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© Alexei Ebel / WWF-Canon
Über einen grauen Traum, Japaner im Stau und den ersten Napikowann


von Karl
28.07.2009
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Komm, wir bauen eine Stadt!

Ich laufe über die Straße, schaue auf die Karte: Hier Street, dort Avenue und keine Straßennamen.
Eigentlich ja ganz praktisch, wenn auch etwas unpersönlich. Aber, wie kommt das?

Um es kurz zu machen: Geplant und aus dem Boden gestampft.

Am Beispiel der Boomtown Calgary im Westen Kanadas, die innerhalb von weniger als 150 Jahren den Sprung von einer Polizeistation zu einer Millionenstadt machte, zeigt sich wie sehr sich permanenter Wandel und schnelle Veränderung auf das Leben der Menschen und die sie umgebende Natur auswirkt.


„Das Tal, in dem Calgary stehen sollte, war voller Buffelo: dahinziehende Herden, die von dem südlichen Hügel soweit das Auge reicht, gesehen werden konnten. Ein grünes und saftiges Tal voller Pinienwälder...“

Capt. Cecil Denny, 1875


Der Traum vom Leben in der Stadt – die Suche nach den Anfängen der Urbanisierung führt uns ins England des 19. Jahrhunderts: damals gewann der Lebensraum „Stadt“ aufgrund der Industrialisierung und der wachsenden Konzentration von Beschäftigung und Bevölkerung an Anziehungskraft. Und bis heute führt sie zu veränderten städtischen Lebensformen: Nicht nur die sozialen Strukturen sind im Wandel, auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen entwickeln sich rasant. Transport und Verkehr, Wasser- und Energieversorgung müssen nachhaltig geregelt werden. Lösungsansätze für eine leistungsfähige Infrastruktur und umweltverträgliche Mobilität werden notwendiger denn je.

Für die Stammesmitglieder der Blackfoot und Sacree waren die saftigen Täler und grünen Ebenen am Fuße der Rocky Mountains ein heiliges Land, das Land ihrer Vorfahren und Quell des Lebens.
Die Stämme lebten von den riesigen Herden, der grasenden Buffelos und den reichen Fischgründen. Die Flüsse dienten als Grenzpunkte, Sammelplätze und Jagdgründe für die letzten 8000 Jahre. Die Steilabhänge boten Schutz vor kalten Winden und der Hitze der Sommersonne. Auch die berühmten Buffelo Jumps fanden hier statt. Doch die Flüsse brachten Veränderung. Schon 1670 hatte die Hudson's Bay Company, zu damaliger Zeit der größte Grundbesitzer der Erde, Anspruch an all das Land gestellt, dessen Wasser sich in die Hudson Bucht ergoss. Aber erst als Anthony Henday, der erste Napikowann (Weiße)1754 in das Gebiet kam, sollte eine neue Zeit anbrechen.

 

„Unser Land ist wertvoller als euer Geld. Es wird für immer bestehen. Es wird nicht eingehen, solange die Sonne scheint und das Wasser fließt. Es wurde vom Großen Geist geschaffen und wir können es nicht verkaufen,
weil es nicht uns gehört.“

Chief Crawfoot 1830-1890

 

Bald darauf kamen die Pelzhändler, die Handelsposten an den Flüssen errichteten. Auch die Whiskyhändler ließen nicht lange auf sich warten: Auf dem Missouri River flößten sie Schießpulver und Alkohol den Fluss hinauf, um es dann mit Ochsenkarren über das Land zu transportieren und gegen Fälle zu tauschen. Mit den Händlern kamen die Krankheiten, kam der Neid und das Elend in die Siedlungen am Fluss.
Einige Männer tauschten, als die Herden kleiner wurden, auch ihre Frauen für Whiskey ein. Das berühmt-berüchtigte Feuerwasser hatte die erwünschte Wirkung und es brauchte nicht lange, bis unbekannte Krankheiten die Population der Indianer um viele Tausende dezimierte. Einige Verbände überlebten Grippe und Pocken nicht.

Wir dachten wir hätten mehr Zeit.
Mehr Zeit von den Neulingen zu lernen, die unser Land besiedelten.
Mehr Zeit über Ackerbau und Viehzucht zu lernen.
Mehr Zeit uns an die neuen Gebräuche anzupassen.
Aber 1879 waren die riesigen Herden verschwunden.

Als Anfang des 20Jh. Die NorthWest Mounted Police (bealtsser bekannt als die Mounties) in das Tal kam, um dem unkontrollierten Handel mit Alkohol Einhalt zu gebieten, folgte ein Boom, der die Bevölkerung immer weiter anschwellen ließ. Die Indianer lebten inzwischen schon nicht mehr im Tal, sondern wurden entmündigt und in Reservate gedrängt, wo sie unter unvorstellbaren Bedingungen ein Leben fern ihrer Heimat führen mussten. Wer das Reservat ohne Erlaubnis verließ, wurde mit mehreren Jahren Freiheitsentzug bestraft.
In Calgary hingegen ging es hoch her: Häuser wurden gebaut, Schienen verlegt und ein britischer Star-Architekt engagiert, der die Moderne Stadt plante. Wäre alles so gebaut, wie es vorgesehen war, hätte Calgary Anfang des letzten Jahrhunderts die Größe des heutigen Chicago gehabt.
Doch dem Boom folgte eine Phase der Rezession.
Als das schwarze Gold gefunden wurde und seitdem in der Region Öl gefördert wird, erlebt die Stadt ein ähnliches Wachstum, wie Anfang des letzten Jahrhunderts. Die Arbeitslosenquote beträgt gerade mal drei Prozent und trotz gegenwärtiger Krise kommen Arbeitssuchende aus ganz Kanada hierher, um ihr Glück zu finden..

Dort wo früher die Blackfoot und Sacrree im Sommer ihre Tipis aufschlugen, stehen heute die Wolkenkratzer großer kanadischer Petrokonzerne. Die Entwicklung Calgarys im letzten Jahrhundert zeigt den Trend zur Urbanisierung, der durch sog. Pull- und Pushfaktoren gekennzeichnet ist. (Push=zB. Armut auf dem Land, Pull=z.B. Arbeit in der Stadt)

Die Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 1800 lebten ganze drei Prozent der Menschen in Städten. Heute leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land – Tendenz steigend. Nach UN-Schätzungen wird dieser Anteil bis 2030 auf 61 Prozent steigen, von heute drei auf dann fünf Milliarden Stadtbewohner.
Nur vier der derzeit 22 größten Megacities mit mehr als 10 Millionen Einwohnern liegen in den entwickelten Nationen, die anderen in Schwellen- und Entwicklungsländern. 2015 werden gut 350 Millionen Menschen in diesen Megastädten leben. Ein Wachstum, das in dieser Geschwindigkeit nur schwer zu bewältigen ist, denn all diese Menschen benötigen Energie und Trinkwasser, müssen mobil sein und brauchen eine stabile Gesundheitsversorgung. In Calgary gibt es viele Probleme, wie Obdachlosigkeit, Altersarmut und Müllentsorgung. Doch da die Millionenstadt über eine starke Finanzkraft verfügt, diese zu bekämpfen, sind die drängendsten Umweltprobleme hier, wie anderswo Luftverschmutzung und Verkehrsstaus. Wusstet ihr, dass ein Bewohner Japans durchschnittlich rund 105 Stunden pro Jahr im Stau verbringt?
Im Vergleich zu richtigen Megacities, wie Mumbai, wo 29.000 Menschen auf einem Quadratkilometer leben (zum Vergleich: In Berlin sind es 3.800) scheinen die Probleme hier lösbar.
Beispielsweise besitzt Calgary das größte Stadtbahnnetz Nordamerikas, sowie viele Fahrradwege und Parks. Als ich in Toronto war, in dessen Großraum an die fünf Millionen Menschen leben, durfte ich den seit mehreren Wochen andauernden Streik der Müllabfuhr miterleben. Die Stadt stank zum Himmel, gefallen hat es mir dort trotzdem. Die zunehmende Urbanisierung und das Wirtschaftswachstum erhöhen also also massiv den Bedarf an leistungsfähigen Infrastrukturen, wie Energie- und Wasserversorgung oder Transport und Verkehr.

Wie wir mit den Problemen und Herausforderungen bezüglich Grundversorgung und Lebensqualität
in solchen Städten umgehen, darüber machen sich viele Stadtplaner auf der ganzen Welt Gedanken.
Dabei die Umweltprobleme zu berücksichtigen, die zwangsläufig entstehen, wenn viele Menschen auf einem begrenzten Raum zusammenleben, ist zwar ein Ziel bei der Planung, wird aber häufig noch vernachlässigt. Als Bewohner unserer Stadt haben wir die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass die Entwicklung nicht unnötig auf Kosten der ohnehin äußerst strapazierten städtischen Natur geht. Ich bin der Meinung, dass es eine Bürgerpflicht ist, immer auch die Folgen für die Umwelt zu berücksichtigen, wenn man plant, eine Straße, ein Haus oder gar eine Brücke zu bauen.
Ich erinnere hier an den Bau der Waldschlösschenbrücke im Dresdner Elbtal (Motto: Brücken verbinden), mit dem ein großer Schritt getan wurde, der einzigartige Kultur- und Auenlandschaft des bis vor Kurzem von der Unesco als Welterbe geehrten Elbtales langfristig Schaden zuzufügen.

Also: Erst'ma nachdenken, dann los bauen. Es gibt interessante Stadtkonzepte, bei denen man sich gern mal grün anzieht und sagt: Komm, wir bauen eine Stadt!

PS: Ich hab echt versucht, mich kurz zuhalten, aber das Thema war einfach zu interessant für mich.
Ich hoffe, es war trotzdem lesbar. War jetzt fast eine Woche in Calgary und hab mich etwas entspannt (hab mich über verschiedene Couchs gesurft, Fahrradtouren gemacht, Theaterfestival besucht und das Glenbow Museum (einzig empfehlenswertes Museum in Calgary) unsicher gemacht), bevor es jetzt ab in die Rocky Mountains geht.
 

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Kommentare (2)
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29.07.2009
DerBenni hat geschrieben:
... schließ mich Bonsaifreak an. Echt "lesenswert"
Viel Spaß in den Rocky Mountains.
28.07.2009
Foster hat geschrieben:
Der Bericht ist sehr interessant und ich glaub in der zukunft wird es noch viel schwieriger eine stadt nachhaltig zu entwickeln.
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