das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) besuchten die Teilnehmer der Schülerakademie gestern, dazwischen ging’s in der Mittagspause noch in den nahen Hochseilgarten.

Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe, Leiter des PIK-Forschungsbereichs „Klimawirkung und Vulnerabilität“, hieß die Schülergruppe im renommierten Forschungsinstitut willkommen und begann seinen Vortrag mit einem kurzen Rückblick auf die Geschichte der Klimaforschung. So wurde der Treibhauseffekt bereits im Jahre 1824 durch den französischen Physiker Jean-Baptiste-Joseph Fourier erstmals beschrieben. Svante August Arrhenius, schwedischer Forscher und Chemie-Nobelpreisträger, gelang 1896 als erstem eine Abschätzung der Klimasensitivität. Diese gibt an, wie sehr sich das Klima bei einer Verdoppelung der CO2-Konzentration erwärmt.

Im Folgenden legte Professor Gerstengarbe den Schwerpunkt auf die sogenannten "Klimaskeptiker". Diese ließen sich, so der Klimaforscher, in sechs Gruppen unterteilen:
- „looser“: Verlierer in der Wirtschaft, wie die Erdöl- oder Kohleindustrie
- „Konsum-Junkies“ die Wohlstand mit uneingeschränktem Konsum gleichsetzen
- „Querulanten“ die grundsätzlich immer gegen den Strom schwimmen
- „Besserwisser“: Hobbywissenschaftler die mit eigenen Rechnungen andere Ergebnisse bekommen und damit die Wissenschaft „herausfordern“ wollen
- „Disziplinäre“: Forschende aus anderen Fachrichtungen, die die momentan recht gut finanzierten Klimaforschung beneiden und unter Budget-Kürzungen leiden
- „Polit-Lobbyisten“: Politiker, die für sich benachteiligt fühlende Gruppen eintreten

So bunt die Riege der „Klimaskeptiker“ so vielfältig ist auch ihre Argumentation gegen den menschengemachten Klimawandel bzw. den Klimaschutz.
Beispielsweise wird des Öfteren angeführt, dass es gar keine Erwärmung gebe und wenn, sei diese vernachlässigbar. Dazu erläuterte Prof. Gerstengarbe Untersuchungen, denen zufolge weltweit pro Tag (!) 346 Quadratkilometer (km2) Eis- und Tundrenklimate verschwinden, im Gegenzug kommen jeden Tag 150 km2 Wüstenklima hinzu. Wer die Erderwärmung abstreitet, übergeht also eindeutige wissenschaftliche Forschungsergebnisse. Im Zusammenhang mit dem rasanten Abschmelzen des „ewigen“ Eises zeigte sich der Klimaexperte überzeugt, dass wir schon bald eine eisfreie Arktis erleben werden.
Ein weiteres Argument der „Klimaskeptiker“ besteht darin, den Einfluss des Menschen auf die Erderwärmung herunterzuspielen. Wenn statt 280ppm (parts per million, also „Teile von einer Million“) im Jahr 1900 mittlerweile etwas mehr als 390ppm CO2 in der Luft sind, sei das doch wohl vernachlässigbar. Was sollte schließlich ein Molekül mehr in einer Gruppe von 10.000 für einen Einfluss haben? Zu dieser These stellte Gerstengarbe fest, dass bereits ein einziges Molekül CO2 pro 10.000 Moleküle für einen Temperaturanstieg von 2,4 Grad sorgt.
Außerdem ging der Klimawissenschaftler auch auf die Behauptung ein, es sei günstiger die Klimaschäden auf sich zukommen zu lassen, als in „teuren“ Klimaschutz zu investieren. Dazu ist laut Herrn Gerstengarbe festzustellen, dass mit einem massiven Ausbau Erneuerbarer Energien wirkungsvoller Klimaschutz für das 2-Grad-Ziel weiterhin möglich ist und dieser mit ca. 1,2% der weltweiten Wirtschaftsleistung vergleichsweise günstig zu machen sei. Günstiger jedenfalls, als unkalkulierbar hohe Schäden abzuwarten.

Im Anschluss griff der Forscher eine Studie aus den USA auf. Demnach lag der Anteil an wissenschaftlichen Artikeln über die Erderwärmung, deren Autoren sich skeptisch zum menschengemachten Klimawandel äußerten bei 0 (in Worten „Null“) Prozent, der gleiche Anteil in der Tagespresse lag hingegen bei 53%. Angesichts solcher Zahlen sei es für ihn verständlich, so Professor Gerstengarbe, wenn der Normalbürger verunsichert sei, was denn nun stimme. Solange aber eine überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler die These der menschengemachten Erwärmung unterstützt und diese nicht durch reproduzierbare Beweise widerlegt wird, könne man beim Klimawandel von wissenschaftlichem Konsens sprechen.

Abschließend gab es Gelegenheit für die Schüler mit Herrn Gerstengarbe zu diskutieren und ihm Fragen zu stellen. In dieser Runde gab der Professor zu bedenken, wie schwer es ist, mit einem Klimaskeptiker umzugehen: "Sie können einen Klimaskeptiker nicht überzeugen, das ist meine Überzeugung." Im Schlusswort appellierte der Wissenschaftler an die jungen Zuhörer, selbst aktiv zu werden, denn „Eigeninitiative bewegt eine ganze Menge, über die Politik kann man hingegen nur sehr, sehr wenig erreichen.“

Nach einer kurzen Pause gab Johannes Feldmann, Doktorand am PIK, den Jugendlichen einen Überblick über seine Arbeit. Feldmann forscht auf dem Feld der Klimamodellierung. Dabei werden Daten aus der Vergangenheit und der Gegenwart in statistische Programme gespeist, ein Supercomputer errechnet dann daraus hochkomplexe Klimamodelle, die Auskunft darüber geben, wie sich unser Klima künftig entwickeln wird bzw. entwickeln könnte. Derartige Simulationen sind für eine ganze Reihe von Fragestellungen relevant. Etwa welchen Effekt das Schmelzen der Eisschelfe in der Antarktis auf die Erwärmung der Ozeane hat oder ob die wärmere Atmosphäre überhaupt einen Einfluss auf die so kalte Antarktis hat.
Trotz immer besserer Datenlage und schnellerer Computer bleibt das Feld der Klimamodellierung extrem kompliziert und mit Unsicherheiten behaftet. Feldmann gibt denn auch zu bedenken, dass es „ein völlig fehlerfreies Klimamodell nie geben wird“. Die Natur lässt sich eben nicht zu 100% in die Karten schauen.

Neben einer kurzen Einführung in statistische Methoden erläuterte der Doktorand außerdem die Bedeutung sogenannter „Kippelemente“. Dabei können eigentlich kleine Veränderungen zu drastischen Klimaveränderungen binnen kürzester Zeit führen. Als Beispiel nannte der Feldmann den Eis-Albedo-Effekt: Wenn Eis- und Schneeflächen etwa an den Polen abschmelzen, vergrößert sich die Wasserfläche. Wasser ist im Gegensatz zu Eis und Schnee dunkel und heizt sich durch Sonnenstrahlen wesentlich mehr auf. Die verminderte Rückstrahlung der Energie führt zu einer weiteren Erwärmung auf der Erde, sodass noch mehr Schnee und Eis schmelzen, was wiederum die Wasserfläche vergrößert. So setzt sich dieser Teufelskreis, „eine positive Rückkopplung“ immer weiter fort und aus einer zunächst kleinen Veränderung wird mit der Zeit ein immer größerer Effekt, der den Klimawandel weiter beschleunigt.

Abschließend machte Johannes Feldmann noch ein wenig Hoffnung: Wenn bald weltweit ein Umdenken stattfindet und den Forderungen der Wissenschaft Folge geleistet wird, sei die Einhaltung der 2-Grad-Ziels noch machbar und damit die wahrscheinliche Vermeidung von möglicherweise dramatischen Klimaveränderungen. So sei das Motto, das Unbeherrschbare mit aller Kraft zu vermeiden und sich an das Unvermeidbare, was mit Sicherheit schon auf uns zukommt, anzupassen.

Was meint ihr? Ist der Klimawandel noch in den Griff zu bekommen? Lässt sich das Unbeherrschbare noch vermeiden? Und lassen sich "Klimaskeptiker" echt nicht überzeugen?

Fotos:
© A. Morascher / WWF (1& 3), J. Barthelmeß (2)

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Kommentare (7)
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30.03.2013
Helen1698 hat geschrieben:
Danke für diesen tollen Bericht! :) Ich bin eigentlich relativ optimistisch, dass wir es schaffen können, den Klimawandel einigermaßen in den Griff zu bekommen! Eigentlich wäre es ja ganz einfach, wenn jeder sich mal an seine eigene Nase fassen würde und überlegen würde, was er tuen könnte!
29.03.2013
gelöschter User hat geschrieben:
gelöscht
28.03.2013
Saskia74 hat geschrieben:
Hey, richtig guter Bericht:)

man versteht alles sehr gut und man denkt sogar, das man selbst dabei gewesen were:)

Lob Lob an dich:) weiter so:)
28.03.2013
Peet hat geschrieben:
Gerstengarbe, mein persönliches Highlight des Berichtes :)
28.03.2013
midori hat geschrieben:
WOW! Wirklich ein ganz toller Bericht und ein sehr schöner Einblick in euer Programm vom 2°Campus! :o)

Bei der Einteilung der Klimaskeptiker kann ich mich Maxim nur anschließen. Ich habe leider auch jemanden im Freundeskreis, der lieber unseriösen Verschwörungswebsites im Internet glaubt, als den "gut bezahlten" Wissenschaftlern.

Ich bringe dann immer als Argument, dass die Wissenschaftler ja meinetwegen tatsächlich etwas vortäuschen könnten, aber die Realität tut es nun mal nicht. Man sieht ja, dass die Gletscher schmelzen, dass die Inseln verschwinden und dass es immer häufiger extreme Wetterlagen gibt. Und ich wüsste nicht, wie die Forscher das inszenieren könnten! ;o)
27.03.2013
Rhino hat geschrieben:
Ganz toller Bericht!
Ich finde diese Gruppeneinteilung genial!

Eine absolut ätzende Gruppe fehlt jedoch noch:
Die faschistoiden Internet-Gurus, die die "Wahrheit über Deutschland" und noch darüber hinaus kennen und natürlich wissen, dass der Klimawandel, ebenso wie der Holocaust, eine kaplitalistische Erfindung ist, um die Menschheit abzuzocken.

In Zeiten des Internets wird die Realität leider ungehemmt geleugnet, und wie kann man den Durschnittsdeppen letztlich besser hierfür angeln, als wenn man ihm einfach sein Gewissen reinigt?

Da kann der WWF doch ein Lied von singen.

Es existiert ein kritischer Film über den WWF - der WWF ist schlecht - ich spende nicht mehr und fühle mich deshalb besonders tugendhaft - die Welt ist in Ordnung!

Oder eben:

Es existiert ein kritischer Film über den Klimawandel - Klimawandel kann nicht bewiesen werden - ich ändere partout nichts an meinem Verhalten und fühle mich deshalb besonders tugendhaft - die Welt ist in Ordnung!

Eine schlüssige Argumentation solcher Filmchen ist dabei völlig redundant, es geht lediglich um die Existenz solcher, das kann man wunderbar daran erkennen, wie inflationär und unreflektiert die Videos zumeist verlinkt werden, meist nur mit plakativen Begleitworten a la "DIE WAHRHEIT"

Generell halte ich es für wichtig, dass Klimaforscher sich nicht zu plakativ ausdrücken und stets versuchen, die Thematik möglichst global und vernetzt und nicht eindimensional und irreführend zu beschreiben. Ich finde leider, dass Hr. Latif den Medien viel zu oft in's Konzept spielt und in Interviews eingängige aber vage Prognosen abgibt. Laien, denen Wissen über Zusammenhänge, Hintergründe und notwendige Differenzierungen fehlt, behalten meist nur Sätze, wie "ES WIRD NUR NOCH WARME WINTER GEBEN!" im Kopf - der Klimawandel verkommt da einfach zu oft zur plumpen Angstmache, das haben die Medien durchaus gerne, Klimaforscher sollten, meiner Meinung nach, deshalb besser aufpassen, nicht dem Krawalljournalismus in die Finger zu spielen!

Während aber die Medien dem Thema kaum den nötigen Ernst schenken, gibt es reichlich Bildungsangebote, Ausstellungen (besonders herausragend z. B. die "Climate Change"-Ausstellung auf der Insel Kreta) und Aktionen, die vor allem die kommenden Generationen sehr umfassend und gewissenhaft auf die Thematik einstellen, auch im Schulunterricht kommt es für mich keinesfalls zu kurz!

Alles in allem macht mich das schon zuversichtlich, zwar werden Bonzen und grenzdebile Möchtegern-Weltbekehrer und ach so Tugendhafte weiterhin fleißig sich selbst belügen und den ein oder anderen Ahnungslosen beeinflussen, aber das müssen wir im chaotischen Internet-Zeitalter wohl leider so hinnehmen, ich denke aber, dass der größte Teil der Menschen, vor allem der jungen Menschen, durchaus vernünftig genug ist, um die besondere Brisanz des Themas zu verstehen und die Notwendigkeit von Gegenmaßnahmen zu erkennen!

Doch selbst wenn die Klimaskeptiker auf einmal einen Boom gewinnen, sollte uns das auf keinen Fall zurückschrecken, denn Anti-Klima-Märchen werden sich wie Gerüchte schnell totlaufen, während Fakten, Forschungen und Beweise nicht wegzukratzen sind!
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