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Die zweite Generation Fairphone: Was ist dran und wozu ist es gut?


von Lilith99
20.08.2015
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Wir haben es rund um die Uhr in der Tasche. Nachts liegt es auf dem Tisch neben uns – meistens um den Akkustand, der sich durch das durchgehende Benutzen über den Tag vollständig erschöpft hat, wieder aufzufüllen. Jede Minute blinkt etwas auf. Es piepst, vibriert, oder klingelt – heutzutage hat fast jeder von uns ein solches Gerät: Das Smartphone. 

Wir schreiben damit, telefonieren, hören Musik… aber wenn ihr ehrlich seid – wie häufig habt ihr euch schon gefragt, wie dieses Gerät eigentlich hergestellt wurde!? Habt ihr euch jemals damit beschäftigt, aus welchem Material der kleine technische Apparat in eurer Hosentasche aufgebaut ist, wer ihn gefertigt hat und vor allem, wo er gebaut wurde und wie er zu euch gekommen ist!? 

Genau mit diesen Fragen beschäftigt sich das im Januar 2013 gegründete Unternehmen „Fairphone“.  Die Initiatoren der ursprünglichen Kampagne, die auf die vielen sozialen und ökologischen Probleme bei der Herstellung der herkömmlichen Smartphones hingewiesen haben, haben diese inzwischen in ein Unternehmen mit Sitz in Amsterdam verwandelt, das von Bas van Abel geleitet wird.
 

 

 Der Geschäftsführer von „Fairphone“ : Bas van Abel  

Das von der Firma verfolgte Ziel: Es soll gezeigt werden, dass Handys auch mit möglichst großer Beachtung sozialer Aspekte hergestellt werden können und dabei sogar noch bezahlbar bleiben: Gerade einmal 310 Euro kostet ein neues Fairphone der voraussichtlich im September herauskommenden zweiten Generation. Nicht gerade ein Vermögen! 

Neben Maßnahmen, wie bessere Arbeitsbedingungen bei der Herstellung oder auch eine bessere Bezahlung, hat sich das Unternehmen darüber hinaus das Ziel gesetzt, die in dem kleinen elektrischen Gerät verbauten Minerale (wie z.B. Zinn, Tantal, Wolfram und Gold) nur aus Gebieten zu beziehen, bei denen der Abbau nicht zur Finanzierung von Bürgerkriegen verwendet wird. Bei der ersten Generation des Fairphones haben es die Hersteller bereits geschafft, zwei dieser Minerale mit sogenannten „konfliktfreien Rohstoffen“ zu ersetzen, indem sie sowohl das Zinn als auch das Tantal aus dem Kongo bezogen haben. Auf diese Weise wird nicht nur die Produktion, sondern auch der Abbau der Rohstoffe kontrolliert, um dadurch dem Ziel -  ein bezahlbares Handy, dessen Wertschöpfungskette vollständig sauber ist – möglichst nahe zu kommen.

 

Doch was soll nun das Fairphone II sein!? Handelt es sich dabei wirklich um eine technische Weiterentwicklung oder nur um reine Publicity? 

Nach eigenen Angaben des Unternehmens wurde beim Fairphone der ersten Generation hauptsächlich auf die Herkunftsländer der Rohstoffe geachtet, während ein bereits vor-handenes Design verwendet wurde, sodass die Firma stark eingeschränkt war. 

Bei dem zweiten Fairphone soll nun ein vollkommen neues, selbst entwickeltes Aussehen auf den Tisch, damit die Herteller noch freier entscheiden können, was genau in ihr Produkt eingebaut wird. Diese Maßnahme führt wiederum zu der Steigerung des Einflusses auf die Auswahl der Rohstoffe und Produktionsbedingungen – das neue Fairphone sollte also sogar noch fairer und seine Herstellung noch besser kontrolliert sein, als das derersten Generation.

 


 
Des Weiteren wird bei dem neuen Fairphone das Ziel verfolgt, es noch langlebiger und einfacher für anfallende Reparaturen zu machen, sodass auch in diesem Punkt Ressourcen geschont werden. Bereits das erste Fairphone galt als außergewöhnlich langlebig. Das bereits jetzt vorbestellbare Smartphone jedoch soll nun noch leichter zu
öffnen sein, was zur Folge hat, dass die Kunden mit erworbenen Ersatzteilen  und kostenlosen Videoanleitungen auf der Homepage ihr Handy relativ einfach selbstständig reparieren können und es weder gleich direkt entsorgen, noch eine teure Reparatur bezahlen müssen. 

Bei diesen Maßnahmen ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich das Unternehmen nebenbei noch für das Thema "Recycling" einsetzt und gerade ein Projekt entwickelt, bei dem alte technische Geräte aus Städten in Afrika gekauft werden und in Deutschland
aufbereitet werden sollen. 

Was sind nun die Unterschiede zu den herkömmlichen Smartphones?  

Neben dem gesetzten Ziel, eines „sauberen“ Herstellungsweges, unterscheidet sich das Unternehmen auch in seiner Marketingarbeit und der Präsentation seines Handys vor der Öffentlichkeit von anderen Marken. Statt ihr neues Handy dem Publikum von einer Bühne herab vorzustellen, fordern sie die Interessierten dazu auf, das Fairphone selbst in
die Hand zu nehmen, aufzuschrauben und es auf diese Art und Weise zu untersuchen. 

Des Weiteren muss man sich bei der Bestellung eines Fairphones darauf einstellen, weder ein Ladekabel, noch Kopfhörer vorzufinden. Diese Maßnahme begründet der Hersteller mit Umweltschutzgründen. Denn die meisten Käufer verfügen sowieso bereits über diese Geräte, sodass nicht zusätzlich Material und Geld  verschwendet werden muss.

 

 

Ein weiterer entscheidender Unterschied zu anderen Anbietern ist die Zielgruppe, die durch das Fairphone angesprochen werden soll. Es wird kaum das Zukunftshandy der „Ich will immer sofort das Neuste“-Käufer sein. Die technischen Standards sind zu Gunsten des Preises und der berücksichtigten sozialen Aspekte zum Teil heruntergeschraubt worden. Dabei  fällt  beispielsweise insbesondere die mangelhafte Qualität der Kamera auf. In anderen Bereichen kann jedoch dieses Handy selbst technisch mit-halten und für den Alltagsgebrauch ist es eindeutig ausreichend. Vor allem für Käufer, die sich auch mit ethischen Fragen beschäftigen und denen die Transparenz eines Unternehmens wichtiger ist, als beispielsweise die Qualität der Bilder, könnte auch die zweite Generation des Fairphones interessant sein. Für die anderen lohnt es sich meist nicht. Denn ein Handy, das eine ähnliche technische Qualität aufweist, könnte schon mit gerade einmal der Hälfte des Preises ergattert werden.

 

Erfolg? 

Das Fairphone kann mit seinen Verkaufszahlen noch lange nicht mit konventionell ergestellten Smartphones mithalten. Im Vergleich zu Apple (weltweit etwa 74,5 Millionen verkaufte Apple iPhones im Zeitraum von Oktober bis Dezember 2014) liegen seine Verkaufszahlen mit gerade einmal 60.000 Exemplaren insgesamt noch sehr weit hinten. 

Aber genau das soll sich nun mit der zweiten Generation ändern. 

Diese wurde bereits seit Februar 2015 von insgesamt 47.000 Käufern vorbestellt, was unter anderem auch dazu geführt hat, dass das Fairphone erst vor kurzem zum schnellsten wachsenden Techstartup in Europa ausgezeichnet  wurde. 

Ein weiterer Höhepunkt in der Geschichte des Unternehmens war unter anderem  der Gewinn  des GreenTec Awards


Mit Auszeichnungen wie diesen, aber auch steigender Werbung, erlangt das Fairphone immer mehr Aufmerksamkeit und einen immer höheren Bekanntheitsgrad, sodass sich das Unternehmen auch weiterhin ein starkes Wachstum verspricht.

 Aber: Ist das Fairphone wirklich so fair, wie es scheint?? 

Bio ist häufig nicht gleich Bio, in Schweinefleischlasagne findet sich Pferdefleisch… . Es gibt viele derartiger Skandale, bei denen nachgewiesen wurde, dass wir als Kunden
nicht die ganze Wahrheit über die Produkte wissen, die wir kaufen. Ist das auch
beim Fairphone der Fall? 

Es gibt viele Zweifel daran, ob es wirklich möglich ist für gerade einmal 310 € ein
Smartphone herzustellen, dass wirklich mit sauberen Rohstoffen von fair
bezahlten Arbeitern hergestellt wird und nebenbei noch nicht einmal wie ein
„Öko-Handy“ aussieht oder merklich weniger Funktionen hat als ein konventionell hergestelltes Smartphone.  

Und tatsächlich ist noch lange nicht alles an diesem Smartphone rein fair. Die zwei "konfliktfreien" Mineralien, die aus dem Kongo bezogen werden sind unter den 30 insgesamt verwendeten Erden lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein. Bei allen anderen 28 kann die Herkunft aufgrund zu vieler Zwischenhändler nicht sicher genug nachverfolgt werden. 

Darüber hinaus lassen sich sogar negative Nebeneffekte durch die ethnischen Bemühungen des Unternehmens beobachten. 

Ein Beispiel dafür ist der 2007 erlassene Dodd-Frank-Act, der US-Unternehmen dazu zwingt, bei einigen Materialien zu dokumentieren, dass mit deren Zukauf keine bewaffneten Konflikte finanziert werden. Als Reaktion darauf, verlagerte eine ganze Reihe von Firmen z.B. ihre Zinngewinnung nach Indonesien, wodurch wiederum die Arbeitslosigkeit in den nun gemiedenen Gebieten ansteigen ließ. 

Darüber hinaus ist auch die Bezahlung der Arbeiter der A'Hong-Fabrik in China, die für Fairphoneproduziert, umstritten.

Über all das sind sich die Mitarbeiter von Fairphone aber bewusst. Sie sind der Meinung, dass es unmöglich ist, ein 100%ig  faires Smartphone herzustellen – zumindest in der heutigen Zeit – und versuchen daher den fairen Anteil möglichst hoch zu
halten

 

Insgesamt lässt sich festhalten, dass das Fairphone auf jeden Fall gute Anreize schafft. Es soll bereits jetzt zu 80% fair hergestellt sein und regt vor allem mit seinem übergeordneten Ziel sowohl den Kunden dazu an, sich darüber Gedanken zu machen,
woraus das eigene Handy eigentlich besteht und wo es gefertigt wurde, als auch
die Industrie. Dort werden unter anderem durch Fairphone ebenfalls mehr Anstöße
dafür geschaffen, die Produktionswege der Smartphones zu verändern und die
Schwerpunkte an andere Stellen zu setzen. Vielleicht werden durch das Beispiel
des Fairphones auch in Zukunft größere und einflussreichere Unternehmen auf
diese Aspekte Wert legen, sodass sich nach und nach doch etwas verändern lässt
– wünschenswert wäre es auf jeden Fall. 

 

Bildquellen: 

Titelbild: 

©via flickr_Massimo Mercuriali

 

Restliche Bilder:

Bild 1: ©via flickr_NEXT Berlin

Bild 2,4,5 : ©via flickr_Massimo Mercuriali 

Bild 3: ©via flickr_Massimo Mercuriali und https://www.fairphone.com/

 

 

 

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Kommentare (5)
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24.08.2015
Monamona hat geschrieben:
Ich bin überrascht, dass du über die mangelnde Qualität der Kamera schreibst, weil meine Mutter ein Fairphone hat und richtig gute Bilder machen kann. Aber die Fairphones der 1. Generation haben ja auch noch unterschiedliche Macken, bei den einen funktioniert das Internet nicht immer zuverlässig, bei anderen schaltet es sich manchmal ab... Also vielleicht funktioniert die Kamera auch einfach nicht so gut?
Ich finde es auf jeden Fall ziemlich gut und werde mir auch ein Fairphone kaufen, wenn mein altes Nokia irgendwann den Geist aufgibt und ich niemanden finde, der noch ein altes Handy zu Hause hat und es mir abgibt :)
Danke für den Bericht! :)
24.08.2015
GwynRoth hat geschrieben:
Wirklich toller Bericht,danke!
Da mein Handy nach mehreren Jahren Benutzung jetzt leider doch nicht mehr so mitmacht, überlege ich schon seit längerem in ein Fairphone zu investieren und dieser Artikel hat mich nur darin bestärkt. Das Konzept ist wirklich gut, sicherlich noch ausbaufähig,aber auf jeden Fall ein toller Anfang,den man unterstützen sollte,wenn man schon die Möglichkeiten dazu hat! :)
24.08.2015
RichardParker hat geschrieben:
Ganz toller Bericht, danke!! :))
23.08.2015
Jayfeather hat geschrieben:
Danke für den tollen Bericht! :)
Wenn ich mir dann doch mal irgendwann ein Smartphone zulege wird es auf jeden Fall ein Fairphone sein.
Auch wenn es (noch) nicht zu 100% fair ist, ist das Konzept super. Und vlt. wird es in Zukunft noch fairer werden.
22.08.2015
Anais hat geschrieben:
Vor kurzem hatte ich hier in der Community von wem anders einen Kommentar zum Fairphone gelesen und mich gefragt, was mit dem Akku gemeint sei. In der Zwischenzeit war ich mit meinem Freund im Urlaub und dort hat sich sein Handy plötzlich aufgehakt. Er hatte es in seiner Hosentasche und plötzlich leuchtete die Taschenlampe und statt der Sperre, wurde der Bildschirm angezeigt, aber es ließ sich nichts machen. Normaler Weise hätte ich einfach den Akku rausgenommen, aber er hat auch so ein Handy, wo der Akku integriert ist und sich nicht entfernen lässt. Letztendlich gabs dann irgendwo einen Reset Knopf und es funktioniert wieder alles. Aber trotzdem finde ich es einfach ekelhaft, dass heutzutage die Dinge vorsätzlich so produziert werden, dass sie recht schnell kaputt gehen und sich nicht reparieren lassen. DESHALB: finde ich das Prinzip vom Fairphone super. Klar, mag schon sein, dass da noch vieles ausbaufähig ist, aber es geht in die richtige Richtung und erscheint mir absolut unterstützenswert ;))
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