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© Dagmar Heene / WWF
Das ist doch ... utopisch!


von seastar
23.10.2015
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Diesen Satz hatte bestimmt jeder von uns 2°Campus-Alumnis schon mal gehört, als wir am 21. Semptember 2015, dem letzten Tag unseres Alumnitreffens, im Seminarraum des Wannseeforums saßen und darauf warteten, dass der Vortrag von Tobi Rosswog und Pia Damm vom Projekt- & Aktionsnetzwerk „living utopia“ losging. Doch während die meisten Leute mit solchen Sätzen sagen wollen, dass etwas nicht umsetzbar ist und man es gar nicht erst versuchen sollte, hatten unsere beiden Referenten eine ganz andere Vorstellung vom Thema „Utopie“ ...

 

... und offenbar auch von dem, was sie unter einem „Vortrag“ verstanden: Erster Programmpunkt war nach einer kurzen Begrüßung ein kleines Warm-Up, um uns am frühen Morgen gut wach zu machen (was, zugegebenermaßen, am letzten Tag unseres Treffens nicht schaden konnte ;) ). So machten wir zum Beispiel in Zweierpärchen ein Klatschspiel, bei dem man sich gegenübersteht und beide Partner in verschiedene Richtungen (oben, unten, etc.) klaschen und wenn sie sich zufällig spiegeln, beim anderen mit beiden Händen einklatschen.

Tobi und Pia machen's vor ...

 

Wie schaut's bei uns aus ...?

Dann folgte eine „Soziometrie“: Im Raum befand sich nun plötzlich ein gedachter Zahlenstrahl mit 0 = „Nein, überhaupt nicht“ und 10 = „Ja, absolut“, an dem wir uns zu den Fragen „Fühle ich mich selbstbestimmt?“ und „Kann ich als Einzelperson in der Welt etwas bewirken?“ aufstellten. Natürlich standen wir, die ja größtensteils gerade am Anfang einer Ausbildung oder eines Studiums stehen und uns gerne aktiv für den Klimaschutz engagieren, eher in der oberen Hälfte, aber es war interessant zu sehen und hören, dass wir doch relativ weit verteilt waren, also auch unterschiedlich darüber dachten.

Auf diese Unterschiede gingen wir dann beim „Marktplatz“ noch näher ein: Alle liefen durcheinander und suchten sich immer wieder einen neuen Partner, mit dem sie sich jeweils darüber austauschten, welche Themen ihnen momentan wichtig sind, was ihre Motivation dafür ist, aktiv zu werden, aber auch was sie daran hindert bzw. dabei behindert, zum Beispiel Zeitmangel.

... und wie bei Tobi und Pia?

Danach sagten auch Tobi und Pia etwas zu diesen Themen und stellten sich dadurch vor:

Tobi, seines Zeichens Vollzeitaktivist und Mitweltpädagoge (um zu erklären, was das ist, bräuchte es einen gesonderten Vortrag, meinte er), sind viele Themen wichtig, weshalb er immer Prioritäten setzen muss, vor allem will er aber mehr Mitmachräume schaffen, z.B. beim „utopival“, einem Mitmach-Kongress des Netzwerks, bei dem es momentan nur 100 Plätze, aber 1000 Interessenten jedes Jahr gibt. Seine Motivation ist dann einerseits auch diese große Resonanz, die living utopias Projekte haben, andererseits aber besonders auch das, was er als sein „Kind im Herzen“ beschreibt: Er möchte, dass unsere Generation zu unseren Kindern und Enkelkinder später guten Gewissens sagen kann, dass wir die Verantwortung, die wir für die Welt, in der sie jetzt leben, hatten, übernommen haben. Hindernis bei der Umsetzung seiner Projekte war für Tobi eigentlich nur die Bürokratie und die daraus resultierende lange Wartezeit auf Gelder, die aber nun für ihn wegfällt, da living utopia seine Projekte konsequent geldfrei durchführt.

Für Pia, ebenfalls Vollzeitaktivistin und zusätzlich Bloggerin, sind die Themen, die ihr am wichtigsten sind, schon klarer definiert: Sie beschäftigt sich vor allem mit alternativen Wirtschaftsformen, bio-veganem Landbau und Anti-Rassismus (sie nennt hier explizit „critical whiteness“) und begleitet gerne Projektprozesse. Allerdings sind auch ihre Hindernisse mittlerweile aus dem Weg geräumt: Ihr Problem, keinen festen Wohnsitz zu haben und damit auch keine Struktur hat sich dadurch gelöst, dass living utopia seit Kurzem einen festen Sitz in Mainz hat, wo sie wohnen, gärtnern und Projekte planen können. Pias Motivation ist ihr Gefühl, mit zwei Füßen in zwei Welten zu stehen: Zwar sieht sie „mit dem Kopf“ den Status quo unserer Gesellschaft mit all ihren Missständen, aber mit ihrem Herzen ist sie beim Wunschdenken, dem Träume-Leben, der Utopie.

 

living utopia

Um diese Utopie ging es dann auch in Tobis nachfolgendem Input-Vortrag „Zeit für Veränderungen - Utopien jetzt leben!“: Diese Idee ist nämlich, wie auch der Name schon sagt, der Leitgedanke des Netzwerks „living utopia“, dass auf vier Prinzipien basiert: Solidarität, Ökologie, Veganismus und Geldfreiheit. Solidarität, weil die Projekte als Mitmach-Aktionen konzipiert sind und auf Augenhöhe kommuniziert wird, aber auch, weil mit Minderheiten, z.B. mit Flüchtlingen, gearbeitet wird. Ökologie, da alle Projekte mit ihrem CO2-Fußabdruck unter einer Erde bleiben, und Veganismus, weil Tiere gleich viel wert sind wie Menschen und befreit werden sollen. Beim Thema „Geldfreiheit“ betont Tobi, dass es „geldfrei“ und nicht „geldlos“ ist, da wir trotz allem ja in einem kapitalistischem Wirtschaftssystem leben, und die Geldfreiheit, die living utopia momentan praktiziert, auch nur deshalb so funktioniert, weil in unserer Gesellschaft hier fast alle Dinge, wie Lebensmittel und Wohnraum, bereits im Überfluss vorhanden sind und es deshalb am nachhaltigsten ist, diese zu nutzen. Um genau zu erklären, wie man ein geldfreies Leben umsetzt, bräuchte er einen gesonderten Vortrag, meinte Tobi, allerdings wäre es sogar möglich gewesen, den Mitmach-Kongress „utopival“ von Anfang an geldfrei umzusetzen.

Heutige Missstände ...

Living utopia basiert auf Utopien, Utopien von griechisch „eu-topos“, guter Ort, oder „ou-topos“, Nicht-Ort. Bei einer Utopie handelt es sich also um einen guten, (noch) nicht existierdenden Ort. Living Utopias zentrale Frage lautet daher auch: „Wie stelle ich mir eine zukunftsfähige Gesellschaft von morgen vor?“ Denn für sie ist klar, dass unsere heutige Gesellschaft nicht zukunftsfähig ist: Das zeigt sich zum Beispiel am Earth Overshoot Day, dem Tag, an dem wir alle Ressourcen, die uns für das Jahr zustehen, wenn die Erde sie reproduzieren können soll, aufgebraucht haben, und der jedes Jahr ein bisschen früher ist, letztes Jahr am 19., dieses Jahr schon am 13. August, mit als einziger Ausnahme dem Jahr 2009, dem Jahr der Finanzkrise. Oder am ökologischen Fußabdruck, der weltweit durchschnittlich bei eineinhalb, in Deutschland sogar bei drei Erden liegt. Oder der Tatsache, dass die Anzahl an Menschen in Deutschland, die an psychischen Krankheiten leiden, immer weiter ansteigt, da die Leute pro Person durchschnittlich tausend Dinge besitzen, damit zeitlich aber total überfordert sind.

... erfordern neue Wege

Dabei glauben living utopia aber nicht, dass „ihre“ Utopien die Patentlösungen zu diesen Problemen darstellen, sie wollen keinen „Utopismus“, keine Utopie als neues System, als Ideologie. Tobi erklärte, dass sie Utopie als Lust zur Veränderung sehen: Wir gehen selbst los, gehen neue Wege. Es geht nicht darum, einen 10-Punkte-Plan für die Weltrettung zu erstellen, sondern neue Ideen auszuprobieren.

Probleme ...

Dabei ist dieses „neue Wege gehen“ aber gar nicht so einfach: Man muss dafür nämlich raus aus seiner Komfort-Zone, seine Gewohnheiten ändern. An einem sehr einfachen Beispiel kann man das selbst erfahren: Wenn man seine Arme verschränkt, macht man das normalerweise automatich in eine bestimmmte Richtung, den einen Arm über den anderen. Macht man es dann bewusst anderes herum, fühlt sich das erstmal komisch an. Wenn man es dann aber öfter macht, z.B. jeden Tag einmal, wird es irgendwann normal und man kann es dann in beide Richtungen ohne Probleme. Man hat seine Komfortzone erweitert.

Ein Selbst-Experiment: Arme „falschherum“ verschränken

Genauso ist es auch im echten Leben: Wird man beispielsweise Veganer, hat man anfangs das Gefühl, eingeschränkt zu sein, weil man keine Milch mehr trinken „darf“, aber dann stellt man fest, dass es statt der einen Kuhmilch, die man kennt, jetzt sieben andere „Milch-“sorten gibt, die man ausprobieren kann (Sojamilch, Hafermilch, Reismilch, ...).

Zweites Problem ist, dass man sich trauen muss. Man darf nicht denken: „Das kann ich mir nicht vorstellen!“ oder „Das geht nicht, das hat noch nie jemand gemacht!“ oder sich das einreden lassen, man muss es einfach ausprobieren und oft klappt es dann überraschenderweise doch, wie das Beispiel vom „utopival“-Kongress zeigt.

Vor allem aber muss man, um überhaupt auf neue Ideen zu kommen und Probleme lösen zu können, aus dem konventionellen Denken heraus und neue Perspektiven einnehmen. Tobi illustrierte uns das am sogenannten „9-Punkte-Problem“: Du hast ein Quadrat aus neun Punkten, die du mit vier geraden Linien verbinden musst. Wenn du dabei immer nur an den Punkten entlang das Quadrat nachmalst, funktioniert das nicht, der Punkt in der Mitte bleibt übrig. Malst du aber längere Linien, sodass sich ein durchgestrichenes Dreieck ergibt, kannst du alle neun Punkte verbinden (siehe Bilder). Du denkst „outside the box“.

 

Das 9-Punkte-Problem: Konventioneller Lösungsversuch (Bild: Tobi Rosswog)

 

Das 9-Punkte-Problem: Richtig gelöst durch „thinking outside the box“ (Bild: Tobi Rosswog)

... und Lösungen

Um dann einen Wandel herbeizuführen, ergeben sich dann eigentlich drei konkrete Schritte:

Schritt 1: Herausforderungen erkennen

Schritt 2: Perspektive wechseln (und Lösung / Alternative finden)

Schritt 3: Utopie leben (Umsetzen)

Da sich immer wieder neue Herausforderungen ergeben, muss man dynamisch reagieren und die Schritte quasi immer wieder wiederholen. So ergibt sich dann eine „Spirale nach oben“, eine immer bessere Welt.

 

Geldfrei ...

Nach dem Vortrag hatten wir Alumnis dann noch die Gelegenheit, Tobi und Pia mit Fragen zu bombardieren. Dabei erfuhren wir auch noch einiges Interessantes:

Zum Beispiel erzählte Tobi uns, dass eine geldfreie Ernährung ziemlich gut funktioniert, da insgesamt weltweit genug Nahrungsmittel produziert werden könnten, um 12 Milliarden Menschen vegetarisch zu ernähren, allerdings hungert trotzdem eine Milliarde Menschen, da das Essen durch unser heutiges Geschäftsmodell falsch verteilt wird. Dadurch werden pro Tag und Filiale in deutschen Läden 45 kg an Lebensmitteln weggeworfen. Dieses Essen kann man dann dort abholen, z.B. machen auch Organisationen wie „Foodsharing“ das. Auch die geldfrei lebenden Vollzeitaktivisten von living utopia, die keiner Lohnarbeit nachgehen, leben davon und Tobi hat in seiner geldfreien Zeit sogar 3 kg zugenommen.

Pia erklärte uns, wie utopival geldfrei organisiert wird: Es gibt immer ganz viele Leute, die von dem Projekt begeistert sind, und auf eigene Kosten dazu beitragen wollen. Zum Beispiel stellt der Landwirt vom Flinthof sein Gelände gerne freiwillig zur Verfügung und Referenten reisen auf eigene Kosten an. Wichtig ist aber außerdem, auch bei Projekten generell, dass man darauf vertraut, dass alles funktionieren wird, und dass man bei Problemen auch mal kreativ wird und z.B. selbst ein Zelt als Essenszelt baut.

Living utopia besteht aus 12 Aktivisten, die aber nicht alle Vollzeit dort arbeiten und auch nicht alle geldfrei und vegan leben, und zudem aus einem großen Netzwerk von Leuten, die begeistert an Projekten teilnehmen. Erreicht werden dabei vor allem Leute, die sich bereits mit ökologischen Themen beschäftigen und dann alle an einem Strang ziehen bzw. als Muliplikatoren dienen können, den „Mainstream“ erreichen living utopia über Videos und Artikel. Jetzt haben sie auch euch erreicht :)

Not just talking about utopia, but: living utopia!

 

Ihr wollt mehr wissen?

 

... zum Vortrag „Zeit für Veränderungen - Utopien jetzt leben!“

Ihr wärt gerne bei Tobis Vortrag dabei gewesen? Hier findet ihr seine Bildschirmpräsentation (viele schöne Veranschaulichungen und Zitate ;) ) und einen Artikel auf experimentselbstversorgung.net, der so ziemlich den Vortrag in schriftlicher Form darstellt. Auf der gleichen Seite findest du auch Pias Blog.

 

 

... zu „living utopia“

Dann geht auf ihre Webseite (dort könnt ihr auch einen Newsletter abonnieren) oder Facebookseite oder lest Cosimas Einleitungsartikel

 

... zu Tobi und Pia (hier kommt ihr auf eine Beschreibung auf der living utopia-webseite)

 

... zum geldfreien Leben

Lest Cosimas Interviews mit Tobi zu seiner geldfreien Reise Teil 1 und Teil 2 (zusammen mit Pia) und geldfrei.er leben

 

... zum utopival

auf der living utopia-Webseite oder lest dazu Cosimas Artikel 1 und 2

 

 

... generell zum Thema „Alternatives Leben und Wirtschaften“

Tobi und Pia hatten einige Buchtipps:

"Haben oder Sein?", 1976 v. Fromm

"Befreiung vom Überfluss", Niko Paech

"Halbinseln gegen den Strom", Friederike Habermann

 

Ihr wollt Tobi und Pia mal persönlich treffen oder einen seiner anderen Vorträge, z.B. zum Thema „Geldfrei leben“ hören? Nächstes Jahr touren sie auf drei Reisen durch Deutschland und ihr könnt sie auch direkt an eure (Hoch-) Schule einladen. Termine & Kontaktdaten findet ihr auf der Website (Link siehe oben).

 

Bilder: Daniëlle Schuman (ich)

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Kommentare (1)
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24.10.2015
Ivonne hat geschrieben:
Toller Bericht, liebe Danielle!! Sehr, sehr schade, dass ich nicht dabei sein konnte, aber um so schöner, dass du die Infos so gut zusammengefasst hast! Danke und liebe Grüße, Ivonne
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