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© Dagmar Heene / WWF
Klimafasten – Veganismus als Trend oder Überzeugung?


von Sunlight
22.03.2015
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Auf Kaffee, Schokolade, Alkohol verzichten, sich vegan ernähren, auf Konsum verzichten, jeden Tag einen Dank an die Erde sprechen oder sogar gar nichts essen – es gibt unglaublich vielfältige Möglichkeiten, um für das Klima zu fasten.

In den letzten Monaten vor der Fastenzeit habe ich sehr oft solche oder ähnliche Gespräche geführt:

Darfst du das überhaupt essen? Du bist doch Veganerin!“

„Nein bin ich nicht, nur Vegetarierin!“ (und auch das nicht 100%ig konsequent)

„Echt? Hätte ich nicht gedacht.“

„Ja, Veganismus ist mir einfach zu extrem, das grenzt ja an eine Mangelernährung und vor allem will ich nicht auf Käse und Joghurt verzichten“.

Aber warum eigentlich nicht ? Warum immer nur Fast-Veganerin sein? Warum sich darauf ausruhen, Vegetarierin zu sein, sowieso keinen Alkohol und Kaffee zu trinken und kaum Süßigkeiten zu essen? Warum nicht einfach mal die Herausforderung suchen und schauen, was ich für Erfahrungen sammele? Gesagt, getan, denn dass die vegane Ernährung grundsätzlich am klima- und tierfreundlichsten ist, ist kein Geheimnis und da kam mir die Idee des Klimafastens vom 2°Campus-Team gerade recht.

Vielleicht kennt Ihr diese festgefahrenen Verhaltensmuster: man isst z.B. immer eine Scheibe Brot mit Käse, eine mit Marmelade und eine mit Frischkäse und wenn eins davon ausgeht, fehlt doch irgendwie etwas. Wenn man sich jetzt von einem Tag auf den anderen vegan ernähren will, fängt man noch einmal ganz neu an, diese Gewohnheiten zu überdenken. Oft habe ich von Freund*innen gehört, die ähnliche Experimente gemacht haben oder gerade spontan dem „veganen Trend“ folgen und mir erzählt haben, dass sie jetzt einfach weniger essen bzw. ganz Vieles weglassen. Das klang mir aber sehr nach Mangelernährung und wenig nach Nachhaltigkeit und schon kam ich ins Grübeln und wurde neben den überwiegenden Vorteilen auch mit den Schattenseiten der veganen Ernährung konfrontiert...

Dass vegane Produkte immer beliebter werden, lässt sich in jedem Supermarkt beobachten: das Angebot steigt stetig. Auch Dicounter wie LIDL und ALDI bieten zunehmend vegane Ersatzprodukte an. Aber wie nachhaltig ist das Ganze dann noch? Denn ein Veganer aus (Klimaschutz-)Überzeugung verirrt sich ja nicht unbedingt in einen dieser Läden... Und genau das ist der springende Punkt: vegane Produkte sind nicht gleich bio, haben manchmal ganz schön lange Transportwege hinter sich oder werden mit Zusatz- und Aromastoffen versetzt (wie andere konventionelle Produkte auch!). Hinzu kommt, dass es keine strengen Herstellungsrichtlinien gibt, wie für Bioprodukte. Vegane Produkte sind zwar oft mit einem "V" oder der bekannten Sonnenblume gekennzeichnet, das bedeutet aber überhaupt nicht, dass sie automatisch auch bio, regional, nachhaltig oder gesund sind.

Hier sind wir als Verbraucher*innen gefragt und sollten mit unserem Einkaufsverhalten deutlich zeigen, dass uns "nur" vegan nicht reicht!

Das Mittagessen an meinem ersten veganen Tag: vegan, bio, ausgewogen :)

Ein weiterer Punkt sind die Mängel. Natürlich braucht man keine tierischen Produkte, um mangelfrei zu leben und kann man auch als Nicht-Veganer jede Menge Mängel haben. Trotzdem sollte man sich als Veganer des Risikos bewusst sein und u.a. seine Eisen-, Vitamin B12- und Vitamin D-Werte im Auge behalten. Vitamin B12 (auch unter Vegetariern ein Thema) kann in pflanzlicher Form kaum in genügender Menge aufgenommen werden, deswegen braucht es da wohl oder übel manchmal ein Zusatzpräparat (z.B. möglichst natürlich aus dem Reformhaus). Weniger bekannt ist der Vitamin D-Mangel, obwohl 50% unserer („Stubenhocker“-)Gesellschaft daran leiden (also auch kein veganspezifisches Phänomen!). Auf natürlichem Weg könnte der tägliche Bedarf mit zwei Stücken fettem Fisch gedeckt werden (was wir uns beim Zustand unserer Weltmeere aber besser sparen sollten) oder durch den 15-minütigen Aufenthalt im Freien (mit unbedeckten Armen und Beinen) oder auch hier mit einem Zusatzpräparat, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

So wird, wie ich finde, ganz schön deutlich, dass es eben nicht reicht, einfach „nur vegan“ zu essen (wie es gerade viele Trendfolger tun). Eine Freundin hat es mal so auf den Punkt gebracht: „Was bringt es der Erde, wenn man sich konsequent vegan ernährt, aber bei H&M oder KIK einkauft und dazu noch mit dem Auto in die Stadt fährt? Da bin ich lieber konsequent in allen Bereichen nachhaltig und nicht konsequent vegan!“ So ist es auch für mich. Für mich gehört zu veganer Ernährung insgesamt ein nachhaltiger Lebensstil, der sich nicht nur in der Ernährung widerspiegelt, sondern z.B. auch Kosmetik, Kleidung, Energienutzung etc. beinhaltet (wobei nachhaltige vegane Ernährung natürlich ein Anfang sein kann).

Soweit zu den Hintergründen, aber was hat das alles jetzt konkret für mich und mein veganes Fasten bedeutet?

Dass meine veganen Produkte wie sonst die nicht-veganen bio sein würden, war klar. Trotzdem hatte ich Zweifel, inwieweit ich das Vegansein überhaupt durchhalten könnte, weil das Klimafasten genau in meine Semesterferien fiel, in denen ich viel unterwegs sein würde. Wenn schon, wollte ich es aber so konsequent wie möglich durchziehen, denn Fast-Veganerin bin ich auch sonst... Letztlich waren meine Zweifel aber unbegründet und ich habe das Veganerin-Sein fast immer als Bereicherung erlebt und bis auf drei Situationen, wo Spuren von Käse bzw. Milch enthalten waren, auch sehr konsequent durchgezogen. Viele Produkte, die ich nicht mehr Essen „durfte“, esse ich auch sonst nicht oder haben mir zumindest nicht gefehlt und entgegen meinem Anfangszitat haben mich Sojajoghurt und Tofuaufschnitt "echten" Joghurt und Käse kaum vermissen lassen. Bei Treffen in der Stadt haben wir immer Restaurants und Cafés entdeckt, wo es für alle etwas Leckeres gab und dabei oft noch tolle, inspirierende Gespräche zu dem Thema geführt.

Veganer Kakao im "Coffee Fellows"

Und was hat das Experiment gebracht?

Vor allem eine gute Erfahrung, die ich jedem nur ans Herz legen kann! Außerdem würde sich meine jährliche CO2-Bilanz im Ernährungssektor um 0,15t verringern, wenn ich so weitermachen würde, nur durch die Umstellung von vegetarischer auf vegane Ernährung... Besonders bewusst geworden ist mir außerdem die Rolle von männlichen Küken und Kälbchen. Denn dass sie später weder Eier legen noch Milch geben und auch selten auf Bauernhöfen zu finden sind, ist kein Geheimnis...

Gründe für Veganismus gibt es genügende: Klimaschutz, Welternährung, Tierschutz und Gesundheit seien hier nur ein paar Stichwörter.

Aber wie geht es jetzt weiter?

Auf jeden Fall werde ich auch weiterhin verstärkt auf vegane Alternativen zurückgreifen! Allerdings habe ich gemerkt, dass ich mir nicht sagen möchte „Ich darf das nicht essen“, sondern „Ich will das nicht essen!“. Ich weiß aber, dass ich nicht grundsätzlich sagen kann, dass ich nie wieder Eis auf Milchbasis oder Pizza mit Käse essen „will“ und dass ich auch weiter in der Mensa Mittagessen möchte. Schwer tue ich mich auch mit „Spuren von...“, z.B. bei Lakritz mit Bienenwachsüberzug. Insofern werde ich wohl eher Flexiveganerin (falls es so etwas gibt ;)).

Das Klimafasten hat mir vor allem geholfen, mich selbst auszuprobieren, Alternativen statt Ersatz zu finden und festgefahrene Verhaltensstrukturen aufzulösen.

Wunderschöne und superleckere Alternative zu herkömmlicher Schokolade - kein Ersatz (natürlich waren anfangs noch mehr Mandeln drin ;))

Genau dies würde ich mir auch für unsere Gesellschaft wünschen. Dafür braucht man gar nicht Veganer*in werden, aber wenn man anfängt, die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen und aufzulösen, scheint ein gesellschaftlicher Wandel in Richtung Nachhaltigkeit gar nicht mehr so schwierig zu sein.

In diese Sinne möchte ich zum Schluss noch auf die Initiative "Fast for the climate" aufmerksam machen, die mich sehr beeindruckt. Diese wachsende Bewegung von Religionsgemeinschaften, Jugendverbänden und Umweltorganisationen aus der ganzen Welt zeigt ihre Solidarität mit den Menschen, die wegen der Folge des Klimawandels in Armut leben, indem am ersten Tag jeden Monats gefastet und nichts gegessen wird. Somit sollen die Staatsoberhäupter zu mehr Einsatz aufgefordert werden, um sich für eine Lösung der Klimakrise einzusetzen.

 

Quelle: http://fastfortheclimate.org/de/

Doch jetzt bin ich auf Eure Kommentare gespannt! :)

Habt Ihr auch für das Klima gefastet? Welche Erfahrungen habt Ihr dabei gesammelt? Oder wie seht Ihr es? Veganismus als Trend oder Überzeugung?

************************

Bilder: eigene Aufnahmen

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Kommentare (7)
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Sortieren nach Aktualität:
10.04.2015
Ivonne hat geschrieben:
Danke für deinen tollen Erfahrungsbericht! Am besten fand ich die Stelle mit: "man isst z.B. immer eine Scheibe Brot mit Käse, eine mit Marmelade und eine mit Frischkäse und wenn eins davon ausgeht, fehlt doch irgendwie etwas." :-)
LG!
24.03.2015
Luke24 hat geschrieben:
"Klimafasten" - bis vor Kurzem kannte ich das Wort noch gar nicht ;-)

Im Radio berichteten sie auch schon davon.

Vielen Dank für deine persönlichen Eindrücke :-)
23.03.2015
somebodywholovesourearth hat geschrieben:
Irgendwie kommt mir fast alles, was du geschrieben hast seeeehr bekannt vor. Während der Fastenzeit ernähre ich mich auch möglichst Vegan. Ich bin noch unentschlossen ob ich nach der Zeit so weiter machen werde oder auch eher sowas wie eine Flexiganerin werde.
Ich kenne auch manche, die sich nicht wegen der Überzeugung vegan ernähren sondern einfach dem Trend folgen.
Du hast recht, was Nachhaltigkeit und Vegan betrifft. Vegan ist nicht gleich nachhaltig!
23.03.2015
Ria2000 hat geschrieben:
Kann euch nur zustimmen!
23.03.2015
Sunlight hat geschrieben:
@Fenris: Das geht mir genauso! Auch an dem steigenden veganen (meist nicht bio, regional etc.) Angebot in Discountern zeigt sich ja deutlich, dass viele Trendfolger mit starkem Tunnelblick an die Sache gehen, ohne Nachhaltigkeit und Veganismus zu Ende zu denken...
23.03.2015
Akatsuki hat geschrieben:
Tja für dich. Ich allerdings Kenne einige die das offensichtlich als Trend sehen und da auch nur mit machen, weil irgendwer, der beliebt ist das macht.
22.03.2015
Buchenblatt hat geschrieben:
Ich mache auch beim Klimafasten mit, indem ich mich vegan ernähre. Für mich ist Veganismus kein Trend sondern Überzeugung und ich denke auch, dass das für die meisten Veganer gilt. Keiner stellt seine Ernährung um, ohne davon überzeugt zu sein, da es ja schon mehr Aufwand ist als einfach bei seinen Gewohnheiten zu bleiben.

Dass vegan nicht gleich bio, nachhaltig und gesund heißt, sehe ich genauso. Ich denke allerdings, dass die meisten, die sich mit ihrer Ernährung auseinandersetzen und Vegetarier, Veganer oder fast Veganer werden auch sonst auf bio, saisonal und regional achten.

Von der Initiative "Fast for the climate" bin ich auch sehr beeindruckt und ich bewundere auch die Menschen, die da mitmachen und so ein Zeichen für den Klimaschutz setzen, allerdings könnte ich nicht einen Tag nichts essen.
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