Auf allen Kanälen:


Neues aus unserer


Forschung!


© Dagmar Heene / WWF
Alle glauben daran, dass sich teilen lohnt!


von Ivonne
27.04.2016
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Wie ist es, sich das Zuhause mit knapp 30 Menschen zu teilen? Ein Besuch bei WWF-Bildungsteam Mitarbeiterin Tina.

Drei Kanus lagern in ihrem Winterquartier unter dem Vordach, im Garten warten Wippe, Pizzaofen und Feuerstelle darauf benutzt zu werden. Was sich anhört wie ein fleischgewordener Kindertraum vom Land, liegt in Wahrheit mitten in Berlin-Friedrichshain. Ein friedliches Kleinod, nur einen Steinwurf von der Simon Dach-Straße, einer Ausgehmeile, die am Wochenende vor Menschen strotzt, die die Bars nach freien Plätzen absuchen.

An diesem grauen Tag Ende März besuchen wir Tina in ihrem Hausprojekt. Sie hat sich bereit erklärt uns durch das Haus zu führen, dass sie sich mit ihrer Familie, 20 Erwachsenen und zehn Kindern teilt.

Ohne weitere Erklärung klingt das nicht ungewöhnlich, schließlich wohnen Millionen Deutsche zur Miete, teilen sich Mehrfamilienhäuser, begrüßen sich morgens am Briefkasten im Erdgeschoss. In Tinas Haus bleibt es aber nicht dabei. Hier wohnt man gemeinschaftlich, teilt viel mehr.

Als die Mauer fiel, wurden überall in Ostberlin Häuser frei, eine „Kultur“ von Hausbesetzern entstand. Was leer stand, wurde erobert. Die Stadt Berlin sah das nicht gern und ging mit Härte gegen die teils anarchistischen Umstände vor. Oft wurden die neuen Bewohner dann gegen ihren Willen aus den Häusern gezerrt, ein unschönes Ende. Auch das Haus in dem Tina wohnt, kam so in den Besitz der ersten Bewohner. Anders als bei anderen leerstehenden Häusern wurden hier die Besetzer aber zu Besitzern, das Haus wurde Stück für Stück abbezahlt, so konnten Konflikte zwischen Bewohnern und Stadt vermieden werden.

Seit 2003 wohnt Tina mit ihrem Freund, Sohn und Tochter hier. Damals, 13 Jahre nach dem Einzug der ersten Bewohner, gab es in dem Haus noch einiges zu tun. Untereinander hatten sie sich darauf geeinigt, dass jeder 1000 Stunden Arbeit in das Haus steckt. „Ich habe tagelang Türen geföhnt, um den alten Lack abzubekommen“, schmunzelt Tina.

Im Haus erinnert heute nicht mehr viel an die turbulente Vergangenheit. Unter unseren Füßen strahlt uns die Treppe rot entgegen, die Wände leuchten in einem fröhlichen Orange. Kein biederes Weiß, wie man es von so vielen Häusern kennt.

Auf der Schwelle zwischen erstem und zweitem Stock steht ein Regal voller Bücher und Klamotten, jeder kann sich daran frei bedienen. „Alle hier glauben daran, dass sich teilen lohnt“, erzählt uns Tina.

Teilen, das gilt nicht nur für ausgelesene Bücher und abgelegte Klamotten. Jeder Bewohner hat zwar sein eigenes Zimmer, verschlossene Wohnungstüren findet man hier aber nicht. Ganz deutlich wird das, als uns Tina das Badezimmer „ihrer“ Wohnung zeigt: Mit etwas Fantasie kann man sich hier in den Kindergarten zurückkatapultiert fühlen. Auf der Ablage liegen rote, blaue und grüne Zahnbürsten, der Wandschrank ist mit Hygieneprodukten vollgestellt. Neben dem Waschbecken für die Erwachsenen hängt hier eins, dass auch von den kleinsten Bewohnern des Hauses gut erreicht werden kann.

Angeführt von Tina steigen wir die Treppe hinauf in den obersten, den fünften Stock. Hier liegt das „Herzstück“ des Hauses – die Gemeinschaftsküche. An einem kleinen Rundtisch sitzen ein paar der Bewohner um einen Teller voller Brownies, auf dem Herd kochen Nudeln. Am Kühlschrank hängt ein Zettel – die Einkaufliste für das ganze Haus. Jeder soll im Monat für 120 € einkaufen, nicht für sich allein, sondern für alle Bewohner des Hauses. Die Küche ist riesig- der Esstisch, mehr eine Tafel, streckt sich meterlang durch den Raum. An der Seite stehen genug Stühle für einen Großteil der Bewohner. Die Decke hier ist schräg, der Raum liegt direkt unter dem Dach.

An der Seite gewähren Glastüren einen Blick auf Berlin, der meist Dachgeschossbewohnern, Schornsteinfegern und den Vögeln vorenthalten bleibt. Auf das Dach können wir heute leider nicht gehen, der Regen hat es rutschig und zu gefährlich hinterlassen.

Neben der Küche liegt das Kinderspielzimmer, für Erwachsene ist es normalerweise natürlich verboten, für uns wird heute aber eine kurze Ausnahme gemacht.

Angestrengt vom Aufstieg in das oberste Stockwerk, lassen sich einige von uns hier kurz auf Hüpfball und Sitzbank nieder.
Kurz danach springen wir aber wieder auf, um unsere Führung im Raucherzimmer abzuschließen. „Heute wird das aber kaum noch genutzt, es raucht ja niemand mehr“, beteuert Tina.

Wir haben Zeit für einige Fragen: Der gemeinsame Einkauf, weniger Privatsphäre, die große Nähe der Bewohner – kaum vorstellbar wie das auf Dauer funktionieren kann.
Es gibt auch schwierige Momenten, gibt Tina zu, z.B: wenn die Jugendlichen um zwei Uhr morgens beschließen ein Fußballturnier in der Küche zu veranstalten.

Aber die Vorteile überwiegen, meint Tina. Einmal im Jahr verreisen alle gemeinsam, das sei ein „Wahlpflichttermin“. Ganz allgemein scheint die Gemeinschaft das Wichtigste zu sein, das Geben und Nehmen. „Als mein Sohn eine Party feiern wollte, hat unser 2,15 Meter großer Mitbewohner den Türsteher gemacht, nach dem Rechten gesehen und auf die Jugendlichen aufgepasst. Ich konnte beruhigt ins Bett gehen“.

Kurz bevor wir das Haus verlassen führt uns Tina noch das Gemeinschaftskino vor.

„Wenn die Kinder hier einen Film sehen wollen, machen wir ihnen Waffeln“, lächelt Tina zufrieden, bevor wir durch ein altes Fenster auf den Bürgersteig hüpfen.

Ein Text von Simon Busch.

Bilder: WWF/Arnold Morascher

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Kommentare (12)
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Sortieren nach Aktualität:
06.05.2016
GiuliaMag hat geschrieben:
Wow, ich hab ja die anderen, die beim Besuch dabei waren, schon begeistert darüber reden hören. Aber das hört sich ja echt Hammer an!
Wieso genau habe ich aus der Gruppe zu den Misfits gewechselt? :D ????
Würde auch richtig gerne in einer riesen WG leben wo immer viel los ist... :)
02.05.2016
tina.harms@wwf.de hat geschrieben:
Ich habe mich auch sehr über den interessanten Besuch und den schönen Artikel gefreut!
:)
Auch wenn man so schön und besonders lebt wie in unserem Haus, nimmt man das ja manchmal gar nicht mehr so wahr und deswgen habe ich mich besonders gefreut.

Zu der Frage: Unser Haus gehört nicht zum Mietshäuser-Syndikat. Wir haben damals eine eigene Genossenschaft gegründet, die S.O.G. (selbstverwaltete Ostberliner Genossenschaft. https://sog.berlin/).

Und: Es ist wirklich ein tolles Projekt!
:)
30.04.2016
Buchenblatt hat geschrieben:
Danke Simon und Ivonne für den tollen Artikel.
Das klingt wirklich nach einem Traum:)
29.04.2016
Papillon hat geschrieben:
Wow! Großen Respekt an die Bewohner des Hauses. Ich stelle mir das nicht so einfach vor.
Es hört sich aber auch echt toll an. Eigenes Spielzimmer, eigeners Heimkino sind natürlich coole Vorteile.
29.04.2016
Luke24 hat geschrieben:
Ein spannender Bericht!

Ich frage mich, ob es schlicht Gewöhnungssache ist, in dieser Art und Weise zu leben oder ob dafür bestimmte Charaktereigenschaften unverzichtbar sind.

Muss nämlich zugeben, dass ich es mir persönlich derzeit nur schwer vorstellen kann, so zu wohnen und zu leben.
29.04.2016
MarcelB hat geschrieben:
Ich ärgere mich gerade so, dass ich nicht dabei sein konnte! Mehr spannender Lebensstil! Tatze hoch für Tina und ihre 30 Haus-Mitbewohner! Das geniale ist, dass man nicht nur zusammen wohnt und lebt, sondern auch gemeinsam denkt - das beweist eindrucksvoll das Beispiel mit dem Einkaufen. Der Ausblick vom Dach hätte mich echt noch gereizt. Vielleicht ja im nächsten Jahr? ;)
28.04.2016
peacemeinfreund hat geschrieben:
@FranziL
In Leipzig gibt es einige Hausprojekt. Schau mal auf der Seite vom Mietssyndikat.

Ivonne: Ist das ein Mietshaussyndikat? Oder nur ähnlich struktoriert?
27.04.2016
Puma hat geschrieben:
Das hört sich nach nem echt klasse Projekt an. So viel Gemeinschaft ist echt toll. Ich könnte mir echt vorstellen, in so einem Projekt zu wohnen. :)
27.04.2016
FranziL hat geschrieben:
Das klingt ja genial! Gibt es ähnliche Projekte auch außerhalb von Berlin?
27.04.2016
MayaG. hat geschrieben:
Klingt super!
27.04.2016
Jayfeather hat geschrieben:
Das hört sich so cool an!!
27.04.2016
Anne-Sophie hat geschrieben:
Danke lieber Simon und liebe Ivonne, für diesen schönen Artikel!
Er beschreibt sehr genau was wir an diesem Abend alles dort kennen gelernt haben und welche positiven Seiten so ein gemeinschaftliches Leben haben kann. :)
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