Auf allen Kanälen:


Neues aus unserer


Forschung!


© Dagmar Heene / WWF
Fasten fürs Klima


von regentag
06.04.2015
8
0
100 P

In der Zeit von Fasching bis Ostern wird traditionellerweise gefastet. Die Mönche im Mittelalter verzichteten auf Fleisch und beteten mehr, um Buse zu tun und Jesu Leidensweg nachzuvollziehen. In unserer heutigen Lebenswelt erscheint das etwas absurd. Nur noch wenige gläubige Christen praktizieren diesen Brauch. Aber auch aus ganz weltlichen Gründen erfreut sich das Fasten einer zunehmenden Beliebtheit. Gerade in unserer schnelllebigen, gedankenlosen Welt des scheinbaren Überflusses und grenzenlosen Konsums ist der bewusste Verzicht eine Möglichkeit, auszusteigen, innezuhalten und Gewohnheiten distanziert objektiv zu betrachten.

Solche Gedanken hatte auch das Bildungsteam des WWFs. Schon letztes Jahr hatte Birgit, die Referentin für Bildung beim WWF Deutschland, die Idee zum Klimafasten: Vom Aschermittwoch bis zum Ostersonntag ersetzt man eine klimaunfreundliche Gewohnheit bewusst durch klimafreundliches Verhalten.

Auch 2015 hat das Bildungsteam wieder fleißig gefastet – und spannende Erfahrungen gemacht:

Unser Wirtschaft boomt, wenn sie wächst. Und das geht nur, wenn die Menschen sorglos konsumieren. „Kauft euch glücklich!“ – propagieren Millionen bunter Werbeanzeigen. Doch nichts kann ewig wachsen, schon gar nicht auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen. Bettina und Cosima wollten aus diesem System aussteigen und verzichteten zwei Monate lang auf überflüssigen Konsum. Sie kauften sich also nichts, was sie nicht unbedingt zum Leben brauchten. Das bedeutet: Keine ausschweifenden Shopping-Touren mit Freundinnen, keine schlecht-Wetter-online-Käufe und keine bunten Klatschmagazine. Ihre Erkenntnis: Es geht erstaunlich gut und man vermisst nichts.

„Zu merken, dass ich nichts Neues brauche und dann auch bewusst nichts Neues zu kaufen, macht mir viel Freude,“ sagt Cosima, „außerdem merkt man erst, wie viele überflüssigen Sachen man bereits hat, die man nie wirklich braucht.“ Auch Bettina kam zu diesem Ergebnis: „Man lernt Altes ganz neu zu schätzen!“ 

Fazit: Die Werbung, die immer neue Begehrlichkeiten wecken will, lügt! Ob man zufrieden ist, hat überhaupt nichts damit zu tun, ob man schon die neuste Frühjahrskollektionen im Schrank hängen hat. Im Gegenteil, es macht glücklich, weniger zu besitzen und nicht ständig nach mehr zu streben. Cosima jedenfalls will versuchen, auch im Urlaub beim Schaufensterbummeln zu bleiben – und nichts Überflüssiges einzukaufen.

 

So nicht...

Bettina verzichtete darüber hinaus auf Süßigkeiten, Kaffee und Alkohol. Zwar kostete es sie etwas Beherrschung, im Nachmittagstief nicht dem ersten Drang nachzugeben und eine Tasse Kaffee zu leeren. Doch der bewusste Verzicht gab ihr ein gutes Gefühl - und die Erkenntnis: Es geht auch ohne.

Strenge Enthaltsamkeit ist nicht Jedermanns Sache. Tina zum Beispiel, tat sich ziemlich schwer mit strikten Regeln, nicht zuletzt, weil sie in einer großen Hausgemeinschaft lebt. Ihre Abendliche Kontrollgänge, um den Stromverbrauch zu senken, störten deshalb manchmal. So entschied sie sich für einen undogmatischeren Weg mit Ausnahmen. Auch das ist schon ein großer Schritt, schließlich soll das Klimafasten in erster Linie festgefahrene Gewohnheiten aufrütteln. Tinas Erkenntnis: „Fasten ist bei vielen mit Verzicht gekoppelt, aber Verzicht ist unangenehm und passt vielen nicht. Veränderungen brauchen eben Mut und Zeit. Das fällt schwer, aber wir arbeiten daran!“

Darüber hinaus organisierte Tina ein Repair Café. Was sich hinter diesem exotischen Begriff verbirgt? Die Idee, dass kaputte Sachen oft noch ganz einfach zu retten sind. Löchrige Pullover, abgebrochene Stuhllehnen oder auch defekte Toaster sind noch lange nicht reif für die Mülltonne! Durch das Know-how verschiedener Menschen, die sich in Repair-Cafés treffen, wird so mancher Gebrauchsgegenstand wieder funktionstüchtig – und Müll sowie die Produktion neuer Gegenstände werden vermieden. 

Birgit ernährte sich sieben Wochen lang vegan – und konnte auch ihre Familie davon überzeugen, morgens und abends gemeinsam vegan zu essen. Wie der komplette Verzicht auf tierische Produkte war? „Erstaunlich leicht!“ Aber mit Vorurteilen wurde sie oft konfrontiert. Viele Menschen sind leider immer noch der Ansicht, vegan schmecke nicht, sei teuer und zudem auch noch ungesund. Birgit hielt dem entgegen. „Davon kann ich nichts bestätigen. Im Gegenteil, es gibt ein Fülle toller Gerichte und passende Kochbücher dazu.“

Ihre Familie war anfangs ebenfalls kritisch. Birgits Tochter liebt zwar veganes Essen und hatte große Freude am Ausprobieren der neuen Gerichte, aber ihre Männer waren weniger begeistert. Trotzdem hielten sie sich an die Fastenregeln – und bestanden sogar die Zerreißprobe, als Birgit krank wurde und nicht selbst kochen konnte. Trotz der Verlockung blieben sie standhaft und kochten für sich selbst und Birgit weiterhin ohne tierische Produkte.

 

Veganes Abendessen für vier

Nicht ganz so radikal fastete Margret. Sie rührte sieben Wochen lang kein Fleisch an. Da sie aus einer bäuerlichen Familie stammt und mit dem leckeren Schweinebraten ihrer Mutter aufgewachsen war, hatte sie noch nie ernsthaft darüber nachgedacht, auf Fleisch zu verzichten. Doch durch das Klimafasten bemerkte sie, dass ihr ohne Fleisch überhaupt nichts fehlte. „Im Gegenteil, es macht mir Spaß, vegetarische Rezepte auszuprobieren! Vegetarische Bolognese und Gemüsebratlinge sind super lecker!“, sagt sie.

Astrid ernährte sich nach der „Paleo-Diät“. Das bedeutet, sie aß wie die Menschen in der Steinzeit: Rohkost, saisonales Gemüse, Früchte, Nüsse, Samen, aber auch Fisch und Fleisch. Vor allem der Gedanke, auf direkte Kohlenhydrate, Süßes, Kaffee, Schwarztee und Wein verzichten zu müssen, fiel ihr anfangs schwer. Doch auch Astrid bemerkte, dass es Freude macht, etwas Neues auszuprobieren. „Ich hatte und habe mit dem Weglassen keine Probleme. Ich habe sogar einen Paleo-Kuchen und einen Paleo-Schokopudding gemacht. Hätte nie gedacht, dass so etwas aus diesen Zutaten funktioniert.“

Ivonne verbrachte die Fastenzeit nicht nur in Berlin, sondern auch Chile. Trotzdem wollte sie das Klimafasten durchziehen und auf Plastiktüten verzichten. In Berlin klappte das auch gut und ohne Probleme. Sie kaufte mit Beuteln und Gemüsenetzen ein. Ihren Bio-, Plastik-, Papier- und Flaschenmüll sammelte sie in Behältern, die ohne Mülltüte auskommen. Schwieriger gestaltete sich die Sache in Chile. Zwar ist den Menschen dort die Plastiktütensituation bewusst, aber trotzdem bieten sie allen Kunden Plastiktüten an, sobald sie in den Laden kommen. Es ist wie so oft: das Bewusstsein ist da, aber Veränderungen geschehen nur schleppend langsam. Ivonnes Einsicht: „Der Plastikmüll, der sich in meinem Haushalt ansammelt, ist immer noch sehr hoch. Ganz auf Plastik zu verzichten, wäre nochmal eine ganz andere Herausforderung.“ – vielleicht im nächsten Jahr?

Auch ich habe beim Klimafasten mitgemacht und versucht, auf Plastik zu verzichten. Dabei erging es mir ganz ähnlich wie in der Woche der „Plastik-Pause“ – der Versuch war zum Scheitern verurteilt. Aber ein paar Alternativen habe ich tatsächlich entdeckt und ausprobiert. Die selbst gemachte Zahnpasta aus Kokosfett, Backpulver und Grapefruitkernextrakt schmeckte am Anfang zwar sehr gewöhnungsbedürftig, inzwischen aber ziemlich gut - und meine Zähne sind genauso sauber wie eh und je ;) Festes Shampoo wäscht die Haare genauso gut und effektiv wie flüssiges und auch feste Seife funktioniert sowohl für die Hände, den Körper und das Gesicht. Toilettenpapier habe ich leider nicht ohne Plastikverpackung finden können, und auch sonst ging es bei einigen Sachen nicht ohne - Sojamilch gibt es zum Beispiel einfach nicht in Glasflaschen.

Bastian überlegte sich etwas Außergewöhnliches: Er nah sich vor, jeden Tag eine Danksagung an die Erde zu sprechen. Im hecktischen, durchgetakteten Alltag, fiel ihm das nicht immer leicht. „Ich muss mich teilweise echt disziplinieren muss, um die Danksagung nicht zu vergessen. Wenn ich mich aber hinsetze und mir die Zeit nehme, fallen mir immer neue Dinge ein, wofür die einzelnen Elemente da sind und wofür ich ihnen dankbar bin. Gerade zum Beispiel die wiederkehrenden Vögel und ihre Gesänge und wie sie mein Ohr beleben und mich in den Augenblick zurückziehen, wenn ich in Gedanken bin. Und natürlich die Kraft der Pflanzen, die jetzt wiederkommt. Ich spüre dann auch im Alltag mehr Ruhe und Verbundenheit.“

Heute geht die Fastenzeit zu Ende. Alle im Bildungsteam sind sich einig, dass die Zeit des sich Ausprobierens positiv und lehrreich war. Und obwohl Margret jetzt wieder Fleisch isst, Bastian nicht mehr jeden Tag der Erde dankt und ich sicher wieder Plastik einkaufen werde, bleibt eine Veränderung zurück: Ein anderes Bewusstsein für den Ist-Zustand und die Erkenntnis, dass Verzicht nicht negativ sein muss.

Habt Ihr auch beim Klimafasten mitgemacht? Wie erging es Euch damit? Und falls Du erst jetzt von der Aktion erfährst: Man braucht keine religiöse Fastenzeit, um etwas in seinem Alltag zu verändern. Wie wäre es, wenn Du einfach ab morgen eine Sache angehst, die Dich schon länger beschäftigt? Nur Mut!

Weiterempfehlen

Kommentare (8)
Um einen Kommentar zu schreiben einfach registrieren oder einloggen.
Sortieren nach Aktualität:
13.04.2015
Ivonne hat geschrieben:
Vielen Dank für diese schöne Zusammenfassung, Anja! Fasten (egal was) ist wirklich inspirierend, vor allem, wenn so viele mitmachen!
08.04.2015
Cookie hat geschrieben:
Danke für die Infos Anja, ich werde das mit der Zahnpasta bei Gelegenheit ausprobieren! :)
07.04.2015
peacemeinfreund hat geschrieben:
Der Selbstversorger Blog ist super, ich liebe es auf dem zu stoebern. :D
07.04.2015
Ria2000 hat geschrieben:
Echt ein toller Bericht! :) Habs auch ausprobiert. Wenn man das über einen längeren Zeitraum hinweg macht, gewöhnt man sich irgendwie daran, mit weniger zu leben! :)
07.04.2015
regentag hat geschrieben:
Danke für die lieben Kommentare! :)

@Cookie: Das Rezept ging schon ein paar Mal durch die Community glaube ich, hier ist der Link: http://experimentselbstversorgung.net/leckere-selbst-gemachte-zahnpasta/ Aber es gibt noch viele weitere Möglichkeiten, sich plastikfrei-selbstgemacht die Zähnchen zu putzen ;) Auch auf Basis von Heilerde, Minze, Birkenzucker... oder nur mit reinem Kokosöl kann man Zahnpasten herstellen. Kokosfett ist einfach Kokosöl, das wird ja hart, wenn es unter 24°C hat. Grafpefruitkernextrakt ist erstens mal überflüssig, die Reinigungswirkung tritt genauso gut ohne ein, gibt dem ganzen aber Geschmack und wirkt desinfizierend. Man bekommt es in manchen Drogerien und ansonsten in der Apotheke.

@FranziNatur: Cosima hat Recht, leg einfach los mit dem Fasten! :)

@Cosima: Auf verpackte Süßigkeiten zu verzichten ist auch echt eine kreative Idee! Würde mich freuen, in vier Wochen von deinen Erfahrungen zu hören :)
07.04.2015
Cosima hat geschrieben:
Super Zusammenfassung vom Klimafasten.
Mir hat es wirklich viel Spaß gemacht, diese Erfahrung mit anderen zu machen
und zu teilen.
Vor allem bewusst sein Verhalten erst Mal zu beobachten, ist schon viel wert.

@FranziNatur: Hätte.. ? Einfach anfangen. Klar, die Fastenzeit gibt einen Rahmen, an dem man sich orientieren kann, aber Klimafasten kann man immer anfangen.
So kannst du selbst den Zeitraum bestimmen und vielleicht überzeugst du ja noch jemanden aus deinem Familien- oder Freundeskreis.
Ich werde jetzt auch nochmal vier Wochen auf verpackte Süßigkeiten verzichten :)

Danke für den tollen Bericht, Anja :)
06.04.2015
Cookie hat geschrieben:
Danke für den tollen Bericht, der ist echt inspirierend! :) Und es freut mich natürlich total, dass du quasi noch eine extra Plastik-Pause angehängt hast. Das Zahnpastarezept würde mich auch mal interessieren, wobei sich die Zutaten schon etwas exotisch anhören. Woher bekommt man denn Kokosfett und Grapefruitkernextrakt?
06.04.2015
Franzichen hat geschrieben:
Wow das ist wirklich ein toller Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten! Ich habe leider nicht gefastet aber wenn ich deinen Bericht so lese, denke ich mir:" hätte ich das doch lieber mal auch gemacht..."
Login
E-Mail


Passwort


Kostenlos registrieren
Mitglied werden
Könnte dir auch gefallen
Vegan - Da haben wir den Salat! Kürbis-Curry und Schokobrownies
Vegan - Da haben wir den Sa...
Ich bin immer noch dabei, die Kürbisse zu verarbeiten, die auf meiner Fensterbank lagern.... weiter lesen
Filmvorführung von
Filmvorführung von "Taste ...
Vom 19. Bis 27. November findet die Europäische Woche der Abfallvermeidung statt, eine eu... weiter lesen
Schützt die Kreisläufe - euer Planet ist wunderschön!
Schützt die Kreisläufe - ...
Die Wissenschaftler des fremden Sterns blicken vom Mond durch ihre Teleskope auf die Erde. Ei... weiter lesen
Alles dreht sich ums Rad - beim 2. Block in Münster: Mobilität 2016
Alles dreht sich ums Rad - ...
Münster ist eine Fahrradstadt. Überall gibt es Radwege und Fahrradständer und e... weiter lesen
Nachhaltigkeitscheck am Gymnasium Essen-Werden
Nachhaltigkeitscheck am Gym...
Ich gehe zwar nicht mehr zur Schule aber im Rahmen des 2° Campus wollte ich einen Nachhaltig... weiter lesen
Deine Ansprechpartner
Marcel
Marcel Gluschak
WWF Jugend Community Manager
zum Profil
Luise
Luise Neßler
WWF Jugend Community Moderatorin
zum Profil
MarcelB
Marcel Brüssow
WWF Jugend Redaktion
zum Profil
Ronja96
Ronja Post
WWF Jugend Aktionsteamer
zum Profil
HannahFee
Hannah Fesseler
hilft dir bei technischen Fragen
zum Profil
AndreaRentschler
Andrea Rentschler
hilft dir bei Fragen zur WWF Jugend Mitgliedschaft
zum Profil
NicoleB
Nicole Barth
hilft dir bei Fragen rund um die WWF Jugend Camps
zum Profil