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Forschung!


© Dagmar Heene / WWF
Kleinbiogas für die Welt


von JormaGoerns
04.09.2014
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Gerade noch rechtzeitig erhalten wir die Warnung von unserer Kontaktperson in der Favela. Er rät uns dringend davon ab, länger als unbedingt nötig in diesem Viertel Rio de Janeiros zu verweilen. „É muito perigoso“, sagt er – es sei zu gefährlich. Wir verabschieden uns kurz darauf von ihm und verlassen Alemão (was übersetzt übrigens „Deutscher“ bedeutet) keine Minute zu früh. Aus unserem Taxi können wir beobachten, wie sich gut zwei Dutzend Militärpolizisten mit Stumgewehren und schusssicheren Westen auf eine Razzia in der Favela vorbereiten.


Solche Situationen sind in der 6-Millionen-Einwohner-Metropole an der Tagesordnung. Dabei wurde der Konflikt zwischen Staat und den die Favelas beherrschenden Drogengangs gerade durch die anstehende Fußball-WM und die Olympischen Spiele noch verschärft. Zwar schätzen die Favela-Bewohner einige der jüngeren Zugeständnisse ihrer Regierung, so zum Beispiel die Anbindung an den Busverkehr und die Müllabfuhr. Noch mehr liegt ihnen allerdings an ihrer persönlichen Unabhängigkeit, die sie sich über Jahre erhalten konnten. Von bloßen Elendsvierteln zu sprechen, wäre hier zu kurz gegriffen. Bei vielen Bewohnern handelt es sich um Aussteiger, um Künstler, andere wiederum konnten einfach ihre horrenden Mieten nicht mehr zahlen.


Genau hier, in den Favelas von Rio de Janeiro, wo es von Kriminalität und Polizisten mit nervösen Zeigefingern nur so wimmelt, bietet sich aufgrund fehlender Normen das perfekte Versuchsgelände für unsere Zwecke. Wir von der NGO SolarCITIES errichten zusammen mit Architecture for Humanity und einer Reihe Ortsansässiger Kleinbiogasanlagen. Dabei handelt es sich letztendlich nur um eine Skalierung genau der Systeme, die man vom Land her kennt – das Funktionsprinzip bleibt dasselbe. Küchenabfälle und Essensreste, Toilettenabwasser und bestimmte Gartenabfälle werden in einen großen, geschlossenen Tank geworfen, wo sie dann von methanbildenden Bakterien verdaut werden. Das entstandene Gas muss nur aufgefangen werden; schon kann man damit kochen, heizen und sogar Strom generieren.


Die Anlage, die wir in Brasilien bauen, hat mit 18 Kubikmetern ein vergleichsweise großes Volumen. Sie ist allerdings auch Teil einer im Bau befindlichen Schule, die in Zukunft auf diese Art und Weise ihr Schwarzwasser klären, den Bioabfall verwerten und auf dem Biogas für ihre Schüler kochen wird. Die Errichtung der Kleinbiogasanlage gestaltet sich überraschend einfach: Ein Stecksystem von Stahlverschalungen muss gut eingeölt und auf ein vorher gegossenes Fundament gesetzt werden. In die so entstandene Form wird weiterer Beton gekippt. Nach zwei Tagen kann die Verschalung entfernt werden, die Anlage steht. Nun muss lediglich noch eine Fiberglaskuppel aufgesetzt werden, um das Gas zu halten. Das Geniale an der ganzen Sache: Die Verschalungen können fast beliebig oft wiederverwendet werden. So entstehen schnell Dutzende Anlagen bei extrem niedrigen Kosten.

 


Diese Anlage in Rio wird später größtenteils von Erde bedeckt sein


Aber auch für den privaten Bau im Keller, Garten oder gar auf dem Balkon gibt es passende Lösungen. Daran habe ich mich bereits zusammen mit einem Klassenkameraden versucht: Im Garten unserer Schule errichteten wir eine Anlage mit einem Volumen von einem Kubikmeter. Es handelt sich dabei lediglich um einen isolierten IBC-Tank (wie man ihn vielleicht aus dem Hafen oder als Regentonne kennt), in den wir drei Rohre gesteckt haben: eins für die Essensreste, eins für den qualitativ hochwertigen Flüssigdünger, den das System auch noch liefert, und eins für das entstehende Biogas. Diese Anlage läuft nun fröhlich vor sich hin – völlig Kohlendioxid-neutral, ohne auf Energiemais o.Ä. zurückzugreifen – und begeistert uns mit ihrer wunderbaren Flamme immer wieder aufs Neue. Kosten: unter 100 €.

 


Die Biogasanlage an unserer Schule, gestartet mit 100 l Hühnergülle und 900 l warmem Wasser


Unser Ziel ist, aus Heimbiogas eine ähnliche Bewegung zu schaffen, wie es vor Jahren den PV-Pionieren gelungen ist. Darauf arbeiten wir hin. Für weitere Informationen kannst du uns gerne auf www.solarcities.eu besuchen.

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Kommentare (3)
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14.09.2014
Lara_Gr hat geschrieben:
Ein tolles Projekt! Bewundernswert das du so etwas in deinem Alter schon kannst und dich auf so eine Weise weltweit für die Umwelt einsetzt!
06.09.2014
JormaGoerns hat geschrieben:
Hallo Jonas. Zum Speichern des Gases gibt es zahlreiche Möglichkeiten, häufig wird tatsächlich ein eigener Tank z.B. aus Beton gebaut. Alternativ kann man auch einfach zwei Regentonnen ineinanderstülpen, Wasser einfüllen und erhält so einen "floating digester". Außerdem gibt es noch echt große, gasdichte Plastikkissen, die man befüllen kann. Wir benutzen alte Radschläuche.

Das Gas kann übrigens auch komprimiert werden - das wird häufig gemacht, wenn man es als Kraftstoff fürs Auto benutzen möchte. Allerdings ist dann noch eine zusätzliche Reinigung des Gases notwendig (Schwefel tut dem Motor nicht sonderlich gut). Die Idee mit dem Grill ist super, hab ich auch schon mal ausprobiert. Das funktioniert ohne Probleme.

Es entsteht auch ein beachtlicher Druck, allerdings wird das Gas ja täglich abgelassen. Wenn man das System einfach stehenlässt und keine Nahrungsreste mehr hinzufügt, wird auch kein Gas mehr produziert.

Wegen des Methans: Da gibt es verschiedene Systeme. Wir bauen meistens geschlossene Anlagen (natürlich im Gegensatz zu einem mehr oder weniger "offenen" System). Allerdings muss man bedenken, das die Menge an Methan, die entweicht, unausweichlich produziert worden wäre. Auch beim Abfallverwertungshof auf deren Kompost, und das in einem noch viel größeren Ausmaß. Das schöne an der Biogasanlage ist, dass wir das meiste Methan tatsächlich auffangen und abfackeln können ...
06.09.2014
Jonas_Kittel hat geschrieben:
Super sache! Wie ist das dann mit dem Gas? Wird das in einem Tank gelagert oder mit Druck komprimiert? Könnte ich an so eine Anlage auch meinen Grill anschließen? (geile Vorstellung) wie funktioniert das mit dem Druck der da entsteht? Und gewährleistet ihr dass das System auch wirklich dicht ist? Weil methan, welches ja entsteht ist ja schrecklich für den treibhauseffekt..
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